Feministische Selbstverteidigung gegen erlernte Hilflosigkeit

Abwehr gegen frontalen Würgegriff
Foto: Cosecha Roja

(San Salvador, 8. April 2022, La Otra Diaria).- Frauen lernen von Kindheit an, sich zu bestimmten Uhrzeiten und an bestimmten Orten nicht aufzuhalten, während Männern NICHT von klein auf beigebracht wird, nicht gewalttätig zu sein. Irma Estrada „La Colocha“  unterrichtet feministische Selbstverteidigung, Kickboxen und Krav Magá. Im Interview mit La Otra diaria spricht die feministische Aktivistin über das Narrativ der „erlernten Hilflosigkeit“ und über eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Feministische Selbstverteidigung betrachtet sie als Möglichkeit, die lähmende Angst loszuwerden und uns Räume zurückzuerobern.  Colocha lacht viel, und ihre Augen funkeln beim Reden. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie einfühlsam mit Frauen arbeitet, die sexuelle Übergriffe erlebt haben oder sich auf der Straße einfach sicherer fühlen wollen. Colocha geht mit ihrem Lesbischsein offen um und kennt sich aus mit der Bedrohung und Gewalt, denen alle weiblich gelesenen Menschen einschließlich Transfrauen ausgesetzt sind. Ihre Selbstverteidigungs-Workshops sind ausschließlich für Frauen und LGBTIQ+-Personen. Colocha wurde in El Salvador geboren, einem Land, in dem Menschenhandel und Banden eine reale Bedrohung darstellen. Die Zahl der Feminizide stieg im vergangenen Jahr um 31,25 Prozent. Patriarchale Gewalt ist ein Problem, das alle lateinamerikanischen Feministinnen sehr beschäftigt, sie aber auch verbindet. Stolz erzählt Colocha vom Projekt „Cuida tu Espacio“, das 2014 in Mittelamerika länderübergreifend gestartet wurde, um Selbstverteidigung unter Berücksichtigung der Gender-Perspektive zu trainieren, die Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen im Alltag zu fördern und ihnen die Fähigkeit zu vermitteln, gefährliche Situationen „besonnen, strategisch und effektiv“ zu bewältigen.

Was ist feministische Selbstverteidigung?

In einem der Handbücher, in denen Colocha erscheint, hat Maitena Monroy, feministische Selbstverteidigungstrainerin aus Spanien, das Vorwort geschrieben. „Um sexistische Gewalt zu verstehen, muss man sich die Sozialisationsprozesse des männlichen und des weiblichen Geschlechts anschauen und alle Formen von Gewalt einbeziehen, nicht nur physische Gewalt. Sexistische Gewalt muss nicht einmal ausagiert werden, um Kontrolle auszuüben. Die Androhung reicht aus, um geschlechtsspezifischen Terror zu erzeugen und dafür zu sorgen, dass wir uns hilflos fühlen; schon allein die Androhung erzeugt Schuldgefühle und natürlich auch Angst bei der betroffenen Person und drängt sie in die Position des Opfers. Damit werden der Angreifer und das gesamte System der Verantwortung enthoben“, so Monroy. Im Interview erklärt Colocha das Prinzip der feministischen Selbstverteidigung. Es geht darum, das Gefühl der Wehrlosigkeit zu überwinden, das fast allen Mädchen seit ihrer Kindheit vermittelt wurde, und die ganzen Bilder, wie sich Frauen zu verhalten haben, zu hinterfragen. Patriarchale Gewalt wird gezielt als ein Instrument der Beherrschung eingesetzt und muss mit kollektiven Strategien bekämpft werden.

– Wie bewerten Sie die Zunahme der Gewalt in El Salvador und in Zentralamerika und die Erfahrungen, die Frauen und disidencias in Ihrem Land in der Vergangenheit gemacht haben, insbesondere auf dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse um Präsident Nayib Bukele?

Eins der Hauptthemen des feministischen Journalismus und der feministischen Agenda in El Salvador ist, wie in den Medien über Gewalt an Frauen berichtet wird, da ist nämlich immer von „Verbrechen aus Leidenschaft“ die Rede. In Mittelamerika ist die Gewalt gegen Frauen und disidencias etwas ganz Normales, da herrscht eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, obwohl wir Feministinnen natürlich dagegen vorgehen. Als feministische Selbstverteidigungs-Trainerin bin ich zum Beispiel schon mehrfach bedroht worden. Und Präsident Bukele hat die Militarisierung El Salvadors spürbar vorangetrieben. Die aktuelle Regierung, die mit einer Mehrheit im Parlament vertreten ist, hat nun eine neue Verordnung rausgebracht. Sie können dich jetzt auf der Straße jederzeit festhalten und dein Handy filzen. Das ist legal. Dadurch werden die Freiheitsrechte von Frauen zusätzlich bedroht. Man hat es nicht mehr nur mit Gangs zu tun, sondern auch mit den staatlichen Sicherheitskräften. Wie Rita Segato sagt: Der Körper wird als Zahlungsmittel verwendet. Auf El Salvador trifft das schon seit langem zu: Die Banden machen Geld mit der sexuellen Ausbeutung von Frauen, das ist eine Form von Menschenhandel. Die Belästigung auf der Straße ist ein weiteres großes Problem, und die Gewalt in der Familie oder im nahen Umfeld der Frau auch. Unterdrückung gehört zum Alltag, und ich denke, auch wir haben das Recht, die Welt ohne Angst zu bewohnen.

– Dass Frauen Selbstverteidigungstechniken beherrschen, enthebt die Aggressoren nicht ihrer Verantwortung, da sind Sie ganz deutlich. Und in Situationen, wo es um Leben oder Tod geht, hat man größere Überlebenschancen, wenn man sich mit solchen Angriffen auseinandergesetzt hat, richtig?

-Ich habe eigentlich immer gedacht, dass die Übergriffe, die ich erlebt habe, mich schlussendlich dahin geführt haben, wo ich heute bin: Ich treffe immer wieder wunderbare Frauen in verschiedenen Ländern und lerne aus ihren Erfahrungen. Aber inzwischen ist mir klar: Wenn mir das alles nicht passiert wäre, wenn ich nicht diese Gewaltgeschichte hätte, wäre ich denselben Weg gegangen. Tja, und die Möglichkeit, diesen Weg zu gehen ohne Gewalterfahrungen im Gepäck, die wurde mir halt schon im Alter von sechs Jahren genommen, als ich zum ersten Mal vergewaltigt wurde. Bei fast jeder von uns laufen die Schuldgefühle immer mit, und die müssen wir erst einmal abbauen lernen. Das ist anfangs gar nicht so leicht zu verstehen. Und dann sind bestimmte Formen von Gewalt ja auch erst in den letzten Jahrzehnten sichtbar geworden. Zum Beispiel Gewalt im ganz nahen persönlichen Umfeld: Das ist was, worüber früher nie jemand gesprochen hat. Heute laufen wir durch die Straßen und rufen unser „Nein heißt Nein“. Wir gehen heute deutlicher nach außen, ja, aber Gewalt überhaupt zu benennen ist einfach kompliziert. Und das hat mit den Schuldgefühlen zu tun.

Und welche Rolle spielt die feministische Selbstverteidigung in diesem Gewaltkontinuum? In welches Narrativ greift sie ein und wie?

Stell dir einen Boxkampf vor: Du stehst im Ring, die Glocke läutet und zeigt die Pause an. Das ist der Moment, wo du resümierst, das Geschehen neu bewertest und versuchst, dir einen Überblick zu verschaffen, aber du weißt sehr wohl, dass der Kampf noch weitergeht. Die Selbstreflexion ist ein wichtiger Bestandteil der feministischen Selbstverteidigung, der Moment, in dem ich mich selbst wahrnehme und einschätze, den Beistand meiner Unterstützer*innengruppe fühle oder auf eigene Mechanismen zurückgreife, um mich neu auszurichten, weiterzumachen und den Schlägen standzuhalten, die aus von verschiedenen Richtungen kommen. Mit feministischer Selbstverteidigung bin ich besser vorbereitet. Wir werden zwar nicht andauernd angegriffen, aber wir leben permanent mit diesem Gefühl, dass es jederzeit passieren könnte. Wir können eigentlich nicht allein auf die Straße gehen, ohne das Gefühl zu haben, dass irgendwo Gefahr droht.

Erlernte Hilflosigkeit

Wenn sich eine Person oder auch ein Tier in einer ungewollten oder schmerzhaften Situation wiederfindet, weil ihre Maßnahmen zur Vermeidung dieser Situationen nicht erfolgreich waren, tritt eine Blockade ein, für die der amerikanische Psychologe Martin E. P. Seligman den Begriff „erlernte Hilflosigkeit“ geprägt hat. In den feministischen Selbstverteidigungsworkshops wird thematisiert, wie Frauen allmählich diese Form der Passivität in ihre Sozialisation einbauen. In einer patriarchalen Gesellschaft wird uns von klein auf beigebracht, dass wir Angst vor Angriffen und sexualisierter Gewalt haben müssen, und wenn wir trotzdem nachts unterwegs sind und uns dann etwas zustößt, ist es unsere Verantwortung. Statt uns beizubringen, wie man sich selbst verteidigt, berauben sie uns unserer Bewegungsfreiheit. In dem wir in der Angst, dass „uns etwas zustoßen könnte“, erzogen werden, entzieht man uns das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit. Und der Abbau dieser Angst ist ein Akt des politischen Bewusstseins, findet Colocha.

„Dass ich überlebt habe, spricht gegen mich“

Es spricht auch niemand über die „Überlebenden“. „Allein die Tatsache, dass ich überlebt habe, spricht schon gegen mich“, sagt Virginie Despentes in ihrem Buch „King Kong Theorie“. Es gebe eine Reihe von „Kennzeichen“, ein bestimmtes Verhalten, das von Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, erwartet wird. In ihrem Buch beschreibt Despentes ihre Vergewaltigung im Alter von 17 Jahren. Sie schildert ihre persönlichen Erfahrungen als Überlebende und ihre Wut auf eine Gesellschaft, die den perfekten Rahmen für die Opferrolle der Frauen geschaffen hat. „Mädchen werden gezähmt, damit sie niemals einem Mann wehtun, und von Frauen zur Ordnung aufgerufen, sobald sie von dieser Regel abweichen“, erklärt Despentes.

– In Ihren Workshops sprechen Sie über Ihre Erfahrungen und darüber, wie durch die feministische Selbstverteidigung das Narrativ der erlernten Hilflosigkeit verändert werden kann.

Dir deines Körpers und dessen, was du tust, bewusst zu sein, ist eine bestimmte Art zu leben, so empfinde ich es auf jeden Fall. Die Beschäftigung mit Selbstverteidigung hat mir klargemacht, was Selbstfürsorge bedeutet. Mein erster Sport, also meine erste Berührung mit Selbstverteidigung war Kickboxen, da habe ich angefangen, meine Faust zu benutzen. Eine gerade Faust, ein Haken. Ich habe das so lange geübt, bis es sich in mein Körpergedächtnis eingeschliffen hat und ich die Bewegung jederzeit abrufen kann, wenn ich sie brauche. Andere Frauen haben sie benutzt, um Grenzen zu setzen. So fängst du langsam an, dich gut zu fühlen. In das Konzept der Emanzipation eintauchen und sich stark fühlen können. So haben mir Frauen den Prozess beschrieben, den sie im Rahmen der Workshops durchlaufen haben.

– Dass Frauen in der Lage sind, Grenzen zu setzen, wird ja nun gesellschaftlich eher nicht gewollt. Wie lernen die Frauen das in Ihrem Workshop, und wie lernen sie, sich sicherer zu fühlen?

Das Selbstbild von der eigenen Hilflosigkeit ist etwas, womit das Patriarchat gezielt arbeitet, wie ein Stein, den sie uns um den Hals hängen, um uns in der Opferrolle zu verankern. Deshalb passiert es auch immer wieder, dass Frauen nicht in der Lage waren, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen wurden, selbst Frauen, die den schwarzen Gürtel tragen. Teil der Selbstverteidigung ist auch, zu lernen, mit Emotionen umzugehen. Als mich zum ersten Mal jemand gewürgt hat und ich dabei war, das Bewusstsein zu verlieren, war das schrecklich, man weiß vorher nicht, wie man in so einer Situation reagiert. Und du weißt auch nicht, wie stark so ein Typ ist, bis man sowas wirklich mal erlebt hat. Und weil du nicht weißt, wie du im Ernstfall reagieren würdest, musst du dir den Moment vorstellen und damit arbeiten. Wenn du sowas nie trainiert und dir nie irgendwelche Techniken angeeignet hast, hast du natürlich viel schlechtere Karten. Es kann auch sein, dass du in so einer Bedrohungssituation in eine Schockstarre verfällst.

-In den Medien ist die Berichterstattung über Feminizide oft reißerisch aufgemacht und mit prickelig-gruseligen Details gespickt. Würden Sie sagen, dass die Presse zu wenig über Frauen berichtet, die sexualisierte Gewalt überlebt haben?

-Was ich an dieser Berichterstattung kritisiere, ist, dass Gewalt und Entmenschlichung des weiblichen oder feminisierten Körpers, Transfrauen möchte ich hier nicht ausschließen, so natürlich und selbstverständlich daherkommen. Ich habe das Gefühl, die Nachricht von einer zerstückelten Frau verkauft sich einfach besser als die von einer Frau, die sich gewehrt und überlebt hat. Das Zweite, was ich schlimm finde, auch weil ich es selbst erlebt habe, ist, dass es rechtlich kaum eine Relevanz hat, wenn ich mich vor etwas verteidigt habe, was hätte passieren KÖNNEN, nämlich vor einem Überfall oder einer möglichen Vergewaltigung.  Das wird als Anschuldigung nicht wichtig genommen und findet vor dem Gesetz weiter keine Berücksichtigung. Du musst schon ein Opfer sein, damit dir jemand glaubt. Einmal hat mich auf der Straße im Dunkeln ein Mann im Kapuzenpullover angesprochen. Er stand vor mir und steckte sich die Hand in die Hose. Ich habe mich nicht bewegt, sondern ihn nur fest angeschaut nach dem Motto: „Was gibt’s zu glotzen?“, und dann hat sich seine Haltung auch sofort verändert. Er wurde nervös. Als ich dann später im Fitnessstudio ankam und einigen Leuten von der Situation erzählte, meinten alle, meine Wahrnehmung sei überzogen, und dass mir vielleicht überhaupt nichts passiert wäre. Deshalb: Damit sie mir glauben, dafür hätte der Mann mich schon angreifen müssen. Durch solche Situationen wird unsere Wahrnehmung manipuliert. Und die ist unser erster Gefahrenmelder.

-Frauen müssen eben immer beweisen, dass sie „moralische Subjekte“ sind, wie Rita Segato sagt.

Die Wahrnehmung von Aggression wird nicht als glaubwürdig betrachtet. Nochmal: Damit nehmen sie uns das Vertrauen in unsere Intuition, und so beginnen wir selbst, an ihr zu zweifeln.

-Auch in Chile wurde in den letzten Wochen viel über Belästigung auf der Straße diskutiert, vor allem ging es da um Studentinnen. Was würden Sie unseren jungen Leserinnen raten?

Dass man sich schon sehr gut überlegen sollte, in welchen Situationen man es auf eine Prügelei ankommen lässt. Wenn du allein unterwegs bist und keine Ahnung von Kampfsport hast, irgendjemand spricht dich an, und du siehst, es sind fünf Männer, hältst du den Ball lieber flach. Aber Gewalt zu erkennen und zu benennen ist ganz wichtig. Ich weiß, dass es etliche Situationen gibt, die sehr wütend machen, aber ohne Impulskontrolle kann unsere Reaktion einfach nach hinten losgehen. Manchmal ist es besser, die Leute auf der Straße aufmerksam zu machen: „Ich fühle mich von Ihnen belästigt!“ rufen, so dass es alle hören. Selbstverteidigungstechniken sind oft sehr simpel. Ein Handy, mit allen vier Fingern und dem ausgestreckten Daumen in der Waagerechte gehalten, gibt schon eine ganz gute Waffe ab. Ein Schlag von unten gegen die Nase und dann rennen. Ein kräftiger Schlag auf die Genitalien. Wirf dich auf den Boden und mach dich so schwer, wie du kannst, wenn jemand versucht, dich ins Auto zu zerren. Pfefferspray richtig anwenden. Am besten machst du dich erstmal unter freiem Himmel mit der Bedienung vertraut. Und wenn wir irgendetwas tun, um uns zu verteidigen, sollten wir auch immer wissen, wohin wir anschließend fliehen, in welche Richtung wir rennen können. Sogar ein Bleistift kann nützlich sein, praktisch jeder Gegenstand. Einen Regenschirm können wir aus der Entfernung benutzen, damit wir keinen Körperkontakt mit dem Angreifer haben. Und wenn es doch zum Nahkampf kommt, kann ein einziger Schlag über den Ausgang entscheiden. Und dieser Schlag muss sitzen. Du musst richtig treffen, um Schaden anzurichten und anschließend weglaufen zu können. Ein gutplatzierter Schlag auf die Nase macht, dass dem Gegner die Tränen in die Augen schießen. Das gibt uns die Chance auf einen zweiten Schlag, und wir gewinnen Zeit, um wegzulaufen. Immer versuchen, aus der Situation rauszukommen, das ist das Allerwichtigste.

-Ein Ausdruck, den Sie in Ihrem Workshop verwenden, lautet: „der Körper als Territorium des Widerstands“.

Aus der Sicht des Patriarchats gehören unsere Körper nicht uns. Wenn mein Körper Territorium des Widerstands ist, wird er zum Teil einer revolutionären Transformation. Das heißt, wir müssen diesen Körper wertschätzen, ihn pflegen und heilen, ihn gut ernähren und lieben. Wenn du diese befreienden Sichtweisen in dich aufnimmst, spürst du, dass bestimmte Erfahrungen freigesetzt werden. In der feministischen Selbstverteidigung nutzen wir diesen Zustand der Bewusstheit, um Gefahren zu erkennen, zu Hause oder auf der Straße. Wir sind nämlich in der Lage, riskante Situationen zu erkennen. Die körperliche Konstitution ist natürlich ein Aspekt, und damit meine ich nicht, ob Sie ins Fitnessstudio gehen oder nicht. Darum geht es nicht. Es geht um die Fähigkeit, sich zu verteidigen und wegzulaufen. Die Frage ist: Kann ich 15 Sekunden lang Pfefferspray sprühen und solange die Luft anhalten und dann weglaufen? Kann ich einem Mann auf die Nase oder die Genitalien schlagen und dann weglaufen? Kann ich ihm einen zweiten Schlag verpassen, bevor ich weglaufe? In meinen Workshops stelle ich immer diese Frage: Was werden die Leute auf der Straße wohl eher wahrnehmen: Dass eine Frau gerade abgelenkt ist oder dass sie von jemandem angegriffen wird? Der Angreifer immer der Schuldige, überhaupt keine Frage, aber mit einer geschärften Wahrnehmung können wir uns Räume zurückerobern und den Diskurs verändern, der darauf beharrt, dass Frauen hier und da und dort nicht hingehen können. Wenn ich verfolgt werde, muss ich mich irgendwo hinbegeben, wo viele Menschen sind, und die Bedrohung öffentlich machen. Public shaming funktioniert, weil viele übergriffige Menschen sich nicht als Angreifer fühlen und die öffentlichen Bloßstellung nicht aushalten. „Der Typ kam so nett `rüber, und jetzt guck, was er gemacht hat“. Wir müssen unseren Raum verteidigen, und in der feministischen Selbstverteidigung lernen wir zu erkennen, wenn jemand ungefragt in unseren Raum eindringt. Ich merke das daran, dass ich mich einfach unwohl fühle. Ein Alarmsignal, das mir anzeigt, dass ich dieses Verhalten gerade nicht mag. Es stimmt natürlich, dass viele Frauen in solchen Situationen trotzdem wenig Handlungsspielraum haben, weil sie vielleicht ihren Job verlieren könnten usw. Aber niemand darf unsere Wahrnehmung anzweifeln und unterschätzen, wie sich solche Situationen für uns anfühlen. Das ist etwas, das nur wir selber wissen.

Übersetzung: Lui Lüdicke

 

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