Wiederaneignung der Äcker: Erstes Agrar-Forum der Basisbewegungen

Foto: ANCAP

(Buenos Aires, 10. Mai 2019, ANRed/ poonal).- Über 3.000 Bäuerinnen und Bauern versammelten sich am 7. und 8. Mai zu einem landesweiten Agrar-Forum. Die Teilnehmer*innen bearbeiten nicht nur die Erde, sondern setzen sich auch für Ernährungssouveränität und biologische Landwirtschaft ohne Einsatz von Ackergiften ein. Dabei haben sie ein klares Ziel vor Augen: Die Agrarreform. Auf dem Forum gab es Diskussions-, Gesprächs- und Reflexionsrunden. In 23 unterschiedlichen Arbeitsgruppen organisierten sich die Delegierten der bäuerlichen Organisationen. Sie sprachen miteinander, diskutierten und reflektierten und trugen ihre Ergebnisse auf der Abschlussveranstaltung vor. Die Frauen in der Landwirtschaft brachten eine antipatriarchale und feministische Perspektive ein, mit Fokus auf bäuerliche Territorien. Gemeinsam wurden kurz- und langfristige Ziele festgelegt. Kurzfristig geht es um die Ablehnung des Saatgutgesetzes von 2018 und das Pacht-/Mietengesetz. Mittel- und langfristig geht es um die Verteilung von Ländereien, die „Ernährungs-Alfabetisierung“ von der ersten Schulklasse an und um Subventionen, die sich auf die Wertschöpfungskette beziehen und die Zwischenhändler mitdenken.

Bäuerinnen für die Agrarreform
Foto: Juliana Miceli

Aus den unterschiedlichen Vorschlägen kristallisierte sich ein Fahrplan für die Landwirtschaft heraus, der den einzelnen Kandidat*innen für die Präsidentschaftswahl, die im Oktober stattfindet, überreicht werden wird. Ziel dieser Versammlung war es sich überparteilich zu organisieren. Bäuerliche Bewegungen und kleine landwirtschaftliche Produzent*innen sollen Seite an Seite die Umsetzung einer umfassenden und bäuerlichen Agrarreform erreichen.

MTE Rural: „Unser Ziel ist Ernährungssouveränität!“

Richtung Stadion des Sportclubs Ferro Carril Oeste, wo die Auftaktreden stattgefunden haben, steht auch ein Pavillon der MTE Rural, einer Organisation, die 2015 entstanden ist und im Obstanbau und der Viehwirtschaft aktiv ist. MTE Rural ist der ländliche Arm der Bewegung Ausgeschlossener Arbeiter MTE (Movimiento de Trabajadores Excluidos) sowie Teil des Dachverbands der Arbeiter der Populärwirtschaft CTEP (Confederación de Trabajadores de la Economía Popular). Carlos Vicente ist ein Kämpfer vom alten Schlag. Er kämpft für die Ernährungssouveränität und gegen die Patentierung von Saatgut. Er ist bei der Organisation GRAIN und der Zeitschrift Biodiversidad organisiert und teilt seine Ansicht mit ANCAP: „Das ist ein historischer Moment, ein Wendepunkt in Sachen Landfrage. Hier werden die entscheidenden Punkte angesprochen, die zu den Problemen in Argentinien führen, wie z.B. die Konzentration von Land in wenigen Händen, die Vertreibung von Bauern und Landarbeitern von Ländereien. Jetzt heißt es zu einem Modell der ökologischen und kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu wechseln. Unser Ziel ist Ernährungssouveränität.“

Gäste aus Venezuela

Juan Carlos Pintos von der Revolutionären Strömung Bolívar und Zamora (Corriente Revolucionaria Bolívar y Zamora) aus Venezuela erzählt: „Bei einigen Prozessen sind wir ein ganzes Stück vorangekommen. 2015 haben wir das Saatgutgesetz verabschiedet, es wurde damit verstaatlicht und sicher gestellt, dass Saatgut nicht patentiert wird. Es ist für die Menschheit da und nicht für die Multinationalen. Wir arbeiten an der Sicherstellung des Saatguts, die der venezolanischen Flora entstammen. Außerdem sind wir dabei den ökologischen Anbau voranzutreiben, wir wollen keine Ackergifte mehr einsetzen. Von den Kommunalräten und den bäuerlichen Sektoren aus, geben wir uns viel Mühe damit dies geschieht und das, trotz der großen Krise, die wir gerade in Venezuela erleben.“ Gefragt nach seiner Einschätzung des Agrarforums sagt er: „Dieses Forum war beeindruckend, erstens weil die Basisbewegungen zusammenstehen und auch wegen der strategischen Debatten rund um die Themen Produktion, den Zugang zu Land und die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft. Die Idee eines vereinten Lateinamerikas findet sich überall in Lateinamerika, das sind alternative Projekte, die strukturelle und tiefgreifende Antworten auf die kapitalistischen und neoliberalen Modelle, die Hunger und Armut in der ganzen Welt verursachen, geben. Die Organisation der Bevölkerung ist die Alternative.“

Kleine Bauern – große Schwierigkeiten

Ofelia Gutiérrez und ihre Produkte aus Lamawolle
Foto: ANCAP

Auf dem Forum wurden auch regionale Produkte der verschiedenen Organisationen angeboten. Ofelia Gutiérrez gehört zu der Kooperative Puna. Sie stellen Kunsthandwerk aus Lamawolle her. Das Netzwerk Puna aus der nordargentinische Provinz Jujuy gibt es seit über 30 Jahren und es besteht aus 32 Organisationen. Ofelia erzählt: „Momentan haben wir große Schwierigkeiten mit dem Zugang zu Land. Der Provinzgouverneur Gerardo Morales will die Bauern von ihrem Land, wo sie Gemüse anbauen, vertreiben. Er will uns rausschmeißen, aber wir leisten Widerstand. Die Regierung stellt sich taub für unsere Belange. Deswegen ist dieses Forum der Basis wichtig, damit wir auf nationaler Ebene und in ganz Lateinamerika gehört werden.“

Luis Pérez ist ein Kleinbauer aus Florencio Varela, Provinz Buenos Aires und Sprecher der Vereinigung der Gemüsebauern 1610 (Asociación de Productores Hortícolas de la 1610). Er sagt: „Wir sind 17 Gemüse-Kleinbauern. Seit Jahren haben wir mit dem staatlichen Institut für Agrartechnik INTA (Instituto Nacional de Tecnología Agropecuaria) zusammengearbeitet. Und die aktuelle Regierung hat es kaputt macht, durch die zahlreichen Entlassungen. Die Regierung ignoriert unsere Realität. Es gibt nichts zu essen, obwohl wir das Essen produzieren. Die meisten Produzenten pachten die Ländereien, wo sie anbauen. Und die Pacht wird immer teurer. Wir Kleinbauern haben keine Rechte. Sie haben uns die Steuervorteile entzogen. Um pflügen zu können, musste ich mir zwei Kühe anschaffen, das ist ein Rückschritt.“

Die Stimme der UTT

Agrar-Forum
Foto: ANCAP

Lucas ist Teil der Vereinigung der Landarbeiter*innen UTT (Unión de Trabajadores de la Tierra) und teilt mit uns seine abschließende Reflexion: „Es ist ein historischer Moment, das wir hier zusammen gekommen sind, nach so vielen Jahren des Kampfes. Die Organisationen in Argentinien haben sich bisher immer vorgestellt, dass es zu einem auf Analysen gestützten Dialog zwischen den Regierungen kommen würde. Unsere Analyse haben wir auf dem Forum erstellt, in einer Krisensituation, die momentan in Argentinien vorherrscht. Mit dieser Regierung kann man nicht reden und nicht nur das; jedes Mal wenn wir einen Vorschlag machen, wird dieser abgeschmettert oder sie schlagen uns nieder, wie in Constitución. Wir haben einen Gesetzesentwurf vorgeschlagen, dieser ist auf Geheiß der Regierung in einer Schublade verschwunden. Jetzt sind wir im Mai angekommen und hier haben wir viel zu tun. Bäuerliche Organisationen, Intellektuelle aus den Universitäten, Vorreiter*innen der Ernährungssouveränität, Fischer, indigene Völker und andere Akteur*innen sind zusammengekommen. In 23 Gruppen wurde gearbeitet und jetzt kommen wir zum Abschluss, wo alle Compañeres ihre Ergebnisse vorstellen, wie wir auf kurze und lange Sicht politisch weitermachen.“ Wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl wollen wir noch wissen, was er über die fehlende Politik hinsichtlich eines Umdenkens in der landwirtschaftlichen Produktion und über mangelnde Zukunftsvisionen im landwirtschaftlichen Bereich denkt. „Die Sache mit den Parteien in Argentinien, die traditionellen Parteien. Es ist unbestreitbar, dass die Vorgängerregierung (Kirchner, Anm.d.R.) einige richtige politische Entscheidungen getroffen hat, aber sie hat auch Monsanto Tor und Tür geöffnet, sie hat den Sojaanbau vollkommen unkontrolliert ins Land gelassen, denn sie ging davon aus, dass es dem Land Devisen bringen würde. Da wurden die Grenzen auf dem argentinischen Land verschoben, so als ob es sich um private Viertel oder Countries handeln würde. Über die Verschmutzung des Wassers und der Böden wurde nicht nachgedacht, das ist klar. Der Präsident sagt, dass man die Felder spritzen könne, während die Kinder in der Schule sind. Diese Menschen gehören einer Klasse an, die weit entfernt von den Dörfern und der Realität sind. Wir glauben, dass dieses Forum Einfluss ausüben muss und hieraus entwickelt sich dieses Zusammenstehen der bäuerlichen Organisationen. Diese Einheit gibt uns Kraft, um für den Zugang zu Land und Wasser zu kämpfen.“

„Wenn die Ackergifte die Insekten töten, töten sie auch die Menschen!“

Abschlusskundgebung, Nahuel Levaggi im Hintergrund
Foto: ANCAP

Auf der Abschlussveranstaltung im Stadion stellen sich einige junge Leute mit ihren Trommeln auf, die Fahnen deuten auf die Präsenz der teilnehmenden Organisationen hin. Nahuel Levaggi von der UTT ergreift inbrünstig das Wort und trinkt unter Applaus ein Glas Naturdünger. In ein weiteres Glas tröpfelt er ein Herbizid und fragt: „Wer traut sich, das zu trinken?“ Niemand traut sich. Und er schließt: „Heute kehren wir nicht in die Geschichte zurück, heute sprechen wir vom Zugang zu Land, von Rechten und von ökologischer Landwirtschaft. Wenn die Ackergifte die Insekten töten, töten sie auch die Menschen!“

 

 

 

 

Mit dabei waren über hundert Organisationen, darunter:

Cooperativa de Trabajadores Rurales de San Vicente (CTR), die in der Comuna Darío Santillán und Campo Juan Nahuelcurá ökologische Landwirtschaft betreiben (Gemüse, Molkerei, Käserei) und ihre Produkte lokal vermarkten

Movimiento Campesino de Santiago Del Estero (MOCASE)

Federación Nacional Campesina

1610 de Florencio Varela

Asociación de Trabajadores Rurales y Estibadores de Salta (A.T.R.E.S).

Frente Agrario Evita

Movimiento Nacional Campesino Indígena (MNCI)

UTT

El Encuentro Nacional de Organizaciones Territoriales de Pueblos Originarios (ENOTPO)

… und viele mehr.

Fotos: Arveja Esperanza y Juliana Miceli, ANCAP

Einen weiteren sehr interessanten spanischsprachigen Bericht über das Agrar-Forum findet ihr bei La Tinta.

CC BY-SA 4.0 Wiederaneignung der Äcker: Erstes Agrar-Forum der Basisbewegungen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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