Cloud, KI und koloniale Kontinuitäten: Chiles Wasser unter Druck

SoliSur ist ein migrantisches, politisches Kollektiv mit internationalistischem Fokus in Berlin (Logo mit freundlicher Genehmigung von SoliSur)
SoliSur ist ein migrantisches, politisches Kollektiv mit internationalistischem Fokus in Berlin (Logo mit freundlicher Genehmigung von SoliSur)

(Berlin, matraca/poonal, 21.Dezember 2025).- Künstliche Intelligenz, Streaming und Cloud-Dienste gelten als immaterielle Technologien. Doch ihre Infrastruktur ist es nicht. Rechenzentren benötigen enorme Mengen an Energie – und vor allem Wasser. In Chile entstehen immer mehr dieser Anlagen, häufig in Regionen, die bereits unter extremer Wasserknappheit leiden. Während der Nutzen der digitalen Dienste vor allem im globalen Norden liegt, tragen Gemeinden im Süden die ökologischen und sozialen Kosten. Der Beitrag basiert auf dem Radio-Podcast von Radio Matraca, zu diesem gibt es auch eine deutsche Fassung.

Chile gehört heute zu den Ländern mit der höchsten Dichte an Rechenzentren in Lateinamerika – möglicherweise bald weltweit. Rund 60 Rechenzentren mittlerer Größe verbrauchen so viel Wasser wie eine Millionenstadt wie New York. Ganze Territorien werden zu Zonen der Wasserentnahme, oft unter schwach kontrollierten oder zunehmend deregulierten Rahmenbedingungen.

Widerstand gegen Rechenzentren im Westen von Santiago

Ein besonders bekanntes Beispiel ist die Gemeinde Cerrillos im Westen von Santiago. Dort erfuhren Anwohner*innen 2019 von Plänen des Konzerns Google, ein großes Rechenzentrum zu errichten. Die Region leidet bereits unter massiver Wasserknappheit. Aus dem lokalen Widerstand entstand die soziale und ökologische Bewegung Mosacat (Movimiento socioambiental comunitario por el agua y el territorio).

Mosacat machte öffentlich, dass das geplante Rechenzentrum ursprünglich rund 169 Liter Wasser pro Sekunde zur Kühlung verbrauchen sollte – nahezu das gesamte verfügbare Grundwasser des lokalen Aquifers. Durch Proteste, Nachbarschaftsversammlungen und politischen Druck erreichte die Bewegung, dass Google sein Kühlungssystem ändern musste. Auch in anderen Gemeinden wie Quilicura oder Maipú konnten Projekte gestoppt oder verändert werden, die Feuchtgebiete, Abwassersysteme und die Lebensqualität der Bevölkerung gefährdet hätten.

Neo-Extraktivismus und Deregulierung

Doch diese Erfolge stehen unter Druck. Aktivist*innen wie Bryan Serraille von Moscat warnen vor einer zunehmend extraktivistischen Agenda der chilenischen Regierung. Unter dem Schlagwort des „Neo-Extraktivismus“ werden Großprojekte wie die nationale Lithiumstrategie, der Wasserstoffplan und ein nationaler Plan für Rechenzentren vorangetrieben.

Begleitet werden diese Vorhaben von Gesetzesänderungen, die Umweltprüfungen flexibilisieren und Genehmigungsverfahren beschleunigen sollen. Kritiker*innen sprechen von einer „Umwelt-Motorsäge“: Investitionen werden erleichtert, während Umweltkontrollen und der Schutz von Ökosystemen massiv geschwächt werden. Besonders betroffen sind sogenannte Opferzonen – Regionen, die bereits stark belastet sind.

Globale Verantwortung und technologische Ungleichheit

Die Wissenschaftlerin Marina Otero von der Harvard University weist darauf hin, dass es längst Technologien gibt, mit denen Rechenzentren deutlich weniger Wasser verbrauchen könnten. Doch viele Unternehmen setzen sie nur dort ein, wo sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Während in Ländern wie Norwegen moderne Kühlsysteme Standard sind, kommen in Chile häufig veraltete Technologien zum Einsatz. Das wirft grundlegende Fragen globaler Ungleichheit und Verantwortung auf.

Solidarität zwischen Chile und Berlin

Parallel zum lokalen Widerstand in Chile entstehen neue Formen internationaler Solidarität. In Berlin arbeitet das Kollektiv SoliSur an der Verbindung von migrantischen Kämpfen, Umweltgerechtigkeit und anti-extraktivistischen Bewegungen. Entstanden aus dem Engagement lateinamerikanischer Migrant*innen und solidarischer Initiativen in Deutschland, organisiert SoliSur Workshops, Filmforen, politische Dialoge und Begegnungen mit Aktivistinnen aus Lateinamerika.

Diese Räume ermöglichen Austausch, Sichtbarkeit und gemeinsame Strategien – über Kontinente hinweg. Aktivist*innen aus Ländern wie Chile, Ecuador, El Salvador oder Kolumbien kommen mit Initiativen in Berlin zusammen, um Erfahrungen zu teilen und Widerstand zu vernetzen.

Mehr als ein lokaler Umweltkonflikt

Was in Cerrillos und Quilicura geschieht, ist kein Einzelfall. Es steht exemplarisch für eine globale Entwicklung: Digitale Zukunftsprojekte, deren ökologische Kosten ausgelagert werden. Gemeinden im globalen Süden zahlen den Preis für einen Lebensstil und eine technologische Entwicklung, die anderswo profitieren.

Organisationen wie Mosacat und SoliSur zeigen, dass Widerstand Wirkung entfalten kann – lokal und international. Sie fordern Transparenz über Ressourcenverbrauch, den Einsatz bestverfügbarer Technologien und eine Stärkung von Umweltgesetzen auf nationaler wie globaler Ebene.

Die Frage, die bleibt, ist grundlegend: Welche Zukunft wollen wir – und wer trägt ihre Kosten?

Einen Audiobeitrag zu diesem Thema findest du hier. Die spanische Originalversion als Audio kannst du dir hier anhören.

CC BY-SA 4.0 Cloud, KI und koloniale Kontinuitäten: Chiles Wasser unter Druck von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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