Pablo López Alavez: Vom Waldschützer zum politischen Gefangenen

(Berlin, 8. Dezember 2019).-Der Umweltschützer Pablo López Alavez sitzt seit neun Jahren in Mexiko in Haft. Er hatte sich gegen die Waldrodung in der Sierra Norte gewehrt. Seine Frau Yolanda Pérez Cruz und Fátima Ojeda von der feministischen Menschenrechtsorganisation Consorcio waren in Europa. Im EU-Parlament und bei Veranstaltungen haben sie über Pablo López Alavez‘ Situation informiert und seine Freilassung gefordert.

Yolanda Pérez Cruz in Europa
Yolanda Pérez Cruz mit einer der Taschen, die ihr Ehemann im Gefängnis herstellt. Foto: Ute Löhning

Yolanda Pérez Cruz sitzt mit einer traditionellen mexikanischen Bluse – rosafarben und mit leuchtend grün-blau-lila Blumen bestickt – auf einem Sofa und kramt in ihrer Tasche. Die kleine zurückhaltende Mexikanerin sucht ein Notizbuch in der bunten Tasche, die ihr Mann Pablo López Alavez im Gefängnis gewebt hat. Neben Yolanda Pérez Cruz sitzt Fátima Ojeda im Mantel. Ihr ist kalt, sie trinkt einen Tee. Fátima, die bei der feministischen Organisation Consorcio arbeitet, begleitet Yolanda. Zusammen sind sie im September 2019 aus Mexiko gekommen und haben mehrere europäische Städte besucht. In Berlin hatten wir die Gelegenheit, die beiden Menschenrechtsverteidigerinnen zu treffen.

„Diese Reise ist Teil einer Kampagne, mit der wir die sofortige Freilassung des Menschenrechtsverteidigers Pablo López Alavez fordern. Er ist seit neun Jahren zu Unrecht und willkürlich inhaftiert, nur weil er ein Umweltschützer ist“, erklärt Fátima Ojeda. Pablo López Alavez und seine Frau sind Zapoteken. Sie stammen aus der Gemeinde San Miguel Aloápan in der bergigen und stark bewaldeten Gegend um Oaxaca, südlich von Mexiko Stadt.
„Die Gemeinde will unseren Wald abholzen, aber wir wollen das nicht“, sagt Yolanda Pérez Cruz. „Die lokale Regierung, das Sekretariat für Umwelt und natürliche Ressourcen und die Nationale Waldkommission haben erlaubt, den Wald ohne Rücksicht auf die Folgen für Wasserläufe und Wildtiere zu roden. In diesem Zusammenhang wurde Pablo López Alavez am 15. August 2010 entführt und inhaftiert.“ Von 1982 bis heute wurden in der Gegend über 6.000 Hektar Wald gerodet, das ist mehr als die Hälfte der Gesamtfläche des Waldes. In der Folge der Abholzung trocknete der Fluss der Gemeinde aus. Yolanda erinnert sich an den Tag, an dem ihr Mann festgenommen wurde: „Sie haben ihn ohne irgendein Dokument einfach verhaftet. Das war keine reguläre Polizeieinheit. 20 bis 25 schwarzgekleidete Männer mit Kapuzen kamen mit einem Privatfahrzeug, einem roten Pickup, der mit einer orangefarbenen Plane bedeckt war. Am nächsten Tag fanden wir Pablo im Gefängnis von Etla. Dort habe ich verstanden, dass sowohl die Bundes- als auch die Staatsregierung mit den Paramilitärs von San Miguel Aloápan zusammenarbeiten.“

Konstruierter Fall
Pablo López Alavez wurde wegen Mordes angeklagt und im November 2018 zu einer Haftstrafe von dreißig Jahren verurteilt. Fátima und Yolanda berichten von vielen Unstimmigkeiten in Pablo López Alavez‘ Prozessakte. Die Aussagen verschiedener Zeugen widersprächen sich. Zeit- und Ortsangaben stimmten nicht überein. Der Umweltaktivist sei unschuldig, die Vorwürfe gegen ihn seien komplett konstruiert. Er habe keine anwaltliche Vertretung gehabt und sei dem Verfahren schutzlos ausgeliefert gewesen. Inzwischen vertritt ihn die Organisation Consorcio, hat Beschwerde gegen seine Verurteilung eingelegt und wartet auf eine Entscheidung. Der Fall erreichte sogar die Vereinten Nationen. Die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierung fordert in ihrer Stellungnahme 23/2017  die sofortige Freilassung und Wiedergutmachung für Pablo López Alavez und seine Familie.
Da der Umweltschützer immer noch hinter Gittern sitzt, kamen Yolanda und Fátima nach Europa. In Brüssel nahmen sie am 25. September an einer Sitzung des Unterausschusses für Menschenrechte im Europäischen Parlament  teil. Dort konnte Yolanda Pérez Cruz mit den Abgeordneten und mit Vertreter*innen von Menschenrechtsorganisationen über die willkürliche Inhaftierung ihres Mannes sprechen. Fátima Ojeda von der Organisation Consorcio berichtet: „Yolandas Bericht hat die Abgeordneten sehr bewegt. Einige wollen die Forderung

nach Freiheit für den Aktivisten Pablo López Alavez weitergehend unterstützen.“

Menschenrechtsaktivist*innen brauchen Unterstützung und Schutz
Die feministische Organisation Consorcio beschäftigt sich vor allem mit Genderthemen. Sie war in Mexiko maßgeblich daran beteiligt, die Legalisierung der Abtreibung einzufordern, die im September 2019 im Bundesstaat Oaxaca beschlossen wurde. „Wir als Consorcio, als Verband für den parlamentarischen Dialog und Gleichstellung in Oaxaca, begleiten Menschenrechtsverteidigerinnen.“ erklärt Fátima Ojeda und ergänzt: „Wir begleiten auch die Frauen der politischen Gefangenen, weil sie auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit zu Menschenrechtsverteidigerinnen werden.“ Viele Menschen wenden sich an die Organisation, um politische Unterstützung bei ihrer Arbeit zu erhalten.

Der Umweltaktivist Pablo López Alavez sitzt seit neun Jahren im Gefängnis von Oaxaca. – Foto: Cristina Valdivia

Umweltaktivist*innen in Mexiko leben gefährlich
Oft sind dies Angehörige indigener und bäuerlicher Gemeinschaften, die für den Zugang zu Land und Schutz der Natur eintreten und damit wesentlich zur politischen Agenda gegen den Klimawandel beitragen. Dafür werden sie jedoch einerseits diffamiert und stigmatisiert und andererseits verfolgt und kriminalisiert. Pablo López Alavez ist dabei kein Einzelfall. Laut dem Bericht des Mexikanischen Zentrums für Umweltrecht (Centro Mexicano de Derecho Ambiental) ist die Situation in diesem Land besonders gefährlich. Im Jahr 2018 wurden in Mexiko mindestens 21 Umweltschützer*innen ermordet, oft im Rahmen von Entwicklungsprojekten, von denen Unternehmen oder private Akteure profitieren. Wer sich gegen diese Projekte ausspricht, wird als Gegner*in gesellschaftlicher Entwicklung dargestellt. Die Morde an Vertreter*innen indigener, schwarzer und bäuerlicher Gemeinschaften zielen darauf ab, deren Kampf für die Menschenrechte zu stoppen.

Sie musste ihr Haus aufgeben und floh in die Stadt
Auch Yolanda wurde mehrfach mit dem Tod bedroht und lebt nun 60 km von ihrem Herkunftsort entfernt in der Nähe von dem Gefängnis, in dem Pablo gefangen ist. „Ich musste mein Haus in meinem Dorf verlassen. Ich ließ alles, was ich habe, dort und bin nun in Pablos Nähe, damit ich ihm bei seiner Arbeit helfen und Gerechtigkeit und Freiheit für ihn fordern kann“, so Yolanda Pérez Cruz. Er rufe sie an, wenn er Holz oder Farben oder Fäden für die Taschen braucht. Dann kauft sie die Sachen bringt sie zu ihm. „Er ist Zimmermann, er macht Taschen und Stühle. Mein Mann ist ein Arbeiter“, erklärt Yolanda. So arbeiten sie gemeinsam für ihren Lebensunterhalt. Sie müssen es tun, weil sie kein anderes Einkommen haben.

Die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut
Mehr als die Hälfte der Mexikanerinnen und Mexikaner lebt in Armut. Der Zugang zu Nahrung, Trinkwasser, sanitären Einrichtungen, angemessenem Wohnraum und Bildung ist begrenzt. So erging es auch Yolanda und ihren zwölf Geschwistern, sie erinnert sich: „Meine Eltern hatten keine Kapazitäten und kein Geld. Deswegen bin ich nicht zur Schule gegangen, nicht ein einziges Jahr. Mit acht Jahren fing ich an, mit meiner Tante, meinem Onkel und meinen Großeltern zu arbeiten.“
Neun von zehn Menschen in der Sierra Norte von Oaxaca sprechen eine indigene Sprache, aber kein Spanisch. Im Fall einer Anklage bekommen sie keine*n Dolmetscher*in für die Verteidigung in ihrer Muttersprache. Für Yolanda und Pablo stellte das ein Problem dar, weil ihre Muttersprache Zapotekisch[1] ist.

Aus der Sierra Norte nach Berlin

Yolanda Pérez Cruz und Fátima Ojeda (Consorcio) fordern die Freilassung des Umweltschützers Pablo Lopez Alavez
Yolanda Pérez Cruz, Fátima Ojeda (Consorcio Oaxaca) und Cristina Valdivia (Ökubüro München) in Berlin, September 2019 – Foto: Ute Löhning

„Als ich mein Dorf verließ, konnte ich kein Spanisch sprechen. Ich wusste nicht, wie man sich in der Stadt bewegt, wie man die Straßen überquert“, erinnert sich Yolanda. Später habe sie Consorcio in Oaxaca kontaktiert. Sie sei all den wunderbaren Frauen der feministischen Organisation sehr dankbar, denn sie hätten ihr beigebracht, Spanisch zu sprechen und sich sicher in der Stadt zu bewegen: „Sie nahmen mich an der Hand, und wir überquerten die Straße gemeinsam. Früher habe ich dabei gezittert. Aber jetzt nicht mehr. Und schau, wie weit ich gekommen bin. Ich hätte nie gedacht, hierher zu kommen, aber jetzt bin ich da: mit viel Energie und viel Kraft. Jetzt weiß ich, dass ich viele Seelen um mich herum habe und nicht allein bin!“
Die internationale Solidarität macht die Fälle von Ungerechtigkeiten gegen Menschenrechtsverteidiger und -verteidigerinnen sichtbar. Mit ihrem Besuch konnte Yolanda die Unschuld ihres Mannes aufzeigen. Bis heute fordert sie Gerechtigkeit für Pablo López Alavez. Für Yolanda hoffen wir, dass sie bei ihrem nächsten Besuch nicht nur mit der von ihrem Mann gewebten Tasche, sondern auch mit Pablo selbst nach Europa kommen kann.

[1]Zapotekisch (zapotekisch diidxazá) ist eine indigene Sprache in Mexiko bzw. eine Gruppe nahe miteinander verwandter Sprachen, gesprochen von der Ethnie der Zapoteken. Zapotekisch wird von über 750.000 Menschen insbesondere im Bundesstaat Oaxaca sowie in Teilen von Veracruz gesprochen.

Audiobeitrag auf Deutsch

Audiobeitrag auf Spanisch

CC BY-SA 4.0 Pablo López Alavez: Vom Waldschützer zum politischen Gefangenen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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