Argentinien

Überwachen und Strafen


von Diego Galeano

alt(Montevideo, 04. April 2014, la diaria).- In einer argentinischen Zeitschrift lese ich: „In Rosario starb der 18-Jährige Dieb, gelyncht von seinen Nachbarn“. Ein Lynchmord? Ich öffne Google, beschleunige das Tippen, nervös, verstört. Es erscheinen andere Varianten, die sich auf dasselbe Ereignis beziehen: „Dieb, von Nachbarn in Rosario gelyncht, liegt im Sterben“. „Jugendlicher, gelyncht von seinen Nachbarn in Rosario, verstorben“. „Schauerlicher Bericht eines Rachemordes in Palermo“. „Twitter explodiert wegen eines Mordversuchs an einem Taschendieb in Palermo“.

Einige wenige Worte heben sich ab aus der Lektüre, unzusammenhängend und sich wiederholend. Es ist wie ein verschlungenes Mantra: Jugendlicher, Dieb, Rachemord, Nachbarn, Rosario, Palermo. Ich lese alles, hektisch, überfliege es nur. Ich kann meinem Entsetzen nicht entkommen, der Wortschwall bringt mich außer Fassung. Und genauso fassungslos und durcheinander nehme ich die Standpunkte in den Diskussionen wahr: soll man ihn einen Jugendlichen nennen, oder einen Dieb, dass er gestohlen hat, dass er nicht gestohlen hat, dass es egal ist, ob er gestohlen hat oder nicht. Meine Verwirrung hält an, ich bin sprachlos.

Andere wagen es schon, Diagnosen abzugeben: Es waren rechte Banden, Gewalt, angestachelt von den Medien und jenen Demagog*innen, die notorisch das Thema mangelnder Sicherheit aufs Tablett bringen. So wird geschrieben. Es scheint, dass jene, die mithilfe eines Mikrofons die Massen auf ihre Seite zu ziehen vermögen, die Gewalt anstacheln und bewirken, dass sich Hass niederschlägt: An einem Tag sprachen sich 50 Nachbarn ab, der unausgesprochene Konsens dieses angehäuften Hasses im Hintergrund, und malträtieren einen Jugendlichen mit Tritten, den Hilfsarbeiter des Maurers. Sie lassen ihn auf dem Asphalt liegen, mehr als zwei Stunden lang, mit schweren Prellungen und offenen Kopfverletzungen. Vier Tage später stirbt der Jugendliche im Krankenhaus.

Ich habe hier folgende Erklärung für das Geschehene: die politischen und journalistischen Diskurse die eine harte Hand fordern, erzeugen Episoden von Lynchmorden und anderen Ausdrucksformen der verbreiteten, irrationalen und präzivilisatorischen Gewalt. Ist es mir erlaubt, diese Erklärung anzuzweifeln? Worin besteht denn die Mechanik dieser Leidenschaft, zum Eliminieren? Wessen „freiwillige Peitschen“ sind denn die Nachbarn aus Rosario? Die einer zynischen Rechten, die diese beginnende Raserei aus purer Willkür normalisiert und kanalisiert? Wo ist Sergio Massa? Wo soll er sein? In New York natürlich! Auf einen Händedruck mit dem furchterregenden, weltweit agierenden Vorkämpfer rechtsgerichteter Sicherheitspolitik, dem Vater der Nulltoleranzpolitik, auf einen Händedruck mit Rudolph Giuliani. Der Kreis beginnt sich zu schließen. Die Wiedergeburt des Faschismus! Das ist es! Es findet eine Wiedergeburt des Faschismus statt, mit all seiner perversen Dialektik zwischen den Gerechtigkeitssuchenden des Volkes und dem zukünftigen Anführer, den Schwarzhemden und dem Duce, dem Führer.

Dieses Argument zeigt uns eine erschreckende Wirklichkeit, aber es ist doch tröstend zu wissen, dass wir eine Erklärung haben. Und aus dieser Erklärung heraus können wir den Kampf beginnen. Stellen wir also den faschistischen Nachwuchs zur Schau: Nachbarn, die auf Facebook den Mord an einem Jugendlichen aus Rosario feiern, ein weiteres (fehlgeschlagenes) Racheattentat in Palermo, eine Frau aus La Plata, die sich einen 32er Revolver und 50 Kugeln kauft um in Frieden schlafen zu können.

Ich beharre auf meiner Nachfrage: Darf ich diese Erklärung anzweifeln? Die Geschichte des weltweiten Faschismus zeigt, dass es zwischen der faschistischen Propaganda und den öffentlichen Gewaltausbrüchen keine mechanische Verbindung gibt. Es geht nicht darum, der Propaganda abzusprechen, eine gewisse produktive Kapazität zu haben und sie flugs in die Sparte der unnützen Rhetorik zu verbannen. Aber zwischen der Nachricht und dem Lynchmord gibt es einen Zwischenraum, ein ganzes Feld von sozialen Erfahrungen, in dem viele weitere Zutaten kochen.

Im Fernsehen und im Radio gibt es, seit ich denken kann, Hetzer*innen, die für die grausamsten Straftaten werben, aber es ist nicht üblich, dass sich Horden von 50 Personen zusammenschließen um ein Massaker zu veranstalten, welches des ersten Kapitels von Foucaults „Überwachen und Strafen“ würdig wäre.

Es ist in Rosario passiert, einer Stadt, die einen besorgniserregenden Zyklus von Morden und politischer Korruption aufweist. Es ist in Argentinien passiert, einem Land, das es in mehr als 30 ununterbrochenen Jahren der Demokratie nicht geschafft hat, sein verfaultes Strafgerichts-, Polizei- und Gefängnissystem zu verändern. Argentinien wusste nicht wie – trotz der zahlreichen Reformversuche – und hat es nicht geschafft. Grund dafür sind die Kraft und Ausdauer von Interessensverbände und Unternehmen und deren Fähigkeit, sich bei jedem Fall, der Resonanz hervorruft, vom Mord an Axel Blumberg bis zum Fall Carolina Piparo, neu zu verorten und Emotionen in ihrem Sinne zu handhaben.

Nun gut, was ist denn der Nährboden für diese erneuten Morde die uns verletzen und Schmerz hervorbringen? Die Reden eines Haufens von Scharlatanen und opportunistischen PolitikerInnen? Oder der wortlose Komplott im Umgang mit Gewalt, die sich Tag für Tag in die Städte und ihre Einzugsgebiete hineinwebt, im Rhythmus des sich gleichzeitig auflösenden sozialen Netzes? Überschätzen wir nicht ein wenig die Macht der Medien, der auf elektromagnetischen Wellen reisenden Worte? Was bringt eine Pförtnerin aus La Plata dazu, sich einen Revolver zu kaufen? Die Summe der Stunden im Radio mit Eduardo Feinmann, dem Kolumnisten, der sich selbst als mitte-rechts bezeichnet? Oder die Erfahrungen des Alltags in La Plata, mit bestechlichen Polizist*innen, die anschließend wegschauen? Was für eine geheimnisvolle Verkettung von Erbärmlichkeit schafft die Bedingungen unter denen ein solcher Lynchmord möglich wird? Wie viele Tritte, wie viele Schläge, bekam David ab? Was fühlt, was denkt, was passiert im Kopf des angeblich Gerechten, wenn er auf den leblosen Körper eines unbekannten Jugendlichen einprügelt?

Ich habe mehr Fragen als Antworten, mehr Sorgen und Unruhe als Rival*innen die ich beschuldigen könnte.

Aus: Cosecha Roja (http://cosecharoja.org/)

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