Mujica bezieht antifeministische Positionen, die Linke schweigt dazu

(Montevideo, 23. Dezember 2019, desinformémonos/La Diaria) In einem ausführlichen Interview mit der uruguayischen Wochenzeitung Voces hat sich Ex-Präsident José Mujica abfällig über Frauen und von der Norm abweichende Geschlechtsidentitäten geäußert. Feminismus sei „überflüssig“ und die sogenannte Rechteagenda, die eine Reihe fortschrittlicher Positionen aufgreift, ein „Ausdruck menschlicher Dummheit“, so Mujica.

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„Ich bin strikt dagegen, dass der Klassenkampf vom Feminismus abgelöst wird!“
In dem am 19. 12. erschienenen Interview kommentierte er verschiedene regionalpolitische Ereignisse und internationale Themen. Nach seiner Position gegenüber schwarzen Migrant*innen gefragt, erklärte er: „Wir sind keine Rassisten, aber besser, die Schwarzen sind weit weg“. Später kommt er über das Thema Rechteagenda auf den Feminismus zu sprechen. „Der Machismo ist einfach eine Gegebenheit, das macht den Feminismus ziemlich überflüssig. Die Agenda der Gleichstellungsgesetze ist unumstritten, aber diese schrillen Übertreibungen schaden der Frauenfrage doch bloß, indem sie sie als Gegenpol der ewig Unzufriedenen inszenieren. Das stachelt doch die reaktionären Positionen innerhalb der Gesellschaft erst richtig an und bringt diese Maninis [den Chef der Partei Cabildo Abierto] und wie sie alle heißen erst hervor“. Die ultrarechte Partei Cabildo Abierto bekam bei den Parlamentswahlen im Oktober 11 % der Stimmen; damit wurde das Profil der Parteienlandschaft insgesamt nach rechts verschoben. Mujica fügt seiner Haltung zur Frauenfrage noch zwei Aspekte hinzu: „Ich bin strikt dagegen, dass der Klassenkampf vom Feminismus abgelöst wird!“ ist der eine. Der zweite: „Die weibliche Identität beinhaltet immer auch die Identität der Mutter. Und die brauchen wir einfach. Ohne Mutter findest du dich im Leben nicht zurecht.“

Senatorin Constanza Moreira
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„Politische Gewalt“
Es ist ja nun schon lange bekannt, dass Mujica ein Anhänger konservativer Ideen ist, nicht nur was Gender-Fragen und LGBTI-Kollektive betrifft. Auch in Umwelt- und Wirtschaftsfragen vertritt er nicht die fortschrittlichsten Positionen. „Der Sojapflanze müsste man ein Denkmal setzen“, erklärte er während seiner Regierungszeit als Präsident. Was man ihm zugutehalten muss, ist, dass er mit seiner Meinung über Feministinnen nicht hinterm Berg hält und dass er die Gesetzesvorhaben zur Erweiterung der rechtlichen Spielräume nicht aufgehalten hat wie Tabaré Vázquez in seiner ersten Regierungszeit, als es um das Abtreibungsgesetz ging.
Trotzdem sind seine Form der Abgrenzung und seine Auffassung von der Rolle der Frau in der Gesellschaft wegen ihrer diskriminatorischen und gewalttätigen Argumentation kritikwürdig. Die Senatorin Constanza Moreira bezeichnet er beispielsweise als „dumm“. Die von Frauen des Frente Amplio gegründete Gruppe „Mujeres al Frente“ bezeichnete Mujicas Äußerungen als „politische Gewalt“ und erklärte, die Partei könne „nicht einfach wegsehen, wenn jemand so aggressiv auftritt, und zwar bei niemandem.“

Hätte man immer so gedacht, hätte die Arbeiter*innenbewegung niemals irgendetwas erreicht
Zu den Äußerungen, die am meisten Anlass zu Kritik geben, zählt die Behauptung, die Frauen seien schuld am Aufstieg der Ultrarechten. Es seien ihre Forderungen, die den reaktionären Bodensatz der Gesellschaft mobilisierten, wirft Mujica den Frauen vor und stimmt darin mit denen überein, die meinen, jeder Protest, jede Forderung könne dem Aufstieg der Rechten in die Hände spielen. Hätte man immer so gedacht, hätte die Arbeiter*innenbewegung niemals irgendetwas erreicht.
Folgt man jedoch der Logik Mujicas, der die neugewonnene Popularität der Ultrarechten den „schrillen Übertreibungen“ der Feministinnen zuschreibt (so als wäre der zunehmende Extraktivismus nicht der eigentliche Grund dafür), könnte man sagen, dass seine Äußerungen Frauenmorde indirekt begünstigen, wobei ich absolut nicht glaube, dass dies gewollt ist.
Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es ihm, wie er selbst sagt, bei seiner Argumente um einem Grundgedanken geht, den es offenzulegen gilt: den Kampf um die staatliche Macht. Ihn stören der Feminismus und die Rechteagenda, weil sie angeblich den Aufstieg der Rechten befördern, wobei er die Berechtigung der Forderungen oder die Gründe für die so genannte „schrille“ Radikalität außer Acht lässt.
Was außerdem irritiert, ist seine grob vereinfachte Sichtweise, die besagt: entweder Klassenkampf oder Feminismus. Mujica legt eine Hierarchie zugrunde, die sich zu Lasten der Unterdrückten, der Frauen, Schwule, Lesben, Indígenas oder Schwarzen, auswirkt. Unterdrückungsmechanismen in eine hierarchische Abfolge zu bringen zementiert die Unterdrückung der schwächsten Glieder der Gesellschaft, die nicht in den Fokus der offiziellen Politik gelangen.
Der dritte Punkt ist die Mutterrolle, die der Frau zugeschrieben wird. Ich dachte eigentlich, diese Sichtweise sei nach mehr als einem halben Jahrhundert feministischer Arbeit aus dem linken Diskurs endgültig verschwunden. Mujica jedoch greift die reaktionärsten Ideen unserer Gesellschaft auf, die von der konservativen Rechten vertreten werden, und bietet ihr Argumente seitens einer vermeintlichen Linken.
Der vierte Punkt ist vermutlich der wichtigste: Ich hatte mit heftigen Reaktionen aus der Linken gerechnet, so auch von denen, die mit extremer Härte auf die Kritik der argentinischen Feministin und Anthropologin Rita Segato an Evo Morales geantwortet hatten. Aber die Tage vergehen, und bis auf vereinzelte Reaktionen in Uruguay bleiben Mujicas Äußerungen folgenlos, was in deutlichem Kontrast zu den Angriffen steht, mit denen sich Segato auseinandersetzen musste.

Die Parteispitze des MPP macht dem Mandat der Männlichkeit alle Ehre
Mir fallen zwei Gründe ein, die das derzeitige Schweigen und den Aufschrei im Herbst erklären könnten. Einer ist das von Segato schon seit langem beklagte „Mandat der Männlichkeit“. Wir Männer stehen vor einer großen Herausforderung: der Dekonstruktion der Rolle, die das System uns zugedacht hat. Die nämlich verpflichtet uns Männer, unsere Macht zur Schau zu stellen und damit zu beweisen, dass wir die uns zugedachte Position auch wirklich verdienen. Kurz gesagt: Mann zu sein bedeutet, Machos zu sein.

Tupamaro Jorge Zabalza
Foto: Fredy González via flickr
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Offensichtlich hat sich der größte Teil der Linken, insbesondere der „radikalen Linken“ (bezogen auf Uruguay wäre das die Bewegung der Tupamaros) keine emanzipatorische Entwicklung vollzogen. Dies wird unter anderem darin deutlich, dass von den Köpfen der Bewegung niemand außer Jorge Zabalza der feministischen Bewegung seine Unterstützung zugesagt hat. Die Parteispitze des Movimiento de Participación Popular (MPP) macht dem Mandat der Männlichkeit alle Ehre, indem sie zu Mujicas Äußerungen hartnäckig schweigt.
Aber es gibt noch einen Aspekt, der für mich noch schwerer wiegt: Der Pragmatismus richtet großen Schaden an, indem er eine offene und ehrliche Debatte verhindert ‑ wie im Fall Evo Morales, wo anstelle eines produktiven Ideenaustauschs alles im Geschrei unterging. Wir haben es mit einer politischen Kultur zu tun, die den Caudillos bedingungslose Unterstützung zusichert oder sie aufs Heftigste kritisiert, in beiden Fällen jedoch, ohne darüber zu reden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen oder welche Art von Aktivist*innen wir zu unserer Unterstützung brauchen.

Mujica rudert zurück
Wenige Tage nach Erscheinen des Interviews meldete sich Mujica selbst zu Wort: „Ich habe mich vergaloppiert und ehrbare Gefährten angegriffen, und selbstverständlich ging es mir nicht gut“, erklärte er in seiner wöchentlichen Radioansprache.“ Der Movimiento de Participación Popular kümmere sich wie niemand sonst um die Aufstiegsmöglichkeiten der Genossinnen: „Alle Frauen, die jemals den Vorsitz des Abgeordnetenhauses innehatten, kamen aus unserem Spektrum; darin sehen wir unsere politische Verantwortung. […] Für mich steht ganz klar fest, dass die Gleichstellung der Frau in unserer patriarchalen Gesellschaft auf einem natürlichen, elementaren und eindeutigen Recht beruht. Aber außerdem und ganz brutal betrachtet ist sie eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die uns hilft, unser Vorankommen zu sichern. Andernfalls würden wir einen erheblichen Teil der Wählerstimmen unseres Volkes nicht nutzen.“

CC BY-SA 4.0 Mujica bezieht antifeministische Positionen, die Linke schweigt dazu von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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