Kein Ende des Konflikts: Nasa-Indigene wehren sich gegen erneute Angriffe

Von Darius Ossami, Tarapoto (Panamazonisches Sozialforum)

Gerson Acosta
Der ermordete Gemeindeführer Gerson Acosta. Foto: ACIN/Colombia Plural

(Tarapoto, 28. April 2017, npl).- Am 19. April ist der indigene Gemeindeführer Gerson Acosta nach einer Versammlung in seiner Gemeinde Kite Kiwe auf offener Straße erschossen worden. Kite Kiwe liegt nahe Popayán im Department Cauca im Südwesten Kolumbiens. Der 35-jährige Acosta war bekannt als Menschenrechtsverteidiger; zudem war er Repräsentant der Opfer aus der Gemeinde Naya, die 2001 nach einem Massaker durch Paramilitärs vertrieben worden waren. Acosta hatte immer wieder Ermittlungen über die Hintermänner des Massakers gefordert. Bereits am 23. März war ein weiteres Gemeindemitglied, Javier Oteca, ermordet worden. Die kolumbianische Ombudsstelle für Menschenrechte hat seit dem 1. Januar 2017 bereits 25 ermordete Führungspersönlichkeiten gezählt.

Im November sind im kolumbianischen Cartagena die Friedensverträge zwischen der FARC-Guerilla und der Regierung unterschrieben worden. Dennoch will Dora Muñoz, indigene Radioaktivistin der Nasa und Mitglied der Vereinigung der indigenen Gemeinden des Nord-Cauca ACIN (Asociación de Cabildos Indígenas del Norte del Cauca), nicht vom Postkonflikt sprechen, sondern vom „posacuerdo“, der Zeit nach Abschluss der Verträge.

Nicht nur Wiedergutmachung, sondern Aufklärung gefordert

„Für uns gibt es keinen Postkonflikt, denn in unseren Gebieten hat der Konflikt nicht aufgehört“, so Muñoz. „Der Konflikt hat sich geändert; es gibt keine direkte Auseinandersetzung mehr zwischen der FARC-Guerilla und der Armee, aber es sind neue bewaffnete Gruppen entstanden, Leute der FARC, die sich nicht demobilisiert haben oder von den Zuständen in den Entwaffnungszonen enttäuscht waren und wieder zurückgekehrt sind. Aber auch die Paramilitärs sind wieder stärker geworden; offiziell sind sie demobilisiert worden, aber die Strukturen sind geblieben und Gruppen operieren unter verschiedenen Namen weiter, Gaitanistas, Bloque Calima, Aguilas Negras. Jetzt, im sogenannten Postkonflikt, tauchen diese Gruppen wieder in unseren Gebieten auf und gehen gegen indigene Führungspersönlichkeiten vor.“

Der ermordete Gerson Acosta war überzeugt, dass das Massaker von 2001 von Paramilitärs in Komplizenschaft mit der kolumbianischen Armee verübt worden war. Dahinter hätten wirtschaftliche Interessen lokaler Unternehmer*innen gestanden: „Dieses Gebiet ist sehr reich an diversen Ressourcen und wegen dem Zugang zum Meer strategisch wichtig“, erklärt Muñoz. „Das betrifft auch illegalisierte Produkte sowie Gold und Holz. Es war offensichtlich, dass es für die Region Naya viele Interessenten gab; bis hin zur Regierung, aber auch Lokalpolitiker, örtliche Unternehmer – und Gerson hat nicht nur Wiedergutmachung gefordert, sondern immer wieder Aufklärung.“

Die Guardia Indígena hält wieder Wache

Bereits vor dem Mord an Acosta hatten die neuen Bedrohungen dazu geführt, dass sich die Gemeinden weiter organisieren und versuchen, stärker zu werden. Am 6. April versammelten sich Vertreter*innen indigener Gruppen des Nord-Cauca und beschlossen, die Guardia Indígena wieder zu reaktivieren und bewaffneten Akteur*innen den Zugang zu ihren Gebieten zu verwehren. Die Guardia Indígena hält nun rund um die Uhr Wache.

„Wir sind schon seit über 50 Jahren im Krieg und niemand fühlt sich dafür verantwortlich“, beklagt Muñoz. „Als traditionelle Gemeinde müssen wir unsere Leben und unser Gebiet schützen, denn für uns Indigene gibt es kein Leben ohne Land. Und beim Kampf der bewaffneten Gruppen geht es um Land und um Macht. Wir befinden uns nicht wirklich im Frieden, wir befinden uns in einem Moment der Befriedung. Wenn es Morde und Morddrohungen gibt, redet die Regierung von vereinzelten Vorfällen, denn man befände sich ja im Friedensprozess. Aber es sind keine Einzelfälle, sondern es sind eine systematische Bedrohung, in der sich die Völker befinden.“

Die Radioaktivistin Dora Muñoz ist am Radioforum La Nave beteiligt, das vom 28. April bis 1. Mai täglich vom Panamazonas-Sozialforum im peruanischen Tarapoto berichtet. Auf dem Sozialforum vernetzen sich Indigene und soziale Bewegungen aus allen Amazonas-Anrainerstaaten, um gemeinsame Strategien gegen den Raubbau ihrer Lebensgrundlage zu entwickeln.

CC BY-SA 4.0 Kein Ende des Konflikts: Nasa-Indigene wehren sich gegen erneute Angriffe von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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