Argentinien

Ni una menos – Keine weiteren Toten im Knast


Schluss mit Folter und Tod!
Bild: Agencia para la libertad

(Buenos Aires, 26. Februar 2019, Marcha/poonal).- In der Haftanstalt Bouwer, Provinz Córdoba, starben innerhalb von wenigen Tagen zwei Frauen. Am 3. Februar starb Elsa Medina. Todesursache: Vernachlässigung. Ihr war die nötige medizinische Versorgung vorenthalten worden. Kurz danach, am 22. Februar, wurde Janet López erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Die feministische Parole „Ni una menos” – „Nicht eine Einzige weniger” erinnert wenige Wochen vor dem 8. März an einen weiteren Kontext: Frauen im Gefängnis.

In Córdoba sprachen Angehörige der verstorbenen Frauen von Misshandlungen. Die Eltern von Janet erstatteten vergangenen Freitag Strafanzeige gegen den Leiter der Strafvollzugsbehörde Córdoba Juan Bouvier. Denn diejenigen, die für die Unversehrtheit und Gesundheit von Strafgefangenen verantwortlich sind, kommen ihrer Verpflichtung nicht nach. In einem Monat starben zwei Frauen im Gefängnis von Bouwer. Für beide Todesfälle trägt der Staat die Schuld: durch mangelnde Fürsorge, Nachlässigkeit und systematische Repression. Das Regiment der Mitarbeiter*innen der Strafvollzugsanstalt ist geprägt von militärischem Drill. Die Geschichten wiederholen und vervielfältigen sich. An der Parole „Nicht eine Einzige weniger“ muss besonders in den Frauengefängnissen festgehalten werden, denn die Frauen sind der patriarchaler Politik und Repression schutzlos ausgeliefert.

Wir sind nicht alle – Proteste in Córdoba und Buenos Aires

Während an verschiedenen Orten der Provinz Córdoba Aktionen stattfanden, wurde der Provinzvertretung (Casa de la Provincia de Córdoba) in Buenos Aires eine Petition übergeben, die Gerechtigkeit für die beiden Frauen fordert. „Der Staat mordet in der Haftanstalt Bouwer“ und „Der Staat eliminiert Frauen, die im Gefängnis sitzen und es wagen, ihre Stimmen gegen das Regime zu erheben“, war auf den Flugblättern zu lesen, die Angehörige sozialer und politischer Initiativen am Nachmittag des 25. Februar vor der Provinzvertretung verteilten. In Córdoba organisierten Angehörige und Freunde der beiden Frauen mit ihrer Parole „Nicht eine Einzige weniger – auch nicht in den Gefängnissen” eine Kundgebung vor dem Gericht.

Elsa und Janet sind bei uns!

Die 63jährige Elsa Medina starb am 3. Februar, weil ihr die ärztlichen Behandlung vorenthalten wurde. Wie ihre Familie mitteilte, hatte sie eine chronische Schilddrüsenüberfunktion und Diabetes. Kurz vor ihrem Tod erlitt sie einen Schlaganfall. Die Verlegung in ein Krankenhaus wurde nicht genehmigt. Wenn sie ärztlich behandelt worden wäre, hätte ihr Tod verhindert werden können.

Am 22. Februar starb die 30jährige Janet López. Man fand sie erhängt in ihrer Zelle. Was daran aufhorchen lässt, ist, dass sich Fälle nach diesem Muster wiederholen. Selbst der behandelnde Arzt erklärte, sie sei nicht depressiv gewesen. „Es ist eine traurige Wahrheit, dass es in Haftanstalten immer wieder zu Selbsttötungen kommt“, erklären Angehörige und Unterstützungs-Initiativen. Der Text des Flugblatts beschreibt außerdem, wie die anderen Insassinnen auf Janets Tod reagiert haben. „Die Frauen forderten eine Stellungnahme und gegen Morgen kam dann ein Sicherheitstrupp, um den Aufruhr niederzuknüppeln. Diese Morde sind keine Einzelfälle, sondern traurige Höhepunkte der alltäglichen Misshandlungen und der Gewalt, der die Gefangenen ausgesetzt sind. Deshalb sagen wir: Was in Bouwer passiert ist, war nicht irgendein Aufstand, sondern die Frauen haben auf die permanenten Ungerechtigkeiten und die Gewalt reagiert.“

Nicht nur in der Haftanstalt Bouwer

„Das passiert nicht nur in Córdoba, sondern in allen Gefängnissen des Landes. Jeden Tag stirbt hier ein Mensch und die Gefängnisverwaltung reagiert mit Gewalt, Repression, Vergewaltigungen und Folter bis zum Tod, wie im Fall meiner Tochter“, erzählt Alfredo Cuellar, dessen Tochter 2012 im Gefängnis Ezeiza zu Tode kam. Das Urteil gegen Gefängniswärter, die Florencia “China” Cuellar ermordet und den Tod anschließend als Suizid kaschiert haben sollen, wird für November 2019 erwartet. Cuellar setzt sich für die Rechte von Gefangenen ein und prangert die Gewalt in den Gefängnissen an: „Die staatliche Gewalt in den Gefängnissen nimmt immer mehr zu und wird durch das Justizministerium, das Ministerium für Sicherheit und alle Einrichtungen der Strafvollzugsbehörde gedeckt und deshalb können sie sich dort aufführen wie die Axt im Walde. So etwas darf nicht passieren, und doch passiert es immer wieder vor den Augen der Regierungsspitze.“

„Das Sichtbarmachen ist vielleicht die wirksamste Aktion gegen die Repression“, meint Alfredo, selbst Opfer des repressiven Staates. „Wir kommen zusammen, um gegen das Vorgehen der Gefängnisverwaltungen zu protestieren (…) Im Gefängnis in Bouwer sterben jährlich drei Frauen. Und nun sind es innerhalb weniger als 30 Tagen zwei Frauen (…). Wir möchten mit der Aktion unsere Solidarität ausdrücken, damit die Menschen in Córdoba wissen, dass sie nicht allein sind. Sie sind heute Vormittag auch zum Gericht von Córdoba gegangen und wir haben sie in Gedanken begleitet“, erzählt Cuellar.

Higui: „Ohne euch wäre ich heute noch im Gefängnis“

An der Aktion in Buenos Aires nahm auch Higui de Jesus teil. Higui hatte patriarchale Gewalt und Ausgrenzung erlebt und musste sich gegen ihre Angreifer wehren – dafür verbrachte sie zu Unrecht sieben Monate in Haft. „Es ist so schwer, sich damit abzufinden, dass dir deine Freiheit genommen wird“, erinnert sich Higui. „Wenn du bloß ein bisschen laut wirst oder irgendwas Kritisches sagst, wird dein Besuchsrecht gestrichen. Wenn eine aus der Reihe tanzt, wird die ganze Gruppe bestraft. Ältere Frauen erhalten keine medizinische Versorgung. Du bist immer davon abhängig, dass sie dir die Erlaubnis geben und Strafen verhängen sie auch. Manche Situationen waren wirklich schrecklich. Wenn ich an manche Dinge zurückdenke, fange ich gleich wieder an zu zittern.“ Higui erwartet im April die gerichtliche Entscheidung über ihren Antrag auf Freispruch.

„Wenn es euch nicht gegeben hätte, säße ich jetzt immer noch im Gefängnis”, betont sie. Nun ist Higui bei jeder Aktion dabei. Wie Alfredo ist auch sie der Meinung, dass nur der gesellschaftliche Druck helfe, etwas zu verändern. „Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit erfährt, was da passiert, damit jemand einschreitet. Die Menschenrechtsorganisationen haben dafür keine geeigneten Möglichkeiten. Wir, die Angehörigen, die Freunde, die sich für die Gefangenen einsetzen, müssen uns darum kümmern, dass diese Dinge sichtbar werden, denn nur so können wir der Repression etwas entgegensetzen“, erklärt Alfredo.

Die Namen Elsa Medina und Janet López stehen für die vielen Frauen, die der systematischen Gewalt zum Opfer fallen, im Gefängnis landen und dort durch Vernachlässigung und Misshandlung sterben – mit der Billigung des Staates, der sie eigentlich schützen sollte, so wie es in der Verfassung steht. Die traurige Bilanz: Zwischen 2009 und 2012 starben im Komplex IV der Haftanstalt Ezeiza neun Frauen. Keiner der Todesfälle wurde aufgeklärt.

Alfredo Cuellar kämpft seit sechs Jahren für Gerechtigkeit. Am 7. Februar wurde er erneut angegriffen, nachdem er bereits im Juni 2013 entführt und bedroht wurde, seinen Kampf zu beenden. Ähnliches passierte auch im Jahr 2016 und 2017. Auch sein Sohn wurde stundenlang ohne Grund auf einer Polizeiwache festgehalten. Aufgrund der erneuten Attacke wurde eine Pressekonferenz einberufen.

 

 Bei unserem Partnerradio könnt ihr dies nachhören.

CC BY-SA 4.0 Ni una menos – Keine weiteren Toten im Knast von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren

Argentinien: Todesfälle und Repression in der Haftanstalt Bouwer
59
(Buenos Aires, 24. Februar 2019, CORREPI).- Am 3. Februar starb die 62-jährige Elsa Medin im Gefängnis Bouwer, weil ihr medizinische Versorgung vorenthalten wurde. Um auf die Pflichtverletzung der Gefängnisverwaltung aufmerksam zu machen, organisierten mehrere inhaftierte Frauen einen Hungerstreik. Es ist nicht das erste Mal, dass die Zustände in der Haftanstalt angeprangert werden. Besonders schlimm sind die Zustände im Frauentrakt. Am 22. Februar wurde Janet López tot in ih...
onda-info 346 Teil Eins: Frauen in argentinischen Gefängnissen
20
Als verspäteten Weihnachts-, äh Wintergruß senden wir diese spannende Wiederholung über Frauen in argentinischen Gefängnissen: Ezeiza ist nicht nur der internationale Flughafen von Buenos Aires. In Ezeiza befindet sich auch ein großer Teil argentinischer Staatsgefängnisse für Frauen. Wer sind eigentlich diese Frauen? Wofür sitzen sie ein? Wie sieht ihr Tagesablauf aus? Mit welchen Schwierigkeiten und Repressionen haben sie zu kämpfen - auch im Vergleich zu einsitzenden Männer...
onda-info 346 Teil Zwei: Frauen in argentinischen Gefängnissen
17
In diesem zweiten Teil des onda-info-Spezials über Frauengefängnisse in Argentinien stellen wir euch eine spezielle Insassin des Frauengefängnis in Ezeiza vor: Karina Germano, besser bekannt unter dem Namen La Galle sitzt seit 10 Jahren in unterschiedlichen Gefängnissen und engagiert sich politisch gegen die Ungerechtigkeiten des Justiz- und Gefängnissystems. Außerdem haben wir mit Vertreter*innen von Unterstützungsgruppen gesprochen und sie gefragt wie das eigentlich ist mit...
Haftanstalten als besondere Form der „Selbstverwaltung“
33
(Mexiko-Stadt, 17. Mai 2017, poonal).- Die halbstaatliche Nationale Menschenrechtsrechtskommission (CNDH) hat die Situation in den mexikanischen Haftanstalten in einer Empfehlung an die Regierung als „inakzeptabel“ bezeichnet. In fast der Hälfte aller Gefängnisse würden diese von den Insassen regiert oder mitregiert. Dieses Phänomen habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Das Wachpersonal sei vielfach für systematische Unterlassungen verantwortlich. Das Recht auf mensch...
Brasilianische Gefängnisse: Soziale Kontrolle durch Medikamente
136
(Sao Paulo, 26. Juni 2018, Brasil de Fato).- „Ich hatte mich geschnitten und hatte zwei Monate eine offene Wunde; diese wurde nicht genäht oder mit Medikamenten behandelt. Ein Mal pro Woche gibt es eine ärztliche Sprechstunde bei der jeweils zwei Insassinnen behandelt werden. Als ich an der Reihe war, sagten sie, dass da nichts mehr zu machen sei, ich müsse warten, bis die Wunde von alleine verheilt. Die einzigen Medikamente, die sie uns geben, sind Schlaftabletten und Beruhi...