Peruanisch-deutsch oder deutsch-peruanisch?

Doppelstaatsbürgerschaft
Foto: Stephan Moore

(Berlin, 27. Mai 2026, npla).- Ein deutscher Pass gilt als Symbol für Sicherheit und Zugehörigkeit. Wer die Staatsangehörigkeit besitzt, so die verbreitete Vorstellung, hat automatisch Zugang zu gesellschaftlicher Anerkennung und gleichen Chancen. Doch die Erfahrungen von Miriam und Gerardo, zwei Menschen mit peruanisch-deutscher Doppelstaatsbürgerschaft, zeigen eine kompliziertere Realität. Beide sind in Peru aufgewachsen und als Erwachsene nach Berlin gezogen. Rechtlich hatten sie Vorteile: keine Probleme mit dem Visum, kein unsicherer Aufenthaltsstatus, Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt. Trotzdem war der Neustart schwierig – emotional, sozial und bürokratisch.

„Ich habe mich komplett verändert“

„Ich habe mich komplett verändert, auf eine Weise, die ich nicht erwartet hatte“, erzählt Gerardo. Obwohl er dachte, kulturell eng mit Deutschland verbunden zu sein, bemerkte er nach seiner Ankunft, wie sehr ihn Peru geprägt hat. Ihm fehlten Freund*innen, Familie und die sozialen Gewohnheiten seines Herkunftslands. Auch Miriam beschreibt, wie stark Migration das eigene Leben verändert. „Meine Prioritäten sind definitiv nicht mehr dieselben“, sagt sie. Der Umzug nach Berlin bedeutete für beide nicht nur einen Ortswechsel, sondern auch die Suche nach einer neuen Identität zwischen zwei Ländern. Besonders deutlich werden diese Spannungen im Alltag. Gerardo beschreibt, dass er trotz deutscher Staatsangehörigkeit oft weiterhin als nicht zugehörig wahrgenommen wird. „Man hat zwar rechtlich die Papiere, aber die Gesellschaft behandelt einen trotzdem wie einen Fremden“, erklärt er. Diese Erfahrung kennen viele Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland. Zugehörigkeit wird hier oft nicht nur über Rechte definiert, sondern auch über Sprache, Akzent oder äußeres Erscheinungsbild. Der deutsche Pass verändert den rechtlichen Status, bedeutet aber nicht automatisch gesellschaftliche Vorurteile. Umso wichtiger werden migrantische Communities. Miriam erzählt, wie sehr ihr peruanischer Freundeskreis in Berlin hilft: „Meine Gruppe von peruanischen Freund*innen hier in Berlin hilft mir sehr dabei, mich nicht so weit weg zu fühlen.“ Gespräche auf Spanisch oder Treffen mit anderen Peruaner*innen schaffen Nähe und Vertrautheit. Auch für Gerardo spielt Kultur im Alltag eine große Rolle. Besonders wichtig ist für ihn das gemeinsame Essen. „Ich bin so etwas wie ein Botschafter dieser peruanischen Seite – vor allem durch das Essen“, sagt er. Solche Momente zeigen, dass Integration nicht bedeutet, die eigene Herkunft aufzugeben.

Bürokratie vs. interkulturelle Öffnung

Neben den emotionalen Herausforderungen sprechen beide auch über die deutsche Bürokratie. Miriam erinnert sich an die Schwierigkeiten bei der Anmeldung und bei der Krankenversicherung: „Das war schrecklich, weil ich keine Termine gefunden habe und alles auf Deutsch war.“ Obwohl sie deutsche Staatsbürgerin ist, musste sie lange nach einer Versicherung suchen. Gerardo kritisiert vor allem den Umgang in Behörden. Wenn sein Deutsch nicht perfekt gewesen sei, habe er sich oft nicht ernst genommen gefühlt. „Ich verstehe Sie nicht, kommen Sie an einem anderen Tag wieder“, habe er mehrfach gehört. Die Sprache bleibt für beide die größte Hürde. „Die Sprache ist wahrscheinlich die größte Schwierigkeit“, sagt Miriam. Gerardo ergänzt: „Die Gesellschaft erwartet, dass man alles perfekt spricht und versteht.“ Trotzdem wissen beide auch Positives über Deutschland zu sagen. Miriam schätzt den „großen Respekt vor dem Privatleben“, während Gerardo erzählt, dass Freundschaften zwar Zeit brauchen, dafür aber oft ehrlich und stabil seien.

Zugehörigkeit ist mehr als ein Pass

Die Erfahrungen von Miriam und Gerardo zeigen, dass Zugehörigkeit mehr ist als ein Pass. Eine progressive Einwanderungsgesellschaft entsteht nicht allein durch Staatsangehörigkeit, sondern durch soziale Offenheit, zugängliche Institutionen und die Anerkennung verschiedener Lebensrealitäten. Ein deutscher Pass kann Türen öffnen. Aber echte Gleichheit entsteht erst dann, wenn Menschen nicht ständig beweisen müssen, dass sie dazugehören.

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