Egydio Schwade – „Die FUNAI unter Bolsonaro ist schlimmer als 1968!“

Egydio Scwade (Foto: João Paulo Machado/Amazônia Real)
CC BY 2.0

(Lábrea, 10. Januar 2022, Brasil de Fato).- Seit 60 Jahren ist der Sozialist, Philosoph und Theologe Egydio Schwade erklärter Anhänger des Indigenismo, einer Bewegung, die sich für die Wertschätzung des indigenen kulturellen Erbes und den Erhalt der indigenen Gebiete einsetzt. Schwade kritisiert die Menschenfeindlichkeit der aktuellen Regierung und fordert die Linke auf, die indigenen Völker entschlossener zu unterstützen.

Lange unbeachtet: Ausrottung der Indigenen durch das Militär

Die 60er Jahre waren geprägt von brutaler Verfolgung und Ausrottung der Ureinwohner*innen. Trotz der offensichtlichen Grausamkeit gab es kaum kritische Reaktionen oder Proteste. Die treibende Kraft hinter dem Völkermord war der im Auftrag des brasilianischen Staates handelnde „Dienst zum Schutz der Indios“ (Serviço de Proteção ao Índio, SPI), gegründet 1910. Die ersten Fakten kamen durch den „Figueiredo-Bericht“ ans Licht, der 1967 vom damaligen Staatsanwalt Jader de Figueiredo Correia verfasst wurde. Das Dokument beschreibt die Verbrechen der Militärregierung: Folter, sexuellen Missbrauch und Massentötungen. Im Jahr 1967 wurde der SPI durch die Fundação Nacional do Índio (FUNAI) abgelöst. Im Großen und Ganzen setzte die neue Organisation den von der SPI eingeschlagenen grausamen Weg fort und zerstörte weiter die Lebenswelten der Völker. Dies sei vorausgeschickt, um die Tragweite der Einschätzung Egydio Schwades zu verstehen: „Die heutige FUNAI ist schlimmer als 1968. Viel schlimmer. Die Regierung Bolsonaro dringt in die Köpfe der Indigenen ein“, so der Unterstützer der indigenen Völker und ihrer Kultur. Schwade selbst trug wesentlich dazu bei, den Völkermord während der Diktatur aufzudecken und verbrachte 59 Jahre seines Lebens damit, gegen die Verletzung der Rechte indigener Völker vorzugehen. Der 86-Jährige ist mit einer Indigenen verheiratet. Die beiden leben in einem einfachen Holzhaus in Presidente Figueiredo im Bundesstaat Amazonas.

„Der Kapitalismus ist von Grund auf schlecht“

Schwade hat seinerzeit die wichtigsten Organisationen zur Verteidigung der indigenen Völker mit aufgebaut und die Indigenen-Politik der damals neu gegründeten Arbeiterpartei (PT) wesentlich geprägt. In Roraima arbeitete er mit der Methode von Paulo Freire, um den Waimiri Atroari Lesen und Schreiben beizubringen. Mit Erstaunen hörte er den Lärm der Flugzeuge, die giftiges Pulver abwarfen, das Dutzende von Dorfbewohner*innen tötete. Als aufmerksamer  Beobachter politischer Entwicklungen forderte er das linke Spektrum regelmäßig auf, die indigenen Völker entschlossener zu unterstützen. Seine aktuelle Empfehlung an den PT lautet, Luiz Inácio Lula da Silva eine indigene Frau als Vizepräsidentschaftskandidatin an die Seite zu stellen. Dass indigene Führungspersönlichkeiten mittlerweile nicht mehr so selten sind wie zu Beginn seines beruflichen Werdegangs, begreift er als erfreuliche Entwicklung. Schwade, einer der wichtigsten Vertreter des brasilianischen Indigenismus, bezeichnet sich selbst als Sozialist, der nie aufgehört hat, vom harmonischen Miteinander indigener und nicht-indigener Menschen zu träumen. „Der Kapitalismus wird sich nicht verbessern, er ist von Grund auf schlecht. Wir sollten endlich anfangen, den indigenen Völkern zuzuhören.“

-Sie gehörten zu wichtigsten Stimmen, die den Völkermord an den indigenen Völkern während der Militärdiktatur angeprangert haben. Als Vertreter des Indigenismo haben Sie Erfolge und Fortschritte erlebt und sich sicher auch den einen oder anderen Seufzer der Erleichterung gegönnt. Hätten Sie sich einen solchen Backlash verstellen können, wie ihn die indigenen Völker heute unter der Regierung von Jair Bolsonaro erleben?

-Sie haben Recht, ich habe in meinem Leben schon so manchen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen. Am 1. Januar vor genau 59 Jahren habe ich meine Arbeit im westlichen Mato Grosso aufgenommen. Als ich in Rio Grande do Sul war, waren wir zu Besuch beim Volk der Kaingang. In der Osterwoche haben wir beschlossen, nicht an den Zeremonien der katholischen Kirche teilzunehmen, sondern stattdessen die Situation der Indigenen in unserem Bundesstaat kennenzulernen. Wir begannen mit dem Reservat Nonoai. Am Ende verfassten wir eine Reihe von Artikeln für die Zeitung Correio do Povo und berichteten, was wir gesehen hatten. Als der dritte Artikel erschien, wurde die erste parlamentarische Untersuchungskommission unter der Leitung von Jader Figueiredo in Rio Grande do Sul eingesetzt. Es gab zwei Indigenen-Behörden, eine staatliche und eine auf Provinzebene, und die gerieten miteinander in Streit. Jede wollte der anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Die Agrarreform in Rio Grande do Sul fand fast ausschließlich in indigenen Gebieten statt. Der Indigene Schutzdienst, später FUNAI, hatte sich dabei alle Kiefernwälder einverleibt.

Die Kommission war unsere erste große Hoffnung. Wir haben alles gegeben. Wir dachten: „Jetzt wird sich etwas ändern in der Indigenenpolitik“. Aber alle wichtigen Schaltstellen waren weiterhin vom Militär besetzt. Trotzdem dachten wir: „Na gut, warten wir erstmal ab.“ Aber dann begannen die Veruntreuungen, die Vetternwirtschaft, die Posten wurden an interne Mitarbeiter weitergereicht, und politisch hat sich nichts verändert. Gegen Ende der Militärdiktatur haben wir bei einer Arbeitsgruppe mitgemacht, die das Gebiet der Waimiri Atroari im Südosten Roraimas untersucht hat. Aber die Politik hat unsere Arbeit zunichte gemacht. Die neue Republik brachte nichts Neues. Die heutige FUNAI ist schlimmer als 1968. Viel schlimmer. Diese Regierung Bolsonaro dringt in die Köpfe der Indigenen ein. Das ist überhaupt nicht gut.

-Heute gibt es eine große Anzahl von indigenen Führungspersönlichkeiten, die die Auseinandersetzungen vorantreiben und für sich selbst sprechen. In Ihrer aktiven Zeit war das nicht üblich. Begrüßen Sie diese Entwicklung oder halten Sie es für ein Zeichen dafür, dass die Menschen sich in die nicht-indigene Kultur einfügen müssen, um sich effektiv zu verteidigen?

-Nein, ich halte das für eine positive Entwicklung. Als ich vor 59 Jahren im Nordwesten von Mato Grosso angefangen habe, gab es einen Priester, der eine Erkundungsreise für die Missionen in Brasilien gemacht hatte. Und es gab im ganzen Land keine einheimische Organisation. Und die Indigenen kamen in das katholische Internat [ein Instrument der Integrationspolitik] nicht mit der Aussicht, in ihr Land zurückzukehren und es zu verteidigen, sondern um nach Cuiabá zu gehen und ihre indigene Identität zu verbergen. Das war eins der Dinge, die uns zuerst auffielen. Als ich Sekretär der katholischen Indigenen-Beratung CIMI wurde, waren unsere ersten beiden Veranstaltungen die Indigenen-Versammlungen, bei denen sie frei über ihre Probleme sprechen konnten, und die Treffen mit Missionaren, um sie umzustimmen und ihr Land nicht zu verlassen.

Ich denke, mit diesen Versammlungen begann auch der Indigenismo zu wachsen, und das war vielleicht der größte Fortschritt. Aber auch die Entwicklung in den indigenen Gebieten: Nonoai und Rio das Cobras in Paraná wurden befreit, und Raposa Serra do Sol ebenfalls. Dort traf ich das erste Mal auf Don Tomás Balduíno, den Bischof und Unterstützer der Indigenen im Kampf um ihr Land. Diese Versammlung wurde von der FUNAI und der Bundespolizei geschlossen, weil wir da waren. Sie forderten die Indigenen auf, uns rauszuschmeißen, aber damit kamen sie nicht durch. Dort wurde der Grundstein gelegt für das indigene Gebiet, das mehr als 30 Jahre später als Raposa Serra do Sol anerkannt wurde. Insofern betrachte ich die aktuelle Entwicklung als sehr positiv. Wobei, die indigenen Camps [Acampamento Terra Livre (ATL), organisiert von der Vereinigung der indigenen Völker Brasiliens (Apib)], die jedes Jahr mit großem Aufwand in Brasilia abgehalten werden, sollten lieber in den Gegenden organisiert werden, wo wirklich die Luft brennt. Ich stehe im Dialog mit indigenen Organisationen wie CIMI, OPAN und auch mit der Landlosen-Bewegung MST. So wurde zum Beispiel in Arariboia in Maranhão ein Camp mit tausend Personen für die Guajajara eingerichtet. Ich möchte einen einzigen Lkw mit gestohlenen Baumstämmen darin sehen. In Raposa Serra do Sol ist es das Gleiche. Das ist schon chronisch, wie sie immer wieder in das Gebiet der Yanomami eindringen. Es ist einfach eine Katastrophe.

-Sie haben an der Gründung der wichtigsten Organisationen mitgewirkt, die seither eng mit den indigenen Völkern arbeiten. Das sind der Indigene Missionsrat (CIMI), die Initiative Operação Amazônia Nativa (Opan) und die katholische Pastorale Landkommission (CPT). Sie waren auch maßgeblich an der Gestaltung der Indigenen-Politik der Arbeiterpartei PT beteiligt. Sind Sie zufrieden damit, wie sich diese Organisationen entwickelt haben?

Joênia Wapichana, Kongressabgeordnete
Foto: Leopoldo Silva/Agência Senado
CC BY 2.0

-Ich denke, alle haben ihre Politik weitestgehend fortgeführt. Natürlich gibt es auch Entwicklung, aber ich denke, es ist immer wichtig, die Ausgangssituation einzubeziehen. Dass das Thema so wenig Raum einnimmt, ist im Wesentlichen die Schuld des Partido dos Trabalhadores. Er hat 13 Jahre lang das Land regiert, und seine Führung hat, was die Unterstützung der Menschen angeht, die im strengen Sozialismus leben, viel zu wünschen übrig gelassen. Sogar Organisationen wie der MST, der selbst starke sozialistische Erfahrungen hat, die Quilombolas… Sie sollten mehr darauf achten, Unterstützung zu leisten und vor allem der Garantie der indigenen Territorien Priorität einräumen. Und was da an Unterstützung kam, war nicht gerade viel. So würde ich es zum Beispiel gut finden, wenn eine indigene Frau neben Lula als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin antreten würde. Ich könnte mir da sehr gut Txai Suruí vorstellen, die Brasilien bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow vertreten hat, oder Joênia Wapichana, die einzige indigene Abgeordnete im brasilianischen Kongress. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass sich die Organisationen an ihre Vorgaben gehalten haben. Natürlich ist es auch immer wichtig, aktuelle Entwicklungen zu berücksichtigen, und eine stärkere Präsenz täte den Organisationen sicher auch gut. Aber das ist nun mal, was wir haben, und ich bin froh, dass ich an der Entstehung all dieser Projekte mitwirken konnte.

-Sie sind 86 Jahre alt und bezeichnen sich selbst als Sozialist. Welche Rolle spielen die indigenen Gesellschaften bei der Überwindung des Kapitalismus? Ist es denkbar, eine Gesellschaft zu schaffen, in der indigene und nicht-indigene Völker harmonisch miteinander leben?

-Meiner Meinung nach geben die indigenen Völker das überzeugendste Beispiel, wie die Überwindung des Kapitalismus aussehen kann. Das hat auch Suruís Erklärung in Glasgow deutlich gemacht. Ihre Rede war im Übrigen der einzig wirklich wertvolle brasilianische Beitrag. Ihr Modell leugnet unseren technologischen Fortschritt, und in vieler Hinsicht haben sie damit auch Recht. Sie sind das klarste Paradigma, das man sich denken kann. Nehmen wir zum Beispiel den MST in seinen Camps. Das ist sozialistisches Leben. Und je mehr wir uns den indigenen Völkern annähern, desto schöner und freudiger wird dieses Leben.

Kapitalismus bedeutet Akkumulation. Wenn er hier in Brasilien kein Geld mehr anhäufen kann, zieht er auf die Cayman Islands oder die Bahamas. Ich denke, wir müssen einen gangbareren Weg finden, um den Sozialismus umzusetzen. Der Kapitalismus wird sich nicht bessern, er ist von Grund auf schlecht. Wir sollten einfach anfangen, diesen Menschen zuzuhören. Sie sind nicht egoistisch wie wir. Es steht immer die Angst im Raum, dass für uns kein Platz mehr bleibt, wenn sie das Sagen haben. Aber das wird nicht so sein, denn sie sind viel großzügiger als wir. Ich habe zum Beispiel mit Menschen zusammengelebt, die als Gewaltverbrecher galten, und ich habe mich nie irgendwo sicherer gefühlt. Über alle Schwierigkeiten hinweg haben sie uns mit Essen versorgt und alles mit uns geteilt. Und unsere Technologien, ob in der Landwirtschaft oder im Gesundheitswesen… wir haben auch etwas beizutragen. Und das würden sie auch akzeptieren. Ich denke, unser Traum von einer besseren Welt muss sich auch anpassen.

Übersetzung: Lui Lüdicke

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