Überleben im kolumbianischen Gefängnis

Foto: Contagio Radio/José Rocamora

(Bogotá, 30. Oktober 2019, contagioradio).- Der Verlust der Freiheit ist nicht der einzige Preis, den die Gefangenen bezahlen müssen, wenn sie in ein kolumbianisches Gefängnis kommen. Die Dienstleistungen dort sind so teuer wie die eines 3-Sterne-Hotels, aber ihre Qualität ähnelt eher der eines Konzentrationslagers. Die Gefangenen sind gezwungen zu zahlen – für Essen, Schlafen, das Waschen ihrer Wäsche und für jede Art von medizinischer Versorgung. Dazu kommen die permanenten Verletzungen der Menschenrechte seitens der Aufseher. Kurzum: Die kolumbianischen Gefängnisse befinden sich in einer schweren Krise – für die die Häftlingen zahlen müssen, während sie versuchen, zwischen Elend und Überbelegung zu überleben.

Das Hauptgefängnis von Bogotá ist besser bekannt als ‚La Picota‘ (der Pranger). Der „Strafvollzug- und Gefängniskomplex der Hauptstadt Bogotá“, kurz COMEB (Complejo Penitenciario y Carcelario Metropolitano de Bogotá) besteht aus drei Hauptobjekten: Einrichtung Nummer eins, die älteste, ist der Bereich für die mittlere Sicherheit; Einrichtung Nummer zwei hat die höchste Sicherheitsstufe. Dort befinden sich Mitglieder des Militärs, mehrere paramilitärische Anführer und einige Guerilleros, die unter das Gesetz „Justicia y Paz“ (Gerechtigkeit und Frieden) gefallen sind – der Rechtsgrundlage für die Demobilisierung bewaffneter Gruppen in Kolumbien.

Gefängnis nach US-Vorbild ohne Tageslicht

Bei dem Bereich Nummer drei, der neuesten Einrichtung, handelt es sich schließlich um ein achtgeschossiges Gebäude, welches nach US-amerikanischem Vorbild gebaut wurde. Darin sehen die Gefangenen niemals direktes Sonnenlicht. Diese so genannte „Nationale Haftanstalt für Ordnungswidrigkeiten“ ERON (Establecimiento Reclusorio de Orden Nacional) wurde mit Geldern des „Plan Colombia“ errichtet, einem US-finanzierten Programm zum Kampf gegen den Drogenhandel. Dieser Bereich unterliegt der hohen und maximalen Sicherheitsstufe. Das bedeutet, dass die Insassen nicht nur kein Tageslicht sehen und unter den Konsequenzen der Überbelegung leiden müssen, sie dürfen außerdem ihre Zellengenossen kaum mehr als zwei Stunden am Tag sehen. In der Hochsicherheitszone werden die Häftlinge täglich mehr als vierzehn Stunden in kleinsten Zellen eingeschlossen.

Neben diesem großen Gebäude kann man kleinere Häuser sehen, die einem Dorf ähneln und unter dem Namen „Steuerhäuser“ bekannt sind. Dort verbüßen Politiker ihre Strafe, die wegen Korruption verurteilt wurden – und außerdem Richter, Großunternehmer oder andere Persönlichkeiten der Parteien, die aktuell das Land regieren. Sie genießen alle Arten von Privilegien, wie Essen auf Bestellung, regelmäßige Besuche an Wochentagen, Kabelfernsehen, Internet und eine lange Liste von Vorzügen, die für den Rest der Gefangenen absolut unerreichbar ist. In der gleichen Haftanstalt gibt es ein anderes Gebäude, in dem die Aufseher des Gefängnisses wohnen, Mitglieder der Gefängnisbehörde INPEC (Instituto Nacional Penitenciario y Carcelario). Manchmal kann man sehen, wie sie im Eingangsbereich von ‚La Picota‘ Grillfeste veranstalten. Dort gibt es Fleisch, welches – nach Aussagen der Gefangenen – von ihrem eigenen Essen gestohlen wurde. Die Aufseher sehen von ihren Fenstern aus nur die Gebäude, in denen sich die Gefangenen befinden, was eine Situation schafft, die eher einem Kriegsgefangenenlager als einem gewöhnlichen Gefängnis ähnelt.

Der COMEB-Komplex befindet sich im Viertel des 18. Stadtbezirkes von Bogotá, Rafael Uribe Uribe. Dieser grenzt an den 5. Stadtbezirk Usme, einen der ärmsten von Bogotá, der die meisten von Krieg vertriebenen Menschen aufgenommen hat. Dem Gefängnis vorgelagert ist die Artillerieschule der kolumbianischen Armee. Geht man um den Komplex herum, sieht man die Berge, die zu den Anden gehören. Dort befinden sich verschiedene Viertel, in denen die Kriminalität, bedingt durch die große Armut und den Drogenhandel, ein tägliches Brot sind.

Der Kreis der Armut schließt sich

Das Gefängnis ‚La Picota‘ ist nur durch eine schmale Straße vom Wohnviertel getrennt, in dem Hunderte kleiner Häuser eng aneinander gebaut und so überbelegt sind, dass die Umstände dort stark denen im Inneren des Gefängnisses gleichen. Hier leben hauptsächlich Familienangehörige der Gefangenen aus verschiedenen Teilen des Landes mit dem Ziel, Kosten zu sparen, um ihre Angehörigen im Gefängnis sehen und um für deren Aufenthalt dort bezahlen zu können. So schließt sich der Kreis der Armut für diejenigen, die wegen Verbrechen im Zusammenhang mit Diebstahl oder gewöhnlicher Kriminalität inhaftiert sind und aus niedrigen sozialen Schichten stammen – etwa 80 Prozent aller Gefangenen in Kolumbien. Das heißt, auch ihre Verwandten sind dazu verurteilt, in einem Viertel zu leben, in dem die Armut, die Kontrolle durch die Paramilitärs und die unhygienischen Zustände vorherrschen. So wird ein Teil der Bevölkerung allein aufgrund der Tatsache stigmatisiert, dass er arm ist.

Unter dem Bett schlafen: 200 Euro

Foto: Contagio Radio/José Rocamora

Sebastián Conteras, selbst Gefangener in ‚La Picota‘, erklärt: Wenn ein Gefangener ohne Geld ins Gefängnis kommt, „wird es sehr schwer für ihn, weil man für alles bezahlen muss und es nur sehr wenige Arbeitsmöglichkeiten gibt“. Die Zellen sind 1,60 Meter breit, zwei Meter hoch und weitere zwei Meter lang, sprich, man kann sich nicht ausgestreckt hinlegen, sondern muss in der Fötusstellung oder diagonal schlafen. Abgesehen davon leben in jeder Zelle vier Insassen oder mehr. Dennoch ist es schon ein Luxus, überhaupt in einer Zelle schlafen zu können, den sich nur diejenigen erlauben können, die über das nötige Geld verfügen. Zum Beispiel kostet das Schlafen unter einem Bett (in einem Raum von ca. 60 Zentimetern Höhe) insgesamt 200 Euro. Dieser Betrag liegt in Kolumbien über dem des monatlichen Mindestlohnes. Die Summe bezahlt man an den Chef des Innenhofes; der aber mit der Zeit irgendein Problem sucht, um die Person wieder aus der Zelle zu entfernen, damit er diese an einen neu angekommenen Häftling verkaufen kann. So entsteht ein rundes Geschäftsmodell.

Wenn die Familie des Gefangenen es sich nicht leisten kann, ein Bett für ihn zu bezahlen, muss dieser auf dem Gang schlafen, mit einer Matte auf dem Boden. Der Häftling muss die Matte jeden Morgen um fünf Uhr aufheben und kann sie erst wieder nach der letzten Zählung am Abend hinlegen (wenn der Aufseher die Gefangenen eines jeden Innenhofs zählt). Diese findet normalerweise zwischen acht und neun Uhr abends statt. Wenn der Gang voll ist, müssen viele im Bad oder im Innenhof schlafen – und das in einer der Städte mit dem meisten Niederschlag der Welt und einer der kältesten Kolumbiens.

Sebastián bestätigt, dass das Hauptgeschäft im Gefängnis aus dem Verkauf von Drogen und Lebensmitteln besteht, an dem die Aufseher des INPEC direkt beteiligt seien. Diese verlangten, dass für alle Dienstleistungen bezahlt werde – bis hin zu der Möglichkeit, Zugang zu einem Raum zu bekommen, der Vis-à-Vis mit der Partner*in des Häftlings liegt. Die Drogen kommen aus dem Viertel in das Gefängnis. Sie werden über die angrenzenden Mauern als Kugeln nach drinnen geworfen oder direkt von den Aufsehern mitgebracht. Die Chefs der Innenhöfe drücken – in Zusammenarbeit mit den Aufsehern – die Gefangenen gegen die Wände mit dem Ziel, die Kugeln einzusammeln, damit diese nicht verloren gehen. Als interviewter „Pasillero“ ist Sebastián verantwortlich für die Organisation von einem der Flure oder Galerien, in die jeder Innenhof unterteilt ist. Er bildet gemeinsam mit anderen „Pasilleros“ den sogenannten „Ausschuss des Zusammenlebens“ (Comité de Convivencia). Er erklärt uns, dass es seine Aufgabe sei, das Geld von den anderen Häftlingen einzusammeln, um die Aufseher zu bestecken – um damit Drogen, Mobiltelefone oder besseres Essen zu erhalten.

Das Essen in den kolumbianischen Gefängnisse wurde ausgelagert und wird aktuell von privaten Unternehmen vorgenommen, die dessen Preis vervierfacht haben. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge sind die schlechte Qualität und die nicht vorhandenen hygienischen Maßnahmen schuld an einem großen Teil der Krankheiten der Insassen. Eines der eindrucksvollsten Bilder ist die Anzahl der Öfen und Mikrowellen zwischen den Räumen der Innenhöfe, in denen die Häftlinge mit Pizzen oder Fastfood handeln, einem Essen, welches ihnen zufolge viel besser ist als das, welches im Gefängnis selbst serviert wird.

Kosten für die Angehörigen: 260 Euro im Monat

Sebastián spricht auch von einem weiteren Beispiel der Korruption: Dem Zählen der Arbeitsstunden (normalerweise ohne Vergütung), die dazu dienen sollen, dem Strafvollzugsgesetz gemäß die Zeit im Gefängnis zu verkürzen. Die Stunden werden in Formularen festgehalten, die aber nie die Gerichte zur Berechnung erreichen – es sei denn, die Häftlinge bezahlten einen Aufseher dafür, dass dieser die Liste dorthin schickt. Das führt dazu, dass viele Gefangene, die für diesen korrupten Prozess kein Geld haben, sich immer noch in Haft befinden, obwohl sie schon lange frei sein müssten. All diese der Korruption geschuldeten Ausgaben und die fehlenden Leistungen führen zur Verschuldung der Familien, die im Durchschnitt monatlich eine Million kolumbianische Pesos (etwa 260 Euro) für jeden Insassen ausgeben müssen (der Mindestlohn in Kolumbien liegt bei 600.000 Pesos/157 Euro). Sie sind gezwungen, sich dafür bei kriminellen Banden innerhalb und außerhalb des Gefängnisses Geld zu leihen oder bestenfalls bei den Banken.

Im Gefängnis sterben mehr Menschen an Krankheiten als an der Gewalt

Foto: Contagio Radio/José Rocamora

Was die Gesundheitsversorgung angeht, erzählt Wicho, politischer Gefangener der Guerilla ELN (Ejército de Liberación Nacional), dass die an AIDS und Tuberkulose erkrankten Häftlinge im Jahr 2018 sechs Monate lang ohne Behandlung leben mussten, obwohl es sich bei der Versorgung um ein Grundrecht handelt. Das führte dazu, dass bei vielen infizierten Häftlingen Beschwerden ausbrachen, zum Beispiel bei AIDS-Patienten. Die Problematik sei gravierend gewesen, da sich die Häftlinge ansteckten und die Krankheit sich ausbreitete, zum Beispiel bei sexuellen Kontakten ohne Schutz mit den Partner*innen. Nach Ansicht von Wicho gibt es keine Gesundheitsversorgung und mit dem neuen, komplett privatisierten Modell würden innerhalb des Gefängnisses mehr Insassen an Krankheiten sterben als an an gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Für René Nariño, einen ehemaligen politschen Gefangenen der (inzwischen demoblisierten) Guerilla FARC-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia- Ejercito del Pueblo) ist der Innenhof der Paramilitärs das Zentrum aller korrupten Geschäfte, die im Gefängnis getätigt werden – von dort aus werde tatsächlich das Gefängnis geführt. Für Sebastián Contreras ist es ein offenes Geheimnis, dass der Aufseher die Gefangenen dafür bezahle, einen Mitinsassen oder eines seiner Familienmitglieder umzubringen. Da dagegen rebelliert wurde und das zu vielen Problemen im Gefängnis geführt habe, seien diese Auftragsmörder bekannt als die Männer fürs Grobe des INPEC.

Ángel Parra, ebenfalls politischer Gefangener der FARC-EP, erzählt, dass es innerhalb des Gefängnisses keine Räume gibt, um zu unterrichten oder erzieherisch tätig zu werden. Nur wenigen sozialen Organisationen gelingt es, das Gefängnis zu betreten und Therapie- oder Ausbildungsworkshops in den von der Gefängnisverwaltung gestellten Klassenzimmern abzuhalten. Einer der Räume, in denen diese Arbeit am häufigsten abgehalten wird, ist die Bibliothek. Deren Verwalterin versichert, dass dies der einzige Ort sei, an dem die Häftlinge Unterstützung von externen sozialen Einrichtungen erhalten könnten. Manchmal, wenn das INPEC es erlaubt, gibt es Besuche von Menschenrechtsverteidiger*innen mit dem Ziel, über die unmenschlichen Zustände zu informieren, die im Inneren des Gefängnisses an der Tagesordnung sind. Auch wenn in der Regel die Berichte dieser Organisationen zu nichts führen.

Manchmal bekommt das Gefängnis Besuch von ungefähr 20 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren. Es sind Schüler einer Militärakademie, die mit verbundenen Augen durch die Gänge außerhalb der Innenhöfe laufen, während sie von den Gefangenen beleidigt, eingeschüchtert oder bespuckt werden. Pilar, die einzige Sozialarbeiterin im Gefängnis, bestätigt uns, dass das Ziel dieser Aktion sei, den Jugendlichen beizubringen, was ihnen passieren könne, wenn sie Verbrechen begehen oder rebellieren. Außerdem sei diese „Aktivität“ Teil der militärischen Ausbildung. Der Besuch stelle abschließend die einzigartige Funktion der Gefängnisse in Kolumbien und in der Welt im Allgemeinen heraus.

Übersetzung: Heike Ermert

CC BY-SA 4.0 Überleben im kolumbianischen Gefängnis von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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