Konzernkannibalismus: Was uns bevorsteht

von Silvia Ribeiro*

Die Fusion zwischen Monsanto und Syngenta ist umstritten
Genmaisfeld in den USA / Foto: lindsay Eyink, CC BY 2.0, flickr

(Mexiko-Stadt, 26. Dezember 2015, la jornada).- Die Fusion zwischen Monsanto und Syngenta, zwei der weltweit größten und am meisten bekämpften Unternehmen, die Gensaatgut und Agrargifte herstellen, schien auf einem schlechten Traum zu beruhen. Heute ist sie jedoch wahrscheinlich und es handelt sich nur um einen der spektakulären Zusammenschlüsse, die vor sich gehen. Obwohl Syngenta die Monsanto-Offerte zum zweiten Mal ausschlug – der Konzern will mehr Geld – vereinbarten mit DuPont (Eigentümerin von Pioneer) und Dow Chemicals zwei weitere Giganten vor wenigen Tagen die Unternehmensverschmelzung. Monsanto gibt zudem das Werben um Syngenta nicht auf. Es handelt sich nur um einen kleinen Teil des Szenariums. Die Pläne der Konzerne sind weitgehender: Sie wollen immer größere Schlüsselsektoren der landwirtschaftlichen Produktion kontrollieren.

1981 prangerte ETC Group (damals noch unter dem Namen RAFI) an, dass die Agrochemie-Unternehmen Saatgutbetriebe aufkauften und ihr Ziel darin bestand, Pflanzensaatgut zu entwickeln, das die von den Unternehmen selbst produzierten Gifte tolerierte. Die Landwirt*innen sollten zum einen abhängig werden und zum anderen mehr Agrargifte – das lukrativste Geschäft – kaufen. Wir wurden Panikmacher genannt. Es wurde gesagt, eine solche Technologie werde niemals existieren – bis die Industrie 1995 genau dieses gentechnisch veränderte Saatgut ausbrachte.

Panikmache wird Realität

Damals gab es weltweit mehr als 7.000 Betriebe, die Saatgut für den Markt produzierten. In der Mehrzahl handelte es sich um Familienunternehmen. Keines davon kontrollierte mehr als ein Prozent des Marktes. 34 Jahre später sind es sechs Multis, die 63 Prozent des globalen Saatgutmarktes und 75 Prozent des globalen Marktes für Agrargifte beherrschen. Monsanto, Syngenta, DuPont, Dow, Bayer und Basf – alle ursprünglich Giftfabrikanten – sind die sechs Giganten, die die Produktion der Agrargifte und des Saatgutes sowie 100 Prozent der landwirtschaftlich genutzten gentechnisch veränderten Organismen (GVO) dominieren. Da kaum noch andere Unternehmen bestehen, widmen sie sich nun dem Kannibalismus. Syngenta ist der weltweit größte Produzent von Agrargiften. Deswegen machte auch sein chinesisches Pendant ChemChina ein Übernahmeangebot. Doch ChemChina bot nicht genug Geld.

Resistentes Unkraut und steigende Krebserkrankungen

Monsanto insistiert. Der Konzern sucht verzweifelt den Zugang zu neuen Agrargiften. Denn sein Vorzeigeprodukt Glyphosat befindet sich in der Krise. Nach zwei Jahrzehnten GVO hat der massive Einsatz von Glyphosat 24 resistente Unkräuter hervorgebracht. Diese bringen die Landwirt*innen in immense Probleme. Zudem nehmen erhöhte Krebserkrankungen, Fehlgeburten und Missbildungen bei Neugeborenen in den Gebieten mit Genpflanzungen in Argentinien, Brasilien und Paraguay epidemische Ausmaße an.

Der Tod von Bauernkindern scheint Monsanto nicht zu beunruhigen. Aber die Weltgesundheitsorganisation erklärte 2015 das Glyphosat für krebserregend bei Tieren und wahrscheinlich bei Menschen. Dies war ein wirklicher Schlag. Nicht nur deswegen hat Monsanto es eilig, Agrargifte und sowie den mit einem enormen Ansehensverlust verbundenen Firmennamen zu wechseln. Wenn möglich zwecks Steuervermeidung auch den Unternehmenssitz.

Das von Monsanto erfundene Glyphosat ist das meistverkaufte Agrargift in der Geschichte der Landwirtschaft. Allein bei Mais und Gensoja stieg sein Einsatz in den USA innerhalb von 17 Jahren um das Zwanzigfache. Ganz ähnlich in Brasilien und Argentinien. Weltweit um das Zehnfache. Doch das Geschäft befindet sich auf dem absteigenden Ast. Monsanto, verwöhnt durch sein Quasi-Monopol bei den GVO, unterließ die Forschung. 2013 repräsentierte der glyphosat-resistente Genmais 44 Prozent seines gesamten Umsatzes, die glyphosat-resistente Sojabohne elf Prozent. Mehr als 30 Prozent des Verkaufsumsatzes stammen aus Glyphosat-Lösungen (RoundUp, Faena, Rival und weitere Marken).

Das Glyphosat erfüllt seine Funktion nicht mehr, seine Beeinträchtigungen sind schwerwiegend. Aber das Mittel ist untrennbar mit dem Genmais von Monsanto verbunden. Darum benötigt der Konzern dringend die Genehmigung für die Aussaat von Genmais in Mexiko. Dies würde Monsanto eine Atempause verschaffen, um sein überholtes Saatgut so lange verkaufen zu können, bis in Mexiko das gleiche passiert: resistente Unkräuter, niedrige Produktion, teures und patentiertes Saatgut, Krebsepidemien und fetale Missbildungen. Dazu die transgene Verunreinigung des Ursprungszentrums des Mais mit der einhergehenden gravierenden Schädigung des genetischen und kulturellen Erbes sowie der agrobiologischen Vielfalt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass es für die Maisproduktion viel bessere Optionen gibt und Mexiko für seinen Konsum keinen Genmais aussäen muss.

Obwohl Monsanto den augenscheinlichsten Fall darstellt, haben alle GVO-Giganten die gleichen Absichten. Mit ebenfalls hochgiftigen Agrargiften. Aber alle gelangen an die Grenzen ihrer eigenen Ambition. So entstehen mit Beteiligung anderer Sektoren wie den Düngemittelmultis oder Herstellern von Landmaschinen neue Konzernszenarien. ETC Group analysiert diese Konjunktur in einem neuen Bericht über Unternehmensfusionen: Breaking Bad: Big Ag MegaMergers in Play.

Die Verkaufszahlen auf dem Weltmarkt von 2013 weisen für Saatgut einen Umsatz von 39 Milliarden Dollar auf, für Agrargifte 54 Milliarden, für Landmaschinen 116 Milliarden und für Düngemittel 175 Milliarden. Der Tendenz nach werden die beiden letztgenannten Sektoren sich die anderen Bereiche einverleiben. Damit werden noch weitreichendere Oligopole geschaffen. So hat beispielsweise der Landmaschinenmulti John Deere Verträge mit fünf der sechs GVO-Giganten, um seine Verkäufe durch Versicherungspolicen zu steigern, die die Landwirte dazu verpflichten, von diesen Konzernen Saatgut, Agrargifte und Maschinen zu kaufen. Diese Unternehmen konzentrieren ebenfalls Automatisierungstechnologien, Drohnen, Sensoren und Klimadaten. Angeboten wird alles im Paket.

Werden die erwähnten Fusionen erlaubt, kommen wir zu neuen Oligopolen, die Saatgut, Sorten, Agrargifte, Düngemittel, Maschinen, Satelliten, EDV und Versicherungen beherrschen. Und die durch Verunreinigung sowie auf anderen Wegen die wirklichen Optionen für Ernährung und Klima schädigen: die dezentralisierte, vielfältige kleinbäuerliche Produktion mit eigenem Saatgut, die die Bevölkerungsmehrheit ernährt.

*Forscherin der ETC Group

 

CC BY-SA 4.0 Konzernkannibalismus: Was uns bevorsteht von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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