Chile

Buch über mächtigste Frau der DINA wird zum Bestseller


Chile Ingrid Olderock. Foto: Medio a Medio(Concepción, 02. Oktober 2014, medio a medio).- „Ingrid Olderock, la mujer de los perros“ [Ingrid Olderock, die Frau mit den Hunden, Anm. d. Übers.] lautet der Titel der Untersuchung der Journalistin Nancy Guzmán, die nach ihrem Erscheinen die Liste der meistverkauften Sachbücher anführte. Die öffentliche Präsentation fand am 3. Oktober im Rahmen der dritten Buchmesse unabhängiger Verlagshäuser, der „Primavera del Libro“, im Parque Bustamante Ecke Francisco Bilbao (Providencia) statt. Der elfte Titel der Reihe Investigación (Forschung/Recherche) des Verlags Ceibo Ediciones befasst sich mit dem Leben der ehemaligen Majorin des Geheimdienstes der Diktatur DINA. Die öffentliche Präsentation übernahmen der Schriftsteller und Journalist Javier Rebolledo, Autor von „La danza de los cuervos” [Der Tanz der Raben, Anm. d. Übers.] und „El despertar de los cuervos” [Das Erwachen der Raben, Anm. d. Übers.], sowie der Schauspielerin Malucha Pinto. Zwei ihrer Familienmitglieder waren der terroristischen Behörde, für die Olderock gearbeitet hatte, zum Opfer gefallen.

Die Untersuchung Nancy Guzmáns beginnt im Jahr 1996 mit einer Interviewreihe mit Ingrid Olderock, die als Mitglied der chilenischen Polizei zur mächtigsten Frau des Geheimdienstes DINA (Dirección de Inteligencia Nacional) aufstieg. Die Geheimpolizei war von Augusto Pinochet und Manuel Contreras ins Leben gerufen worden, um „den Feind im Inneren“ zu bekämpfen.

Die NS-Anhängerin lehrte Unterdrückungsmethoden

Olderock, Tochter deutscher Einwanderer*innen und Anhängerin der Ideologie des Nationalsozialismus, trat im Oktober 1973 der DINA mit dem Rang der Majorin bei. Während der ersten Jahre der Diktatur arbeitete sie in der Abteilung Schulung für Frauen des Sicherheitsapparats: Unter ihrer Leitung wurden etwa 70 Frauen in Unterdrückungsmethoden und Techniken aus dem „Aufstandsbekämpfungskrieg“ unterwiesen.

Olderock war als DINA-Majorin an Spionage, Entführungen, Folterungen, Verschwindenlassen sowie an der Operation Condor beteiligt. Sie war außerdem berüchtigt für den Einsatz von Tieren bei der Schikanierung von Gefangenen, insbesondere ihren Hund ‘Volodia’ benutzte sie, um in dem geheimen Folterzentrum ‘La Venda Sexy’ in Macul einsitzende Frauen und Männer sexuell zu demütigen. Zwischenzeitlich wurde sie in die Brigade Purén versetzt, die innerhalb der DINA für Ermordungen und Verschwindenlassen zuständig war, ehe diese Aufgabe an die Brigade Lautaro übertragen wurde.

Die Frau, die alles wusste, wurde nie verhört

Die Frau, die niemals gerichtlich vernommen wurde, hatte durch den früheren DINA-Leiter Manuel Contreras geheime Informationen über das Projekt Andrea [die geplante Ausstattung des Militärs mit Giftgas und bakteriologischen Waffen, Anm. d. Übers.] und das dafür entwickelte Saringas und wusste über seine Verbindungen zur Colonia Dignidad Bescheid.

Zwanzig Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2001 wurde die ehemalige DINA-Funktionärin durch einen Kopfschuss verletzt. Zu dem Attentat bekannte sich die Linke Revolutionäre Bewegung MIR (Movimiento de Izquierda Revolucionaria). Später sollte sie die im Ruhestand befindlichen Generäle Manuel Contreras und Raúl Iturriaga beschuldigen, für das Attentat auf General Carlos Prats und seine Ehefrau in Buenos Aires verantwortlich zu sein.

Körper der Opfer als Kriegsschauplatz

Guzmáns Studie ruft zur Diskussion über das Ineinandergreifen von Repression und ideologischen Staatsapparaten auf. Einen Teil ihrer Recherche widmet die Autorin außerdem der Rolle der Frauen innerhalb der der verbrecherischen Organisation DINA. „Unter dem Einfluss der von den Theoretikern des Neoliberalismus hervorgebrachten Doktrin der nationalen Sicherheit benutzten Männer und Frauen der DINA die Körper der Gefangenen als ihren persönlichen Kriegsschauplatz“, erklärt Nancy Guzmán.

Die Autorin

Nancy Guzmán ist Journalistin und diplomierte Historikerin. Die Berichterstatterin für Zeitungen und internationale Magazine ist außerdem als Drehbuchautorin tätig, recherchiert, führt Interviews und produziert Dokumentationen und Reportagen für europäische Fernsehanstalten und die Cadena de Televisión Univisión. In Chile schrieb sie für die Tageszeitung La Nación.

Bisherige Veröffentlichungen: „Un Grito desde el Silencio” [Ein Schrei aus der Stille, Anm. D. Übers.]; „Romo: Confesiones de un Torturador“ [Romo: Geständnisse eines Foltereres, Anm. D. Übers.] (Planeta-Preis des investigativen Journalismus 2000); ‘Historia para no olvidar’ [Geschichten, die man nicht vergißt, Anm. D. Übers.] mit Co-Autor Héctor Salazar. Guzmán ist außerdem eine der Autor*innen des Sammelbands “Los Crímenes que estremecieron a Chile. Memorias de La Nación para no olvidar” [Verbrechen, die Chile erschütterten. Erinnerungen der Nation, die nicht vergessen werden dürfen, Anm. d. Übers.] des Verlags Ceibo Ediciones (2013).

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