Brasilien

Mato Grosso do Sul: Eukalyptus auf dem Vormarsch


von Winnie Overbeek

Pflanzen - Abholzen - Pflanzen - Abholzen... Eukaluptusplantage in Lateinamerika / Free Cat, flickr(Lima, 30. Juli 2011, Servindi).- Nirgendwo in Brasilien, ja vielleicht auf der ganzen Welt, breiten sich die Eukalyptus-Monokulturen, und damit die Zellulose-Produktion, so schnell aus wie im Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Schwerpunkt des Anbaus ist die Region Três Lagoas. Das Zellulose-Werk des Unternehmens Fibria produziert jährlich 1,3 Millionen Tonnen des Rohstoffs.

 

Für umgerechnet mehr als 2 Mio. US-Dollar ist eine zweite Anlage geplant, die den Betrieb Anfang 2014 aufnehmen soll. Die Produktion stiege dann auf 3 Mio. Tonnen jährlich. Derzeit baut Fibria auf einer Fläche von 150.000 Hektar Eukalyptus an, die Pläne sehen eine Verdoppelung vor.Daneben gibt es eine Papierfabrik, die von dem US-Unternehmen International Paper kontrolliert wird, dem zweitgrößten Verpackungsmittelhersteller der Welt.

Außerdem baut aktuell das Unternehmen Eldorado Brasil in der gleichen Region ein Werk, dessen Kapazität 1,5 Mio. Tonnen betragen soll, Einweihung voraussichtlich im November 2012. Die Eukalyptus-Anbaufläche beträgt ebenfalls 150.000 Hektar. Desweiteren haben das chilenische Unternehmen Arauco und Portucel aus Portugal Interesse signalisiert, in Mato Grosso do Sul zu investieren.

Keine Umweltauflagen für Unternehmen

Diese ungebremste Expansion des Eukalyptus-Anbaus und der Zellulose-Gewinnung wird von der Regierung von Mato Grosso do Sul nach Kräften gefördert. Eine Verpflichtung, Studien zu möglichen Auswirkungen auf die Umwelt zu erstellen, besteht nicht. Die Universidade Federal de Mato Grosso do Sul (UFMS) aus der Hauptstadt Campo Grande organisierte daher Anfang Juli gemeinsamen mit anderen Universitäten und gesellschaftlichen Organisationen in Três Lagoas ein Symposium zu den Konsequenzen der Zellulose-Produktion. Die Teilnehmer*innen erfuhren von der starken Konzentration des Agrarbesitzes in Mato Grosso do Sul – ein Prozess, der in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte und zahlreiche Konflikte auslöste. Landgüter mit einer Größe von über 1.000 Hektar machten im Jahr 2006 zwar nur 10 Prozent der Betriebe aus, nahmen aber 77 Prozent der Nutzfläche ein. Ebenfalls in den 70er Jahren setzte die Ausbreitung des Eukalyptus-Anbaus ein – ursprünglich diente er der Herstellung von Kohle. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts schufteten in den Monokulturen in Mato Grosso do Sul 8.000 Arbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen, hinzu kamen Fälle von Kinderarbeit.

Bis 2020 Verdreifachung der Anbaufläche geplant

Der Anbau von Eukalyptus-Monokulturen zur Herstellung von Zellulose ist jüngeren Datums. Von 2005 bis 2009 verdoppelte sich die Anbaufläche in der Region Três Lagoas, was nahezu ausschließlich dem Eukalyptus geschuldet war. Und bis zum Jahr 2020 soll diese Fläche mehr als verdreifacht werden, auf dann 1 Mio. Hektar. Diese Entwicklung ist mit einschneidenden Veränderungen in den ländlichen, aber auch den städtischen Räumen Mato Grosso do Suls verbunden. Im Ort Três Lagoas beispielsweise ging die Milchproduktion der kleinen Landwirtschaftsbetriebe von 1995/96 bis 2006 auf weniger als die Hälfte zurück. Die Produktion von Nahrungsmitteln nimmt generell ab – Bohnen etwa werden kaum noch angebaut. Die Vorherrschaft üben die großen Agrobetriebe aus, die ohnehin starke Konzentration des Landbesitzes nimmt sogar noch weiter zu. Der Wert von Land schießt derweil unkontrolliert in die Höhe.

Agrargifte gefährden Mensch und Umwelt

Eine Agrarreform bleibt unter diesen Umständen auf der Strecke. Die Gebiete, wo sie begonnen wurde, sehen die Eukalyptus-Pflanzungen mehr und mehr auf sich zu rücken. Zu den Problemen zählen desweiteren die Entwaldung und der Konkurs von lokalen Handelsunternehmen. Die sozialen Probleme haben zu einem Anstieg der Gewalt geführt, die häusliche Gewalt gegen Frauen verdreifachte sich zum Beispiel innerhalb weniger Jahre.

Wer sich in ländlichen Gebieten Mato Grosso do Suls mit Bewohner*innen unterhält, spürt schnell die große Sorge, welche die Pestizide auslösen, die auf den nahe gelegenen Plantagen versprüht werden. Die Unternehmen wenden sie häufig aus der Luft an, die Menschen werden durch den Gestank belästigt. Immer mehr Wasserquellen in der Region trocknen aus. Angst macht den Menschen auch die permanente Landspekulation, die einige Großbesitzer bereichert und die Vertreibung der bis dahin ansässigen Einwohner*innen und Landarbeiter*innen zur Folge hat. Familien, die gezwungen sind, in der Stadt Arbeit und eine Unterkunft zu suchen, sehen sich mit deutlich gestiegenen Lebenshaltungskosten konfrontiert – verursacht durch die Immobilienspekulation.

(Winnie Overbeek ist Koordinatorin des World Rainforest Movement WRM)

 

Dieser Artikel ist Teil der crossmedialen Kampagne:

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