Der Kampf der schwarzen Gemeinden in Buenaventura

Die Gemeinde hat ein Wandbild im Gedenken an den ermordeten Aktivisten Temístocles Machado erstellt. Foto: Liliana Ángulo Cortés

(Berlin, 24. Dezember 2019, npla).- Buenaventura ist nicht nur der wichtigste Pazifikhafen, sondern auch eine der gefährlichsten Städte Kolumbiens. Und das hängt mit dem Hafen zusammen. Hier werden nicht nur Drogen in den Norden verschifft; zudem ist der normale Hafenumschlag ein Wirtschaftsfaktor von nationalem Interesse. Mit dem Umsatz wächst auch der Hafen. Aber um den Hafen herum leben Menschen – fast ausschließlich Afrokolumbianer*innen, die den Profiteur*innen des Hafenbusiness ein Dorn im Auge sind.

Der 39jährige Juan Rodrigo Machado ist Gemeindeaktivist und lebt im Viertel Isla de la Paz am Stadtrand von Buenaventura. Auf den Fotos, die er zeigt, ist sein Vater zu sehen; er steht lachend mit Nachbar*innen in den Lagunen und Mangrovenwäldern rund um Buenaventura. Doch inzwischen werden diese Lagunen zubetoniert, und Machados Vater lebt nicht mehr. Das Viertel Isla de la Paz – die Friedensinsel – liegt in unmittelbarer Nähe des Hafens und ist deshalb direkt von der geplanten Hafenerweiterung betroffen. „Buenaventura ist ein Sonderfall“, erklärt Machado, „weil es eine Hafenstadt ist und es ein großes Interesse an einem Hafenausbau gibt. Isla de la Paz ist da keine Ausnahme, auch hier soll die Logistik für die Häfen ausgebaut und Parkplätze und Containerterminals gebaut werden. Und um das zu erreichen, werden Gewalt, Terror und Angst eingesetzt.“

Das Viertel war früher Waldgebiet. Manche Familien leben seit hundert Jahren hier, andere kamen in den vergangenen Jahrzehnten. Nie hatte sich jemand für sie interessiert, die Gegend war arm und wurde gemieden. Doch in den 90er Jahren änderte sich das. Interessenten kamen mit Geld, Einflussreiche Unternehmer präsentierten gefälschte Besitztitel, um sich Land anzueignen, Bewaffnete tauchten auf. Doch die meisten Menschen wollten nicht gehen, sie lebten vom Fischfang, wohnten hier mit ihren Familien und Nachbar*innen.

Temístocles Machado war ein furchtloser und geachteter Aktivist

Juan Rodrigo Machado kämpft gegen Landraub, Korruption und strukturellen Rassismus. Das hat er wohl von seinem Vater: Temístocles Machado war in Buenaventura ein furchtloser und geachteter Aktivist, der jahrzehntelang die Rechte der afrokolumbianischen Gemeinden gegen die überwiegend weiße Elite verteidigt hat. Sein ältester Sohn erinnert sich: „Etwa im Jahr 1999 fingen die ganzen Probleme für die Gemeinde an. Der Landraub und die Gewalt begannen mit dem Bau der Umgehungsstraße. Leute tauchten in der Umgebung auf, machten Hausbesuche und schüchterten die Leute ein. Und mein Vater, Temistocles Machado, begann, gegen den Landraub und für die Rechte der Gemeinde zu kämpfen.“

Mit der Umgehungsstraße kam die Gewalt

Dieser Vergleich zeigt, wie sehr sich der Hafen von Buenaventura in den vergangenen Jahren vergrößert hat.

Die Umgebungsstraße wurde 2005 fertig gestellt, doch die Probleme hörten nicht auf – im Gegenteil. Das Interesse am Land in der Hafenumgebung wuchs weiter. Strohmänner brachten mal mit Geld, mal mit Drohungen viele Leute dazu, ihr Land zu verkaufen. Dieses verkauften die Strohmänner dann an Unternehmer wie Jairo Arturo Salamando und es konnten Hotels, Containerterminals oder Lagerräume für Steinkohle gebaut werden. Paramilitärs übernahmen die Kontrolle über die Viertel.

2017 organisierte Temistocles Machado, den alle nur „Don Temis“ nennen, einen Streik mit, den Paro Cívico. Wochenlang blockierten Bewohner*innen von Buenaventura wichtige Straßen und zwangen so die Stadtverwaltung zu Zugeständnissen. Natürlich wurde Don Temis bedroht, doch er konnte Allianzen schmieden und war stadtweit bekannt, und das schützte ihn. Er hat seine Nachbar*innen über ihre Rechte beraten und ist juristisch gegen Enteignungsversuche vorgegangen. Unter anderem gegen den erwähnten Unternehmer Salamando. Machado hat persönliche Unterlagen und Gerichtsakten gesammelt und so aus dem Nichts ein Gemeindearchiv erschaffen. Diese Unterlagen wurden zu wichtigen Beweismitteln bei Gerichtsprozessen gegen die Enteignungen – denn in den Behörden waren solche Akten plötzlich unauffindbar.

Zusammenhang zwischen Terror und Wirtschaftsprojekten

Die Künstlerin und Aktivistin Liliana Angulo Cortés kennt Buenaventura seit 2015. Sie erklärt: „Immer dann. wenn ein Entwicklungsprojekt vorangebracht werden soll, wird Gewalt gegen die Gemeinden angewendet, um Terror zu verbreiten und die Leute zu vertreiben, damit das Hafenprojekt weiter entwickelt werden kann“. Ursprünglich wollte Angulo Cortés mehr über die Femizide erfahren, die Buenaventura erschüttern. Dabei lernte sie auch Don Temis kennen. Und sie merkte, dass die Femizide keine Einzelfälle sind, sondern Teil einer Gewalt die dazu dient, das soziale Gefüge zu zerstören:

„Die Gewalt kommt von paramilitärischen Gruppen, die in die Stadt kommen und sich in den Gemeinden breit machen. Es tauchen Dinge auf wie die sogenannten „Hackhäuser“, wo Menschen geköpft werden – alles mit dem Ziel, Terror zu verbreiten. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen diesem Terror und den Wirtschaftsprojekten. Es gibt einen Entwicklungsplan für Buenaventura bis zum Jahr 2050, da steckt also sehr viel Geld hinter.“

Solche paramilitärischen Gruppen sind nach Aussage von Machado in den Drogenhandel verwickelt; sie lassen sich aber auch als Auftragskiller anheuern, zum Beispiel von Unternehmern, die am Hafenbusiness verdienen. Am 27. Januar 2018 kamen zwei Männer und erschossen Temístocles Machado. „Die Gemeinde war völlig verzweifelt“, erinnert sich Angulo Cortés: „Gerade hatten sie den Streik gewonnen, aber der Mord an Don Temis war wie eine Ansage: Bis hierhin und nicht weiter!“

„Dieser Kampf hört hier nicht auf“

Mehrere Orte, an denen sich Don Temis für die Gemeinde eingesetzt hatte, wurden von Aktivist*innen mit Gedenktafeln versehen. Foto: Liliana Angulo Cortés

Doch Liliana Angulo, Juan Rodrigo Machado und die Gemeinde wollten sich nicht einschüchtern lassen. Sie sicherten das Archiv, zeigten Dokumentarfilme über die Entwicklung am Hafen, und bauten Versammlungsräume auf. Dort konnten sie nicht nur gemeinsam trauern, sondern auch diskutieren, wie sie aus der Angst rauskommen und Erinnerungsarbeit leisten können. Einer dieser Orte war ausgerechnet die Umgehungsstraße: Dort haben die Aktivist*innen ein großes Wandbild gemalt, das Don Temístocles mit zwei geballten Fäusten zeigt und zwei Sätzen, die er gesagt hat: „Dieser Kampf hört hier nicht auf! Und: Dieses Land gehört uns, uns allein!“

Als das Wandbild erstellt wurde, standen Männer in zivil in der Nähe und haben alles beobacht. Niemand weiß, wer sie waren. Zwar sitzen inzwischen drei Männer wegen des Mordes an Don Temístocles in Haft, einer davon wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Die Hintermänner sind jedoch noch immer unbekannt. Aber es gibt auch Hoffnung: ein Mitstreiter Machados wurde gerade zum Bürgermeister von Buenaventura gewählt. Und auch für Liliana Angulo und Juan Rodrigo Machado hört dieser Kampf nicht auf. Denn für sie geht es nicht nur um ein paar Landstücke, sondern um die Zukunft der schwarzen Gemeinden in der kolumbianischen Pazifikregion.

Den Podcast zu diesem Artikel findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Der Kampf der schwarzen Gemeinden in Buenaventura von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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