AMARC-Kongress: Radioaktivist*innen zwischen politischem Engagement und professionellem Journalismus

von Andreas Behn, La Plata

(Berlin, 08. November 2010, npl).- Mitarbeiter*innen freier Radios und Aktivist*innen kommunitärer Medien aus allen fünf Kontinenten treffen sich seit diesem Montag, dem 8. November, im argentinischen La Plata. Über 600 Teilnehmer*innen werden zum 10. Weltkongress des Verbands der Community-Radios Amarc (Asociación Mundial de Radios Comunitarias) in der Hauptstadt der argentinischen Provinz Buenos Aires erwartet.

Fünf Tage Diskussionen und Workshops

Zentrale Themen des Treffens sind das Menschenrecht auf Kommunikation, die Bedeutung von Basisradios für eine gerechtere Welt und das Verhältnis von Genderfragen und Kommunikation. Fünf Tage lang geht es auf Veranstaltungen um neue Informationstechnologien, Radio von und für Kinder, Radios in Zeiten von Krieg oder Katastrophen, indigenen Widerstand und Sprachenvielfalt. In Workshops wird um Programmgestaltung, partizipative Strukturen, kollektive Gestaltung und Sinn oder Unsinn des Radiomachens gestritten.

Im Plenum werden die Aktionslinien für die kommenden drei Jahre diskutiert und Prioritäten des Netzwerks in den verschiedenen Regionen definiert. Zudem wird ein neuer Vorstand des weltweiten Netzwerkes gewählt, das wie viele andere, zumeist lokale oder regionale Netzwerke seine Aufgabe darin sieht, die Verbreitung von Basismedien und die Demokratisierung der Kommunikation zu fördern.

Zwischen politischem Engagement und professionellem Journalismus

„Das Spannungsverhältnis zwischen politischem Engagement und professionellem Journalismus gehört zum Alltag derjenigen, die in Basisradios aktiv sind“, sagt Alejandro Linares, Koordinator der Agentur Pulsar in Argentinien, die auf Spanisch und Portugiesisch rund um die Uhr von dem Kongress berichtet (www.agenciapulsar.org/amarc10.php). „Die meisten von uns sind über das Engagement in sozialen Bewegungen zum Radio gekommen“, ergänzt Lívia Duarte von Pulsar in Brasilien. In der Praxis komme dann bald das Bedürfnis hinzu, nicht nur anderes, sondern auch qualitativ gutes und professionelles Radio zu machen. „Wir machen eine andere Kommunikation als die kommerziellen Massenmedien, partizipativ, ohne die klassische Trennung von Sender und Empfänger, mit einem anderem Blickwinkel auf die Dinge, ohne politische Manipulation. Gerade deswegen wollen wir das Stigma des ,PPP’ (poucos, pequenhos, pobres – wenige, kleine, arme Radios) aufbrechen“, betont Duarte.

Rechtliche Unterstützung von Radios durch AMARC

Um dieses Ziel zu erreichen, hat AMARC mehrere Arbeitslinien entwickelt, die in den verschieden Regionen unterschiedlich und in Lateinamerika und Asien am meisten entwickelt sind. Dazu gehören die Aus- und Weiterbildung der Radiomacher*innen, Unterstützung bei der Entwicklung einer demokratischen oder kollektiven Geschäftsführung sowie der Verwaltung von Radios und die Stärkung der Rolle der Frauen.

Die derzeit wichtigste Aktionslinie ist das Programm zur rechtlichen Unterstützung der Sender und zur Durchsetzung des Rechts auf Kommunikation. In fast allen Ländern leiden die kommunitären und freien Radios unter rechtlichen Rahmenbedingungen, die nicht-kommerzielle Medien benachteiligen oder schlicht kriminalisieren. Amarc bietet juristischen Beistand in konkreten Fällen und startet Kampagnen bei der Schließung von Radios oder politischer Verfolgung von Mitarbeiter*innen der Radios.

Forderung nach Dreiteilung des Rundfunksektors

Zudem hat AMARC Leitlinien für eine demokratische Mediengesetzgebung entwickelt, die mittlerweile von vielen internationalen Organisationen und Gremien bis hin zur UNO anerkannt werden. Die Leitlinien dienen als Lobbyinstrument, um in den verschiedenen Ländern Einfluss auf die Vergabe von Frequenzen und die öffentliche Förderung des nicht-kommerziellen Rundfunks zu nehmen.

Ein wichtiger Aspekt dieser Leitlinien ist die Forderung, Frequenzen grundsätzlich in drei gleichgroße Sektoren aufzuteilen – den öffentlichen bzw. staatlichen, den privat-kommerziellen und die nicht-kommerziellen Bereich. Diese Aufwertung der kommunitären Basismedien wurde in Anlehnung an internationale Menschenrechtskonventionen entwickelt, in denen nicht nur das Recht auf Kommunikation, sondern auch das Recht auf Teilhabe aller Menschen an den Medien festgeschrieben ist.

Neue Mediengesetze durchgesetzt

In Lateinamerika, wo insbesondere Länder wie Mexiko oder Brasilien unter einem machtvollen Medienmonopol in den Händen weniger Konzerne leiden, hat diese Argumentation schon einige zukunftsweisende Änderungen hervorgebracht. So wurden zuerst in Uruguay und vergangenes Jahr in Argentinien Mediengesetze verabschiedet, die diese Dreiteilung der Frequenzen sowie eine nachhaltige Förderung von Basismedien vorschreiben.

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