Juan Carlos Monsalve, Jahrgang 1975, ist Informatiker und Professor an der Universidad Bolivariana de Venezuela. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und war über viele Jahre in leitenden Funktionen im staatlichen IT- und Telekommunikationsbereich tätig, unter anderem beimTelekommunikationsunternehmen Cantv und in Ministerien.
Monsalve ist ein erklärter Unterstützer der Regierung Maduro. Seine Einschätzungen – etwa zu den Präsidentschaftswahlen in Venezuela – stehen im deutlichen Widerspruch zu den Bewertungen der meisten internationalen Wahlbeobachterinnen und vieler lateinamerikanischer wie europäischer Expertinnen, die die Wahlen als weder frei noch fair, sondern manipuliert eingestuft haben. Trumps Vorwurf vom „Narcostaat“ Venezuela gilt hingegen selbst unter westlichen Fachleuten als falsch, stark überzogen oder zumindest unbelegt.Nils Brock hat das Interview mit Juan Carlos Monsalve per whatsapp Sprachnachrichten geführt.
Juan Carlos Monsalve, seit Monaten hatte es ja Drohungen aus Washington gegeben, mehr als dreißig Boote hat die US-Armee bombardiert, eindeutig außergerichtliche Tötungen auf See .Sie waren selbst in Caracas, als es losging. Wie haben Sie den Beginn der Angriffe erlebt?
„Am 3. Januar, um 1:58 Uhr morgens, waren wir zu Hause und schliefen. Wir leben im Zentrum der Stadt, mit Blick auf die Umgebung des Präsidentenpalasts Miraflores und auf den Cuartel de la Montaña, wo die sterblichen Überreste von Hugo Chávez ruhen. Kurz vor zwei Uhr hörten wir plötzlich extrem laute Explosionen. Die Wände und der Boden bebten. Unsere Kinder kamen ins Schlafzimmer und sagten: Da passiert etwas.
Wir gingen auf den Balkon und sahen sofort dichte Rauchwolken. Auf der Straße schrieen die Menschen, dass wir bombardiert werden, dass wir angegriffen werden. In diesem Moment wurden all die Drohungen, die wir zuvor gehört hatten, Realität. Wir sahen die Rauchpilze, hörten Kampfflugzeuge über uns und beobachteten in den Bergen eine gewaltige Explosion. Das war der Angriff.
Die Vereinigten Staaten sind in das Territorium der Bolivarischen Republik Venezuela eingedrungen und haben die Telekommunikationsinfrastruktur zerstört. Sie haben auch Teile der Stromversorgung angegriffen – sechs weitere Umspannwerke –, und damit große Teile der Bevölkerung ohne Elektrizität zurückgelassen.“
Welche Folgen hatte dieser Angriff für die Zivilbevölkerung – und was erwarten Sie jetzt von der internationalen Gemeinschaft?
„Das hier stellt nach internationalem Recht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.
Es handelt sich um mögliche Kriegsverbrechen, weil in das Territorium eines souveränen Staates eingedrungen wurde – ohne Zustimmung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und ohne dass Venezuela irgendjemanden angegriffen hätte.
Venezuela ist eine friedliche Nation, aber nicht wehrlos. Wir haben die Übergriffe angezeigt, mehr nicht. Trotzdem sind die Vereinigten Staaten mit Hubschraubern und Flugzeugen in unser Land eingedrungen. Sie griffen die Luftwaffenbasis La Carlota in der Hauptstadt an, zerstörten das Flugabwehrsystem und töteten Militärangehörige. Doch dabei blieb es nicht.
Es gab auch Angriffe auf Wohngebiete – auf Viertel wie La Goyera und El Hatillo. Das sind keine Regierungsviertel, dort leben überwiegend Menschen aus der Opposition. Trotz modernster Militärtechnik kam es zu sogenannten Kollateralschäden: Häuser wurden zerstört, und eine unschuldige Zivilistin kam ums Leben.
Das ist die Realität dieses Angriffs: barbarisch, illegal und ein klarer Bruch des Völkerrechts.
Ich hoffe, dass die Vereinten Nationen nicht bei Erklärungen stehen bleiben,
sondern dass Gerechtigkeit geschieht und dieser schwere Fehler – der Angriff auf ein souveränes, friedliches Land – beendet wird.“
Die USA rechtfertigen ihr Vorgehen unter anderem mit Vorwürfen des Drogenhandels. Was entgegnen Sie dieser Darstellung?
Das ist eine genauso große Lüge wie die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak.
Die sind ja nie aufgetaucht. Nie. Und was ist mit dem irakischen Präsidenten passiert? Er wurde ohne Prozess gehängt. Ermordet. Und wo steht der Irak heute? Zerstört durch die Vereinigten Staaten.
Genau so wurde damals eine öffentliche Meinung konstruiert, um ein Land zu zerstören – gegen das Völkerrecht und gegen die Entscheidung der Vereinten Nationen. Die USA erkennen das internationale Recht nicht an. Sie setzen das Recht des Stärkeren durch.
Und wozu dann die UNO, wenn eine Weltmacht unilateral über den ganzen Globus entscheidet? Nach demselben Muster wurde Nicolás Maduro das Etikett des Drogenhandels angeheftet. Dann kommt Donald Trump mit seiner Formel: Kolumbien produziert, Venezuela transportiert, Mexiko verteilt – aber niemand sagt, wer konsumiert. Wer kauft diese Drogen? Glaubt irgendjemand, Kolumbien würde produzieren, wenn es keinen Markt gäbe?
Die USA sind der größte Konsument – und behaupten trotzdem, sie würden ihre Bevölkerung schützen. Dabei sind ganze Städte durch Fentanyl lahmgelegt. Warum kontrollieren sie nicht ihre eigenen Probleme – Drogen, psychische Gesundheit, Gewalt an Schulen?
Stattdessen zeigen sie mit dem Finger auf Venezuela. Wo sind die Beweise? Diese Anschuldigungen dienen nur dazu, ein friedliches Land zu stigmatisieren. Venezuela ist kein Narco-Staat. Das ist eine weitere große Lüge. Dies ist ein Land des Friedens.“
Es geht ja immer um die Vorwürfe Wahlbetrug und Narcostaat. Donald Trump hat aber immer am lautesten betont, es gehe ihm ums Öl. Was ist Ihrer Ansicht nach der eigentliche Kern des Konflikts?
Diese Vorwürfe – Narcoterrorismus und angeblich gefälschte Wahlen – sind Etiketten, die das nordamerikanische Imperium Venezuela aufgeklebt hat. Nicht Maduro ist das Problem. Das Problem sind die natürlichen Ressourcen der Bolivarischen Republik Venezuela.
Auch die Drogenvorwürfe sind unbelegt. Sie haben denselben Wahrheitsgehalt wie die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak: Es gibt bis heute keine Beweise.
Venezuela ist ein friedliches, demokratisches Land. Wir wollen unsere Ressourcen selbst verwalten und mit ihnen die Entwicklung unseres Landes vorantreiben. Wir können mit allen handeln – auch mit den Vereinigten Staaten. Was wir nicht akzeptieren, ist, dass man uns vorschreibt, mit wem wir Handel treiben dürfen und mit wem nicht.
US-Stellen sprechen ja immer von einem „chirurgischen Angriff“. Wie bewerten Sie diese Wortwahl?
„Es geht um den Begriff des ›chirurgischen Angriffs‹. Schon das Wort ›Angriff‹ wirft Fragen auf:
Warum wird ein friedliches, souveränes und demokratisches Land ohne internationale Zustimmung angegriffen? ›Chirurgisch‹, so die Darstellung, sei dieser Angriff wegen der eingesetzten Hochtechnologie – der modernsten Militärtechnik der Welt. Getroffen wurden gezielt Telekommunikation, Luftabwehr und ein zentraler Punkt des nationalen Stromsystems.
Die Folge: Stromausfall für die zivile Bevölkerung in mehreren Gemeinden. Das ist ein schweres Verbrechen, heißt es – ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Denn das Völkerrecht verbietet ausdrücklich Angriffe auf die grundlegende Versorgung der Zivilbevölkerung. Konsequenzen aber gebe es keine. Weil die Vereinigten Staaten als globale Macht die Regeln bestimmten – und die internationale Gemeinschaft kaum widerspreche. Wer sich dem widersetzt, so die Argumentation, riskiere das gleiche Schicksal wie andere Länder zuvor. Venezuela stehe nun in dieser Reihe – als eines von vielen Ländern, die über Jahrzehnte hinweg militärisch angegriffen wurden.“
Und wie beschreiben Sie die Auswirkungen dieses Drucks auf Venezuela?
„Die Vereinigten Staaten greifen Venezuela seit vielen Jahren an. Seit 1998, seit dem politischen Aufbruch mit Hugo Chávez, erlebt das Land einen permanenten Angriff: eine massive Medienkampagne, einen Ölstreik, Formen urbaner Gewalt. Menschen sind angegriffen, sogar verbrannt worden – allein wegen ihrer politischen Überzeugungen und ihrer Unterstützung für die bolivarische Revolution. Venezuela beschreibt sich als ein Land, das allem standgehalten hat: dem wirtschaftlichen Krieg, den Sanktionen – oder, wie es hier heißt, einseitigen Zwangsmaßnahmen –, mit denen die USA andere Staaten dazu bringen, keinen Handel mehr mit Venezuela zu treiben. Viele Länder hätten sich dem gefügt. Die Folgen seien im Alltag spürbar gewesen: leere Regale, Geld ohne Waren – eine Wirtschaft im Ausnahmezustand. Heute seien die Märkte zwar wieder gefüllt, doch neue Engpässe kündigten sich an. All das sei Teil einer Strategie, so die Darstellung: durch anhaltenden Druck die Bevölkerung zu zermürben, bis sie den Widerstand aufgibt. Venezuela habe gelernt, unter Angriffen zu leben – wirtschaftlich, politisch, infrastrukturell. Und diese Form der Kriegsführung habe nun eine neue Stufe erreicht: einen direkten militärischen Angriff.“
Venezuela im Interview: Wie ein Regierungsunterstützer den US Angriff sieht von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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