Brasilien

Schutzgebiete am Amazonas stillschweigend verkleinert


von Instituto Humanitas Unisinos

Abholzung im Amazonasgebiet. Foto: adital(Fortaleza, 28. August 2012, adital-poonal).- Interview mit dem auf Umweltfragen spezialisierten Agrarwissenschaftler Adalberto Veríssimo. Er ist Mitgründer des Instituts für Mensch und Umwelt des Amazonas-Gebietes Imazon (Instituto do Homem e Meio Ambiente da Amazônia). Dieses hat seinen Sitz in Belém, der Hauptstadt des Bundesstaates Pará.

 

Wie bewerten Sie die Wiederaufnahme der Investitionen der brasilianischen Bundesregierung auf den Fernstraßen BR-163 (Cuiabá-Santarém) und BR-230 (Transamazônica)? Was bedeuten die Bauarbeiten für Brasiliens Norden angesichts der Unterentwicklung der Region?

In den vergangenen beiden Jahren ist die Asphaltierung der BR-163 fortgeschritten, aktuell sind die Investitionen aber überschaubar. Beobachter warnen allerdings davor, dass mehrere Faktoren vorliegen, die zusammengenommen einen Anstieg der Abholzung fördern könnten.

Da ist zum einen die Asphaltierung der B-163 an sich. Sie hat Abenteurer und illegale Landbesetzer angezogen, die zwecks Abholzung in das Gebiet eindringen wollen. 2005 hatte die brasilianische Regierung mehrere Schutzgebiete errichtet und versucht, auf diese Weise der beschriebenen Entwicklung vorzubeugen. Der Regenwald soll vor unbefugtem Zugriff dadurch geschützt werden, dass die Regierung sich ihn aneignet.

In den vergangenen beiden Jahren jedoch hat Brasília zu erkennen gegeben, dass die Grenzen der Schutzgebiete neu gezogen und diese verkleinert werden könnten. Die Rede war von notwendigen Anpassungen. Die illegalen Landbesetzer fordern eine deutlich stärkere Verkleinerung. Jedes Mal, wenn die Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisiert, kommt es zu einem Tauziehen, das einen Anstieg der Abholzung zur Folge hat.

Im Amazonasgebiet besteht eine Tradition, dass durch Abholzung vollendete Tatsachen geschaffen werden sollen, um das Eigentumsrecht zu erzwingen. Hinzu kommt die Vermittlung des Eindrucks, hier solle eine wie auch immer geartete produktive Tätigkeit entwickelt werden. Die Regierung behauptet zwar, dass sie die Regeln für die Schutzgebiete nicht aufweicht. Genau das passiert aber und löst einen Ansturm von Spekulanten aus. Was die BR-230 betrifft, so heißt das Hauptproblem Belo Monte. Es befindet sich im Einzugsgebiet eines Streckenabschnitts der Straße.

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Verkleinerung der Schutzgebiete und dem Wasserkraftwerk Tapajós?

Kürzlich hat die Regierung in der Tat auch fünf Schutzgebiete in dem Gebiet verkleinert, in dem das Wasserkraftwerk Tapajós gebaut werden soll. Sie tat dies ohne Not. Im Fall des Baus wäre es wichtig, einen „Gürtel“ von Schutzgebieten rund um das Wasserkraftwerk zu haben, der Schutz gegen illegale Landbesetzer bietet. Das Projekt an sich führt zunächst einmal nicht zu einer verstärkten Abholzung.

Das Projekt Tapajós hat zahlreiche Kritik hervorgerufen, da es Auswirkungen auf die indigenen Gemeinschaften hätte. Wie würden diese aussehen?

Adalberto Veríssimo. Foto: aditalDie Regierung behauptet zwar, dass nur ein vergleichsweise kleines Gebiet für den Bau des Wasserkraftwerks abgeholzt werden müsste. Das Projekt unterscheide sich grundlegend von Belo Monte, da es keine riesigen Baustellen geben würde. Wir wissen allerdings sehr gut, dass die Wasserkraftwerke im Amazonasgebiet soziale Auswirkungen haben. Zum Beispiel eine sehr starke Migration, einen Anstieg der Gewalt und eben Auswirkungen auf die indigenen Gemeinschaften. Auch wenn die Regierung beschwichtigt und behutsam vorgehen will, ohne dass soziale und Umweltschäden entstehen, so hat die Vergangenheit klar das Gegenteil bewiesen.

Ich befürchte sogar, dass die Gegend um Tapajós sich in einen noch kritischeren Zustand verwandeln wird, als dies bei Belo Monte der Fall ist. Hierfür sprechen drei gefährliche Punkte: Die Asphaltierung der BR-163, die Möglichkeit des Baus der geplanten Wasserkraftwerke, die eine Welle der Landbesetzung auslösen würde, und ein Zustrom von Goldschürfern, auch aufgrund des hohen Goldpreises. Genau diese Gegend erlebte Ende der 1980er Jahre schon einmal einen Boom, begleitet von Gewalt. Es handelt sich also um keine Gegend wie andere. Rund um Belo Monte erleben wir ja schon zahlreiche Probleme, und hier gibt es weder eine asphaltierte Straße noch Goldschürfer. Auch hält sich die Abholzung einigermaßen im Rahmen.

Was Tapajós betrifft, so ist es höchste Zeit für die Regierung zu handeln, den Schutzgebieten wieder Geltung zu verschaffen, und der illegalen Landbesetzung entgegenzuwirken. Der Bau von Wasserkraftwerken im Amazonasgebiet kann grundsätzlich wichtig sein, es müssten aber alle erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Voraussetzung wäre eine soziale und ökologische Agenda der Regierung. Die Bauprojekte im Amazonasgebiet könnten sich als Chance erweisen, die sozioökonomischen Bedingungen zu verbessern, doch es bestehen Konflikte und die Abholzung nimmt zu.

Welche Ziele verfolgen der Bau der Fernstraßen BR-163 und BR-319?

Die BR-163, die die Bundesstaaten Mato Grosso und Pará sowie die Städte Cuaibá und Santarém verbindet, dient als „Soja-Korridor“, für das in Mato Grosso produzierte Soja. In Santarém wird es auf Flöße geladen und dann exportiert. Der Transport verläuft also über die Straße und das Wasser. Die Fernstraße Santarém – Cuiabá ist fast 1.800 Kilometer lang und verläuft fast parallel zum Rio Tapajós. Die BR-319 verbindet Porto Velho, die Hauptstadt des Bundesstaates Rondônia, mit Manaus. Sie wurde 1973 von der Militärdiktatur in Betrieb genommen, um das Amazonasgebiet zu besiedeln. Die BR-319 soll nun nach Jahrzehnten des Verfalls reaktiviert werden, um Manaus mit dem Rest Brasiliens zu verbinden. Praktisch gesehen ist dies allerdings nicht machbar, und es gibt auch keine wirtschaftliche Rechtfertigung für die BR-319.

Vor welchen Herausforderungen steht Brasilien hinsichtlich der Abholzung?

Brasilien hat sich offziell dazu verpflichtet, die Abholzung bis zum Jahr 2020 um 80 Prozent zu verringern. Bis jetzt wurden die Ziele erreicht. Die jährliche Abholzung beträgt derzeit etwa 6.000 Quadratkilometer. Es wurde also eine deutliche Verringerung erreicht, doch Brasilien muss daran arbeiten, dass die abgeholzte Fläche im Jahr 2016 auf 3.300 Quadratkilometer sinkt. Im Amazonasgebiet wird die Abholzung nicht kontrolliert, und solange dies nicht geschieht, droht ein erneuter Anstieg. Die Regierung verfügt auf jeden Fall über die erforderlichen Instrumente, um dies zu verhindern.

 

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