Brasilien

Konflikt um indigene Territorien – FUNAI unter Druck


von Christian Russau

Polizei gegen Indigene im Konflikt um den Belo-Monte-Staudamm im Bundesstaat Pará. Foto: Amerika21/Ruy Sposati http://www.flickr.com/photos/55449636@N07/(Brasília, 10. Juni 2013, amerika21.de).- Der Konflikt um die demarkierten indigenen Territorien in Brasilien nimmt an Schärfe zu. Im Bundesstaat Mato Grosso do Sul wurden innerhalb weniger Tage zwei Indigene der Gemeinschaft der Terena Opfer von Polizeikugeln, als besetzte Ländereien geräumt wurden, die sich zuvor Großgrundbesitzer angeeignet hatten. Wie erste Nachforschungen zu den Vorfällen ergaben, hat die Bundespolizei sich bei den Einsätzen „nicht an die Vorschriften gehalten“.

Währenddessen fuhren die rund 200 Indigenen, die zuvor die Baustelle des Staudamms Belo Monte besetzt hielten, nach Brasília, um der Regierung ihre Beschwerden über die Großstaudämme wie Belo Monte zu übergeben.

Jüngstes Opfer der sich zuspitzenden Konflikte um indigene Territorien in Brasilien wurde nun die Indigenenbehörde FUNAI selbst, denn die Regierung in Brasília hat der FUNAI die alleinige Kompetenz über die Demarkationen indigenen Landes entzogen. Nun soll die FUNAI zusammen mit der staatlichen Agrarforschungsbehörde EMBRAPA, dem Landwirtschaftsministerium und dem für landwirtschaftliche Entwicklung zuständigen Ministerium die anthropologischen Studien für die Vorbereitung der Demarkation vornehmen. Die EMBRAPA und das Landwirtschaftsministerium standen historisch schon immer an der Seite des Agrobusiness. Das Ministerium für landwirtschaftliche Entwicklung ist für Kleinbauern zuständig, hat aber weniger Einfluß als das Agrarministerium.

Indigenenbehörde FUNAI entmachtet

Nachdem ihr wesentliche Zuständigkeiten entzogen wurden, erklärte Ende vergangener Woche die Präsidentin der Behörde, Marta Azevedo, ihren Rücktritt. Offiziell wurde dieser mit gesundheitlichen Motiven begründet, doch Beobachter*innen gehen davon aus, dass der Rücktritt mit den jüngsten politischen Angriffen auf die FUNAI im Zusammenhang steht.

Vor allem von Seiten des mächtigen brasilianischen Agrobusinesses, das einen Großteil der Parlamentarier*innen im Nationalkongress stellt, wurde die FUNAI seit langem als zu indigenen-freundlich kritisiert. Der Behörde wurde vorgeworfen, ein Großteil ihrer anthropologischen Studien seien unzutreffend und basierten auf falschen Daten. So wurde der FUNAI in einer Ende der Woche bekannt gewordenen Studie vorgeworfen, ihre Studien zu Regionen im Bundesstaat Paraná seien falsch, da dort traditionell keine Indigenen lebten. Der Medienkonzern Globo ging so weit und zitierte die lokalen Präfekte und Farmer, die Indigenen würden aus Paraguay von den FUNAI-Leuten dorthin gebracht. Der Indigenenmissionsrat CIMI wies diese Vorwürfe scharf zurück und auch d‪ie Behördenmitarbeiter*innen der FUNAI setzten sich in einem offenen Brief gegen die Angriffe auf ihre Behörde zur Wehr.

Nun blickt die Indigenenbehörde selbst auf eine mehrere Jahrzehnte lange – und dabei auch blutige – Geschichte zurück. Ihre 1910 gegründete Vorgängerorganisation SPI war jahrzehntelang an der Repression und auch an der physischen Vernichtung indigener Gruppen beteiligt, wie der unlängst wieder aufgetauchte Figueiredo-Report offenlegte. Auch galt die FUNAI lange als hoffnungslos korrupt, da von Indigenen bewohntes Land oft gegen Schmiergeld den lokalen Farmern übertragen wurde. In den letzten Jahren hatte sich die FUNAI jedoch deutlich geändert. Da deren Mitarbeiter*innen in den lokalen Büros nicht mehr so leicht käuflich sind wie früher, erfolgt nun der Großangriff der Farmer auf die Behörde.

Regierung kungelt mit Großgrundbesitzern

Zugleich plant die Regierung in Brasília die Allianzen zur Sicherung ihrer Regierungsmehrheit bei den 2014 anstehenden Wahlen und die Farmer stellen als informelle Fraktion die mächtigste und größte Gruppe im brasilianischen Kongress. In dieser Gemengelage, so analysiert Egon Heck vom Indigenen-Missionsrat CIMI, schreitet der Großangriff auf die indigenen Territorien voran: „Nach ihrem Sieg beim Waldschutzgesetz Código Florestal hat sich die Farmerfraktion nun die Demarkation indigener Territorien als neues Ziel ausgesucht“, so Heck, der seit über vierzig Jahren mit indigenen Gruppen zusammen arbeitet.

Für die indigene Bevölkerung Brasiliens ist der Kompetenzentzug für die FUNAI eine Katastrophe, darin sind sich Fachleute einig. „Die (Territorien) sollen durch das Agrobusiness annektiert und für die kapitalistische Exploration des Bergbaus geöffnet werden, oder sie sollen bedeckt werden mit den Fluten der Stauseens der großen Wasserkraftwerke“, so das Fazit von Egydio Schwade, einem der Mitbegründer des Missionsrates für Indigene CIMI.

CC BY-SA 4.0 Konflikt um indigene Territorien – FUNAI unter Druck von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

Aufklärung des Mordes an Berta Cáceres? Sie musste ihren Kampf mit dem Leben bezahlen. Am Grab der Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres. Foto: Erika Harzer Am 2. März 2016 wurde Berta Cáceres in La Esperanza, Intibucá, Honduras, ermordet. Auftragskiller erschossen die weit über ihre Landesgrenzen hinaus bekannte Feministin, Menschenrechts- und Umweltaktivistin und Anführerin des Rates der indigenen Völker von Honduras COPINH. Mehr als 16 Monate sind seitdem vergangen. Acht Verdächtige sitzen in Untersuchungsh...
onda-info 409 Hallo und willkommen zum onda-info 409! Wir haben gleich drei schicke Beiträge für euch! Kolumbien: Über 300 Seiten ist er dick, der Friedensvertrag, den die kolumbianische Regierung und FARC-Guerilla ausgehandelt haben. Doch der Weg zu einem wirklichem Frieden ist weit. Helfen sollen dabei  Community Radios. Wie das geht? Wir haben uns bei Radiomachenden vor Ort umgehört. Costa Rica: Das kleine Land lebt von seinem Öko-Image. Doch Dank Globalisierung und Freihandel ist C...
Indigene Marathongewinnerin mit Rock und Sandalen Die 22-jährige Indigene María Lorena Ramírez gewinnt einen Marathonlauf in Sandalen und Rock. Foto: Servindi (Lima, 22. Mai 2017, servindi/hispantv).- Es ist eines der Bilder, von denen ganz Mexiko spricht: Eine junge Indigene hat den Bergmarathon in der Gemeinde Cerro Rojo, im Bundesstaat Puebla gewonnen. Und das ganz ohne professionelle Ausrüstung: ohne Sportschuhe, ohne speziellen Läufergürtel für Verpflegung und Getränke, sondern nur bekleidet mit einem Rock und einfa...
onda-info 407 especial – vom Panamazonischen Sozialforum in Tarapoto! Hallo und willkommen zum onda-info 407! Diesmal aus Tarapoto, Peru! Hier fand Ende April das achte Panamazonische Sozialfourm statt. Und onda war dabei! Die Veranstaltung lockt Teilnehmende aus allen neun Staaten an, die ein Stück des Amazonas-Gebietes beanspruchen: Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Bolivien, Venezuela, Guyana, Französisch-Guyana, Surinam und natürlich das Gastgeberland Peru. Das Motto lautete diesmal: Wir folgen dem Ruf des Waldes. Fast 2.000 Indigene und ander...
Kein Ende des Konflikts: Nasa-Indigene wehren sich gegen erneute Angriffe Von Darius Ossami, Tarapoto (Panamazonisches Sozialforum) Der ermordete Gemeindeführer Gerson Acosta. Foto: ACIN/Colombia Plural (Tarapoto, 28. April 2017, npl).- Am 19. April ist der indigene Gemeindeführer Gerson Acosta nach einer Versammlung in seiner Gemeinde Kite Kiwe auf offener Straße erschossen worden. Kite Kiwe liegt nahe Popayán im Department Cauca im Südwesten Kolumbiens. Der 35-jährige Acosta war bekannt als Menschenrechtsverteidiger; zudem war er Repräsent...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.