Regierung Kast stoppt Enteignungspläne für Ex Colonia Dignidad

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Chilenische und deutsche Fahnen vor dem „Freihaus“, dem ehemaligen Haus Paul Schäfers, des Gründers der Colonia Dignidad. Foto: Ute Löhning

(Santiago, Berlin, 7. April 2026,taz/nd/poonal).- Aus taktischen Gründen hatte sich der extrem rechte José Antonio Kast während des Wahlkampfs 2025 noch mit Kommentaren zum Umgang mit der chilenischen Diktatur (1973 bis 1990) zurückgehalten. Aus seiner Verbundenheit zum Ex-Diktator Pinochet hat der inzwischen zum Präsidenten gewählte Kast jedoch nie einen Hehl gemacht. Dass die neue, am 11. März vereidigte, chilenische Regierung auch die Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur zurückdrehen will, ist daher nicht überraschend. Bereits zwei Wochen nach seiner Amtseinführung erklärte der Minister für Wohnungsbau, Iván Poduje, in einem Interview mit der chilenischen Zeitung La Tercera, er werde Beschluss zur Enteignung der Colonia Dignidad „widerrufen und ein Dekret erlassen, das den ursprünglichen Beschluss dafür rückgängig macht“. Damit stellt er den von der Vorgängerregierung Boric geplanten Weg zur Errichtung einer Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums in der ehemaligen deutschen Sektensiedlung komplett infrage. Es gebe weder Geld für ein Verkehrswertgutachten noch für die Entschädigungszahlungen für das Gelände, so Poduje. Der Finanzminister Quiróz hatte Einsparungen von drei Prozent in allen Ressorts gefordert. Poduje und Kast setzen Wohnungsbauprojekte, die soziale Notwendigkeiten Wohnungsloser bedienen, nun in einen scheinbaren Gegensatz und in ein Konkurrenzverhältnis zu Menschenrechts- und Erinnerungspolitik, konkret zur Teilenteignung des Geländes der Ex Colonia Dignidad und der Errichtung einer Gedenkstätte an diesem Ort.

Gabriel Boric, der Mitte-Links-Präsident der Vorgängerregierung, hatte in seiner Regierungserklärung im Juni 2024 die Enteignung von Teilen der Ex Colonia Dignidad angekündigt, um das „frühere Gelände des Terrors und des Todes“ in einen „Ort der Erinnerung und der Zukunft“ zu verwandeln, und um „die Botschaft des ‚Nie wieder‘ in die Welt“ zu senden. Doch den poetischen Worten folgten zu wenige konkrete Taten. Im Juli unterzeichneten die drei Minister für Justiz und Menschenrechte (Jaime Gajardo), für Wohnungsbau (Carlos Montes) und für nationale Vermögenswerte (Francisco Figueroa) ein Dekret, das 22. Juli im chilenischen Amtsblatt Diario Oficial veröffentlicht und damit rechtsgültig wurde.

Doch die Regierung Boric hat während ihrer Amtszeit weder das nötige Verfahren zur Schätzung des Wertes für das Gelände abgeschlossen, noch eine Stiftung oder andere Trägerorganisation zum Betreiben der Gedenkstätte ins Leben gerufen. „Die Regierung Boric hat es der rechten Regierung Kast leicht gemacht, nun die Planungen für eine Gedenkstätte wieder zurückzudrehen“, moniert die Historikerin Evelyn Hevia Jordán, die für die FU Berlin und für das Museum der Erinnerung und Menschenrechte in Santiago eine Ausstellung zu Colonia Dignidad erarbeitet. Die Leidtragenden seien die Angehörigen der verschwundenen politischen Gefangenen und andere Opfer der Colonia Dignidad, die durch solche Erklärungen retraumatisiert würden, erklärt Hevia Jordán. Es sei Verantwortung beider Staaten, die Verbrechen der Colonia Dignidad aufzuklären.

Der in der Colonia Dignidad aufgewachsene Winfried Hempel, konnte diese 1997 verlassen und ist Anwalt von Opfern der früheren Sektensiedlung. Er hält die die geschätzte Summe von rund 45 Millonen Euro für unrealistisch und maßlos überzogen. Außerdem kritisiert das Verfahren der bisher geplanten administrativen Enteignung per Dekret, die mit hohen Entschädigungszahlungen an Nachfahren der früheren Führungsriege der Colonia Dignidad einhergegangen wären. Der „korrekte Weg“ wäre seines Erachten, stattdessen ein Enteignungsgesetz zu verabschieden. Nur in diesem könne festgelegt werden, dass die „Zahlungen an die Opfer gehen, wodurch diese eine tatsächliche Wiedergutmachung erhalten würden“.

Tourismus und private Feste prägen Narrativ der Villa Baviera

In der 1961 von dem deutschen Laienprediger Paul Schäfer und 300 Getreuen am Fuß der zentralchilenischen Anden gegründeten Siedlung wurden Bewohner:innen jahrzehntelang ihrer Freiheit beraubt, Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt unterworfen. Chilen:innen aus der ländlichen Umgebung der Siedlung wurden von ihrem Land vertrieben, Kinder zwangsadoptiert und misshandelt. Während der Diktatur kooperierte die Führung der Colonia Dignidad mit dem Geheimdienst DINA, der ein Gefangenenlager auf dem Gelände einrichtete. Oppositionelle wurden dort gefoltert, etwa Hundert laut Aussagen von Siedlungsbewohnern ermordet, ihr Schicksal ist noch immer nicht aufgeklärt.

Bis heute gibt es keine Gedenk- oder Dokumentationsstätte in der Villa Baviera, wie die deutsche Siedlung seit 1988 heißt. In der Siedlung, die in Form einer Aktienholding organisiert ist, leben heute noch rund 120 Personen. Sie betreiben Land- und Forstwirtschaft, eine Hühnerfarm, Immobilienunternehmen und einen Tourismusbetrieb mit Hotel und Restaurant im bayerischen Stil. Dort ausgerichtete private Events wie Hochzeiten oder kürzlich eine Modenschau, sind besonders verletzend für Angehörige von Verschwundenen.

Myrna Troncoso Muñoz, María Escobar Escanilla y Margarita Maino Canales, deren Brüder während der Diktatur entführt wurden und seitdem verschwunden sind, haben von der Entscheidung des Wohnungsbauministers aus der Presse erfahren. Diese staatliche Entscheidung zur „Rückabwicklung des Enteignungsprozesses“ sei gefährlich und könne zu irreparablem Schaden führen, erklären sie in einer Petition, die sie zusammen mit ihrer Rechtsanwältin Mariela Santana von der Menschenrechtsorganisation CODEPU an die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) richten. Sie hoffen auf Druck dieser Kommision, die Teil des Interamerikanischen Menschenrechtssystems ist, auf die chilenische Regierung, mit dem Ziel der Errichtung einer Gedenkstätte in der Ex Colonia Dignidad.

Juan Rojas Vásquez, dessen Vater und dessen ältester Bruder vermutlich in der Colonia Dignidad ermordet wurden, ist entsetzt über die Erklärung des chilenischen Ministers Poduje. Er appelliert an die Regierungen von Chile und Deutschland, endlich eine Gedenkstätte zu errichten, denn für die Betroffenen werde der Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit nicht enden. Er, der seit fast 50 Jahren in Stuttgart lebt, werde weiter um Aufklärung kämpfen.

Kast und die internationalen Verpflichtungen

Der chilenische Präsident José Antonio Kast erklärte inzwischen in einem Interview im chilenischen Fernsehen, es sei „unangemessen“, ein „117 Hektar großes Areal zu einem Gedenkort zu machen“. Chile habe kein Geld und dürfe sich nicht weiter verschulden. Das bedeute aber nicht, „das Leid vieler Menschen in Chile“ zu leugnen. Es sei daher nicht ausgeschlossen, eine „angemessene“ Form des Gedenkens und des Austauschs zu ermöglichen, wenn die Pläne auf ein begrenztes Gebiet reduziert würden und „nicht ganz Chile verschulden“.

Die Regierungen von Chile und Deutschland hatten sich 2017 in einem gemeinsamen Memorandum zum Aufbau einer Gedenk- und Dokumentationsstätte verpflichtet, und treffen sich seitdem halbjährlich in einer chilenisch-deutschen Regierungskommission. Ein von dieser gemischten Kommission beauftragtes chilenisch-deutsches Expert:innenteam erarbeitete ein Konzept für eine Gedenkstätte und legte dieses 2021 vor. Die Leiterin der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Elke Gryglewski, war daran federführend beteiligt.

Sie betont, es sei entscheidend, dass eine Gedenkstätte errichtet werde, in der die „historisch relevanten Gebäude einbezogen werden, in denen die verschiedenen Opfergruppen Leid erfahren haben, seien es Opfer der Diktatur oder Bewohner:innen der Siedlung“. Es sei hingegen nicht entscheidend, ob die Gedenkstätte über eine Enteignung oder über einen anderen Weg zustande komme. „Aber die Gespräche mit den verschiedenen Betroffenengruppen, die wir seit 2014 führen, müssen fortgesetzt werden“, so Gryglewski.

Diese Seminare und Workshops mit Betroffenengruppen der Colonia Dignidad hatte das Auswärtige Amt finanziert. 2017 hatte auch der Bundestag einstimmig einen Antrag zur Aufarbeitung der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen beschlossen. Denn auch die Bundesregierungen mehrerer Legislaturperioden waren über die Verhältnisse in der Colonia Digniad informiert, Personal der deutschen Botschaft in Chile hatte aus der Siedlung geflohene Personen teils nicht geschützt, sondern vor allem enge Beziehungen zu der Führungsriege der Sektensiedlung unterhalten. Die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Kathrin Deschauer, erklärte nun, die Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad „ist und bleibt ein wichtiges Anliegen für die Bundesregierung“. Die Errichtung einer Gedenkstätte werde bei der nächsten Sitzung der chilenisch-deutschen Gemischten Kommission sicher eine wichtige Rolle spielen. Diese ist für Mai oder Juni geplant.

Gedenkstätte hängt von internationalem Druck ab

Ob es an dem Ort von Folter, Mord, Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt eine Gedenkstätte geben wird, wird stark von internationalem Druck abhängen. „Jetzt ist der Moment, in dem die Bundesregierung ihrer Verantwortung nachkommen muss und im Rahmen der chilenisch-deutschen Kommission auf eine Errichtung der Gedenkstätte drängen muss“, sagt Jan Stehle, der zur Verantwortung der deutschen Außenpolitik im Fall Colonia Dignidad forscht. Er fordert konkrete Schritte wie die Gründung einer Stiftung oder anderen Rechtsperson zur Umsetzung der Gedenkstätte.

Dabei spielen auch Bundestagsabgeordnete – über Parteigrenzen hinweg – eine entscheidende Rolle. Michael Brand (CDU), Staatssekretär für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht von einer „bitteren Ankündigung“ der chilenischen Regierung, nachdem die Vorgängerregierung „Hoffnung auf konkrete Schritte für eine Gedenkstätte, mehr Aufarbeitung und Erinnerung“ gegeben habe. David Schliesing (LINKE), Obmann des Ausschusses für Kultur und Medien, nennt die Entwicklung „besorgniserregend“. Er erwarte „dass die Bundesregierung sich im Dialog mit der chilenischen Seite, gegenüber der extrem rechten Regierung ausnahmsweise mal nicht kleinlaut verhält“, sondern sich vehement für die Errichtung eines Gedenk- und Dokumentationsortes einsetzt. Er selbst werde dies auch in der Gemeinsamen Kommission aus Bundestag und Bundesregierung zur Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad einfordern.

Die Debatte um Aufarbeitung der deutsch-chilenischen Geschichte und Verantwortung wird mindestens solange andauern, bis die Geschichtsschreibung am historischen Ort der ehemaligen Colonia Dignidad nicht mehr von folkloristischem Tourismus geprägt ist, sondern dort eine angemessene historische Aufarbeitung in einem Dokumentationszentrum stattfindet. Und bis dort ein Ort des Gedenkens und Erinnerns für die Opfer von Folter und Verschwindenlassen und auch von Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt offen zugänglich ist.

Eine etwas kürzere Version dieses Textes von Ute Löhning ist zuerst bei nd-aktuell erschienen.
Ihr könnt ihr diesen Text auch auf Spanisch lesen.

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