Kolumbien

Red Juvenil – Würde statt Militarismus


von Darius Ossami

alt(Berlin, 09. November 2010, npl).- Ende September 2010 waren vier Frauen des antimilitaristischen Jugend-Kulturnetzwerkes „Red Juvenil“ in Europa zu Gast. Das Red Juvenil kommt aus der kolumbianischen Großstadt Medellín.

 

Kampf für die eigenen Träume

Die vier Frauen präsentierten das extra für die Tour konzipierte Tanztheaterstück „Huitaca: Voces del Socavón“. Die präkolumbianische Göttin Huitaka forderte die männlichen Götter heraus und widersetzte sich dem Patriarchat. Das Theaterstück behandelt die Lebensgeschichte von vier Frauen, die über historische, rassistische, religiöse und soziale Grenzen hinweg für ihre Träume gekämpft haben. Die Erinnerung an sie sollte aus der Tiefe, dem „Socavón“ hervorgeholt werden.

Die Theatergruppe ist Teil des Red Juvenil. Die vier Frauen sind dort seit Jahren aktiv. Das Red Juvenil besteht aus verschiedenen Gruppen, wie dem antimilitaristischen Netzwerk, einer anderen Gruppe, die sich um Bildung für Frauen und Jugendliche kümmert, es gibt eine Rechtsberatung, eine gewaltfreie Aktionsgruppe, die Frauengruppe Itza – und eben die Theatergruppe. Doch die Frauen wollen nicht nur einfach Theater machen, sondern damit ihre politische Weltanschauung mit praktischen Aktionen verbinden.

Alternativen für Jugendliche

Zur politischen Bildung nutzt das Red Juvenil neben Theater auch andere Aktionsformen, wie Performances, Agitprop-Aktionen, das antimilitaristische Musikfestival „Antimili Sonoro“ und Infoaktionen gegen die Rekrutierung von Jugendlichen für das Militär. Nicht zuletzt durch solche Aktionen kommen auch neue junge Leute zum Red Juvenil. Auch mit dem Festival „Arte en Resistencia“ wollen sie vor allem Jugendlichen vermitteln, dass es eine Alternative zur militarisierten Gesellschaft in Kolumbien geben kann.

Mit Trommeln und Flugblättern zur Rekrutierung

Der Kampf gegen Militarisierung und Krieg ist einer der Hauptschwerpunkte des Red Juvenil, denn in Kolumbien ist der Militarismus allgegenwärtig. Deshalb versuchen die Frauen vom Red Juvenil, den Leute eine Gegenöffentlichkeit zu vermitteln. Die Leute sollen infrage stellen, was eigentlich im Land passiert. Tatiana erklärt, wie eine solche Aktion ablaufen kann: „Es gab zum Beispiel drei Aktionen gegen die Rekrutierung. Wir sind also da hingegangen, verkleidet, hatten Trommeln dabei und haben Flugblätter an die Jugendlichen verteilt, um ihnen zu zeigen, dass sie das Recht haben, zu sagen, ob sie zum Militär gehen wollen oder nicht. Und dabei gab es natürlich eine direkte Konfrontation mit den Militärs, denn diese versuchten, uns von dem Gelände zu vertreiben, und die Schlangen der Leute, die anstanden waren enorm. Vor zwei Jahren gab es dabei auch Schläge.“

Paramilitärs sind Alltag im Viertel

Der 200. Jahrestag der kolumbianischen Unabhängigkeit ist für die Frauen vom Red Juvenil kein Grund zum Feiern, denn für sie, so sagen sie, gibt es genauso wenig eine Unabhängigkeit wie für die Indigenen und die Bauern und Bäuerinnen. Die soziale Ungerechtigkeit bestehe weiterhin, und sie sei der Grund für die anhaltenden bewaffneten Konflikte im Land. Inzwischen gibt es landesweite Proteste von Indigenen, Bauern und Bäuerinnen, denn sie haben unter den Missständen besonders zu leiden. Ihr Land ist für sie lebenswichtig, doch Unternehmen und die Oligarchie, erklärt Denise, wollten dem Boden seine Schätze entziehen. Die Folge sind massenhafte Vertreibungen.

Auch der Paramilitarismus bleibt ein großes Problem, so Franci: „Das paramilitärische System ist leider zu einem Teil des Alltagslebens geworden, auch bei der Lösung persönlicher oder familiärer Konflikte. Wenn eine ein Problem mit ihrer Nachbarin hat, dann sind es oft die Paramilitärs des Viertels, die das Problem lösen. So werden sie zu einem Teil des Alltags in den Vierteln. In Medellín gibt es ständig Kontrollen. Wir müssen die ganze Zeit auf uns aufpassen. Und es wird klar, dass du dich allein durch die simple Tatsache, dass du protestierst oder irgendwas anklagst, einer gewissen Gefahr aussetzt.“

Keine Söhne für den Krieg

Somit sind auch die Frauen vom Red Juvenil von Repression, Gewalt und sozialen Missständen betroffen. Einschüchtern lassen sie sich davon jedoch nicht. Sie wollen weiter ihre Meinung äußern. Débora Arango, Juana Inés de la Cruz, Bartolina Sisa und Frida Kahlo – das sind die Frauen aus der Geschichte, denen die Aktivistinnen der Theatergruppe vom Red Juvenil eine Stimme gegeben haben. Doch generell gilt ihr Respekt allen Frauen, Organisationen und Bewegungen, die sich für die Freiheit und die Rechte der Frau einsetzen.

Dazu gehört auch der Kampf für die Entkriminalisierung der Abtreibung. Denn die Frauen, meinen Denise, Tatiana, Tama und Franci, sollen keine Söhne für den Krieg gebären müssen. Für die Zukunft hoffen sie, vielleicht auch einmal ein eigenes Theater zu haben. Aber eigentlich wollen sie noch viel mehr als das, wie Franci es ausdrückt: „ein Leben in Würde, und dass die Suche danach nicht unterdrückt wird. Nicht stigmatisiert, nicht bedroht – das wünsche ich mir.“

 

altVergleiche hierzu auch den Audiobeitrag des Autors im Rahmen der Kampagne „Menschen. Rechte. Stärken!“, der unter der URL http://www.npla.de/de/onda/content/1120 kostenlos angehört oder heruntergeladen werden kann.

 

 

Weitere Informationen:

Homepage des Red Juvenil de Medellín: http://www.redjuvenil.org/

Gewaltlos gegen den Krieg – Das Jugendnetzwerk Red Juvenil in MedellínRedebeitrag von Alejandra Londoño auf der 8. Weltfriedenskonferenz in München (2010)

Gegen die militarisierte Gesellschaft – In Kolumbien wächst die Zahl der Wehrdienstverweigerer (Von Claudia Isabel Rittel) in: Weltsichten 05-2010


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