
(Berlin, 30. August 2026, taz/npla).- „Justicia, verdad, no a la impunidad“ – „Gerechtigkeit, Wahrheit, Nein zur Straflosigkeit“ – rufen Teilnehmende einer Kundgebung, die sich zum Internationalen Tag gegen das Verschwindenlassen im Krefelder Stadtteil Oppum versammelt haben. Sie haben Fotos von verschwundenen politischen Gefangenen mitgebracht, das deutsch-chilenische Duo Contraviento spielt chilenische Lieder, viele singen mit.
Die Kundgebung findet vor einem Mehrfamilienhaus statt, in dem Hartmut Hopp (82) wohnt. Hopp war der Arzt und Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad, jener 1961 in Chile gegründeten deutschen Sektensiedlung, in der sexualisierte Gewalt und Zwangsarbeit zum Alltag vieler Bewohner*innen gehörte. Während der Diktatur (1973-1990) kooperierte die Sektenführung rund um den deutschen Laienprediger Paul Schäfer eng mit dem chilenischen Geheimdienst DINA, der politische Gefangene in das abgelegene Gelände am Fuß der Anden verschleppte, folterte und rund hundert von ihnen ermordete. Deren Schicksal ist noch immer nicht aufgeklärt, sie sind bis heute verschwunden.
Sprecht endlich und packt aus
Hopp war die rechte Hand von Paul Schäfer, er galt als Verbindungsmann der Colonia Dignidad zur DINA und unterhielt enge Kontakte zu deren Chef Manuel Contreras. Er verfüge über Schlüsselinformationen für die Aufklärung des Verbleibs der Verschwundenen, sagt Bianca Schmolze, Menschenrechtsreferentin der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum (MFH). „Sprecht endlich und packt aus über das, was ihr wisst über politische Gefangene, Verschwundene, Ermordete“, fordert sie und richtet sich damit an Hopp und andere frühere Führungspersonen der Colonia Dignidad, die sich der Aufklärung durch die chilenische Justiz entzogen haben und unbehelligt in Deutschland leben.
Unter dem Motto „Gerechtigkeit heilt“ setzt sich das psychosoziale Zentrum aus Bochum für die Aufklärung von Menschenrechtsverbrechen ein. Denn das Ausbleiben von Aufklärung und Anerkennung führe zu Retraumatisierung. Angehörige von Verschwundenen, die nicht wissen, wie und wo ihre Liebsten zu Tode kamen, und keinen Ort zum Trauern haben, leiden ihr Leben lang darunter. Bianca Schmolze fordert auch die Einsetzung einer Wahrheitskommission zu Colonia Dignidad.
Hopp bricht sein Schweigen nicht
Doch Hartmut Hopp will nicht sprechen, er will sein Wissen nicht teilen und nicht zur Aufklärung beitragen. Er ist zuhause, lehnt der taz gegenüber jedoch zum wiederholten Male ein Interview ab. In Chile ist er vom Obersten Gerichtshof rechtskräftig zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung Minderjähriger verurteilt. Dieser Strafe und weiterer Ermittlungen wegen Menschenrechtsverbrechen entzog er sich durch Ausreise nach Deutschland. Seit 2011 lebt er unbehelligt in Krefeld, unweit der „Freien Volksmission Krefeld“, einer evangelikalen Gemeinde, der viele frühere Bewohner*innen der Colonia Dignidad heute anhängen. Einen Antrag auf Vollstreckung von Hopps chilenischer Strafe in Deutschland lehnte das OLG Düsseldorf 2018 mit juristisch umstrittenen Argumenten ab, eigenständige Ermittlungen der deutschen Justiz gegen Hopp wurden daraufhin ebenso eingestellt. „Die Justiz in Nordrhein-Westfalen hat bei der Aufklärung dieser schwersten Verbrechen versagt“, erklärt der Politologe Jan Stehle, der die Verantwortung der deutschen Außenpolitik und Justiz in Sachen Colonia Dignidad detailliert analysiert hat. „Über ein Dutzend strafrechtliche Ermittlungsverfahren wurden zwischen 1961 und 2019 geführt. Alle wurden eingestellt wegen vermeintlich fehlenden hinreichenden Tatverdachts.“ Die Verbrechen der Colonia Dignidad blieben vor der deutschen Justiz allesamt straflos, obwohl deutsche Behörden von sexualisierter Gewalt, Zwangsarbeit, Folter und Mord in der deutschen Siedlung wussten, kritisiert Stehle. Er fordert „Strukturermittlungen, die das kriminelle System der Colonia Dignidad in den Blick nehmen, doch solche Ermittlungen hält die NRW-Justiz nicht für notwendig“.

„Es muss Gerechtigkeit geben“, fordert auch die Chilenin Myriam Silva Pérez (73), deren erster Mann, der Maler und Aktivist Hugo Riveros Gómez, 1981 in Santiago de Chile von der Nachfolgeorganisation der DINA verschleppt und kurz darauf tot im Maipo Fluss gefunden wurde. Die deutsche Botschaft in Chile hatte es Tage zuvor abgelehnt, Hugo Riveros auf ihrem Gelände Schutz zu bieten. Myriam Silva Pérez lebt seit langem in Köln und ist zur Funa nach Krefeld gekommen. „Funa“ ist die Bezeichnung einer chilenischen Aktionsform, mit der Menschenrechtsaktivist*innen an den Wohnort von Folterern gehen und die Nachbarschaft auf Taten hinweisen, die vor der Justiz straflos geblieben sind.
In Krefeld-Oppum ist Hartmut Hopp und auch die Colonia Dignidad kaum bekannt. Mehrere Nachbar*innen berichten, dass sie nichts von deren Geschichte wissen. Das könnte sich ändern, denn am Rande der Kundgebung stecken einige der Aktivist*innen Flugblätter in die Briefkästen der umliegenden Häuser. Ein Anwohner, der die Ereignisse aus Medienberichten allerdings kennt, begrüßt die Funa: „Es ist gut, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass hier ein Straftäter wohnt, dessen Taten die deutsche Justiz nicht weiter verfolgt“. Wer die Menschenrechte mit Füßen trete, wenn auch in weiter Ferne, also in Chile, müsse seine Strafe verbüßen.
Abgeordnete signalisieren Unterstützung
Die Bundestagsabgeordneten David Schliesing (LINKE) und Max Lucks (Grüne) senden Grußbotschaften. Beide sind Mitglieder der kürzlich neu zusammengesetzten Gemeinsamen Kommission von Abgeordneten und Bundesregierung zur Colonia Dignidad. Diese müsse nach der nach der Sommerpause schnell „in den Arbeitsmodus kommen“, erklärt Schliesing. Denn die Rahmenbedingungen seien nach der Wahl des extrem rechten Pinochet-Bewunderers José Antonio Kast zum chilenischen Präsidenten deutlich schwieriger geworden. „Oberste Priorität“ für die Arbeit der Kommission habe der Einsatz für die Errichtung einer Gedenkstätte und eines Dokumentations- und Bildungszentrums auf dem ehemaligen Sektengelände, erklärt Schliesing. Denn in der Siedlung, die sich inzwischen Villa Baviera nennt, gibt es bis heute keine Gedenkstätte, stattdessen prägt ein Hotel-Restaurantbetrieb im bayerischen Stil die öffentliche Wahrnehmung der Besucher*innen dieses Orts, der zu einem touristischen Ausflugsziel geworden ist.
Im März hatte die Regierung von Kast Pläne zur Enteignung von Teilen des Geländes zwecks Errichtung einer Gedenkstätte gestoppt. Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen, Max Lucks, kritisiert diese Entscheidung als Teil einer Politik, die die Erinnerung an die Colonia Dignidad vermeiden wolle, weil die Siedlung „für das rechts-nationale Erbe der Pinochet-Diktatur und für die deutsche Beihilfe“ zu dieser stehe. Deswegen sei es so wichtig, dass die Bundesregierung gegenüber der chilenischen Regierung eine „unmissverständliche und klare Haltung“ beziehe und die eigenen Möglichkeiten ausschöpfe, selbst für Erinnerung zu sorgen.
Die Rolle der Bundesregierung
Doch das Auswärtige Amt hält sich bedeckt und lässt keine eigenen Aktivitäten in Sachen eines Gedenk-, Dokumentations- und Lernortes auf dem Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad erkennen. Es zieht sich auf das Angebot zurück, die chilenische Seite bei Initiativen für die Errichtung einer Gedenkstätte zu unterstützen. Die seit 2017 halbjährlich tagende chilenisch-deutsche Gemischte Regierungskommission hat dies zwar als erklärtes Ziel. Faktisch gibt es aber außer guten Erklärungen seit Jahren kaum reale Schritte hin zur Umsetzung einer Gedenkstätte. Außenminister Johann Wadephul, der Kast und den chilenischen Außenminister José Pérez Mackenna im Juni in Paraguay traf, hält sich auch mit klar kritischen Positionen zur Politik der Kast-Regierung zurück.

Nach der Kundgebung statten die Aktivist*innen der Staatsanwaltschaft Krefeld, die die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Hopp 2019 eingestellt hat, einen spontanen Besuch ab. Mit einem Transparent fordern sie ein Ende der Straflosigkeit und erklären, dass sie wiederkommen werden: „Solange die Verantwortlichen für Verbrechen der Colonia Dignidad straffrei sind, wird es Funa geben.“
Den Bericht in spanischer Sprache findest du hier.
„Funa“, bis es Gerechtigkeit gibt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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