
via minga. agenciatierraviva
(Neuquén, 21. September 2026, La Revuelta).- Bariloche, eine Stadt in der argentinischen Provinz Río Negro in Patagonien. Bei winterlicher Kälte und Dauerregen kommen hier mehr als 60 Frauen aus verschiedenen Teilen von Puel Mapu und Gulumapu zusammen. Sie nehmen an dem Treffen „Territorium – Körper, Gerechtigkeit und Fürsorge. Bündnisse in bedrohlichen Kontexten stärken“ teil. Organisiert wird das Vernetzungstreffen von der Confederación Mapuche de Neuquén, einer der wichtigsten politischen Vertretungen der Mapuche in der Provinz Neuquén, und von Zomó, einer Organisation von Mapuche-Frauen aus der Region Xawvnko.
Enteignung, Vertreibung und Kriminalisierung indigener Gemeinschaften haben in Argentinien eine lange Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts eroberte der argentinische Staat im Zuge der sogenannten „Wüstenkampagne“ große Teile indigener Territorien in Patagonien. Heute erleben die Mapuche neue Formen von Landraub, Ausgrenzung und Kriminalisierung. Unter der Regierung von Javier Milei hat sich der politische Druck auf indigene Gemeinschaften weiter verschärft. Mapuche-Frauen sind dabei gleich mehrfach von Diskriminierung betroffen – als Frauen, als Indigene und aufgrund ihrer sozialen Stellung. Territorium bedeutet dabei mehr als Land. Für die Mapuche-Frauen umfasst es den Ort, an dem sie leben, ihre Gemeinschaft – und auch den eigenen Körper. In diesem Podcast geht es um die Bedrohungen dieser Territorien: um Selbstbestimmung und Gewalt, um Wasser und Land – und um die Folgen der Rohstoffausbeutung.
Tourismus gräbt Wasser ab
In San Martín de los Andes in der Provinz Neuquén sieht sich die Gemeinde Curruhinca mit einem grausamen Widerspruch konfrontiert: Während die Unternehmen, die das Skigebiet am Cerro Chapelco touristisch nutzen und dabei Millionen Liter Wasser für die Herstellung von Kunstschnee verbrauchen, müssen die Gemeinden an diesem Cerro Chapelco Tage – oft sogar Wochen – ohne Wasser auskommen. Virginia Colipan aus der Curruhuinca-Gemeinde in der Bergstadt San Martín de los Andes berichtet uns von der Lebensrealität in der Gemeinde.
„Mari mari kom pu che, inche Virginia Colipan pingen. Mein Name ist Virginia Colipán, ich gehöre zur Gemeinde Curruhinca im Ortsteil Paila Menuco in San Martín de los Andes. Wir leben in einer Hochgebirgsregion mit Naturwald, Flüssen und viel Schnee. In diesem Gebiet leiden wir sehr unter der Verschmutzung des Flusses Arroyo Blanco, seit vor mehr als 30 Jahren in der Nähe ein Winterskigebiet entstanden ist. Die Gemeinden existierten bereits vor der Gründung des argentinischen Staates. In diesem Territorium leben 300 Familien. In den letzten Monaten wurden Wasserproben aus dem Fluss entnommen, die mit Coli Bakterien verunreinigt waren – einem Bakterium, das vor allem Kinder und älteren Menschen gefährdet. Das Wasser gelangt genau in unsere Stadt, San Martín. In all den Jahren litten die Gemeinden unter gravierender Wasserknappheit, manchmal gab es 20 Tage in Folge kein Wasser. Das hat schwerwiegende Folgen, denn ohne Wasser können die Familien ihre Gemüsegärten nicht mehr bestellen und ihr Land nicht mehr bewirtschaften. Die Wasserknappheit verursacht auch kulturelle Schäden: Unsere Zeremonien können ohne Wasser nicht abgehalten werden, denn bei jeder Zeremonien muss Wasser vorhanden sein“, erzählt Virginia Colipan.
Die Gewalt ist immer strukturell
Hier kommen zwei Formen von Gewalt zusammen: die strukturelle Diskriminierung durch den Staat und patriarchale Gewalt innerhalb der eigenen Gemeinschaften. Beides ist immer wieder eng miteinander verflochten. Seit Langem machen Mapuche-Frauen auch geschlechtsspezifische Gewalt in ihren eigenen Gemeinschaften öffentlich. Derzeit erarbeiten sie gemeinsam einen Leitfaden. Er soll Betroffenen und Gemeinschaften helfen, mit solchen Fällen umzugehen, Gewalt aufzuarbeiten und Heilungsprozesse zu begleiten.
Eine von ihnen ist Amancay „Manky“ Quintriqueo. Sie ist Lonko, also Anführerin, des Lof Kinxikew, einer Mapuche-Gemeinschaft zwischen Bariloche und dem etwa 80 Kilometer entfernten Villa La Angostura. Ihr Vorgänger wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, nachdem mehrere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen ihn erhoben worden waren. Amancay erhebt sich: „Mari mari pu lamien, mari mari compu wenuy. Ich bin Amancy Lonco der Mapuche-Gemeinde Lof Quintriqueo, die sich hier zwischen Villa La Angostura und San Carlos de Bariloche befindet.“ Sie erzählt von der Mapuche-Konföderation von Neuquén, die seit 2020 die Räume schafft, in denen Frauen zusammenkommen und darüber sprechen können, was alle bewegt: über Schmerz und über die Gewalt, die sie erlebt haben. Gemeinsam wollen sie das Erlebte aufarbeiten und zugleich die eigene Organisation verändern. Sie suchen nach Wegen und entwickeln konkrete Instrumente, damit sich diese Gewalt nicht wiederholt – und damit ihre Kinder und Jugendlichen sie nicht ebenfalls erfahren. Denn ihr politisches Ziel ist das Kvme Felen, das gute Leben in ihren Territorien. Das ist ihre Sehnsucht, ihr Wunsch. Doch unter den Bedingungen, in denen sie leben, ist dieses gute Leben oft nur schwer zu erreichen. Vor allem angesichts dessen, was der argentinische Staat ihnen antut: Ihre Territorien werden nicht anerkannt, sie leben unter ständiger Bedrohung. Die fehlende Anerkennung schafft neue Gewaltsituationen. Und diese Gewalt richtet sich immer wieder besonders gegen die Frauen, erklärt uns Amancay.
Landraub wegen Fracking
In der Provinz Neuquén liegt Vaca Muerta, eins der größten Schieferöl- und Schiefergasvorkommen der Welt. Öl und Gas werden dort vor allem durch Fracking gefördert. Die Förderung wird immer weiter ausgebaut – und bedroht auch die Territorien der dort lebenden Mapuche-Gemeinschaften. Unelen Meliñancu von der Gemeinschaft Nehuen Mapu berichtet, was das für ihr Leben bedeutet.
„Mari mari inche Unelen Millañanco pingen, ich lebe im Lof Nehuen Mapu in Trawunco. Wir gehören zur Mapuche-Konföderation von Neuquén.“ Eines der Probleme, mit denen sie derzeit kämpfen, ist die fehlende rechtliche Anerkennung von vier Mapuche-Gemeinschaften, die besonders stark vom Fracking in Vaca Muerta betroffen sind, erklärt Unelen. Dadurch sind sie der Gewalt der Ölkonzerne besonders ausgesetzt. Diese Unternehmen dringen in ihre Gebiete vor und wollen dort bohren, als hätten sie – Mapuche-Männer, -Frauen und -Kinder – keinerlei Rechte. Das beeinträchtigt auch alle Lebensgrundlagen. Laut Unelen können sie kaum noch Tiere halten, es gibt kein Wasser, keinen Strom und keine grundlegende Versorgung – und das in einer Region, die reich an Öl und Gas ist. Gleichzeitig zahlen die Bewohner*innen hier in der Provinz extrem hohe Preise für Benzin und Gas. „Viele Häuser in Neuquén sind bis heute nicht ans Gasnetz angeschlossen. Die Menschen müssen Gasflaschen kaufen, und die sind teuer. Es ist sehr teuer, in Vaca Muerta zu leben.“
Was tun gegen die Ausgrenzung?
Wie also gehen die Menschen und Gemeinschaften mit einer Entwicklung um, in der rassistische Ausgrenzung, wirtschaftliche Interessen und staatliche Gewalt immer stärker ineinandergreifen? Bei dem Treffen in Bariloche gab es darauf eine gemeinsame Antwort: sich organisieren. Virginia bestärkt: „Die einzige Form des Widerstands, die ich sehe, besteht darin, sich zu organisieren, zusammenzukommen und darüber zu sprechen, dass das, was uns widerfährt, auch eine Form der Enteignung ist. Sie wollen, dass wir das Gebiet verlassen.“ Auch Unelen gibt eine ähnliche Antwort: „Und wir leisten Widerstand, indem wir auf regionaler Ebene zusammenarbeiten – wir sind vierzehn Gemeinden, und diese vierzehn Gemeinden entwickeln verschiedene Strategien, um uns gegen diese Regierung und dann gegen die Ölkonzerne zu wehren. Denn letztendlich sind es die Chefs der Ölkonzerne, die diese Regierung am Leben erhalten, während für die Gesellschaft fast nichts davon übrig bleibt.“ Für sie als Frauen bedeute dieser Widerstand vor allem, die eigenen Territorium zu verteidigen. Denn was dort geschieht, bedrohe die Lebensgrundlagen, ihr Zusammenleben als Mapuche und das gute Leben auf ihrem Land. Besonders sie als Frauen sind davon betroffen. Und leider setzen sie bei diesem Widerstand immer wieder auch das eigene Leben aufs Spiel.
Der Druck von Rechts
Angesichts des sich immer weiter verschärfenden Rechtsrucks in Argentinien müssen sie ihre Netzwerke und Bündnisse ausbauen. Als Frauen müssen sie sich gegenseitig unterstützen und wieder an Einfluss gewinnen – gerade jetzt, wo sie zurückgedrängt und ihre Rechte zunehmend eingeschränkt werden. Gleichzeitig müssen sie neue Wege finden, um Widerstand zu leisten und wirkliche Veränderungen zu erreichen, darin sind sich die drei einig. Die Mapuche-Frauen organisieren sich, kümmern sich umeinander und nehmen sich bewusst Zeit für das Leben in der Gemeinschaft. Auch das verstehen sie als Widerstand gegen eine kapitalistische Logik, in der wirtschaftliche Interessen über das gemeinsame Leben gestellt werden. Der Widerstand der Mapuche hat viele Formen. Bei dem Treffen in Bariloche wurde vor allem eines deutlich: Sie wollen sich vernetzen und gemeinsam für ihre Rechte eintreten. Oder, wie es dort immer wieder hieß: „Zur Angst und zum Schweigen kehren wir nie wieder zurück.“
Die Interviews für diesen Artikel entstanden während der Tagung „Territorium – Körper, Gerechtigkeit und Fürsorge. Bündnisse in bedrohlichen Kontexten stärken“, die im Juli 2026 in Bariloche in der argentinischen Provinz Río Negro stattfand.
Einen Audiobeitrag zu diesem Thema findest du hier.
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