Mutmaßlicher Folterer lebt in Berlin

Trotz internationalem Haftbefehl in Deutschland auf freiem Fuß: Luis Esteban Kyburg. Foto: Ezequiel Monteros/Medio a Medio

(Berlin, 21. Dezember 2020, radio matraca).- Luis Esteban Kyburg (72) ist ehemaliger Militäroffizier der Marinebasis im argentinischen Mar del Plata. 1976, zu Beginn der zivil-militärischen Diktatur in Argentinien (1976-1983) war er stellvertretender Befehlshaber einer Sondereinheit der Kampftaucher (Buzos Tácticos). Im Jahr 2016 wurden 13 Angehörige dieser Einheit wegen Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt. Sie wurden beschuldigt, Verbrechen an 123 Personen begangen zu haben, darunter zwei schwangere Frauen.

Im Gerichtsprozess, bei dem über 100 Zeug*innen ausgesagt haben, wurde festgestellt, dass die Marinebasis Mar del Plata als geheime Haftanstalt fungierte. Die entführten Personen wurden dorthin zum Verhör gebracht. Dort angekommen wurden sie physisch und psychisch gefoltert. Zwei Foltermethoden, die in dem Prozess auffielen, waren sexuelle Belästigung und der Einsatz von Tauchblasentanks, mit denen die Taucher ausgebildet wurden. Die Entführten wurden in diese Kammern gesteckt und dort für längere Zeit festgehalten, wodurch sie irreparable Schäden mehrerer Organe erlitten.

„Wir werden sie suchen!“

Während der Regierung von Präsident Néstor Kirchner (2003-2007) wurden die Prozesse gegen die ehemaligen Folterer der Diktatur wieder aufgenommen, darunter auch gegen die Militärs der Marinebasis Mar del Plata. Luis Esteban Kyburg jedoch gelang es, sich rechtzeitig nach Deutschland abzusetzen, da er neben der argentinischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Dieser Status befreit ihn von der Rückführung, verpflichtet ihn jedoch, Deutschland nicht zu verlassen, da er sonst nach Argentinien abgeschoben würde, wo ein internationaler Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschheit gegen ihn vorliegt.

Aktivist*innen der Gruppe H.I.J.O.S. lesen die Namen der Opfer der Spezialeinheit vor, der Kyburg angehörte. Foto: Radio Matraca

Im September 2020 hat die Menschenrechtsorganisation H.I.J.O.S. ein sogenanntes „escrache“ durchgeführt, eine Outing-Aktion im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo der Deutschargentinier Kyburg seit sieben Jahren wohnt. Die Aktion fand unter der Parole: „Wohin sie auch gehen, wir werden sie suchen!“ statt, dem Schlachtruf der Großmütter der Plaza de Mayo in Buenos Aires in den Jahren, in denen sich der argentinische Staat weigerte, die Folterer vor Gericht zu bringen. Damals fanden viele „escraches“ als Zeichen des Widerstands gegen die Straflosigkeit statt. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, soll es wenigstens ein „escrache“ geben!

Momentan wird erwartet, dass Kyburg hier in Deutschland der Prozess gemacht wird, wobei sich der Prozess durch die Pandemie verzögert. Sollte sich die deutsche Justiz zur Anklageerhebung entscheiden, wird die Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal nach Argentinien reisen, um Zeug*innenaussagen und Beweise zu sammeln, damit der argentinische Folterer nicht mehr frei durch die Straßen von Prenzlauer Berg spazieren kann.

Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch, als Audio und Print.

Übersetzung: Darius Ossami

CC BY-SA 4.0 Mutmaßlicher Folterer lebt in Berlin von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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