Nach dem Erdbeben in Pereira

Erdbeben Kolumbien
Militarisierung statt wirksame Hilfe: Straßenszene in der vom Erdbeben stark betroffenen kolumbianischen Stadt Pereira. Foto: Colombia Informa

(Bogota, 18. August 2026, colombia informa).- In der westkolumbianischen Stadt Pereira wurden junge Rettungskräfte und Menschen, die den Erdbebenopfern humanitäre Hilfe leisteten, bedroht und stigmatisiert. Das Erdbeben hat außerdem eine tiefe, unüberbrückbare Kluft offenbart: zwischen einem Staatsapparat, der sich auf medienwirksame Effekte, Wirtschaftsinteressen und militärischen Druck konzentriert, und einer organisierten Bevölkerung, die mit eigenen Händen und ohne andere Mittel als der Solidarität Leben aus den Trümmern rettet und das soziale Gefüge wieder aufbaut.

In den sozialen Netzwerken kursieren Hassbotschaften von Hernán Duque, einem Mitarbeiter des Bürgermeisteramtes. Über ein Online-Medium startete er Angriffe und verbreitete manipulierte Videos, um junge Rettungskräfte zu stigmatisieren, die sich im Olaya-Park und in der Innenstadt um die Erdbebenopfer kümmern.

Mehrere Personen, darunter Kevin Santana, bestätigten gegenüber der Nachrichtenplattform Colombia Informa, dass Duque sie stigmatisiert habe, obwohl sie mit der Stadtverwaltung zusammengearbeitet und die Institutionen unterstützt hätten. Dieser steht in Verbindung mit der Senatorin María Irma Noreña, der Ehefrau des Bürgermeisters von Pereira, Mauricio Salazar. Dieser hatte Vorwürfe, die Rettungsarbeiten behindert zu haben, zurückgewiesen. Zudem wird Hernán Duque vorgeworfen, von millionenschweren Verträgen mit der Stadtverwaltung von Pereira profitiert zu haben.

Beweise werden unter den Teppich gekehrt

Colombia Informa hat Dutzende von Zeug*innenaussagen von Personen gesammelt, die sich freiwillig an den Rettungsarbeiten beteiligt haben. Alle sind sich einig, dass die Behörden bei ihrer Arbeit versagt haben. Die Stadtverwaltung habe sogar Drohungen gegen die Gruppe der Rettungskräfte zugelassen. Dazu gehörten der Einsatz von Polizisten der Mobilen Bereitschaftspolizei Esmad, die ständige Unterbrechung der Rettungsarbeiten und der Einsatz von Maschinen zur Beseitigung der Trümmer, obwohl Menschen noch eingeschlossen und Leichen unter den Trümmern begraben waren.

Am 18. August wurden erste Berichte über den Fund einer Frauenleiche bekannt. Die Rettungskräfte hatten die Behörden darauf hingewiesen, dass sie unter den Trümmern noch am Leben war. Es ist nicht das erste Mal, dass das Bürgermeisteramt, die Polizei und die Esmad die Arbeit der zivilen Rettungskräfte behindern.

Die Rettungskraft Gabriela Castaño, Vermessungsingenieurin und Jurastudentin, kritisierte, dass die Behörden die Rettungsarbeiten für die Opfer behinderten und dabei sogar den Tod von Ver-letzten in Kauf nähmen, die unter den Trümmern des Erdbebens vom 10. August eingeschlossen waren. Auch Juan Vélez wurde stigmatisiert und bedroht, obwohl er sich an der Koordination der Verteilung humanitärer Hilfe beteiligte. Ebenso erging es Kevin Santana, der verschiedene Medien, darunter Colombia Informa, über die Lage informierte. Mehrere weitere Personen bestätigten die Vorwürfe.

Im Olaya-Park gab es besonders viele vom Erdbeben Betroffene. Zur staatlichen Untätigkeit und der Stigmatisierung der Helfer*innen kamen erschwerend noch die einsetzenden Regenfälle hinzu.

Verschiedene Hinweise bestätigen, dass soziale und basisdemokratische Organisationen als Erste vor Ort waren, um den Opfern zu helfen. In Pereira richteten sie Gemeinschaftsküchen ein, um Betroffene und Rettungskräfte zu versorgen. Der Olaya-Park war einer der ersten Orte, an denen Tausende vom Erdbeben betroffene Menschen Zuflucht suchten.

Allerdings werden den Rettungskräften von den Behörden viele Steine in den Weg gelegt, um sie an der Bergung der Opfer und der Fortführung ihrer humanitären Arbeit zu hindern.

Hintergrund: Eine ökologische und soziale Tragödie unter dem Diktat des Marktes

Die Katastrophe in Pereira geht über das Erdbeben hinaus. Sie legt auf schonungslose Weise die Widersprüche eines privatisierten und klassistischen Stadtentwicklungsmodells offen. Während die Stadtverwaltung von Pereira unter Mauricio Salazar ihre Aufmerksamkeit und Infrastruktur rasch auf die Wiederbelebung des Handels und den Schutz des großen städtischen Kapitals richtete, wurden die ärmeren Bevölkerungsschichten und die am stärksten betroffenen Gebiete dem institutionellen Chaos überlassen.

Im Zentrum von Pereira wurden besonders stark betroffene Orte zum Epizentrum eines er-schütternden Konflikts: Menschenleben gegen schwere Baumaschinen. An diesen Orten lebten und bewegten sich informell Beschäftigte, lokale Händler*innen, Migrant*innen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen, denen der Staat historisch gesehen grundlegende Garantien verweigert hat.

Rettungskräfte sprechen von institutionellen Egos gegen das Leben

Schon in den ersten Stunden nach dem Erdbeben bildeten Hunderte von Freiwilligen, jungen Menschen, Schallspezialist*innen, Jurastudierenden und Anwohner*innen autonome städtische Rettungsteams, die sogenannten „Topos“. Ihre selbstlose Arbeit stand jedoch in direktem Konflikt mit bürokratischen Vorschriften und dem politischen Selbstdarstellungsdrang von Amtsträger*innen und offiziellen Institutionen.

Harold González, ein freiwilliger Retter im Stadtzentrum, schildert die Empörung, die die Ankunft der lokalen Behörden an den kritischen Stellen bei ihm ausgelöst hat:

„Am Mittwoch (12.8.), gegen 9 Uhr morgens … tauchte der Bürgermeister Mauricio Salazar auf und hielt zwei kleine Steine in der Hand, um ein Video zu drehen. Das war reine Selbstdarstellung. Das ist eine Beleidigung für uns, für alle Freiwilligen, die diese Arbeit leisten. Denn der Aufwand ist wirklich enorm, und man tut es von ganzem Herzen. Nebenbei erwähnte er, dass er die Wirtschaft ankurbeln wolle … aber nicht auf die Art und Weise, wie wir das Gelände von Hand freiräumen, um einen größeren Einsturz zu verhindern und Menschen unter den Trümmern zu retten.“

Der Konflikt erreichte einen kritischen Punkt, als die Stadtverwaltung, gefolgt von den Sicherheitskräften, Bagger in Bereiche einführte, in denen Wärmebildkameras und hochpräzise Akustiksonden – bedient von professionellen Schallspezialist*innen – eindeutige Signale von Überlebenden registrierten. Die offizielle Priorität lag nicht auf der sorgfältigen Bergung von Hand, sondern auf der massiven Beseitigung der Trümmer.

„In der Nacht wurde das Gebiet militarisiert: Soldaten trafen ein, weitere Sicherheitskräfte kamen hinzu und Bagger fuhren hinein. Als der Bagger einfuhr, verringerte sich der Freiraum, der zuvor fast einen Meter betragen hatte und durch den die Kolleg*innen von ‚Topo‘ vordringen konnten, auf 30 oder 40 Zentimeter … Durch den Einsatz des Baggers kam es zu einem Rück-schlag. Sie wollten das Gelände räumen, um die Wirtschaft der Stadt wieder anzukurbeln. Doch das Leben und der Respekt vor den Verstorbenen haben Vorrang.“

Diskreditierung der Beweise und Militarisierung der Rettungsmaßnahmen

Die Freiwilligen kritisierten nicht nur, dass Lebenszeichen durch den Lärm der Bagger übertönt wurden, sondern auch die herablassende Haltung hochrangiger Militärs und Offiziere, die die von hochempfindlichen Geräten aufgezeichneten Audioaufnahmen sogar als „Ergebnisse künstlicher Intelligenz“ bezeichneten, um die Arbeit der Bevölkerung abzuwerten und den Einsatz von schwerem Gerät zu rechtfertigen.

Gabriela Castaño, Jurastudentin und erfahrene Grubenretterin seit der Katastrophe von La Guaira (schwere Flutkatastrophe mit Erdrutschen 1999 im venezolanischen Bundesstaat La Guaira), betont das Ausmaß der Desorganisation und den Streit um die mediale Anerkennung unter den offiziellen Führungskräften:

„Es herrscht Chaos zwischen all den Einrichtungen, die angeblich nach ihren eigenen Vorgaben retten… Ein Problem mit Egos und dem ganzen Gezanke zwischen den Gruppen, weil jeder das Kommando übernehmen will und sich niemand abstimmt. Uns Rettungskräfte, die wir vor Ort sind und den Zustand des Gebäudes kennen, schenkt man keine Beachtung, sondern man schickt uns weg und behandelt uns schlecht … Ein Leben rettet man nicht mit Vorgaben auf dem Papier, ein Leben rettet man, indem man sich hineinbegibt und handelt.“

Wissenschaft im Dienst des Volkes angesichts staatlicher Taubheit

Die gemeinschaftliche Arbeit der Zivilgesellschaft glich die institutionelle Ineffizienz durch Innovation und Eigeninitiative aus. Fachleute aus den Bereichen audiovisuelle Produktion und Schalltechnik stellten ihre hochwertige Aufnahmetechnik für die Suche nach Menschen zur Verfügung, die unter Betonplatten eingeklemmt waren. Ein ehrenamtlicher Schalltechniker berichtet von dem Schmerz, eine lebende Person zu entdecken und keine rechtzeitige Hilfe von den staatlichen Rettungsorganisationen zu erhalten:

„Ich habe Tontechniker mit leistungsstarken Mikrofonen aus dem Filmgeschäft zusammengerufen, um Menschen zu lokalisieren. Am Dienstag um 16:38 Uhr identifizierte ich die Stimme eines jungen befreundeten Händlers unter dem Asphalt … Wir zeigten ihnen die Wärmequellen, die Hunde bellten, die Frau rief noch bis gestern (13. August) um 16 Uhr um Hilfe. Wir hatten die Audioaufnahmen als Beweis. Was müssen sie tun? Hineingehen, eine Öffnung schaffen und sie bergen. Sie lassen sie sterben, weil sie nicht zuhören!“

Luis Alejandro Muñoz, einer der Leiter des „Topos“-Teams im Katastrophengebiet von Pereira, bekräftigt nachdrücklich die Anschuldigung bezüglich der Tragödie, die durch den übereilten Einsatz der Baumaschinen verursacht wurde:

„Wir bekommen von niemandem Hilfe. Alles, was Sie hier sehen, wurde von den Bürger*innen beschafft: Stromaggregate, Zelte, Wasser. Wir waren es, die die Überlebenden ausfindig gemacht haben, und sie haben sie getötet. Sie hatten vier entdeckte Überlebende, und sie haben sie getötet.“

Stärkung der Solidarität unter Gleichen

Das Erdbeben vom 10. August in der kolumbianischen Region Eje Cafetero hat nicht nur Gebäude zum Einsturz gebracht; es hat vor allem die Prioritäten eines Staates offenbart, der das menschliche Leben den Interessen des Kapitals und dem politischen Spektakel unterordnet. Das Vorgehen der Stadtverwaltung von Pereira verdeutlicht eine Regierungslogik, bei der die Beseitigung der Trümmer darauf abzielt, den schnellen Handelsverkehr zu gewährleisten. Die Sorgfalt bei den Rettungsmaßnahmen sowie die Würde der Opfer werden dafür geopfert.

Angesichts des Autoritarismus, der Militarisierung und der Auseinandersetzungen zwischen bürokratischen Egos, die die Rettungsarbeiten behinderten, wird die Kraft der Selbstverwaltung und der Macht des Volkes deutlich. Die „Topos comunitarios“, die unabhängigen Schllschutzexperten, die freiwilligen medizinischen Einsatzteams und die Gemeinschaftsküchen haben gezeigt, dass die Organisationsfähigkeit der lokalen Gemeinschaften die Untätigkeit und Nachlässigkeit des Staates bei weitem übertrifft.

Für Colombia Informa bekräftigt dieser Bericht die Einschätzung, dass ein echtes Risikomanagement und der Wiederaufbau des Landes weder von den lokalen Eliten noch von PR-Maßnahmen ausgehen werden, sondern von der Stärkung der Solidarität unter Gleichen, der Verteidigung des Lebens in all seinen Formen und der Festigung der Macht der Bevölkerung auf dem Land und in den Städten.

Übersetzung: Annette Brox

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