Newén Mapuche: Schutzschilde und Erste Hilfe gegen Polizeigewalt

Mit Sprühflasche gegen Pfefferspray und Tränengas: Die freiwilligen Erste-Hilfe-Brigaden während der Revolte in Chile / Foto: Marcellablues via wikimedia commons (CC BY-SA 4.0)

(Santiago, 4. Januar 2021, desinformémonos).- Seit mehr als einem Jahr demonstriert die chilenische Bevölkerung auf den Straßen gegen die Regierung von Sebastián Piñera und seine neoliberale Politik. Die Menschen trotzen der Gewalt der Carabineros, der Ausgangssperre und der Militarisierung des öffentlichen Raums. Dank der massiven Mobilisierungen gelang es im vergangenen Oktober, ein Referendum einzuberufen, das mit einem überwältigenden Sieg der Befürworter*innen einer neuen Verfassung endete. Das Ende der unter der Diktatur von General Pinochet entworfenen Verfassung ist hiermit beschlossene Sache. Viele Demonstrant*innen geben sich mit den Reformversprechen jedoch nicht zufrieden und fordern weiterhin den Rücktritt von Präsident Piñera, trotz der Repression der Carabineros in den Straßen von Santiago. Die Sanitäter*innenbrigade Newén Mapuche versorgt im Zentrum der Hauptstadt Demonstrierende, die bei Polizeiangriffen verletzt werden. Rodrigo, einer der Gründer der Brigade, erzählt, wie wichtig die Erste Hilfe für Menschen ist, die gegen staatliche Gewalt protestieren.

Wie kam es zur Gründung der Brigade Newén Mapuche?

Der Aufstand, der im letzten Jahr begann, wurde brutal unterdrückt. Es gab Tausende von Verletzten. Die Gesundheitszentren standen schon bald kurz vorm Zusammenbruch. Da haben wir uns gedacht, dass wir den Leuten direkt auf der Straße genauso effektiv helfen könnten. Die Menschen kamen zu unserer Sani-Station und brachten Geld- und Sachspenden, so dass wir auch die richtige Ausrüstung hatten und schon bald mit der Arbeit beginnen konnten – dank der Unterstützung der Allgemeinheit.

Wir helfen Demonstrierenden, die von der Polizei verletzt wurden oder Tränengas abbekommen haben, die von Wasserwerfern getroffen oder durch Kugeln verletzt wurden. Gestern haben wir einen Jungen versorgt, der von einem Tränengaskanister am Kopf getroffen wurde. Wir machen hauptsächlich Erste Hilfe: Wenn du Tränengas in die Augen kriegst, bist du durch die Reizung oft kurzzeitig ohne Sehvermögen, und wir helfen den Leuten dann mit einer Augenspülung und sorgen dafür, dass sich ihr Gesamtzustand stabilisiert. Viele können dann anschließend wieder weiter demonstrieren, andere müssen zurück nach Hause.

Wer ist Teil der Brigade?

Fünfzig Prozent der Brigadistas sind im Gesundheitsbereich tätig. Sie sind an unserer mobilen Erste-Hilfe-Station im Einsatz, die wir auf der Straße eingerichtet haben. Hier werden alle Verletzten hingebracht. Andere von uns sind an exponierteren Positionen tätig. Sie kümmern sich um die  Sicherheit und sammeln Demonstrierende ein, die auf der Straße zu Boden gegangen sind, und bringen sie zur Erste-Hilfe-Station. Das sind unsere Escuderos, nach Escudo= Schild, weil sie ihre selbstgebastelten Schilde zum Schutz um die Erste-Hilfe-Station herum aufstellen. So können wir den Verletzten richtig helfen, während die Carabineros mit den Wasserwerfern an uns vorbeiziehen.

Es gibt mehrere Brigaden mit unterschiedlichen Namen. Wenn wir im Einsatz sind, arbeiten wir alle zusammen als ein großes Team und schützen uns gegenseitig. Es besteht eine große Verbundenheit unter den Brigaden: Wenn jemand von einer anderen Sani-Brigade einer verletzen Person helfen will und Unterstützung braucht, dann helfen wir, und andersherum genauso.

Macht ihr noch mehr als Erste Hilfe? Erstattet ihr zum Beispiel Anzeige, wenn ihr polizeiliche Verstöße beobachtet?

Für mich war es immer wichtig, öffentlich zu machen, was in Chile passiert, damit die Welt von der massiven Repression gegen die Bevölkerung erfährt, zum Beispiel, dass sie die Leute hier mit Chemikalien verletzen. Die Wasserwerfer verspritzen nicht einfach Wasser. Die Wasserladungen sind mit Chemikalien versetzt, gerne mit Natronlauge. Im Laufe der Zeit wurde der Natronlauge-Anteil im Wasser erhöht. Vorher brannte es ein wenig, jetzt brennt es stark. Es gibt viele Berichte von Menschen, die schwere Verbrennungen erlitten haben. Natürlich möchte die Regierung nicht, dass das publik wird. Viele Menschen, die die Brutalität der Carabineros öffentlich gemacht haben, wurden verfolgt und bedroht. Wir wissen, dass es riskant ist, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, aber wir scheuen uns nicht, darüber zu informieren, was hier passiert – ohne die Wahrheit zu verzerren oder zu beschönigen, denn das ist nun mal die Realität.

Woher hat die Brigade ihren Namen?

Viele Menschen hier in Chile wurden bei den Demonstrationen an den Augen verletzt. Nehmen wir zum Beispiel Fabiola Campillay, die durch Tränengas ihren Geschmacks- und Geruchssinn und ihr Augenlicht verlor. Es gibt Menschen, deren Augen bei den Protesten irreparabel verstümmelt wurden und andere, die während der Demonstrationen gestorben sind. Der Fall von Mario Acuña ist sinnbildlich für die Gewalt der Behörden; die Carabineros schlugen ihn, bis er bewegungsunfähig war. Glücklicherweise konnte Mario sich retten, und jeden Tag geht es ihm ein bisschen besser. Diese Geschichten motivieren die Menschen, auf die Straße zu gehen, damit das alles nicht ungestraft bleibt.

Was heute in Chile geschieht, die Repression gegen die Bevölkerung im Aufruhr, ist etwas, das das Volk der Mapuche in seiner ganzen Geschichte erlebt hat. Es ist einfach bewundernswert, welche Kraft dieses Volk in seinem Widerstand bewahrt hat, trotz der Brutalität des Staats mit all den unterschiedlichen Regierungen, die sich in diesem Land abgewechselt haben. Daher stammt die Idee, den Namen Newén Mapuche (Mapuche-Power) zu nehmen – um das Volk der Mapuche zu ehren und etwas von der ihnen eigenen Kraft auf die Straße zu bringen.

 

CC BY-SA 4.0 Newén Mapuche: Schutzschilde und Erste Hilfe gegen Polizeigewalt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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