
Foto: Presidencia El Salvador via wikimedia
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(Barcelona, 5. September 2026, El Salto).- Mit 303 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die weltweit größten nachgewiesenen Erdölreserven. 20 Prozent davon sollen nun an die USA gehen.
Am Freitag, dem 28. August, gaben die US-Regierung und die derzeitige venezolanische Präsidentin Rodríguez ein Ölabkommen bekannt, das den USA 17 venezolanische Ölfelder zur Verfügung stellt. Abzusehen war, dass die USA nach der Entführung von Nicolás Maduro und Cilia Flores am 3. Januar 2026 die Kontrolle über die venezolanischen Ressourcen intensivieren würden, dass die USA jedoch künftig ohne vorherige Debatte oder Konsultation20 Prozent der venezolanischen Ölreserven ausbeuten werden, hatte niemand erwartet. Die Raktionen sind gemischt, und auch die Darstellungen beider Regierungen weichen voneinander ab. Während die USA das „größten Ölabkommen der Weltgeschichte“ feiern, das die Energiesicherheit der USA sichern soll, bezeichnet Präsidentin Rodríguez den Deal als Chance zur „wirtschaftliche Wiederbelebung des Landes“. Nach ihrer Darstellung wird die venezolanische Souveränität über das Öl gewahrt; durch die Zusammenarbeit mit dem Aggressor könnten außerdem die notwendigen Investitionen und Produktionsmengen erreicht werden, um den Wohlstand des venezolanischen Volkes zu sichern. Die Win-Win–Darstellung kann aber nicht über die asymmetrischen Bedingungen hinwegtäuschen, unter denen das Abkommen zustande gekommen ist, oder den Zwang verschleiern, dem die venezolanischen Behörden ausgesetzt sind – trotz ihrer angeblichen Souveränität.
Venezolanisches Öl im Dienste des Imperiums
Nach und nach kommen einige Daten ans Licht, die die Tragweite und die geopolitischen Auswirkungen des Ölabkommens verdeutlichen. Das private Ölunternehmen North American Blue Energy Partners (NABEP) hat einen 100jährigen Pachtvertrag für 17 Ölfelder erhalten. Ob der Vertrag nun 100 oder, wie Präsidentin Rodriguez erklärte, nur 25 Jahre gilt: Die 17 Ölfelder verfügen über Reserven von 65 Milliarden Barrel Öl; das entspricht 85 Prozent der US-Reserven, die auf 74 Milliarden Barrel geschätzt werden. Die USA können ihre Vorräte also mit einem Schlag verdoppeln, und das vor dem Hintergrund der Energieinstabilität aufgrund des Russland-Ukraine-Kriegs und des Konflikts mit dem Iran – dem Land mit den drittgrößten Reserven weltweit. Die Kontrolle des Iran über die Straße von Hormus hat den Markt durcheinandergebracht und die Benzinpreise in die Höhe getrieben.
Venezuela ermöglicht den USA die Ausbeutung eines Fünftels seiner Ölreserven im Gegenzug für 200 Milliarden Dollar an Lizenzgebühren und private Investitionen in Höhe von mehr als 100 Milliarden Dollar. Rund 20 Milliarden Dollar sollen in den Wiederaufbau nach dem Erdbeben finanziert fließen; das Geld soll außerdem dazu dienen, die venezolanische Ölindustrie wieder in Schwung zu bringen, die ihre Produktion nach jahrelanger Misswirtschaft auf ein Minimum reduziert hatte.
Auf US-Seite soll das Abkommen dazu beitragen, dass sich die USA gegenüber anderen geopolitischen Konkurrenten besser positionieren können. Laut dem am 31. August vom Weißen Haus veröffentlichten Informationsblatt verursacht die „Energy Dominance“ der USA für die US-Bevölkerung keine Kosten, da sie über NABEP als Zwischenunternehmen erfolgt, das der Großmacht den Erwerb von billigem Öl garantiert. Großzügigerweise hat NABEP dem Kriegsministerium 35 Prozent seiner Anteile angeboten, weshalb Kriegsminister Pete Hegseth neben Außenminister Marco Rubio das Abkommen mitunterzeichnet hatte. Das Außenministerium seinerseits kann 20 Prozent der Produktion zum Selbstkostenpreis erwerben. Damit will das Weiße Haus seine Kriege finanzieren und seine Position im Wettlauf um die Kontrolle über Öl und strategische Ressourcen gegenüber China festigen. Die Rüstungsindustrie Komplex reibt sich bereits die Hände. NABEP wird zum zweitgrößten privaten Ölkonzern der Welt. Oberboss Alejandro Betancourt, in mehreren Ländern wegen Steuerbetrugs vorbetraft, verkörpert die koloniale Bourgeoisie, wie sie Frantz Fanon beschrieben hat. Er wird das Unternehmen in den Dienst der US-Regierung stellen; die Vereinbarung unterliegt US-amerikanischem Recht. Vorstand, Wirtschaftsprüfer, Anwälte und Berater des Unternehmens werden mehrheitlich US-Amerikaner sein, und die US-Regierung bekommt ein Vetorecht.
Der Wandel in der Ölpolitik unter Chávez
Abgesehen von den neuartigen formalen Aspekten und der finanziellen Komplexität ist der neokoloniale Charakter des Abkommens bemerkenswert, das sich in den dreistufigen Plan der USA für Venezuela einfügt: Stabilisierung, Wiederaufbau und demokratischer Übergang. Die Ertragseinbußen bedeuten eine Kehrtwende gegenüber der Ölpolitik von Hugo Chávez: Dieser hatte nach seinem Amtsantritt als Präsident innerhalb der OPEC eine Anhebung des Rohölpreises durchgesetzt, die den Förderländern zugutekam. Zudem erließ er 2001 ein Gesetz über Kohlenwasserstoffe, das die staatliche Kontrolle über die Ölindustrie festigte und dem staatlichen Ölkonzern PDVSA bei der Ausbeutung von Joint Ventures mehr als 50 Prozent der Anteile sicherte. Die Kontrolle über die Erdölvorkommen war ein zentraler Bestandteil des chavistischen Projekts. Darauf zu verzichten bedeutet, einer der politischen und wirtschaftlichen Säulen der Bolivarischen Revolution den Rücken zu kehren. Doch die Zwangsverwaltung lässt wenig Spielraum für Souveränität. Durch die Verabschiedung der Exekutivverordnung 14373 vom 9. Januar 2026 haben sich die USA die Befugnis gesichert, über die venezolanischen Öleinnahmen zu verfügen – ein weiteres Beispiel für die rechtliche Extraterritorialität der USA. Auf die Verordnung hin wurde das Gesetze über Kohlenwasserstoffe geändert, um bessere Bedingungen für ausländische Investitionen zu schaffen. Venezuelas Öl, einst Treibstoff einer gegenhegemonialen Geopolitik und Stütze der wirtschaftlichen und politischen Integration Lateinamerikas, wird heute dazu genutzt wird, die geopolitische Position der USA zu stärken.
Die Umsetzung der Donroe-Doktrin: das Abkommen aus geopolitischer Perspektive
Venezuelas Handlungsspielräume haben sich drastisch verringert. Es kann derzeit weder frei über seine Öleinnahmen verfügen noch seinen Haushalt ohne US-amerikanische Aufsicht planen; seine Außenpolitik ist auf die Interessen der USA ausgerichtet. Auf X gab das Außenministerium bekannt, dass ein US-amerikanisches Unternehmen „die Kontrolle über einige venezolanische Ölfelder übernehmen werde, die zuvor von chinesischen und russischen Unternehmen betrieben wurden“. Bisherige chinesische und russische Partner werden durch das Abkommen also gezielt verdrängt. Die USA wollen nicht nur mit den venezolanischen Ölreserven Geschäfte machen – der wichtigsten Energiequelle des fossilen Kapitalismus, in dem wir nach wie vor leben –, sondern auch ihren hegemonialen Niedergang aufhalten, indem sie in Venezuela die bereits als „Donroe-Doktrin“ bekannte Politik umsetzen. Darin kommt eine Idee zum Ausdruck, die alle US-Regierungen seit Ende des 19. Jahrhunderts bis heute teilen: die Verdrängung geopolitischer Konkurrenten aus der westlichen Hemisphäre, die als ihr exklusiver Raum für geoökonomische und geostrategische Expansion angesehen wird. Ihre Nationale Sicherheitsstrategie vom Dezember 2025 machte dies deutlich: „Wir werden Wettbewerbern außerhalb unserer Hemisphärische die Möglichkeit verwehren, Streitkräfte oder andere bedrohliche Kapazitäten in unserer Hemisphäre zu stationieren oder strategisch wichtige Ressourcen zu besitzen oder zu kontrollieren.“ Die Botschaft richtet sich in erster Linie an China, mit dem sich die USA trotz der scheinbaren Entspannung bei den jüngsten offiziellen Besuchen zwischen Trump und Xi Jinping in einem strategischen Wettstreit befinden.
Venezuela ist nach wie vor das Vorreiterlabor für US-Interventionsstrategien: Neben dem geopolitischen Konflikt und dem Interesse an einer Wiederbelebung des US-amerikanischen Energie- und Fertigungssektors kommt im Fall Venezuelas ein grundlegendes ideologisches Ziel hinzu: die Zerschlagung seiner gegenhegemonialen Position durch die Beseitigung des unliebsamen Chavismus.
Arantxa Tirado ist Politologin und Autorin des Buchs „Venezuela. Jenseits von Lügen und Mythen“. Ihr Beitrag wurde von uns leicht gekürzt.
Venezolanisches Öl im Dienste US-amerikanischer Weltmachtbestrebungen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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