
(Topolobampo, 1, September 2026, npla).- An ein und demselben Tag kann Joel Ulises Pinzón bei einem Spaziergang durch die Bucht von Ohuira in Topolobampo einer vom Aussterben bedrohten Schildkröte begegnen, einen Großen Tümmler beobachten und direkt aus dem Meer weiße, blaue oder gelbfüßige Garnelen fischen. „Vor Jahren gab es einen Artikel mit dem Titel ‚Topolobampo: die Bucht, die alles hat’“, erzählt Pinzón. „In Topolobampo verlässt du dein Haus, erreichst das Ufer des Meeres, wirfst die Angelschnur aus – und schon hast du dein Essen.“
Pinzón ist Ortsvorsteher von Topolobampo an der Pazifikküste des mexikanischen Bundesstaates Sinaloa und vertritt den Hafen und elf weitere Gemeinden. Wenn er über die Bucht spricht, gerät er schnell ins Schwärmen. „Hier gibt es ein Schutzgebiet für Seelöwen und ein weiteres Naturschutzgebiet, nur zwanzig Kilometer entfernt. Dort ziehen auch Orcas und andere Wale vorbei, es finden sich verschiedene Haiarten. Dazu kommt ein Vogelschutzgebiet, bekannt als Cerro del Farallón.“
Herz eines Lagunensystems
Die Bucht von Ohuira ist das Herz eines Lagunensystems von mehr als 22.000 Hektar – etwa doppelt so groß wie die Müritz. 109 Fischarten leben hier, bedrohte Schildkröten- und Vogelarten sowie geschützte Mangroven. 85 Prozent aller Zugvogelarten Mexikos ziehen durch die Bucht. Seit Jahrhunderten leben hier auch die indigenen Yoreme-Mayo. Für sie ist die Bucht ein heiliger Ort: „Feuchtgebiete haben die größte Bedeutung, denn sie sind die Kinderstuben der Meereslebewesen“, sagt Pinzón.
Hier wachsen Fische und Garnelen heran. Rund 4.000 Familien leben von der traditionellen Kleinfischerei, mit kleinen Booten und küstennah. International ist das Gebiet als Ramsar-Feuchtgebiet anerkannt. Solche Feuchtgebiete binden Kohlenstoff, filtern Wasser, regulieren das Klima und schützen vor Hurrikanen.
Auch kulturell ist die Bucht untrennbar mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern verbunden. Yoreme bedeutet „die Menschen des Ufers, die die Tradition respektieren“. Für Weiße haben die Yoreme ein anderes Wort: Yori – „der, der nicht respektiert“.
Eine Ammoniakanlage mitten im Feuchtgebiet
2013 begann das deutsch-schweizerische Unternehmen Proman AG mit dem Bau einer Anlage für wasserfreies Ammoniak in der Bucht. Unterstützt wird das Projekt von der deutschen KfW-IPEX-Bank, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau.
Wasserfreies Ammoniak wird vor allem zur Herstellung chemischer Düngemittel eingesetzt. Die Chemikalie ist hochgefährlich: Tritt sie aus, verdunstet sie und reagiert stark mit Feuchtigkeit. Besonders gefährdet sind Augen, Lungen und Schleimhäute. In hoher Konzentration kann Ammoniak schwere Verätzungen verursachen und tödlich wirken.
Gegen die Anlage regt sich seit Jahren Widerstand. Pinzón und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter gründeten die Bewegung „¡Aquí No!“ – „Hier nicht!“. Mehr als ein Jahrzehnt lang gelang es ihnen, den Fortschritt des Projekts immer wieder aufzuhalten.
Doch im Mai 2026 erreichten große, in Deutschland gefertigte Anlagenteile die Baustelle. Die Bevölkerung taufte die gewaltigen Zylinder „Raketen“. Videos ihrer Ankunft, begleitet von Polizeikräften und Protesten, verbreiteten sich rasant in sozialen Netzwerken.
Petition gegen das Projekt mit einer Million Unterschriften
Damit bekam ein jahrelanger lokaler Konflikt plötzlich internationale Reichweite. Auch in Deutschland fanden Protestaktionen statt. Eine Petition gegen das Projekt sammelte mehr als eine Million Unterschriften. Im Juli 2026 weigerte sich die KfW-IPEX-Bank, sie entgegenzunehmen.
Eine wichtige Rolle bei der internationalen Vernetzung spielt die digitale Umweltaktivistin Michelle Arzate. „Als wir erkannten, dass die mexikanischen Institutionen dem Kollektiv und den Gemeinschaften seit mindestens einem Jahrzehnt gegenüber versagt haben, hörte das Narrativ in den sozialen Netzwerken auf, sich auf lokale Behörden zu konzentrieren“, erzählt sie. „Wir begannen, uns direkt an die KfW-IPEX-Bank zu wenden, damit die Bank erfährt, was sie da eigentlich finanziert.“
Dass öffentlicher Druck auf Geldgeber funktionieren kann, habe der Widerstand gegen ein anderes Megaprojekt im mexikanischen Mahahual gezeigt, sagt Arzate. Dort zog der Kreuzfahrtkonzern Royal Caribbean sein Projekt schließlich zurück. Die Bewegung ¡Aquí No! setzt deshalb zunehmend auf Öffentlichkeit in Deutschland: Aktivistinnen und Aktivisten schreiben an die KfW-IPEX-Bank, markieren sie in sozialen Netzwerken und fordern eine Überprüfung der Finanzierung.
Streit um die Ernährungssouveränität
Im Juni 2026 verteidigte die KfW-IPEX-Bank das Projekt öffentlich. Die Anlage diene der mexikanischen „Ernährungssouveränität“ und respektiere die Menschenrechte. Fischerinnen und Fischer, indigene Gemeinschaften, Umweltaktivistinnen und -aktivisten sowie UN-Sonderberichterstatterinnen und -berichterstatter widersprechen dieser Darstellung.
„Das Unternehmen respektiert weder, dass dies ein Ramsar-Gebiet ist, welches man nicht anrühren sollte, noch die Menschenrechte der Bevölkerung“, sagt Michelle Arzate. „Die Indigenen, die hier leben, werden gewaltsam behandelt und nicht angehört – und das seit zehn Jahren.“
Auch das Argument der Ernährungssouveränität stellen die Gegnerinnen und Gegner infrage. Die Forscherin Diana Escobedo, die seit 1987 die Garnelenpopulation untersucht, schätzt, dass der traditionelle Fischfang durch die Anlage um mindestens 60 Prozent zurückgehen könnte.
„Man berücksichtigt nicht die Tatsache, dass die Gemeinschaft selbst bereits ernährungssouverän lebt“, sagt Arzate. „Für wen ist also diese Ernährungssicherheit? Hier geht es um einen Stoff, der die Basis für chemische Düngemittel ist. Und diese Düngemittel hängen eng mit Monokulturen zusammen.“
Hinzu kommt: Für Proman ist Topolobampo vor allem Teil einer Exportstrategie. Rund 80 Prozent des Ammoniaks sollen nach Asien und in die USA exportiert werden. Bei der Bekanntgabe des von Deutschland garantierten Darlehens erklärte ein Mitarbeiter der KfW-IPEX-Bank, dass die gesamte Produktion von dem US-Unternehmen Koch Fertilizer vermarktet werden solle.
Ein Projekt mit „Ursprungsmangel“
Zugleich schloss die mexikanische Regierung einen Vertrag, der Proman über 15 Jahre mit Fracking-Gas im Wert von zwei Milliarden US-Dollar versorgen soll. Auch die mexikanische Justiz hat sich mit dem Projekt beschäftigt. Im April 2022 entschied der Oberste Gerichtshof Mexikos, dass der Bau der Anlage mit einem sogenannten „Ursprungsmangel“ behaftet sei. Vor Projektbeginn hatte keine Konsultation der indigenen Bevölkerung stattgefunden. Auch der ökologische Wert der Mangroven und der Lebensraum geschützter Arten waren nicht ausreichend berücksichtigt worden.
Die Justiz ordnete eine Konsultation der indigenen Bevölkerung an. Ihre korrekte Durchführung wird allerdings von internationalen Organisationen angezweifelt. Ende 2025 wandten sich elf UN-Sonderberichterstatterinnen und -berichterstatter wegen möglicher Menschenrechts- und Umweltverletzungen an die Regierungen Mexikos, der Schweiz und Deutschlands sowie an die KfW.
Zu ihnen gehört Astrid Puentes Riaño, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt. „Das Unternehmen muss die Behörden über die Anwesenheit der indigenen Bevölkerung im Projektgebiet informieren, da dies Einfluss auf die Prozessvorgaben hat“, erklärt sie. „Doch wir haben gesehen, dass das Unternehmen in seinen eigenen Dokumenten die Präsenz der Völker dort negiert.“
48.000 Kubikmeter Meerwasser am Tag
Auch die ökologischen Folgen könnten erheblich sein. Für ihre Kühlung soll die Anlage täglich rund 48.000 Kubikmeter Meerwasser ansaugen – ungefähr so viel, wie die Stadt Bonn täglich an Trinkwasser verbraucht.
Anschließend wird wärmeres und deutlich salzigeres Wasser zurück in die Bucht geleitet, zusammen mit Chlorrückständen und Nitratbelastungen. Nach den Projektunterlagen können diese Einleitungen Algen, Weichtiere und Garnelenlarven schädigen – und damit Organismen am Anfang der Nahrungskette, von der das gesamte Ökosystem und die Menschen leben.
Für Astrid Puentes Riaño stellt sich deshalb auch die Frage nach der Verantwortung der finanzierenden Bank. „Für die Bank ist es sehr wichtig zu verstehen, wie sie ihren Verpflichtungen nachkommen kann, nicht zur Verschärfung der Klimakrise und der toxischen Verschmutzung beizutragen“, sagt sie. „Sie sollte sehen, wie sie stattdessen dazu beitragen kann, dass Investitionen Teil der Lösung sind.“
33 Risikoszenarien
Neben möglichen langfristigen Umweltschäden birgt die Anlage ein unmittelbares Unfallrisiko. Die Unternehmensdokumente führen 33 Risikoszenarien auf, acht davon werden in der Studie selbst als „unannehmbar“ eingestuft.
Die Anlage befindet sich zudem in einem seismisch aktiven Gebiet und in einer Hurrikanregion. Besonders weitreichend sind die Berechnungen für ein größeres Ammoniakleck. Den Risikodokumenten zufolge könnten bei einem fünfminütigen Austritt im Umkreis von fünf Kilometern tödliche Konzentrationen entstehen. Dort leben zwischen 7.000 und 10.000 Menschen.
Noch in 15 Kilometern Entfernung könnten irreversible Gesundheitsschäden wie Erblindungen und schwere Verätzungen der Lunge auftreten. Eine toxische Wolke könnte sich bis zu 45 Kilometer ausbreiten und die nahe Stadt Los Mochis erreichen. Bis zu 400.000 Menschen könnten betroffen sein.
Auseinandersetzung um Projekt von Gewalt geprägt
Doch die Auseinandersetzung um das Projekt ist schon heute von Gewalt geprägt. Als Baumaschinen begannen, Mangroven zu zerstören, versuchte eine Gruppe von Fischern, die Arbeiten zu stoppen. Ulises Pinzón erinnert sich: „Es versammelten sich etwa 30 Kollegen und wollten die Arbeit der Maschinen blockieren. Aber nachdem sie etwa zwei Stunden am Ort waren, erschienen bewaffnete Leute im Auftrag der Regierung des Bundesstaates Sinaloa und forderten sie auf, den Ort zu verlassen. Aus Angst zogen sich die Kollegen zurück.“
Ende 2021 bekam Pinzón Besuch von einer weiteren bewaffneten Gruppe. „Es waren etwa fünf Pick-up-Trucks, aber nur zwei Personen stiegen aus“, erzählt er. „Bewaffnete Leute näherten sich und sagten mir, dass es ihnen nicht gefallen würde, jemanden aus Topolobampo töten zu müssen, damit die anderen sich beruhigen.“
Pinzón und andere Gegnerinnen und Gegner des Projekts berichten neben Morddrohungen auch von Zwangsvertreibung, einem Versuch des gewaltsamen Verschwindenlassens und Klagen gegen Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger. Auch die UN-Sonderberichterstatterinnen und -berichterstatter äußern in ihrem Schreiben Sorge über Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Projekt.
Die Einschüchterungen haben den Widerstand bislang nicht beendet. Bei einem Massenmarsch in Los Mochis gingen Tausende Menschen auf die Straße. Ihr Ruf: „¡Aquí No!“ – „Hier nicht!“
Warum der Konflikt auch Deutschland betrifft
Dass eine öffentliche deutsche Bank das Projekt finanziert, gibt dem Konflikt von Topolobampo auch eine deutsche Dimension. Die Bewegung ¡Aquí No! versucht deshalb zunehmend, die Öffentlichkeit in Deutschland zu erreichen. Sie fordert die KfW-IPEX-Bank auf, ihre Beteiligung an dem Projekt zu überprüfen.
Ulises Pinzón richtet seinen Appell ausdrücklich an die deutsche Öffentlichkeit: „Wir laden die ganze deutsche Gesellschaft ein, hierherzukommen, Topolobampo zu sehen und zu genießen – aber auch zu sehen, wie das Geld, das durch ihre Regierung und ihre Institutionen verwaltet wird, das Leben der Menschen hier von Grund auf verändern kann.“
Astrid Puentes Riaño sieht in dem Fall eine grundsätzliche Lehre: „Dieser Zu diesem Artikel gibt es auch einen Podcast bei Radio onda.Fall bietet eine wichtige Lehre – für die Behörden in Mexiko genauso wie für Investoren, Unternehmen und Banken in Deutschland: Bei solchen Projekten müssen die Folgen für Klima, Umwelt und Menschenrechte von Anfang an mitgedacht werden. Das Recht auf eine gesunde Umwelt ist international anerkannt. Deshalb braucht es sorgfältige Umweltprüfungen und Genehmigungsverfahren, die auch die Auswirkungen auf Wasser und indigene Gemeinschaften berücksichtigen.“
In Topolobampo geht der Streit unterdessen weiter. Seit mehr als zehn Jahren fordert die Bewegung von Ulises Pinzón dasselbe: „¡Aquí No!“ – hier nicht. Pinzón denkt dabei vor allem daran, was von der Bucht bleiben soll. „Wir wollen unseren Kindern ein Topolobampo hinterlassen, wo sie frische Luft atmen können, wo sie die Meeresfrüchte genießen können, wo sie weiterhin die Delfine sehen können, wo sie weiterhin die Strände genießen können. Sie sollen wissen, dass es kein verschmutzter Ort ist, dass es ein sicherer Ort ist – und dass es ihre Familie war, die dafür gekämpft hat.“
Zu diesem Artikel gibt es auch einen Podcast bei Radio onda.
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