Umweltverschmutzung und Landraub

Nickel
Der Izabal-See.
Foto: Simone Janack via wikimedia
CC BY-SA 1.0

(El Estor, 25. Oktober 2026, El Salto) – Am Ufer des Izabal-Sees, dem größten See Guatemalas, befindet sich eins der größten Nickelvorkommen Mittelamerikas. Seit jeher wird die Region vom Maya-Volk Q’eqchi’ bewohnt. Das Unternehmen, das die Mine betreibt, versichert, „die Menschen in den Mittelpunkt stellen“ und „die indigenen Völker respektieren“ zu wollen;, doch die Q’eqchi’-Gemeinden von El Estor haben diese Worte schon viel zu oft gehört. Seit dem Eintreffen kanadischen Kapitals in den 1950er Jahren ist die Gegend Schauplatz von Morden, Umweltverschmutzung, Verfolgung und Straflosigkeit: Die Ermordung eines oppositionellen Abgeordneten in den 1970er Jahren, der ungeklärte Tod von Universitätsstudierenden, das Massaker an Fischern und die Kriminalisierung indigener Gemeinschaften sind einige Höhepunkte des gewalttätigen Alltags, der mit der aktuellen Wiederinbetriebnahme der Mine unter US-amerikanischer Kapitalführung keineswegs entschärft wurde. Die Interessen des Kapitals zerstören weiterhin das Leben der Maya-Q’eqchi’-Gemeinden. Das Bergbauunternehmen namens Fénix Nickel hat heute seine Hauptsitze in New York, Florida, Großbritannien und der Schweiz. Der Kurs der Ausbeutung der Bodenschätze wird seit mehr als siebzig Jahren weit entfernt von Guatemala gesteuert.

Kommissionsmitglieder bedroht und ermordet

Der Nickelabbau in El Estor begann in den 1950er Jahren. Das Unternehmen Hanna Mining führte erste Erkundungen durch. Im Jahr 1965 erhielt Hanna Mining von der Militärregierung die Eigentumsrechte an Grundstücken, die die Q’eqchi’ als ihr angestammtes Territorium betrachteten. Die Gemeinden beharren darauf, dass die Eigentumsurkunden, ausgestellt von einer Militärdiktatur, die indigene Völker massakrierte, vertrieb und unterdrückte, jeglicher Legitimität entbehren. Im Jahr 1970 prüfte Adolfo Mijangos López – bekannt als Fito Mijangos –, Abgeordneter im Kongress und Mitglied der Universidad de San Carlos (USAC), den Bergbaukonzessionsvertrag, den die Regierung dem kanadischen Unternehmen EXMIBAL (einer Tochtergesellschaft der International Nickel Company) zu erteilen beabsichtigte. Die Kommission stellte fest, dass die Vertragsbedingungen für Guatemala äußerst ungünstig waren. Erst wurde daraufhin Julio Camey Herrera, ein Mitglied der Prüfungskommission, erschossen, Alfonso Bauer Paiz, ein weiteres Kommissionsmitglieds wurde verwundet und ging ins Exil. Am 13. Januar 1971 wurde Fito Mijangos beim Verlassen seines Büros in Guatemala-Stadt von zwei Auftragskillern von hinten erschossen. Den Aufzeichnungen zufolge saß er in einem Rollstuhl, als er von hinten erschossen wurde. Drei Monate später, am 8. Mai 1971, erteilte die Militärregierung unter Arana Osorio dem Unternehmen EXMIBAL offiziell die Konzession für ein Gebiet von 385 km² in der Region El Estor mit einer Anfangsinvestition von 228 Millionen US-Dollar. Die Gegner waren ausgeschaltet; der Weg war frei.

Umweltverschmutzung und Verfolgung: Fischer im Visier

EXMIBAL stellte 1980 aufgrund des internationalen Ölpreisanstiegs den Betrieb ein. Die Mine ging darauf durch mehrere Hände. Im Jahr 2011 erwarb die Solway Group – eine Investorengruppe mit Verbindungen zu russischem, ukrainischem und schweizerischem Kapital – die Compañía Guatemalteca de Níquel (CGN) und gründete PRONICO (Compañía Procesadora de Níquel de Izabal) für die Aufbereitung des Erzes. Während der Solway-Zeit erreichte der Konflikt in El Estor seinen Höhepunkt. In den ersten Monaten des Jahres 2017 entdeckten Fischer im Izabal-See Abfälle und giftige Partikel aus der Mine, die sich zu großen roten Schmutzflecken zusammengeballt hatten. Auch auf den Dächern der Häuser der Gemeinde sammelten sich „blutfarbene Ablagerungen“, der Fischer Cristóbal Pop erinnerte sich an „einen Geruch nach altem Rost“, und die Bewohner *innen klagten über Fieber, Kopfschmerzen, Bindehautentzündung, Hautausschläge, Durchfall und Atemwegserkrankungen. Am 27. Mai 2017 organisierte der Verband der Kleinfischer eine friedliche Demonstration, um vom Bergbauunternehmen Erklärungen zur Verschmutzung des Sees zu fordern. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Tränengas und scharfer Munition. Der Fischer Carlos Maaz wurde durch einen Schuss in den Rücken getötet. Die Polizei bestritt zunächst jegliche Todesfälle, doch Fotos lokaler Journalisten, die vor Ort aufgenommen wurden, widerlegten die offizielle Darstellung. In der Folge wurden die Journalisten bedroht, verfolgt und zur Flucht gezwungen. Richter Edgar Aníbal Arteaga López ordnete die Festnahme mehrerer Personen an, darunter Jerson Xitumul, ein Journalist aus El Estor, der schließlich im Gefängnis landete. Im Oktober 2021 blockierten die indigenen Q’eqchi’-Behörden die Zufahrtsstraße zur Mine, um den Durchgang von Lastwagen zu verhindern. Der Protest dauerte Monate und veranlasste die Regierung des ehemaligen Präsidenten Giammattei, in der Region den „Präventionszustand“ auszurufen. Im Jahr 2022 wurde der Gründer des Fischereiverbandes, Felipe Xo Quib, auf dem Weg zur Arbeit ermordet, vermutlich von Auftragskillern, die mit der Mine in Verbindung standen.

Der Tod von Studierenden und die ungeklärte Wahrheit

Am 31. März 2012 kamen drei Biologiestudenten der Universidad del Valle de Guatemala während einer Exkursion auf dem Izabal-See ums Leben. Nahomy Lara Orellana, Juan Carlos Velásquez Marroquín und Ángel Rodolfo de León Palacios kenterten in einem Kanal im Bergbaugebiet der CGN. Die Studierenden wurden von dem Biologen Lemuel Valle begleitet, der zugleich als Berater für Biodiversität bei der CGN-Mine tätig war. Der Vorfall war von mehreren Ungereimtheiten begleitet: Das Boot befand sich angeblich in einem schlechten Zustand, den Studenten wurde kein Notfallplan zur Verfügung gestellt, und was die Angehörigen am meisten beunruhigte: Der offiziellen Darstellung zufolge trugen die Studenten Schwimmwesten, die Leichen wurden jedoch ohne gefunden. Im Rucksack eines der Studenten befand sich zudem eine Stromrechnung für eine Wohnung in El Estor, die nach Aussage der Familie nicht zu ihm gehörte. Im Jahr 2019 verurteilte ein Gericht Lemuel Valle wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft, verpflichtete die CGN zur Zahlung von Schadensersatz und sprach die Universität von jeglicher Haftung frei. Doch anschließend hob das Berufungsgericht das gesamte Urteil auf und sprach Valle frei. Die Familie ging in Berufung und gewann vor dem Obersten Gerichtshof, doch das Gericht in Izabal weigerte sich, das Urteil zu vollstrecken. Zehn Jahre später ist die Wahrheit immer noch nicht ans Licht gekommen. Die Familien monieren die vielen Unklarheiten und glauben, dass die Einflussnahme des Bergbauunternehmens auf das Justizsystem die Gerechtigkeit verhindert hat.

Ein bedrohtes Ökosystem: der See und die Manatis

Der Izabal-See ist der größte See Guatemalas und ein wichtiger Lebensraum für die Antillen-Manatis. Das Naturschutzgebiet Bocas del Polochic, ein Ramsar-Feuchtgebiet, ist ein Schlüsselgebiet für die Verbreitung der Seekühe. Wissenschaftliche Studien weisen eindeutig darauf hin, dass der Bergbau eine der größten vom Menschen verursachten Bedrohungen für das Überleben der Manatis darstellt. Das von der Mine in den See eingeleitete Abwasser enthält Schwermetalle und Schwebstoffe, was zu Eutrophierung und einer Verschlechterung des Lebensraums führt. Übermäßiger Sandabbau, Schiffsverkehr und Umweltverschmutzung schränken den Lebensraum der Manatis ein. Fischer beschreiben den See als „vergifteten Schlamm“ und sprechen von „rotem Dunst, der einem den Atem raubt“ und „giftigen Schwebstoffen“. Der See wurde als überdüngt eingestuft; sollte sich der Verschmutzungstrend fortsetzen, „könnte dies zum vorzeitigen Umkippen des Sees führen“.

Sanktionen und Imagepflege – von Solway bis Fenix Nickel

Ende 2022 verhängte das Amt für die Kontrolle ausländischer Vermögenswerte des US-Finanzministeriums Sanktionen gegen CGN und PRONICO wegen ihrer Verwicklung in Korruption und Einflussnahme durch ein „Bestechungssystem“, an dem guatemaltekische Politiker, Richter und Beamte beteiligt waren, darunter auch der damalige guatemaltekische Präsident Alejandro Giammattei. Der Fall wurde als „magischer Teppich“ bekannt. Die Sanktionen legten den Bergbaubetrieb lahm. Ende 2023 entschied der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (CIDH), dass Guatemala die Rechte des Volkes der Q’eqchi’ verletzt habe, indem es dem Bergbauunternehmen gestattete, auf deren Land ohne angemessene Konsultation tätig zu sein. Im Jahr 2024 wurden die Sanktionen jedoch aufgehoben. CGN und PRONICO wurden als Unternehmen unter US-amerikanischer Trägerschaft umstrukturiert: Fenix Minerales und Fenix Metales, Tochtergesellschaften der Fenix Nickel Company mit Sitz in New York. Laut der Website von Fenix Nickel beschäftigt das Unternehmen derzeit rund 1.400 direkte Mitarbeiter*innen; Ziel ist die Schaffung von 1.800 Arbeitsplätzen. 58 Prozent der Beschäftigten bezeichnen sich als Maya Q’eqchi’, 78,1 Prozent stammen aus El Estor. Nach Auskunft des Unternehmens werden die Leistungsstandards der IFC, die ILO-Übereinkommen, die ICMM-Grundsätze und die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte eingehalten. Menschenrechtsorganisationen weisen jedoch darauf hin, dass die Verhandlungen im Vorfeld der Aufhebung der Sanktionen „hinter verschlossenen Türen“ stattfanden und dass indigene Gemeinschaften und Behörden nicht wirklich einbezogen wurden. Der indigene Anwalt Juan Castro erklärte: „El Estor wird vom Militär besetzt, es gibt keinerlei Garantien, es hat keine freie Konsultation stattgefunden.“ Peace Brigades International (PBI) erklärte 2025 vor dem UN-Menschenrechtsrat, die Mine stehe kurz vor der Wiederaufnahme des Betriebs, doch weder seien die verursachten Schäden behoben noch Konsultationen gemäß den lokalen Bräuchen durchgeführt worden.

Vom US-Botschafter zum Bergwerksdirektor

Im Vorstand von Fenix Nickel fällt ein Name besonders ins Auge: Luis E. Arreaga, von 2017 bis 2020 US-Botschafter in Guatemala. Heute ist er unabhängiges Vorstandsmitglied bei Fenix Nickel. In einem Interview mit Prensa Libre im Juni 2026 bestätigte Arreaga selbst seine Rolle. „Als Vorstandsmitglied von Fenix Nickel bin ich dafür verantwortlich, die Rechenschaftsberichte des Unternehmens in den Bereichen soziale Verantwortung, Beziehungen zu den Gemeinden, Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, Korruptionsbekämpfung und Beziehungen zu den Gemeinden entgegenzunehmen.“ Zur Vergangenheit des Unternehmens erklärte er: „Wir können die tragische Geschichte des Bergbaus in dieser Region über viele Jahre hinweg nicht ignorieren. Ich erinnere mich, dass EXMIBAL den Betrieb aufnahm, als ich noch die Sekundarschule besuchte, und schon damals war das ein sehr heikles Thema.“ Ein ehemaliger Botschafter, der die US-Regierung in Guatemala in Fragen der Diplomatie, Sicherheit und Regierungsführung vertrat, ist nun als Direktor in dem Bergbaugebiet tätig, das durch Morde, Umweltverschmutzung und Verfolgung zu trauriger Berühmtheit gelangte. Arreaga erklärte, er wolle „die Politik lenken“ und „das Richtige tun“. Er sei dem Unternehmen beigetreten, weil er „Guatemala sehr liebe“. Das Unternehmen habe „beschlossen, sich zu wandeln und zu einem Vorbild für andere Bergbauaktivitäten zu werden“. Das erinnert ein wenig an die Brüder Allen und John Foster Dulles, die 1954 eine entscheidende Rolle beim Sturz des guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz Guzmán spielten. Immer wieder verfolgen US-Diplomaten und Regierungsbeamte geschäftliche und private Interessen in Guatemala. Er denke, seine Beziehungen zur früheren US-Regierung seien hilfreich, um „Vertrauen aufzubauen“. Das Thema Strategische Mineralien werde von der aktuellen US-Regierung „sehr genau verfolgt“. Nickel ist ein kritischer Rohstoff für Batterien für neue Energien, und Fenix Nickel strebt eine Wiedereingliederung in die Lieferketten der USA und Europas an. Ein unabhängiger Direktor, der für die Überwachung von „Menschenrechten, Compliance und Korruptionsbekämpfung“ zuständig ist, entpuppt sich als kein Geringerer als der oberste US-Diplomat, der gerade sein Amt in Guatemala niedergelegt hat; ein Zufall, der zum Nachdenken anregt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist die Nickelmine in El Estor weiterhin in Betrieb, nur dass das Eigentum von kanadischem über russisches und schließlich auf US-amerikanisches Kapital übergegangen ist. Der Vertrag, der Fito Mijangos das Leben gekostet hat, ist nach wie vor in Kraft. Die Wahrheit über den Tod der drei Studenten ist im Verfall des Justizsystems begraben. Für den Tod der Fischer Carlos Maaz und Felipe Xo wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Die Verschmutzung des Izabal-Sees und die Zerstörung des Lebensraums der Manatis und des angestammten Landes des Volkes der Q’eqchi’ dauern an.

CC BY-SA 4.0 Umweltverschmutzung und Landraub von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nachrichtenpool Lateinamerika
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.