Lateinamerika steigt in den Wettlauf um Seltene Erden ein

Seltene Erden
Seltene Erden in einer Virine
Foto: Brücke Osteuropa via wikimedia
CC BY-SA 3.0

(Goiás, 2. März 2026, dialogue earth).- Brasilien, Chile und Argentinien verfügen über große Vorkommen an Mineralien, die für die Energiewende benötigt werden. Können sie daraus ohne große Umweltschäden Nutzen ziehen?

Im zentralen Westen Brasiliens entwickelt sich eine kleine Stadt mit 27.000 Einwohner*innen zu einem der wichtigsten lateinamerikanischen Zentren im Wettlauf um Seltene Erden. Minaçu im Bundesstaat Goiás verfügt über bedeutende Vorkommen an Seltenen Erden – einer Gruppe strategisch wichtiger Mineralien, die in der Produktion von Mobiltelefonen und Elektroautos bis hin zu Windkraftanlagen und Mikrochips verwendet werden – also Technologien, die für die Energiewende unerlässlich sind. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur stieg die weltweite Nachfrage nach Seltenen Erden im Jahr 2024 um etwa sieben Prozent. Großmächte wie die Vereinigten Staaten und China beeilten sich, die eigene Versorgung zu sichern. Obwohl Brasilien über fast ein Viertel der weltweit bekannten Reserven verfügt, liegt Lateinamerika bei der Gewinnung von Seltenen Erden nach wie vor hinter China zurück, das die Produktion vor allem durch inländische Betriebe dominiert. China produziert laut einem Anfang 2025 veröffentlichten Bericht des United States Geological Survey fast 70 Prozent der weltweiten Seltenen Erden.

Was sind Seltene Erden?

Es gibt 17 Arten von schweren chemischen Elementen, die über die gesamte Erdkruste verteilt sind. Nach Schätzungen des United States Geological Survey aus dem Jahr 2024 gibt es weltweit 110 Millionen Tonnen Vorkommen an Seltenen Erden. Alle haben ähnliche, aber ungewöhnliche chemische und physikalische Eigenschaften, die sie für viele moderne Technologien unverzichtbar machen. Gadolinium wird beispielsweise in Atomreaktoren verwendet, während Scandium in Brennstoffzellen für Fahrzeuge zum Einsatz kommt. Seltene Erden gehören zu den sogenannten kritischen Mineralien, die wichtige Bestandteile moderner Technologien sind. So ist beispielsweise Lithium für die Batterien von Elektrofahrzeugen unverzichtbar, während Nickel in Edelstahl verwendet wird. Minaçu ist ein Beispiel für Lateinamerikas Bestreben, wettbewerbsfähig zu sein. Pela Ema ist die erste Mine außerhalb Asiens, die eine Reihe von Seltenen Erden produziert, die in Magneten für Elektrofahrzeuge und Windturbinen verwendet werden. Sie wurde 2024 vom multinationalen Unternehmen Serra Verde eröffnet. Anfang November 2025 erhielt das Projekt von Serra Verde einen finanziellen Schub durch ein Darlehen in Höhe von 565 Millionen US-Dollar von der US International Development Finance Corporation (DFC), die Bundesmittel für Entwicklungsprojekte im Ausland vergibt. Die jährliche Produktion von Seltenen Erden in Serra Verde soll bis 2027 6.500 Tonnen erreichen.

Auch in Chile und Argentinien wurden bedeutende Vorkommen von Seltenen Erden gefunden. Das ist eine große Chance für die Region. Dennoch sollten die lateinamerikanischen Staaten vorsichtig sein, sich auf den Export seltener Erden zu stürzen, wenn sie auch komplette Lieferketten aufbauen könnten, raten Expert*innen. Andere warnen vor den schweren Umweltschäden für empfindliche Ökosysteme.

Das Rennen um Seltene Erden gewinnen

Nach Angaben des United States Geological Survey verfügt China über etwa die Hälfte der weltweit bekannten Reserven an Seltenen Erden. Das Land dominiert nicht nur den Bergbau, sondern kontrolliert auch etwa 90 Prozent der Verarbeitung von Seltenen Erden. Im Gegensatz dazu ist die Bergbau- und Raffinerieindustrie für Seltene Erden in Lateinamerika nach wie vor wenig entwickelt, obwohl das Gebiet über eigene Reserven in gutem Zustand verfügt. Brasilien produzierte laut dem Bericht im Jahr 2023 nur 140 Tonnen Seltene Erden und im folgenden Jahr 20 Tonnen, eine unbedeutende Menge im Vergleich zu den 270.000 Tonnen, die China im Jahr 2024 produzierte. Jüngste geologische Studien bestätigen, dass mehrere lateinamerikanische Länder, insbesondere Brasilien, Chile, Peru und Argentinien, über Vorkommen von weltweiter Bedeutung verfügen. In den letzten Monaten standen Seltene Erden im Mittelpunkt der Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten. China verhängte im Oktober Exportbeschränkungen und begründete dies mit Bedenken hinsichtlich ihrer Verwendung durch ausländische Streitkräfte. Dies löste einen Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten aus, die die Versorgung mit Seltenen Erden zur Unterstützung ihrer eigenen Industrien sicherstellen wollen. Ende des Monats wurde eine Einigung erzielt. Anfang Februar „nahmen sich die USA vor, den Weltmarkt für kritische Mineralien und Seltene Erden umzugestalten”, indem sie ein Treffen mit mehr als 50 Ländern anführten, um ihren gemeinsamen Marktanteil zu erhöhen.

Unterdessen hat das Wachstum der Industrie in Lateinamerika diese Region für beide Mächte attraktiver gemacht. „Lateinamerika hat wieder eine zentrale Rolle als Lieferant kritischer Ressourcen eingenommen”, sagte Juliana González Jáuregui, Wissenschaftlerin an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften (FLACSO) in Argentinien.  „Diese zentrale Rolle beruht nicht nur auf den geologischen Vorkommen, sondern auch darauf, dass die wichtigsten globalen Akteure versuchen, Risiken in strategischen Branchen, die von wenigen Ländern dominiert werden, zu diversifizieren.” Der geopolitische Wettbewerb um Mineralien und die Notwendigkeit, stabile Lieferketten für strategische Industrien im Wandel zu gewährleisten, seien in diesem Szenario von zentraler Bedeutung, so González Jáuregui.

Der Run auf Seltene Erden

Die Gewinnung von Seltenen Erden ist technisch komplex und kostspielig und erfordert zudem einen enormen Energieverbrauch. Chinas Dominanz in der Produktion basiert auf seiner Fähigkeit, sie kostengünstig und in großem Maßstab zu produzieren. Dies hat es kleineren Betrieben aus anderen Ländern erschwert, auf dem Markt zu konkurrieren. Um dieser Situation entgegenzuwirken, fordern Bergbauunternehmen aus anderen Regionen ein höheres Preisniveau. Hier könnte Brasilien einen Vorteil haben. Ein Teil der brasilianischen Vorkommen, wie beispielsweise in Minaçu, befindet sich in ionischen Lehmböden. Diese Art von Lagerstätten ist einfacher und kostengünstiger zu erschließen als solche in härteren Gesteinen, und ihre Gewinnung hat geringere Auswirkungen auf die Umwelt. Die neuen Fundorte ziehen auch die Aufmerksamkeit ausländischer Unternehmen auf sich. Dazu gehört die im letzten Jahr angekündigte „groß angelegte” Entdeckung, die das Pelé-Projekt von Brazilian Rare Earths im Bundesstaat Bahia vorangetrieben hat. Das australische Bergbauunternehmen Viridis entwickelt ein Projekt namens Colossus in der Gemeinde Poços de Caldas im Bundesstaat Minas Gerais mit geschätzten Ressourcen von 201 Millionen Tonnen. Im Juni letzten Jahres begann die brasilianische Regierung mit der Bewertung von 56 eingereichten Geschäftsplänen für Projekte im Zusammenhang mit kritischen Mineralien, darunter Seltene Erden. Sie hat einen Fonds in Höhe von 45,8 Milliarden brasilianischen Real (8,9 Milliarden US-Dollar) bereitgestellt, der unter den ausgewählten Projekten verteilt werden soll. Chinesische Unternehmen haben dies aufmerksam beobachtet. Im Jahr 2024 kaufte die staatliche China Nonferrous Metal Mining Group das brasilianische Unternehmen Mineração Taboca im Amazonasgebiet und sicherte sich damit den Zugang zu Seltenen Erden. Und in der ersten Hälfte des Jahres 2025 verdreifachten sich die brasilianischen Exporte nach China im Vergleich zu 2024. In Chile, wo große Mengen an Seltenen Erden vorkommen, entwickelt das kanadische Unternehmen Aclara Resources in Zusammenarbeit mit dem chilenischen Bergbaukonzern CAP das Projekt Penco Module. Die Kosten werden auf 148 Millionen US-Dollar geschätzt. Das Projekt konzentriert sich auf Mineralien wie Dysprosium und Terbium, die für die Herstellung von Hochleistungs-Permanentmagneten benötigt werden, wie sie beispielsweise in Elektromotoren von Autos verwendet werden. Es sollen zwischen 800 und 1.700 Tonnen pro Jahr gefördert werden, und zwar durch einen Prozess der Auslaugung mit recyceltem Wasser und der Verwendung von Düngemitteln in einem geschlossenen Kreislauf, ohne Abraum und mit Wiederaufforstung mit einheimischen Arten. In Argentinien wurden mindestens 19 Lagerstätten entdeckt. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung des Unternehmens Litica Resources ist der erste Schritt für einen möglichen Abbau in den nördlichen Provinzen des Landes.

Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten beobachten diese Entwicklungen. Sie haben Strategien zur Diversifizierung der Risiken in ihren Lieferketten verabschiedet. Die EU hat Abkommen mit Argentinien und Chile unterzeichnet, die Kapitel über kritische Rohstoffe enthalten, und das Mercosur-Handelsabkommen ratifiziert. Die USA haben 2022 die Partnerschaft für Mineralien-Sicherheit ins Leben gerufen, der 14 Länder und die Europäische Union angehören.

Eine ungleiche Beziehung?

Eine der entscheidenden Debatten zu diesem Thema ist, ob Lateinamerika lediglich Rohstoffexporteur bleiben oder sich in Richtung lokaler Industrialisierung entwickeln wird. Brasilien, Argentinien und Chile versuchen, sich als industrielle Akteure neu zu positionieren. „Wir werden keine Exporteure kritischer Mineralien sein. Wer sie haben will, muss sie in unserem Land industriell verarbeiten, damit unser Land dieses Geld verdienen kann”, sagte der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei einer Veranstaltung im November in Mosambik. Constantine Karayannopoulos, Berater in der Bergbauindustrie, erklärt gegenüber Dialogue Earth, dass Brasilien „wahrscheinlich eines der besten” Vorkommen an Seltenen Erden weltweit hat. Er warnt davor, die Fehler zu wiederholen, die seiner Meinung nach in Australien und Kanada gemacht wurden: „Ihre Volkswirtschaften wuchsen größtenteils aufgrund des Abbaus, aber sie haben nicht den Mehrwert erzielt, den die Chinesen, Koreaner und Japaner und in geringerem Maße auch die Europäer erzielt haben.“

Der Direktor der Geologischen Gesellschaft Chiles (SGC), Ayaz Alam, erklärte gegenüber Dialogue Earth, dass „Interesse daran besteht, in Richtung einer Wertschöpfung zu gehen”, dass man jedoch „realistisch bleiben sollte”. „Die Projekte haben sich über Jahre verzögert. Einige Unternehmen planten, 2026 oder 2027 den Betrieb aufzunehmen, aber es gibt noch ungelöste Umweltfragen, unausgereifte Technologien und offene Konflikte mit lokalen Gemeinden“, sagt er.

González glaubt, dass die größte Herausforderung für Lateinamerika darin besteht, Investitionsmöglichkeiten mit den Risiken der technologischen und politischen Abhängigkeit in Einklang zu bringen, „nicht China zu meiden, das heute ein unverzichtbarer Akteur in der Energiewende ist, sondern mit größerer staatlicher Verhandlungsmacht zu agieren, damit diese Investitionen keine asymmetrischen Beziehungen festigen”.„Das Gleichgewicht besteht also nicht in einem ‚mit oder ohne China‘, sondern darin, wie man sich in das globale System einfügt, ohne historische Verletzlichkeiten weiter zu vertiefen, und dabei Entwicklung in einem ganzheitlichen Sinne versteht“, sagt die Wissenschaftlerin.

Das Umweltrisiko

Ein aktuelles Anliegen in dieser boomenden Branche ist die Umwelt. Seltene Erden werden in der Regel im Tagebau abgebaut. Das Erz wird zerkleinert und gemahlen, und die seltenen Erden können durch physikalische Verfahren konzentriert werden. Anschließend werden diese Konzentrate chemisch mit Säuren oder Laugen behandelt, um die Seltenen Erden aufzulösen. Schließlich werden die verschiedenen Seltenen Erden durch einen Extraktionsprozess mit Lösungsmitteln voneinander getrennt. Diese Extraktionsverfahren erfordern große Mengen an Wasser und bergen das Risiko, dass schädliche Substanzen in die umliegenden Ökosysteme gelangen.

Minen für Seltene Erden können außerdem radioaktive Elemente wie Thorium und Uran freisetzen. Die bei der Verarbeitung entstehenden sauren Abfälle können zu einer Vergiftung der Ökosysteme und zu Gesundheitsrisiken für Tiere führen. Und die Auslaugung, also das Eintauchen in chemische Becken oder Gruben, um die Seltenen Erden aufzulösen, kann bei einer Undichtigkeit das Grund- oder Oberflächenwasser verseuchen. Francisco Valdir Silveira, Direktor für Geologie und Bodenschätze beim Geologischen Dienst Brasiliens (SGB), erklärte gegenüber Dialogue Earth, dass diese Auswirkungen mit den vorhandenen Technologien minimiert werden können. „Wenn die Umwelt- und Nachhaltigkeitsbestimmungen eingehalten werden, sind die Auswirkungen viel geringer und können in kurzer Zeit behoben werden. Es gibt Präventionsmöglichkeiten”, fügte er hinzu.

Kann Lateinamerika „grünen Extraktivismus” vermeiden?

Einige Bergbauunternehmen wie das ukrainische Unternehmen Kazatomprom und das US-amerikanische Unternehmen Cameco Resources argumentieren, dass beispielsweise die In-situ-Laugung, bei der Lösungen (wie Ammoniumsulfat) direkt in Tonlagerstätten eingeleitet werden, die Abtragung von Boden und Abfällen reduziert, da keine Ausgrabungen und kein Abbau von Gestein erforderlich sind. In Brasilien werden derzeit Versuche mit dieser Technologie durchgeführt. Studien deuten jedoch darauf hin, dass die In-situ-Laugung nicht ohne Auswirkungen ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Einleitung chemischer Lösungen zu einer anhaltenden Versauerung des Bodens, zur Mobilisierung von Schwermetallen und zur Verschmutzung des Grundwassers führen kann. Wissenschaftler*innen haben auch darauf hingewiesen, dass es schwierig ist, die Bodenstruktur und die mikrobiellen Populationen nach Abschluss der Arbeiten vollständig wiederherzustellen. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hat die elektrokinetische Technik (EKM) entwickelt, bei der elektrische Felder zur Mobilisierung und Gewinnung von Seltenerdmetallen mit weniger chemischen Abfällen eingesetzt werden. Diese Technik gilt ebenfalls als umweltfreundlicher, da sie den Einsatz von Chemikalien um bis zu 80 Prozent reduziert. Es gibt noch keine öffentlichen Erkenntnisse über den Einsatz dieser Technologie in lateinamerikanischen Projekten.

Alam ist skeptisch, was die Fähigkeit dieser Verfahren angeht, Umweltschäden zu verhindern, insbesondere in Salzwüsten wie denen in Chile oder Argentinien: „Salzwüsten sind ebenfalls einzigartige Ökosysteme mit extremophilen Mikroorganismen, angepasster Fauna und ökologischen Prozessen, die von der Stabilität des Grundwassers abhängen. Die biologische Vielfalt ist mit diesem Gleichgewicht verbunden. Phänomene wie extreme Regenfälle oder anhaltende Dürren beeinträchtigen dieses System bereits, und industrielle Eingriffe verstärken diese Schwankungen tendenziell noch“, erklärte er.

Der Boom der Seltenen Erden befindet sich in Lateinamerika noch in den Anfängen, was den Regierungen die einmalige Gelegenheit bietet, die Entwicklung der Branche zu gestalten. Die Anwendung strenger Umweltstandards, Transparenz bei der Vergabe von Lizenzen, eine echte Konsultation der Gemeinden und Investitionen in Verarbeitung und Fertigung könnten darüber entscheiden, ob der Wirtschaftszweig dauerh

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