Auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit

Evelyn Rodríguez, Migrantin aus Venezuela, im Servicio de Jesuita a Migrantes, El Alto / Fotos: Steffen Heinzelmann

(La Paz, 27. Oktober 2022, npla).- Mehr als sechs Millionen Venezolaner*innen haben in den vergangenen Jahren ihr Heimatland verlassen. Das bedeutet: Ein Fünftel der Bevölkerung Venezuelas lebt im Ausland, die meisten davon in Kolumbien, Ecuador oder Peru. Bolivien war für venezolanische Migrant*innen lange nur ein Transitland auf dem Weg nach Chile, nun bleiben sie aber immer häufiger hier.

„Ich bin vergangenes Jahr wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Venezuela ausgewandert. Es gab dort einfach nichts zu kaufen, nichts zu essen. Deshalb habe ich im August 2021 beschlossen, mit meinem Sohn fortzugehen. Ich bin durch Kolumbien, Ecuador und Peru bis hierher gekommen“, erzählt Evelyn Rodríguez. Sie hat in Maracaibo gelebt und gearbeitet, der Hafenstadt im Nordwesten Venezuelas. Jetzt sitzt sie hier im ersten Geschoss des Servicio Jesuita a Migrantes, des Dienstes der Jesuiten für Migranten, in der bolivianischen Millionenstadt El Alto. Auf der anderen Straßenseite der Avenida steht ein Zaun, dahinter liegt der internationale Flughafen El Alto, immer wieder donnern Flugzeuge über das Haus.

„Hier in Bolivien bleibe ich“

Wie Evelyn suchen viele Geflüchtete und Migrant*innen aus Venezuela ein sicheres Leben. Den Berichten von Betroffenen und Menschenrechtsorganisationen zufolge ist die Gewalt gegen geflüchtete und migrierte Frauen und LGBTIQ+ aus Venezuela besonders hoch. „Auf dem Weg habe ich viel gelitten, ich wurde in Peru sogar ausgeraubt, ich war eigentlich schon verloren“, sagt Evelyn. „Aber Gott sei Dank hatte ich noch etwas Geld beiseite gelegt und bin direkt hierher nach Bolivien, und hier in Bolivien bleibe ich.“

In den vergangenen Jahren haben mehrere Millionen Menschen Venezuela verlassen, dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge leben 6,8 Millionen Venezolaner*innen im Ausland; nur aus Syrien und der Ukraine gibt es derzeit mehr Geflüchtete und Migrant*innen weltweit. Die Gründe, ihr Land zu verlassen, sind für die Venezolaner*innen vielfältig, manche flüchten vor Armut und der schwierigen wirtschaftlichen Lage, andere sind mit der politischen Situation unzufrieden oder werden verfolgt.

Frauen und Queers erfahren als Migrant*innen besonders viel Gewalt, Diskriminierung und Machismo

Dabei haben es die Frauen, Mädchen und LGBTIQ+ unter den Geflüchteten aus Venezuela besonders schwer. Sie sind der Gewalt in besonderem Maße ausgesetzt und haben oft keinen Schutz dagegen, wie Adeline Neau, Menschenrechtsanwältin im Büro für die Amerikas bei Amnesty International, erklärt: „Weil sie Frauen sind, weil sie Venezolanerinnen sind, weil sie Migrantinnen und Geflüchtete sind, und weil sie oft keine Ausweispapieren dabei haben – deshalb sind sie häufiger von Menschenrechtsverletzungen betroffen. Außerdem leiden sie unter ihrer prekären wirtschaftlichen Situation und arbeiten eher im informellen Sektor der Wirtschaft ohne Arbeitsrechte und Arbeitsschutz.“

Amnesty hat deshalb in diesem Jahr eine Kampagne gestartet, die auf die schlimme Situation so vieler Geflüchteteter aus Venezuela aufmerksam macht: #UnaVozParaLaIgualdad heißt diese Kampagne, „eine Stimme für die Gleichberechtigung“, und sie thematisert gender-basierte Gewalt gegen Frauen und LGBTIQ+ auf ihrer Route und in ihrer neuen Heimat. Sie fordert Schutz vor Diskriminierung, Machismo und Gewalt.

Bolivien wird vom Transitland zum Ziel vieler Venezolaner*innen

Ihr Weg führt Migrant*innen meist von Venezuela über Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien nach Chile, wo sie sich Sicherheit und ein besseres Leben erhoffen. Viele bleiben allerdings auf dem Weg in einem der Transitländer, für ein paar Wochen oder dauerhaft: In Kolumbien leben fast 2,5 Millionen Venezolaner*innen, in Peru sind es 1,5 Millionen, wie die Plataforma de Coordinación Interagencial para Refugiados y Migrantes de Venezuela (kurz R4V) meldet. Die Zahl der Venezolaner*innen in Bolivien ist mit 14.000 deutlich geringer als in Kolumbien oder Peru, das Land entwickelt sich aber von einer Durchgangsstation zu einem Ziel.

Meistens überqueren die Geflüchteten und Migrant*innen die Grenze von Peru aus in der Nähe des Lago Titicaca. El Alto ist dann die erste große Stadt auf ihrem Weg. Organisationen wie der Servicio Jesuita a Migrantes sind eine erste Anlaufstelle und bieten erste Hilfe, Nahrungsmittel oder eine Unterkunft, wie Heydi Galarza von ebenjener Hilfsorganisation beschreibt: „Viele Frauen kommen in Bolivien mit Kindern oder ihren Partnern an, aber manche Frauen sind auch mit Gruppen von Männern unterwegs. Sie schließen sich diesen Gruppen an, um auf dem Weg Schutz zu finden, aber es kann passieren, dass sie gerade in dieser Gesellschaft sexuelle Gewalt oder andere Formen von Gewalt, wie Mikromachismen, erfahren müssen.“ Heydi Galarza erklärt auch, dass Venezolanerinnen in schlecht bezahlten Jobs arbeiten oder am Straßenrand Süßigkeiten verkaufen müssen, häufig gemeinsam mit ihren Kindern. Und, dass sie dort rassistisch beschimpft, bedroht, sexuell belästigt werden.

Keine Unterstützer*innen, keine Verwandten, keine Freund*innen

Häufig komme die erfahrene körperliche oder psychische Gewalt aber aus der eigenen Familie: Frauen werden vom Partner oder vom Vater der gemeinsamen Kinder bedroht oder geschlagen, sagt Ana Carla Llanco, Koordinatorin des Programms für Internationalen Schutz der Fundación Muansim Kulakita, die nur zwei Straßenecken vom Servicio Jesuita a Migrantes entfernt ist. Die Stiftung Muansim Kulakita, deren Name in der indigenen Sprache Aymara übersetzt „Liebe Dich, Schwesterchen“ bedeutet, arbeitet seit vierzehn Jahren zu gender-basierter Gewalt.

Ana Carla Llanco von der Organisatin Munasim Kullakita, die Migrant*innen in Bolivien unterstützt

Als weiteren wichtigen Aspekt nennt Ana Carla, dass Gewalttaten von den Betroffenen häufig nicht angezeigt würden – aus Angst, als Migrantin dann das Land verlassen zu müssen: „Es ist wichtig, diese Frauen zu stärken. Manchmal sind sie im Nachteil, weil sie – anders als eine Bolivianerin, die Gewalt erfahren musste – hier kein Netz aus Unterstützer*innen haben, keine Verwandten, keine Freundinnen. Das kann dazu führen, dass sie zu dem Angreifer zurückkehren. Deshalb ist die Problematik der Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt bei Migrantinnen und Geflüchteten sehr komplex.“

„Ich bin immer noch hier und kämpfe“

Muansim Kulakita hilft über die Begleitung bei Anzeigen und Gerichtsprozessen hinaus bei der Suche nach einer Unterkunft oder Schule für die Kinder. Außerdem stellt die Organisation Räume für den Austausch zwischen Migrant*innen und für Seminare bereit – zu rechtlichen Fragen genauso wie für Yoga und Tanztherapie. Wichtig ist Ana Carla, die Frauen nicht nur als Opfer von Gewalt zu sehen, sondern ihre Fähigkeiten und Erfahrungen wahrzunehmen und zu fördern.

Evelyn Rodriguez hat für sich entschieden, dass sie in Bolivien bleiben möchte: „Am Anfang war ich etwas orientierungslos, fühlte mich entmutigt. Aber Gott sei Dank habe ich schnell wieder den richtigen Weg gefunden. Ich bin gemeldet, verkaufe Hotdogs, mein Sohn geht hier zur Schule“, sagt sie. „Ich bin immer noch hier und kämpfe, nicht jeder Tag ist einfach, aber es geht vorwärts.es gibt Tage, an denen man ganz unten ist, aber wenn man mit seinen Kinder zusammen ist, geht es vorwärts.“

Schutz vor Gewalt und Solidarität, das wünschen sich Migrant*innen und Geflüchtete aus Venezuela genauso wie Ihre Unterstützer*innen. Aber auch die Möglichkeit, eine freie Entscheidung treffen zu können. Um gewalttätige Partnerschaften zu verlassen. Und, um in Bolivien zu bleiben oder ihren Weg fortzusetzen.

Hier geht’s zum Audiobeitrag zum Thema bei onda.

CC BY-SA 4.0 Auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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