Die Idiotie des urbanen Lebens

Peruanische Arbeiter*innen auf dem Weg zurück in ihre Heimatprovinzen. Foto: Andina/Servindi

(Mexiko-Stadt, 8. Mai 2020, la jornada).- Vor mehr als zehn Jahren fragte mich ein mexikanischer Freund: Was würde in Mexiko-Stadt passieren, wenn es kein Wasser mehr gäbe? Das hatte ich mir nie vorgestellt, ich blieb sprachlos. Zweifellos würde die Situation innerhalb weniger Tage chaotisch werden. Es gäbe Gewalttaten wegen des Wassers und viele Menschen würden versuchen, die Megastadt zu verlassen. Diese wäre auf einmal zu einer Falle geworden, aus der ein Entkommen schwierig sein würde.

Seit einem Monat geschieht etwas ungewöhnliches in Lima, in geringerem Maße auch in verschiedenen peruanischen Provinzstädten. Tausende Menschen verlassen die peruanische Hauptstadt, deren Großraum mehr als zehn Millionen Bewohner*innen beherbergt (9,5 Millionen nach offiziellen Angaben von 2017). Doch das Problem Limas ist nicht nur die enorme Bevölkerungskonzentration. Es kommen mindestens zwei Problematiken hinzu.

Zehntausende haben Lima verlassen

Erstens ist Lima exponentiell gewachsen, ähnlich wie andere Großstädte Lateinamerikas. 1957 hatte Lima 1,2 Millionen Einwohner*innen, 1981 waren es fast sechs Millionen; 2004 erreichte die Einwohner*innenzahl 8,5 Millionen. Davon waren 60 Prozent Migrant*innen aus der Andenregion. Sie ließen die Stadt im Norden, Osten und Süden enorm wachsen. Neben den Behausungen, entstanden dort Dienstleistungen und kollektive Räume. Zweitens ist es die außerordentliche Verwundbarkeit der ärmeren Bevölkerungsgruppen. 70 Prozent der Menschen arbeitet in der „Informalität“, wie es der Staat nennt: Handel auf Märkten und Straßen, Zubereitung und Verkauf von Lebensmitteln, Herstellung und Verkauf von so unterschiedlichen Dingen wie Kleidung und Videos, verschiedene nicht legale Aktivitäten. Zudem ist Lima auf einer Wüste ohne Wasser entstanden. Je nach Jahreszeit kann es eisig oder brütend heiß sein.

Die Lawine der Migrant*innen bezeichnete der Anthropologe José Matos Mar in den 1980er Jahren als „prekäres Überlaufen“. Wie müsste nun die entgegengekehrte Migration genannt werden, das massive Verlassen der gigantischen und bedrückenden Stadt? Die Zahlen sprechen für sich. Ganze Familien brechen auf; teils sogar zu Fuß. Auf ihrem langen Weg schlafen sie, wo es irgendwie möglich ist. Sie gehen große Risiken ein – es gibt bereits bei Flussüberquerungen Ertrunkene und bei Raubüberfällen Ermordete. Angesichts dieser Situation eröffnete der Staat eine Meldestelle, um den Transport zu organisieren. Am 25. April waren dort 167.000 Menschen registriert, die in ihre Dörfer oder Städte zurückkehren wollten. Nur für weniger als 5.000 gab es einen staatlichen Transport.

Natürlich haben bereits wesentlich mehr Menschen die Stadt verlassen oder wollen dies tun. Sie fliehen vor dem Hunger, der Einsamkeit, fehlender Solidarität. Ganze Familien mit Töchtern und Söhnen, die ihre Dörfer erreichen wollen, wo sie Verwandte erwarten, die ihre kleinen Landstücke bebauen und sie mit Nahrungsmitteln empfangen können.

Bruchstellen der Gesellschaft werden sichtbar

Der Historiker Fernand Braudel sagte, der Moment des Schiffbruchs sei der entscheidende, weil er Bruchstellen, Konstruktionsfehler und schadhafte Entwürfe sichtbar mache. In unseren Gesellschaften sind diese „strukturellen Defekte“ der Individualismus, der Konsumismus und alle Verhaltensweisen auch unter den ärmeren Bevölkerungsschichten, die dem Kapitalismus so dienlich sind.

Es nutzt wenig, dem System (Kapital oder Staat) die Schuld für unsere missliche Situation zu geben, wenn wir nicht konkrete Schritte dagegen vorschlagen und etwas tun. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass das kapitalistische System, so wie es in den USA, Europa oder China funktioniert, eine außerordentliche Verantwortung an der augenblicklichen Pandemie hat. Dies gilt besonders für die so hohe Sterberate unter den Ärmsten.

Die Pandemie trifft die Ärmsten

Die Angaben der brasilianischen Tageszeitung O Globo in der Ausgabe vom ersten Mai zu Rio de Janeiro lassen keine Zweifel zu. Während im Reichenviertel Leblon die Letalität der Infizierten bei 2,4 Prozent lag, betrug sie in den Favelas von Maré 30,8 Prozent. Eine dreizehn Mal höhere Letalität unter den Armen.

Ich halte nichts von den Expert*innen, die mit der Pandemie nun den Kommunismus kommen sehen oder die Chance für die Menschheit, die Richtung zu ändern. Ich sehe nicht das geringste Anzeichen dafür. Im Gegenteil: Wir sehen, wie die Mächtigen ihre mörderischen Pläne intensivieren. Sie reichen vom massiven Ausbau des Home Office und der digitalen Kontrolle bis zu Megaprojekten wie dem Maya-Zug (tren maya), um einige zu nennen.

Der Ausdruck von Marx, der ironisch abgeändert diesem Text den Titel gab (Marx erwähnte die „Idiotie des Landlebens“ im Kommunistischen Manifest), muss nicht wortwörtlich genommen sondern in seine damalige Zeit eingeordnet werden. Marx sah das Bürgertum als revolutionär an. Er vertraute vollends in die Entwicklung der Produktivkräfte und des technologischen Fortschrittes als Garantie für das Gedeihen der Menschheit. Wir sind nicht verpflichtet, dieser Auffassung zu folgen. Vor anderthalb Jahrhunderten existierten weder der Feminismus noch der Antikolonialismus, die im 20. Jahrhundert ihre Kraft entfalteten. Diese hätten unseren Blick auf die Welt ändern sollen. Es entstanden die kollektiven Subjekte wie die autochthonen Völker oder die organisierten Frauen der unteren Schichten.

Unsere Loyalität sollte der einfachen Bevölkerung gelten, die jeder Theorie einen Schritt voraus ist. Die zeigen uns derzeit die Migrant*innen, die Lima verlassen.

CC BY-SA 4.0 Die Idiotie des urbanen Lebens von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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