Ecuador

Mónica Chuji: „Indigene Frauen gewinnen an Einfluss“


von Luis Ángel Saavedra

(Lima, 10. Juni 2010, noticias aliadas).- Mónica Chuji Gualinga ist eine indigene Führungskraft der Kichwa aus dem ecuadorianischen Amazonastiefland. Sie wurde 1973 in Sarayaku in der Provinz Pastaza geboren. Sie hat Sozialkommunikation studiert und im Jahre 2002 Fortbildungen im Rahmen des „Bildungsprogramms für Indigene Völker“ vom Hochkommissariat für Menschenrechte der Vereinten Nationen in Genf absolviert sowie am Institut für Menschenrechte „Pedro Arrupe“ der Universidad de Deusto in Bilbao im Bereich Menschenrechte sowie Rechte indigener Völker studiert. Im Jahre 2008 gehörte sie der Verfassunggebenden Versammlung Ecuadors an; zu Beginn der Präsidentschaft von Rafael Correa war sie Regierungssprecherin.

Derzeit leitet Mónica Chuji die Stiftung Tukuishimi („Alle Stimmen“) und engagiert sich im Bund der Kichwa-Organisationen der Provinz Sucumbíos (Federación de Organizaciones Kichwas de Sucumbíos) sowie im Dachverband Indigener Nationalitäten Ecuadors CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador). Im folgenden Gespräch mit unserem Korrespondenten Luis Ángel Saavedra äußert sich Mónica Chuji zur Präsenz indigener Frauen in Führungspositionen innerhalb und außerhalb ihrer Gemeinschaften.

Hat sich in den letzten Jahren das Rollenbild indigener Frauen innerhalb der Gemeinschaften verändert? Haben Frauen Leitungspositionen erreichen können?

Sie erfüllen nach wie vor dieselben Aufgaben innerhalb der Familie, im Haushalt, im kulturellen Leben der Gemeinschaft. Neuerdings bemühen sie sich jedoch darum, auf die Veränderungen in ihrem Leben Einfluss nehmen zu können und zu einer Stärkung der Organisationen beizutragen. Junge Frauen übernehmen verstärkt politische Verantwortung, aber das bedeutet wie gesagt nicht, dass sie ihre Rolle innerhalb der Familie aufgegeben hätten. Größere Freiräume [zur Übernahme von Führungsposten] haben Frauen ohne Kinder, also Frauen, die sich getrennt haben oder ledig sind. Für Frauen, die mit ihrer Familie zusammenleben, die verheiratet sind, ist es schwieriger. Sie können sich nicht kontinuierlich einbringen – sie sind einige Zeit in einer Führungsposition, etwa als Vizepräsidentin oder als Menschenrechts- oder Frauenbeauftragte, aber danach verschwinden sie, weil sie wieder in ihre Gemeinschaft, zu ihrer Familie zurückkehren.

Haben diese Frauen durch ihre Präsenz in Führungsebenen Veränderungen erreicht oder befinden sie sich immer noch in einer Randposition, ohne Einfluss auf die generelle Ausrichtung von Führungsgremien?

Die aktive Teilhabe und die Vorschläge der Frauen wirken sich natürlich auf die Beschlüsse der Gemeinschaften und Organisationen aus. Dieser Einfluss muss allerdings noch erweitert werden. Insgesamt ist jedoch eine Veränderung bei den Männern zu bemerken, sie sind oftmals eher bereit, einer Frau eine Führungsposition anzuvertrauen als einem Mann. Sie sind der Meinung, dass eine Frau als höchste Vertreterin der Gemeinschaft viel besser mit den Behörden, der Organisation selbst und dem einen oder anderen, der manchmal verantwortungslos handelt, umgehen kann. Manche Frauen sind auf regionaler und auf landesweiter Ebene sehr aktiv gewesen, sie sind ein Vorbild für die Frauen an der Basis. Sie versuchen auf vielerlei Art und Weise und überall einflussreicher zu werden und sich stärker in die Organisationen einzubringen. Die Frage ist jedoch: Wie viele von ihnen haben Einfluss? Wie viele von ihnen sind aktiver? Wie viele sind in der Lage, mit männlichen Führungspersonen zu diskutieren? Ich denke, dass man mit den zahlenmäßig wenigen Frauen positive Erfahrungen gemacht hat. Die Frauen eröffnen sich nach und nach neue Einflussmöglichkeiten.

Die Frauen erlangen auch außerhalb ihrer Gemeinschaften Führungspositionen – wie schaffen sie das, und mit welchen Schwierigkeiten sehen sie sich konfrontiert?

Jene Frauen, die eine Ausbildung oder die Schulungen innerhalb oder außerhalb Ecuadors absolvieren konnten, suchen nach Einsatzmöglichkeiten, wo sie für ihre Arbeit bezahlt werden können. Unsere Organisationen stehen damit vor der Herausforderung, neue Initiativen zu gründen, in denen sich die Frauen mit einer Berufsausbildung einbringen können. In den Führungsgremien der Organisationen muss man auf sie zugehen und ihnen neue Arbeitsbereiche anbieten, strategische Allianzen eingehen, Ausbildungsverträge mit anderen NGOs vereinbaren, damit die Frauen wirklich für die Bedürfnisse der indigenen Organisationen arbeiten. Am logischsten wäre es, wenn Leute, die einer Indígena-Organisation angehören und ausgebildet sind, nachdem sie Erfahrungen gesammelt haben, wieder zu ihrer Organisation zurückkehren – das Problem ist nur, dass die Organisation keine Mittel hat, um sie zu beschäftigen, man hat keine neuen Projekte entwickelt, keine neuen Programme, keine neuen Tätigkeitsfelder eröffnet. Die Frauen sind natürlich auch mitverantwortlich, sie können dann mit ihren Erfahrungen in die Gemeinschaften gehen und sich mit ihren Ideen und neuen Initiativen einbringen. Darum geht es bei der Mitverantwortung.

Warum haben die Frauen, die in Führungsgremien aktiv waren, zum Beispiel beim Dachverband Indigener Nationalitäten Ecuadors, der CONAIE, kaum öffentliche Aufmerksamkeit erreicht?

Anders als im Hochland und in der Küstenregion gibt es im Amazonastiefland viele Frauen, die lokale oder regionale Organisationen leiten. Diese Frauen werden jedoch öffentlich kaum wahrgenommen. Diese mangelnde Wahrnehmung hängt unter anderem mit den Entfernungen zusammen, damit, dass diesbezügliche Informationen aus sehr abgelegenen Orten stammen und auf Landesebene weniger Bedeutung haben. Zum Beispiel hat die Organisation der Amazonasprovinz Orellana eine Präsidentin, die überaus aktiv ist, Öffentlichkeitsarbeit leistet, die Meinungsbildung fördert und Vorschläge unterbreitet. Es gibt außerdem eine Abgeordnete der Shuar, die in letzter Zeit sehr aktiv gewesen ist. Der Grad an Verantwortung, die ihnen auf dieser öffentlichen Ebene von den männlichen Gremienmitgliedern übertragen wird, und das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird, spielen auch eine große Rolle. Im Hochland öffnet man sich hingegen dafür, den Frauen Sprecherinnenfunktionen zu übertragen oder ihnen ein öffentliches Amt anzuvertrauen. Das ist im Amazonastiefland weniger möglich, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, weil man dort noch glaubt, dass die Frauen, selbst wenn sie Erfahrungen haben, noch nicht reif dafür sind, als regionale Vertreterinnen oder Sprecherinnen aufzutreten. Da gibt es in einigen Führungsgremien noch zu viel Widerstand.

Wie treten die Frauen in den internationalen Partizipationsgremien für Indígenas auf?

Es gibt nur sehr wenige Frauen, die auf internationaler Ebene Verantwortung übernommen haben. Alle Bereiche sind dort von Männern dominiert, von Experten zu den verschiedenen Themen. Nur sehr wenige Frauen spielen da an sichtbarer Stelle eine Rolle. Es sind dieselben Frauen, die auch auf nationaler Ebene schon ein gewisses Maß an Partizipation erreicht haben. Sie sind es, die es dann auf die internationale Bühne schaffen. Deshalb ist weder eine Veränderung des Rollenbildes noch eine wesentlich stärkere Beteiligung der Frauen zu erwarten. Diese wenigen aber sind äußerst aktiv, und das ist positiv, sie bringen viele neue Vorschläge ein, jenseits des typischen Diskurses, den man so in den Vereinten Nationen zu hören bekommt. Diese Frauen bringen neue und viel realistischere Vorschläge ein, sie stützen sich in ihren Überlegungen auf das, was sie in ihrer Heimat beobachtet haben und was sich dort entwickelt. Sie ermöglichen die Zusammenarbeit mit Frauenorganisationen aus anderen Kontinenten und Ländern, aus der sie Kraft schöpfen können.

Bleiben wir auf der internationalen Ebene: Welche Vorschläge oder Elemente könnten die Partizipation der Frauen in den Führungsgremien vorantreiben?

Die Organisationen sind auf internationaler Ebene kaum vertreten, und die Frauen, die dort hingegangen sind, sind dieselben, die auch auf nationaler Ebene ein Amt innehaben, nicht diejenigen, die regional oder gar auf Provinzebene Verantwortung tragen. Diese Frauen müssen geschult werden, sie müssen Grundwissen erlangen zu den Themen, die international diskutiert werden – dass wir zum Beispiel nicht losgelöst sind von der internationalen Politik, dass all das, was außerhalb geschieht, auch im Inneren des Landes Konsequenzen nach sich zieht. Die nationalen Probleme und Projekte müssen auf die internationale Ebene gebracht werden. Das stärkt die Organisation und ermöglicht den Frauen natürlich auch eine andere Art von Erfahrungen, nützlichen Kenntnissen, den Austausch mit Frauen von anderen Kontinenten und aus anderen Ländern, die uns Frauen irgendwann von Nutzen sein können, auf nationaler Ebene, regional oder in der Gemeinschaft.

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