Folterer der Diktatur geoutet

von Andrea Martínez (La Diaria)

levanters. Foto: Amerika21/levante.org.br/wp/164/(Montevideo, 30. März 2012, comcosur).- In sieben brasilianischen Bundesstaaten haben sich Ende März Aktivist*innen und soziale Organisationen versammelt, um Personen öffentlich anzuprangern, die während der Diktatur (1964-1985) die Menschenrechte verletzt haben. Damit wollen sie auch die Wahrheitskommission stärken, die in letzter Zeit von pensionierten Militärs kritisiert worden ist.

In Städten wie Porto Alegre, San Pablo, Río de Janeiro oder Aracaju zogen 100 bis 150 meist junge Demonstrant*innen mit Lautsprecherwagen und Flugblättern zu den Wohnungen von Folterern, um die Nachbarschaft darauf aufmerksam zu machen, wer dort eigentlich wohnt. Nach ein oder zwei Stunden zogen sie sich zurück und hinterließen Graffitis wie “hier wohnt ein Folterer”.

Die Aktionen begannen am 26. März in Belo Horizonte, der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais. Um die 70 Menschen versammelten sich mit Schildern, Flugblättern, Musikinstrumenten und Megafonen vor dem Haus von Ariovaldo da Hora e Silva. Die Jugendorganisation Levante Popular de la Juventud hatte soziale Organisationen zusammengebracht, um diese “escraches” genannten Outing-Aktionen in sieben Städten durchzuführen. Ziel sei, öffentlich zu machen, wer diejenigen seien, die während der Diktatur gefoltert, entführt, vergewaltigt und gemordet hätten. “Ich wußte nicht, dass Herr Ari ein Folterer war. Ein Verwandter von mir ist während der Diktatur verfolgt worden; ich werde das weiterverbreiten”, so ein Nachbar von Da Hora e Silva gegenüber dem Nachrichtenportal Vermelho.

Mitarbeiter der DOPS für Morde verantwortlich

Da Hora e Silva gehörte während der Diktatur der Kriminalpolizei (Policía Civil) an und war in der Abteilung für politische und soziale Ordnung DOPS (Departamento de Orden Político y Social) aktiv. In dieser Funktion war er für die Repression gegen Regimegegner*innen in Minas Gerais zuständig. Nach Aussagen von Opfern und Angehörigen ist er für den Tod von João Lucas Alves verantwortlich, einem Aktivisten des Nationalen Befreiungskommandos Colina (Comando de Liberación Nacional).

Eine andere Outing-Aktion richtete sich gegen Davis dos Santos Araújo, ebenfalls Mitarbeiter der DOPS während der Diktatur. Nach Angaben des Innenministeriums hat Dos Santos mehrere politische Gefangene gefoltert, darunter den Anführer der Revolutionären Bewegung Tiradentes, Joaquim Alencar Seixas, der während der Folter starb. Auf Flugblättern, die während der Demonstration verteilt wurden, wurde Dos Santos für mehrere Fälle von gewaltsamen Verschwindenlassen verantwortlich gemacht, zudem für den Raub von Kindern, die in Gefangenschaft geboren worden sind. Heute ist er Chef der privaten Sicherheitsfirma Dacala; vor dessen beiden Filialen in San Pablo und Río de Janeiro fanden jeweils Outing-Aktionen statt.

Kundgebungen bei Militärs, Ärzten und Kollaborateuren

In Porto Alegre fand die Kundgebung vor dem Haus von Oberst Carlos Alberto Ponzi statt, dem ehemaligen Chef des Nationalen Nachrichtendienstes. Ponzi ist einer von 13 Brasilianern, die von der italienischen Justiz wegen dem spurlosen Verschwinden des Aktivisten Lorenzo Ismael Viñas im Jahr 1980 angeklagt sind.

In Fortaleza wurde der ehemalige Funktionär der Bundespolizei José Armando Costa geoutet. Nach Aussagen überlebender politischer Gefangener war er dafür zuständig, falsche Geständnisse der Verhafteten aufzunehmen, nachdem sie gefoltert worden waren. In Curitiba fand eine Demonstration statt, in der die Namen mehrerer Folterer aus der Gegend veröffentlicht wurden. In Aracaju (Bundesstaat Sergipe) wurde eine Folterung vor einem Krankenhaus nachgestellt, in dessen Direktorium José Carlos Pinheiro sitzt. Der Arzt wird verdächtigt, die Opfer nach den Folterungen behandelt zu haben. In Belém richtete sich die Outing-Aktion gegen Adriano Bessa Ferreira. Ihm wird vorgeworfen, mit der Diktatur kollaboriert zu haben, indem er oppositionelle Aktivitäten infiltriert hat um später Oppositionelle zu denunzieren.

Laut einer Presseerklärung sollen die Outing-Aktionen in den kommenden Monaten weitergehen. Damit soll gezeigt werden, dass die Menschen organisiert sind und die Arbeit der Wahrheitskommission unterstützen. Diese sehen sie als einen Versuch der Regierung, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die während der Diktatur Menschenrechtsverbrechen begangen haben. Die Unterstützung soll noch sichtbarer gemacht werden, auch angesichts der Kritik, die in den vergangenen Monaten an der Wahrheitskommission seitens Gruppen pensionierter Militärs geübt worden ist.

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