Scharfe Kritik an de la Espriellas Katastrophenmanagement

Erdbeben
Auch der beschauliche Ort Viterbo wurde von dem Erdbeben schwer getroffen.
Foto: Markus Plate

(Berlin, 18. August 2026, npla).- Am 10. August wurde Kolumbien von einem schweren Erdbeben erschüttert; verheerend getroffen wurden vor allem die Millionenstadt Cali und das Kaffeeanbaugebiet Eje Cafetero mit seinen Großstädten Pereira und Manizales. Seither wächst die Kritik am gerade erst vereidigten Präsidenten Abelardo de la Espriella. Wir sprachen mit unserem Kollegen Markus Plate, der einige Jahre ganz in der Nähe von Pereira gelebt hat.

 

 

– Markus, was wissen wir jetzt, eine gute Woche später, über das Beben, über Opfer und Schäden?

Das Erbeben hatte eine Stärke von 7,4, ist also außergewöhnlich stark gewesen. Das Epizentrum lag bei San José del Palmar im Chocó, das ist die Region zwischen der Pazifikküste und der westlichsten der drei Kordilleren, die Kolumbien durchziehen. Das sind keine 80 Kilometer von der Provinzhauptstadt Pereira mit seinen fast 500.000 Einwohnern entfernt. Das ist auch der Grund, warum Pereira besonders schwer getroffen wurde. Von den knapp 300 Toten, die bislang landesweit gezählt wurden, hat Pereira fast 100 zu beklagen. Landesweit sind Zehntausende Häuser zerstört oder beschädigt, auch hier ist Pereira besonders schwer betroffen. Bei vielen Häusern stellt sich erst jetzt heraus, ob die Menschen überhaupt zurückkehren können.

– Du hast ja einige Jahre in der Nähe von Pereira gelebt und kennst die Region sehr gut. Was sind, wenn auch aus der Ferne, deine persönlichen Eindrücke?

Also zunächst habe ich mal alle friends und die Familie meines Ex-Freunds kontaktiert. Glücklicherweise sind sie alle wohl auf. Es gibt auch in den Kaffeedörfern der Region zum Teil schwere Schäden, wohl aber nicht ganz so katastrophal wie in Pereira. Das hat wohl auch damit zu tun, dass dort noch die traditionellen Fachwerkhäuser stehen, die Erdbeben besser widerstehen können. Die haben auch extrem gewackelt, es sind aber vor allem Dachziegel runtergekommen. In Pereira selbst, und das finde ich besonders tragisch, hat es mehrere wichtige Kulturinstitutionen schwer erwischt. Das Kunstmuseum , das Theater Santiago Londoño und das Centro Cultural Lucy Tejada. Lucy Tejada ist nicht irgendein kleines Kulturzentrum, sondern einer der ganz zentralen kulturellen Orte auch des Lernens, auch der verschiedenen Kulturen Kolumbiens in Pereira. Im Zentrum Pereiras sehen wir großflächige Trümmerbeseitigung und den Abriss nicht mehr zu rettender Gebäude. Es hat natürlich auch viele Wohnviertel getroffen. Und da sieht es nicht nur in den Armenvierteln schlimm aus, es sind auch viele Apartmentgebäude teilweise oder komplett zusammengestürzt, viele wurden erst nach dem schweren letzten Erdbeben von 1999 erbaut. Da stellt sich also die Frage nach Bauvorschriften bzw. deren Einhaltung. Diese Frage wird in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich intensiv diskutiert und ermittelt werden.

– In den sozialen Medien findet man breite Kritik am neuen rechtspopulistischen Präsidenten de la Espriella, an der staatlichen Rettungsantwort allgemein. Worum geht es da?

Der neue Präsident Abelardo de la Espriella wird für seinen Umgang mit der Katastrophe tatsächlich scharf kritisiert. Dazu muss man wissen: Der Tag des Erdbebens war sein erster richtiger Arbeitstag, er war erst wenige Tage zuvor in der heute ebenfalls stark getroffenen Stadt Cali als Präsident vereidigt worden. Gleichzeitig hatte er selbst die Amtsübergabe mit der damals noch amtierenden linken Petro-Regierung politisch aufgeladen. Aus dem empalme, der wochenlangen Übergabe der Amtsgeschäfte, ist de la Espriella zweitweise selber medienwirksam ausgestiegen, und er hat sie ganz bewusst als politische Abrechnung mit der Petro-Regierung inszeniert. Das hat sich jetzt gerächt. Die neue Regierung hatte ihre Führungsstrukturen noch gar nicht vollständig installiert, gerade auch in der Katastrophenschutzbehörde, während sie gleichzeitig die Kontinuität mit der Vorgängerregierung politisch infrage gestellt hatte. Der Präsident hat dann die Katastrophe mit Hilfe von Social- Media-Videos und Fotoshootings an allen möglichen vom Erdbeben getroffenen Orten zur persönlichen Präsidentenerzählung gemacht. Er hat also in der Katastrophe so reagiert, wie er Wahlkampf gemacht hat: extrem personalisiert. Da verschwamm das Katastrophenmanagement immer wieder mit politischer Selbstdarstellung, was ganz vielen Menschen, auch und gerade den Betroffenen, ganz übel aufgestoßen ist. Vor allem, dass er mit seiner gepanzerten Limousine in ein stark getroffenes Armenviertel gefahren ist und dort gelbe Fußbälle mit dem Logo seiner politischen Bewegung verschenkt hat, dafür hat er dort Beschimpfungen geerntet. Außerdem hat er im Wahlkampf immer wieder versprochen, „auszumisten“ und seiner Meinung nach unsinnige Ausgaben zusammen zu streichen – da wurde auch explizit der Katastrophenschutz erwähnt. Die Katastrophe fällt ihm also nicht zu Unrecht auf die Füße.

– Dann gab es noch den Vorwurf, der Präsident würde internationale Hilfsangebote nur aus ideologisch befreundeten Ländern annehmen. Was kannst du darüber sagen?

Da wäre es wichtig zu differenzieren, glaube ich. Es gab unter anderem Angebote aus Mexiko, Brasilien, Venezuela, Peru, Ecuador, Chile, mehreren zentralamerikanischen Ländern, den USA und Israel, von der EU und den UN. Anders als es in den sozialen Medien x-mal gepostet wurde, hat Kolumbien nicht pauschal sämtliche Hilfe bestimmter Staaten abgelehnt. Der Streit betraf insbesondere ausländische Such- und Rettungsmannschaften. Da allerdings hat Kolumbien zunächst das Angebot Mexikos abgelehnt, das sich ja mit Erdbeben sehr gut auskennt. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum kritisierte zusätzliche kolumbianische Zertifizierungsforderungen. Daraus entstand der Verdacht einer politisierten Auswahl. Zumal Israel, El Salvador, Ecuador und die USA Teams schicken durften. Allerdings hat Kolumbiens Katastrophenschutzbehörde dazu erklärt, dass zunächst die eigenen Rettungsteams koordiniert werden müssten, bevor mal den Einsatz internationaler Teams koordinieren könnte. Aber es hat zu einigem Befremden geführt, dass der Präsident in den Stunden nach diesem verheerenden Erdbeben die israelische Souveränität über die Golanhöhen anerkannt hat. Das heißt: Der kolumbianische Staat war nicht handlungsunfähig. Feuerwehr, Militär, Polizei, medizinische Dienste und lokale Rettungskräfte waren schnell im Einsatz, dazu unzählige ehrenamtliche Helfer*innen. Das politische Krisenmanagement der rechtspopulistischen Regierung des neuen Präsidenten De la Espriella hingegen muss man sehr klar kritisieren. Diese Freund-Feind-Logik und politische Inszenierung kommen überhaupt nicht gut an.

Zu diesem Interview gibt es auch ein Audio im neuen onda-Info.

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