
Foto: Protoplasma Kid via wikimedia
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(Mexiko-Stadt, 22. Juni 2026, Agencia Presentes/poonal).- In verschiedenen mexikanischen Städten wie Guadalajara, Mérida und Oaxaca finden neben dem offiziellen Marchas de Orgullo seit einigen Jahren Alternativ-CSDs statt. Auch in Costa Rica, Chile und Kolumbien finden sich Aktivist*innen und Initiativen zusammen, um den ursprünglichen Charakter des Pride als Protestdemo wiederzubeleben für politische Forderungen zu nutzen und die Vereinnahmung von LGBT+-Identitäten durch zu hinterfragen. Die jeweiligen Themen ergeben sich aus den lokalen Kontexten. Der Unterschied zeigt sich bereits bei der Organisation: Die Komitees, die die offiziellen Pride-Paraden in Zusammenarbeit mit dem Staat organisieren, werden häufig wegen mangelnder Transparenz und der überhöhten Teilnahmegebühren kritisiert. Bei den Alternativ-CSDs arbeiten die teilnehmenden Kollektive und Aktivist*innen gleichberechtigt und auf Augenhöhe.
Wie kam’s zur „Contramarcha“?
Die Geschichte der Contramarchas in Mexiko begann im Jahr 2013 mit der Gründung des „Bloque Rosa“. Die Gruppe setzte sich dafür ein, die Anliegen der sexuellen Vielfalt in den Diskursen anderer gesellschaftlicher Kämpfe einzubringen und in Menschenrechtsorganisationen und Kampagnen gegen Militarisierung, in Arbeitskämpfen und Bildungsinitiativen sichtbar zu machen. Die Initiative versuchte, die Belange der sexuellen Vielfalt in die Diskussionen anderer sozialer Kämpfe einzubringen, wie etwa die Menschenrechtskrise aufgrund der Militarisierung sowie die Arbeits- und Bildungsreformen jenes Jahres. Als im Jahr 2014 der Partido Acción Nacional (PAN) das traditionelle Familienkonzept massiv zu fördern begann, um ein Gegengewicht zu den Initiativen zur Legalisierung der Abtreibung zu bilden, entstand eine kollektive Protestreaktion, die die Beschneidung der Menschenrechte von Frauen und LGBT+-Personen nicht hinnehmen wollte. Ebenso sollten die politischen Inhalte der Menschenrechtsinitiativen bei den „Marchas de Orgullo“ vertreten sein. „Der Pride war zu Beginn dissident, wurde aber nach und nach kooptiert“, erinnert sich Emmal Brunel, Bloque Rosa-Aktivistin der ersten Stunde. Die Protestdimension sei durch gezieltes „Pinkwashing“ verdrängt worden, also, die strategische Nutzung sexueller Vielfalt, um das Image von imperialistischer und menschenrechtsfeindlicher Politik aufzupolieren. Zum Bruch mit der offiziellen Pride-Parade kam es 2016, als mehr als dreizehn Kollektive die Demo stoppten, um gegen die Teilnahme von Botschaften und transnationalen Unternehmen zu protestieren. Emmal, erinnert sich: „In jenem Jahr marschierten zum ersten Mal die Botschaften der USA, Israels, Dänemarks, Großbritanniens, Frankreichs und Norwegens sowie zahlreiche transnationale Unternehmen mit. Den Pride-Marsch für einige Minuten anzuhalten, war ganz schön gewagt, immerhin hieß das, eine Demo mit mehreren Tausend Teilnehmenden zum Anhalten zu bringen. Ich glaube, das war ein Wendepunkt in unserem Verständnis von Stolz und zugleich eine Botschaft an die westlichen und kolonialen Länder, die sich nach außen hin als LGBT-freundlich präsentieren, dabei ist das einfach nur eine Maske des Kapitalismus und Imperialismus.“
Contramarcha in Monterrey
Im Norden des Landes machen sich die konservative Kultur, und die politischen Ideen der rechtsextremen Regierung der Vereinigten Staaten bemerkbar. Zur Geschichte der Contramarcha in Monterrey erklärt ein Mitglied der „Frente Kuir“ in einem Interview, dass „Wir wollten nicht länger von politischen Parteien und Unternehmen instrumentalisiert werden. Warum soll die Community auf der Straße feiern, wenn die Realität der schutzbedürftigsten Menschen nicht verändert wird? Warum sollten wir stolz darauf sein, dass bei den Beamten ein Schwuler dabei ist? Warum soll mir das wichtig sein, wenn dieser Beamte anschließend die Krise der Verschwundenen in unserem Land leugnet?“ Die Kollektive in Nuevo León betrachten den offiziellen Pride March mittlerweile als ein Zugeständnis an die Idee von ‚Ordnung und Fortschritt‘ geworden“, so wie sie die Regierungen dieses Bundesstaates historisch immer vertreten haben, während strukturelle Probleme wie die Wasserkrise oder die Militarisierung der Landespolizei ignoriert werden. Nicht einmal die Diskussion über die Einführung der Kategorie Transfeminicidio, die Kongressabgeordnete strikt ablehnen, wird dort zum Thema gemacht.
Die Organisation der Contramarcha
In Monterrey beginnt der Prozess bereits Monate im Voraus. Ein Komitee aus LGBT+-Gruppen, Student*innen, Volksbewegungen, Anarch@s und kommunistischen Gruppen entwickelt Routen, Zeitpläne, Aktivitäten und verteilt strategische Aufgaben wie Sicherheit. In den letzten Jahren hat der Gegenmarsch dazu beigetragen, die Blase der sexuellen Vielfalt zu durchbrechen und sie mit anderen sozialen Kämpfen zu verknüpfen. Auf nationaler Ebene greift die Contramarcha Forderungen und Themen auf, die von der vom Staat organisierten Pride-Veranstaltung unter Beteiligung der Wirtschaft ignoriert werden: Die Krise der Verschwundenen, die Forderung besserer Arbeitsbedingungen und der 40-Stunden-Woche und der Protest gegen Gentrifizierung, Enteignung, soziale Säuberung und Megaprojekte sind ebenso präsent wie der Slogan „Kein Stolz auf Völkermord“ und die Solidarität mit Palästina. In Monterrey, Guadalajara und Mexiko-Stadt werden die Auswirkungen der FIFA-Weltmeisterschaft angeprangert und aufgezeigt, wie städtische Projekte das Leben der Bewohner*innen verteuern. Die Contramarchas demonstrieren gegen Hassverbrechen, Transfrauenmorde und Frauenmorde, Kolonialismus, Rassismus und Militarisierung. „Unsere Community lebt nicht in einer Blase. Auch uns betreffen Ausbeutung am Arbeitsplatz, gewaltsames Verschwindenlassen, der Krieg gegen die Drogenkartelle und die Militarisierung“, fügt Emmal hinzu.
Eine Antwort auf den Vormarsch des Faschismus
Vor dem globalen Hintergrund des Aufstiegs der extremen Rechten mit Leuten wie Donald Trump, Javier Milei oder Nayib Bukele verstehen sich die Contramarchas als notwendige Alternative gegen Hassreden, transfeindliche Politik und den Rückschritt bei den Rechten. „Wir erleben einen eindeutigen Vormarsch der extremen Rechten, eine explizit menschenverachtende Politik und Unverfrorenheit angesichts der Gewalt. In Mexiko ist das vielleicht aufgrund dieser irgendwie linken Regierung nicht so sichtbar, aber auch hier gibt es Gruppen, die die Macht an sich reißen wollen und in Zukunft an Stärke gewinnen könnten“, warnt Emmal. „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Institutionen oder politische Führer den endgültigen Schutz bieten“, fügt ein Frente Kuir-Mitglied hinzu: „Angesichts des Vormarsches des Faschismus müssen wir uns organisieren … Die Contramarcha ist nicht nur ein Alternativ-CSD, sondern eine Erinnerung daran, dass Stolz entweder politisch ist oder gar nicht existiert, und dass Freiheit nur kollektiv und horizontal von der Basis aus aufgebaut werden kann.“
Der Transgeniale CSD in Berlin

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Auch in Berlin kam es innerhalb der Organisator*innen des CSD zum Bruch und zur Entstehung einer zweiten LGBTIQ+-Demo. Über mehrere Jahre hatten auch hier die kommerzielle Ausrichtung und die Teilnahme umstrittener Initiativen wie HAPol (Homosexueller Arbeitskreis Polizei) zu Spannungen geführt. Zum offenen Konflikt und anschließenden Bruch kam es 1997, als der „Rattenwagen“ eine Initiative schwuler Hausbesetzer, seine mitgebrachte Schlammladung nutzte, um gegen einen Teilnehmer in SA-Uniform zu protestieren. Die Empörung gegen die „Braun zu Braun“-Aktion auf der einen und die konsequente Ablehnung der Fetischisierung von Nazi-Uniformen auf der anderen Seite ließ sich in der Nachbearbeitung nicht mehr kitten, und so kam es zur Entstehung des Transgenialen (oder: Kreuzberger) CSDs, der zwar kleiner und weniger pompös ausfiel, dafür aber weit über den Wunsch nach Sichtbarkeit und Homorechten hinausging und viel Raum lies für die Forderungen sozialer Bewegungen. Der letzte Transgeniale CSD fand 2013 statt.
Was dagegen? Marchas de Orgullo und Gegenbewegungen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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