„Für den Staat sind die Indios bloß ein Störfaktor“

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(Buenos Aires, 26. Februar 2020, RedEco).- Mario Hernandez sprach mit dem Ökologen Antonio Elio Brailovsky über die fehlende politische Unterstützung der indigenen Gemeinschaften sowie über die Auswirkungen von Glyphosat und Chlorpyrifos.

Mario Hernández: Am 8. Februar wird traditionell an Martín Miguel de Güemes, General des argentinischen Unabhängigkeitskrieges aus der Provinz Salta, erinnert. Dabei kam dieses Jahr auch die erhöhte Sterblichkeit der Kinder aus den Wichi-Gemeinschaften zur Sprache.  Wie hängt der Tod dieser Kinder mit der Vernichtung von fast 80.000 Hektar Wald in den letzten vier Jahren zusammen?

Elio Brailovsky: Ein Großteil dieses vernichteten Walds in der Provinz Salta gehörte ursprünglich zum Wichí-Gebiet. Die Bewohner*innen wurden von Großgrundbesitzern vertrieben. Das Ganze ist in einem politischen Kontext zu betrachten: Argentinien hatte noch nie eine politische Strategie für den Umgang mit indigenen Völkern. Die Positionen reichen von „Argentinien braucht keine Indios“ bis zum Konzept von Roque Sáenz Peña [von 1910 bis 1914 argentinischer Staatspräsident. Anm. d. Übers.], der für die Holzverarbeitungsbetriebe im Norden auf die indigene Bevölkerung als billige Arbeitskräfte zurückgreifen wollte. Damit war er auch schon der einzige Politiker, der jemals eine Integration in Betracht gezogen hat. Die Entwaldung und die Vertreibung der Bevölkerung vom Land ihrer Vorfahren haben definitiv Auswirkungen auf die Nahrungssituation, das ursächliche Problem ist jedoch, dass Argentinien sich stets verhält, als sei es ein rein weißes Land. Die indigenen Völker sind nichts weiter als ein Störfaktor. Und das, was stört, versteckt man, man kehrt es unter den Teppich und lässt die indigene Bevölkerung dort verhungern. Die Schuld gegenüber den indigenen Völkern wiegt weitaus mehr als die Schulden des argentinischen Staats beim IWF.

M.H.: Wie der Kinderarzt und Koordinator des Universitären Umwelt- und Gesundheitsnetzwerks Medardo Ávila Vázquez schon sagt: Der Staat hat ausschließlich die industrielle Landwirtschaft unterstützt. Er meint: „ Die Indios sind ein Problem, eine Last, man will, dass sie das Land verlassen und sich in der Stadt ansiedeln. Aber die Wichí gehen nicht. Anders als andere indigene Völker, die sich dem städtischen Leben mehr angenähert haben, bleiben diese Bergvölker, wo sie sind und hoffen, dass sie bald wieder ein Gebiet haben werden, auf dem sie leben können”.

E.B.: Der brasilianische indigene Autor Ailton Krenak ist der Meinung, dass man analog zur Bürgerschaft auch von einer Waldschaft / Florestanía sprechen sollte. Abgeleitet wird die Waldschaft von Floresta, dem portugiesischen Wort für Urwald. Menschen und Völker, die den Begriff der Waldschaft ernstnehmen, gehen davon aus, dass die Welt nicht unbedingt ein einziger Zementbrocken sein muss. Sie haben eine komplett andere Beziehung zu ihrer Umwelt und zueinander, und sie gehen davon aus dass man die Florestanía ebenso respektieren müsse wie die Bürgerschaft. Ich glaube, das ist ein interessanter Aspekt und zugleich ein guter Ansatz, um sich diesem Thema zu nähern.

Das Agrobusiness steht mit wissenschaftlichen Perspektiven auf Kriegsfuß

M.H.: Ich finden den Dokumentarfilm Ciencia Disruptiva / Disruptive Wissenschaft mit  Andrés Carrasco sehr empfehlenswert.  Was für einen Stellenwert haben die Positionen von Andrés Carrasco?

E.B.: Grundsätzlich ich Carrasco ohne Zweifel für integer und ehrlich, als Mensch und als Wissenschaftler. Wie jeder andere Forscher, der aus unserem Bildungssystem hervorgeht, zog er los, um aussagekräftige Daten zu sammeln, und die fand er auch. Seine Studien ergaben, dass das hierzulande am meisten verwendete Pflanzenschutzmittel Glyphosat zu Missbildungen der Embrionen verschiedener Wassertiere hervorruft. Der Nationale Rat für wissenschaftliche und technologische Forschung CONICET, die Universitäten, das Ministerium für Wissenschaft und Technologie – alle reagierten empört, haben ihn zensiert, ihm Publikationsverbot erteilt und ihn überall ausgegrenzt. Dabei hatte Carrasco lediglich wissenschaftliche Experimente durchgeführt und die Ergebnisse veröffentlicht. Daraus folgern wir, dass das Agrobusiness mit der Wissenschaft auf Kriegsfuß steht: In den Werbestrategien nimmt der Bezug auf die Wissenschaft einen wichtigen Raum ein. Wenn dann aber jemand Ernst macht und die wissenschaftlichen Ergebnisse ungeschönt veröffentlicht, rudern die Wirtschaftsvertreter plötzlich zurück.

M.H.: Über  Glyphosat haben wir schon öfters geredet. Heute tun wir es noch einmal im Zusammenhang mit Dr. Carrasco, dabei möchte ich noch ein Detail anfügen, und zwar habe ich gehört, dass es ein Pflanzengift gibt, das noch viel gefährlicher ist als Glyphosat, nämlich das Chlorpyrifos.

E.B.: Ja genau, Chlorpyrifos ist ein Insektizid, und Glyphosat ein Herbizid. Mit Herbiziden vernichtet man Pflanzen und mit Insektiziden Insekten, und da wir Menschen viel mehr mit einem Insekt gemein haben, sind Insektizide für uns Menschen viel gefährlicher als Pflanzengifte.

M.H.: Dieses Insektizid ist in den USA bereits verboten, und in der EU läuft glaube ich seit Januar das Beschlussverfahren.

E.B.: Das Verfahren zum Verbot von Chlorpyrifos innerhalb der Europäischen Union wird gerade abgeschlossen, falls es der Firmenlobby nicht doch noch gelingt, das Ganze hinauszuzögern. In den nördlichen Ländern gibt es immerhin ein Bewusstsein dafür, dass man schädliche Mittel nicht anwenden soll. Chlorpyrifos zerstört das Nervensystem der Insekten, und auch wenn wir Menschen uns glücklicherweise äußerlich sehr von Insekten unterscheiden, sind unsere physiologischen Mechanismen doch recht ähnlich. Das heißt, Chlorpyrifos hat auch auf das menschliche Nervensystem eine toxische Wirkung. Es schädigt die mentale und motorische Entwicklung von Kindern bereits im Mutterleib, und auch erwachsene Menschen können Schäden erleiden, die Nerven und Muskeln beeinträchtigen und Bewegungseinschränkungen führen. Es hat keinen Sinn, ein Produkt zu verwenden, wenn das ausschließlich zum Vorteil des Anbieters ist.

M.H.: Aber wie erklärt es sich dann, dass in Buenos Aires jedes Jahr sechs Millionen Liter für den Sojaanbau verwendet werden?

E.B.: Das erklärt sich so: Uns macht es Sorgen, wenn Pflanzengifte Menschen töten. Den Insekten ist es jedoch herzlich egal, wenn ihre Artgenossen durch diese Gifte hingerafft werden. Sie entwickeln eine neue Insektengeneration, die gegen das Chlorpyrifos resistent ist. Wie reagiert die Industrie? Sie verdoppelt die Dosis und tötet damit fast alle Insekten, doch die wenigen, die überleben, entwickeln umso stärkere Resistenzen, auf dass die Industrie in der folgenden Saison das Vierfache versprüht. Es ist ein Teufelskreis. Es werden immer höhere Dosen an Gift eingesetzt, und das bedeutet immer höhere Gesundheitsrisiken für die Menschen, von den Ökosystemen ganz zu schweigen.

M.H.: Es war das meistgenutzte Insektengift im Jahr 2017, es wurden über 270 Millionen Kilo importiert.

E.B.: Mittlerweile ist es verboten, aber bis Anfang 2000 war in den USA sogar die private Nutzung erlaubt.

M.H.: Um Kakerlaken zu töten.

E.B.: Kakerlaken tötet man am besten mit dem Schuh. Aber in geschlossenen Räumen, also in Wohnräumen mit Substanzen zu arbeiten, die kontinuierlich nervenschädigende Gifte absondern, ist absoluter Wahnsinn.

M.H.: Die Schädigungen reichen von motorischen Koordinationsstörungen bis zum Erstickungstod; ferner kann es zu Missbildungen, Wachstums- und Entwicklungsverzögerungen bei Embryonen sowie Beeinträchtigungen des Nervensystems und der Verhaltensfunktionen kommen. Auch ein erhöhtes Krebsrisiko durch DNA-Schädigungen und tödliche Verläufe als Spätfolge sind nicht ausgeschlossen. Wie sollen wir damit umgehen?

E.B.: Ganz offensichtlich muss man das Zeug vom Markt nehmen. Dabei sollten wir jedoch nicht in die Falle tappen, die die Firmen uns zu stellen versuchen, und jedes Produkt einzeln durchprobieren. Es gibt Tausende Giftstoffe, die uns in den verschiedensten Bereichen untergejubelt werden: im Agrobusiness, klar, aber auch in der Kosmetik, in den Lebensmitteln, den Reinigungsmitteln, in der Abdeckhaube für den Fernseher – überall. Wir brauchen also eine politische Instanz, die über Zulassung und Verbot chemischer Substanzen entscheidet. Bei den Pflanzengiften läuft das mit der Zulassung so: Der Konzern legt eine Broschüre vor, in der sie ihre Version darlegt: Natürlich ist alles einwandfrei, es bestehen keine Gesundheitsrisiken für den menschlichen Organismus, die Umweltbelastung ist minimal usw. Das Ganze wird unterlegt mit einer Reihe von Studien, wobei lediglich der Titel genannt wird. Die Untersuchungen selber bekommt man nicht zu sehen, denn das ist ja alles vertraulich, geistiges Eigentum des Unternehmens und nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Also werden die Pflanzengifte von den Landwirtschaftsministerien der Regierung zugelassen, diese stützt sich dabei auf die Aussagen der Unternehmen als auch auf die angeblichen wissenschaftlichen Untersuchungen, obwohl die niemand gesehen hat, weil sie ja nicht veröffentlicht werden. Diese Chemikalien müssten einer Qualitätsprüfung unterzogen werden, bevor sie auf dem Markt zugelassen sind. Das könnten das Institut für Industrietechnik (INTI), das Institut für Landwirtschaftstechnologie (INTA) oder auch die Universitäten übernehmen. Das scheitert jedoch an der immer gleichen Debatte, dass das Gewinneinbußen für das Unternehmen bedeuten könnte; aber Substanzen zuzulassen, ohne zu wissen, welche Auswirkungen sie auf die menschliche Gesundheit haben, das ist doch das eigentliche Risiko. Wir warten erst, bis wir eine gewisse Krebsrate erreicht haben, und dann nehmen wir das Produkt vom Markt.

M.H.: Bei meinen Recherchen zu dem Thema bin ich auf eine gewisse Melina Álvarez, Doktor der Biologie in Hurlingham gestoßen, die meint: “Es kann doch nicht sein, dass wie ständig die Rückstände der Agrargifte zu uns nehmen. Wir müssen unsere Produktionsgrundlage ändern. Wir geben Millionen für onkologische Behandlungen aus, weil bereits das Saatgut nicht der notwendigen Kontrolle unterzogen wird“.

E.B.: Das Institut für Landwirtschaftstechnologie hat eine Reihe agroökologischer Projekte in verschiedenen Bereichen durchgeführt und die Ergebnisse mit der Ernte nach dem Anbaumodell der großen Konzerne verglichen. Dabei kam es zu dem Schluss, dass rein mengenmäßig (Tonne pro Hektar) ein vergleichbares Ergebnis erzielt wurde, die Produktionskosten waren jedoch erheblich geringer, da keine Ausgaben für Pflanzenschutzmittel angefallen waren. Der Anbau ohne Pflanzengifte erwies sich also als die preiswertere Variante. Dieses Ergebnis wurde natürlich weder in den landwirtschaftlichen Beilagen der großen Tageszeitungen noch in den Berichten des Radiosenders Canal Rural erwähnt.

M.H.: Das haben wir in der letzten Ausgabe besprochen und das Interview schon mal angekündigt, und das wurde dann, überraschenderweise, wie ich finde, von etlichen Leuten gelesen. Eine der ersten Seiten, die sie veröffentlicht haben, erhielt über 500 Likes. Der Titel deutet bereits an, dass die Agrarproduktion ohne Pflanzengifte preisgünstiger ist. Das schien mir schon fast gewagt. Aber es passieren auch solche Sachen wie zum Beispiel in Sastre in der Provinz  Santa Fe. Dort hatten 6.000 Einwohner*innen den Prozess gegen Pflanzengifte und für den Schutz der Gesundheit gewonnen. Nun dürfen Agrochemikalien dort nur noch in einem Abstand von 800 Metern zur Ortschaft verwendet werden. Vorher waren die Ackergifte überall. Den Konzernen sei geraten worden, ihre Arbeitnehmer*innen doch einfach zu entlassen, erzählen die Bewohner, ihr Verhalten sei geschäftsschädigend. Dabei hat jeder und jede von ihnen schon Freund*innen und Familienmitglieder verloren, weil die Agrarkonzerne sich einfach keine andere Lösung einfallen lassen wollen als alles und alle und auch sich selbst zu vergiften. In dem Gebiet hat jede*r ein Familienmitglied zu betrauern, das an Krebs gestorben ist.

E.B.: Seitdem der Kapitalismus erfunden wurde, arbeiten die Konzerne mit mafiösen Strategien, mit Schlägertrupps und Killern, die die Leute einschüchtern. Das gehört zum Prinzip der kapitalistischen Produktion. Al Capone zum Beispiel konnte sich so lange halten, weil er Streikbrecher finanziert hat. Man hat ein Auge zugedrückt und ihm seine Erpressungsgeschäfte mit den Friseursalons und den verdeckten Handel mit Alkohol gelassen. Dafür hat er den Unternehmen geholfen, die Streiks der Arbeiter*innen zu brechen. Mit Mafiastrukturen muss man also rechnen. Und man muss beim Bewusstsein der Menschen ansetzen und ihnen klarmachen, dass nicht alle Menschen im Herzen gut sind und nach bestem Wissen und Gewissen handeln, sondern dass das kapitalistische System auf die Unterstützung mafiöser Strukturen angewiesen ist. Dieses Argument muss man bringen, wenn alles andere schon nicht gezündet hat.

Übersetzung: Lui Lüdicke

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