Umweltzerstörung in Tulum

„Hier starb der Puma, Opfer des ungebremsten Fortschritts in Tulum“, steht auf diesem selbstgebauten Grabstein. Foto: Darius Ossami

(Berlin, 21. September 2021, npla).- An der viel befahrenen Landstraße von Tulum zu den Stränden und Hotels steht ein kleiner, selbst gebauter Grabstein: Hier wurde im Dezember 2018 ein Puma überfahren. Sinnbild für die fortschreitende Zerstörung des Lebensraumes der eigentlich streng geschützten Raubkatzen. Mexiko hat nach Brasilien die zweitgrößte Population des Jaguars – fragt sich nur, wie lange noch.

Tulum liegt im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo auf der Halbinsel Yucatán, 120 Kilometer südlich der Touristenhochburg Cancún. 1990 war Tulum noch ein verträumtes Städtchen mit nur 2.000 Einwohner*innen, ein Yogaparadies und Aussteigerort nahe der mexikanischen Karibikküste mit seinen traumhaften Stränden und einem der weltweit größten Korallenriffe. Doch durch seine Ruinen, das größte Unterwasser-Höhlensystem der Erde und natürlich wegen seiner wunderschönen Strände wurde Tulum zu einem wichtigen touristischen Zentrum. Daher leben hier inzwischen etwa 40.000 Menschen, Tendenz steigend.

Partyhochburg und Luxushotels im Mangrovenwald

Heute gilt Tulum als Partyhochburg. Millionen Tourist*innen kommen jedes Jahr aus den USA und Kanada, aber auch aus Europa und Lateinamerika. Am sieben Kilometer langen Strandabschnitt reiht sich nun ein teures Hotel an das nächste. Die Hotels werben mit Nachhaltigkeit, haben hübsche Strohdächer und bieten Yoga und veganes Essen an – aber fast täglich werden neue Gebäude und Parkplätze auf dem eigentlich geschützten Dünenstreifen oder illegal in den Mangrovenwald gebaut. Mangrovenwälder und Mangrovensümpfe sind ein wichtiges tropisches Ökosystem an Küsten und Flussmündungen. Sie sind gesetzlich geschützt und dürfen nicht beschnitten, gefällt oder verändert werden. Allerdings sind sie auch an der mexikanischen Karibikküste durch Tourismus, Industrie und den exzessiven Bauboom gefährdet.

Der Umweltingenieur Dario Ferreira Piña beschreibt die verschiedenen Mangrovenarten, die es hier noch gibt. Foto: D. Ossami

„Für mich ist Tulum bereits verloren!”, beklagt der Umweltingenieur und Touristenguide Dario Ferreira Piña. Der smypathische Mangrovenexperte lebt seit acht Jahren hier und wurde so Zeuge der Umweltzerstörung: „Vom biologischen Korridor zwischen dem Nationalpark Tulum und dem Biosphärenreservat Sian Ka’an sind nur noch Reste übrig. Vorher war dieses wichtige Stück Natur durch Mangrovenwälder miteinander verbunden, genau da, wo jetzt die Hotelzone von Tulum ist. Die Natur wurde jetzt durch die ganzen Entwicklungen zerstört. Diese Entwicklung hätte gebremst werden müssen, bevor solche Großprojekte wie Aldea Zamá genehmigt wurden.”

Dieselgeneratoren, Abwässer und wilde Müllkippen

Luxusprojekte wie Santomar oder Aldea Zamá zerschneiden den biologischen Korridor. Foto: D. Ossami

Aldea Zamá ist eine von mehreren riesigen Luxussiedlungen, die momentan rund um Tulum in den Mangrovenwald gebaut werden und nach Ansicht von Ferreira Piña niemals hätte genehmigt werden dürfen. „Der Verlust der Biodiversität in Mexiko ist immer die Konsequenz menschlicher Aktivitäten”, erklärt auch der Biologe Ángel Omar Ortiz. „Ein Beispiel für den Eingriff in die Ökosysteme sind Hotelkomplexe, die auf Mangrovengebieten gebaut werden. Wir verursachen also eine grundlegende Veränderung des Lebensraumes dieser Feuchtgebiete, damit verlieren wir eine großen Teil der Biodiversität und das führt auch zu einer starken Umweltbelastung.”

Inzwischen drohen irreversible Umweltschäden: Immer mehr Tourismusprojekte und Luxusresorts fressen sich von der Küste Tulums ins Landesinnere. Das überlastete Stromnetz wird mit Dieselgeneratoren aufgepeppt, es gibt keine angemessene Müllentsorgung. Das für ganz Yucatán wichtige Grundwasser sinkt durch den Wasserverbrauch und wird durch Einleitung von ungeklärtem Abwasser stark verschmutzt. Das bedroht wiederum das zweitgrößte Korallenriff der Erde.

Auch Unesco-Welterbe Sian Ka’an bedroht

Im Süden hingegen wird der Bauboom vom Biosphärenreservat Sian Ka’an aufgehalten. Das Unesco-Welterbe besteht aus tropischen Wäldern, Mangroven und Lagunen und ist doppelt so groß wie das Saarland. Ángel Omar Ortiz ist nicht nur Biologe, sondern seit 2012 auch Direktor des riesigen Naturschutzgebietes. Doch seine 23 Mitarbeiter*innen reichen nicht aus, um Wilderer und alle illegal auf dem riesigen Areal errichteten Bauten und Straßen aufzuspüren. Die eigentliche Gefahr aber lauert direkt außerhalb der Grenzen von Sian Ka’an, erklärt Omar Ortiz:

„Im Einflussgebiet wächst die Infrastruktur völlig ungeordnet. Die Entwicklung außerhalb des Schutzgebietes wirkt sich auf drinnen aus: Die veränderte Bodennutzung, die Eingriffe im Wald, die Verschmutzung des Grundwassers. Es gibt drei Siedlungsprojekte, die rund um Sian Ka’an gebaut werden sollen. Der Bau dieser Siedlungen bringt genau solche Probleme mit sich. Es gibt auch Interessengruppen, die sich Landstücke aneignen und dort bauen. In Muyil zum Beispiel, mit den wunderschönen Lagunen Muyil und Chunyaxché, soll eine Stadt gebaut werden, größer als das Tulum von heute.”

Zerstörung des biologischen Korridors begünstigt neue Krankheiten

Eigentlich sind die Mangrovenwälder geschützt. Doch mafiöse Strukturen und korrumpierte Behörden sorgen dafür, dass Umweltgesetze nicht eingehalten werden. Foto: D. Ossami

Eigentlich ist dieses Gebiet in Yucatán Teil des mesoamerikanischen biologischen Korridors des Jaguars und weiterer Wildkatzen. Doch die rasante Veränderung ihrer Lebensräume wird zum Verschwinden dieser Spezies führen, fürchtet Umweltingenieur Ferreira Piña: „Mit den ganzen Schneisen, Einebnungen, Bauarbeiten und Veränderungen der Umwelt verringern wir ihren Lebensraum und die Diversität. Alle unsere Naturschutzgebiete wie das Biosphärenreservat Sian Ka’an oder der Nationalpark Tulum sind relativ kleine Grünflächen, die uns aber nicht helfen werden, die Biodiversität und unsere international so bedeutsame Fauna zu bewahren”, stellt Ferreira Piña ernüchtert fest und fügt in Bezug auf Covid-19 hinzu: „Wir wollen ohne Pandemien leben, aber wenn wir die Artenvielfalt auf wenige Spezies reduzieren, wird das in Zukunft nicht mehr möglich sein. Denn wenige Arten in einem Tropengebiet mit vielen Erregern führen zur Ausbreitung neuer Krankheiten.”

Darüber hinaus plant die mexikanische Regierung unter Präsident Andres Manuel López Obrador groß angelegte Infrastrukturprojekte wie den Maya-Zug, der direkt an der Grenze des Biosphärenreservats Sian Ka’an vorbeiführen soll. Auch ein Flughafen für Tulum ist geplant; dann könnten die Tourist*innen zukünftig noch einfacher und noch zahlreicher nach Tulum kommen. Außerdem soll der Bau von Hotelprojekten auch innerhalb des Schutzgebietes geplant sein. Die Unesco erklärte dazu auf Anfrage, darüber keine Informationen zu haben. Und die nächste Überprüfung des Welterbes ist erst für das Jahr 2026 geplant.

Zu diesem Artikel gibt es einen Audiobeitrag bei onda sowie eine Audio-Langfassung im onda-info 517.

CC BY-SA 4.0 Umweltzerstörung in Tulum von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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