Regierung macht Auflösung von Schutzgebiet im Amazonas rückgängig

Von Andreas Behn

Amazonas
Das Amazonasgebiet. Foto: Servindi/El País

(Rio de Janeiro, 26. September 2017, taz).- Aufatmen im Amazonaswald. Am Dienstag, 26. September wurde ein Dekret veröffentlicht, in dem Brasiliens Präsident Michel Temer die Auflösung eines riesigen Schutzgebietes im Herzen des Regenwaldes rückgängig macht. Bereits am Montag hatte das Ministerium für Minen und Energie den Rückzieher der Regierung angekündigt. Damit bleibt das über 46.000 Quadratkilometer große Renca-Gebiet in den Bundesstaaten Amapá und Pará im Norden Brasiliens von Bergbau- und anderen wirtschaftlichen Aktivitäten verschont. Temer hatte das Schutzgebiet Ende August per Dekret für aufgelöst erklärt.

Präsident Temer, der wegen Korruptionsvergehen angeklagt ist und sich zumeist wenig für die öffentliche Meinung interessiert, musste sich in diesem Fall dem Druck im In- und Ausland beugen. Prominente wie das Model Gisele Bündchen und zahlreiche Musikstars geißelten den Versuch, die Ausbeutung der rohstoffreichen Region zur Linderung der Wirtschaftskrise voranzutreiben. Auch im Ausland reagierten mehrere Staaten und Organisationen mit vehementem Kopfschütteln. Der Druck hatte Temer bereits nach wenigen Tagen veranlasst, Teile der Dekrets zu widerrufen. Umweltschützer*innen hatten diese Korrekturen jedoch als Augenwischerei bezeichnet.

Greenpeace warnt vor einem „Krieg gegen den Amazonaswald und seine Bewohner“

Greenpeace begrüßte den kompletten Rückzieher der brasilianischen Regierung und sprach von einem „Sieg der Gesellschaft gegen diejenigen, die den Wald zerstören und verkaufen wollen“. Es sei allerdings nur ein Etappensieg, warnte die Umweltorganisation: „Der Krieg gegen die Amazonasregion und ihre Bewohner, den die Regierung Temer und die Agrarier-Fraktion im Parlament vorantreiben, geht weiter“, erklärte Marcio Astrini, Sprecher von Greenpeace Brasilien.

Das Energieministerium machte deutlich, dass in Sachen Renca das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. Die Gründe, die zur Aufhebung des Schutzstatus geführt haben, seien nicht überholt, so eine Erklärung des Ministeriums: „Das Land muss wachsen, Arbeitsplätze schaffen und Investoren gerade im Bergbau anlocken. Erst dadurch kann das ökonomische Potenzial der Region entfacht werden“, analysiert das Ministerium.

Ursprünglich war die Demarkierung der Renca-Region unmittelbar nördlich des Amazonasstroms gar nicht als Naturschutzgebiet gedacht. Im Jahr 1984 stellte die damalige Militärregierung das Gebiet unter Schutz, um dem Abbau von Rohstoffen durch ausländische Konzerne zu verhindern. Große Vorräte an Eisenerz, aber auch Nickel, Magnesium, Gold und andere Mineralien schlummern dort unter der Erdoberfläche. Erst in den Folgejahren wurden in dem Gebiet, das der Größe Dänemarks entspricht, sieben Naturreservate und zwei Schutzgebiete für Indigene eingerichtet.

Illegale Goldminen und klandestine Landepisten

Nach Meinung von Umweltschützer*innen und Menschenrechtler*innen gefährdet eine Änderung des Renca-Schutzstatus den Lebensunterhalt der Indígenas und das labile ökologische Gleichgewicht in der Region. Illegaler Holzeinschlag, Goldschürfer und vor allem die Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft bedrohen den Bestand des Waldes in der ganzen Amazonasregion. Erst Mitte September schlug Greenpeace im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará Alarm: Tief im Urwald waren mehrere illegale Goldminen und acht klandestine Landepisten entdeckt worden.

Für Greenpeace ist das Tauziehen um Renca nur die Spitze vom Eisberg. Temer und seine Unterstützer*innen wollten alle Schutzmechanismen im Amazonas zurückschrauben, kritisiert der Aktivist Astrini. Dazu gehören Gesetzesinitiativen, mit denen Umweltauflagen für Investitionen und den Bau von Infrastruktur gelockert werden, sowie die Versuche, bestehende Schutzgebiete zu verkleinern und damit die Ausweitung wirtschaftlicher Aktivitäten zu erlauben. Die inzwischen dokumentierte Zunahme der Abholzung sei unmittelbare Folge dieser Politik.

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