
Foto: Knut Hildebrandt
Im Dezember 2025 fand das 67. Treffen des “Foro oaxaqueño del agua – des Wasserforums Oaxacas” in der Gemeinde San Dionisio Ocotepec statt. Dem Forum gehören Akademiker*innen, Behörden, Vertreter*innen indigener Gemeinden und in diesen lebende Menschen an. Auf den regelmäßigen Treffen des Forums diskutieren die Teilnehmer*innen Strategien, wie sie der durch den Klimawandel ausgelösten zunehmenden Trockenheit im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca entgegenwirken können. Onda sprach mit Mauricio Villar vom Wasserforum darüber, wie solche Strategien aussehen und was diese mit traditioneller indigener Lebensweise zu tun haben.
Onda: Mauricio, wie kam es dazu, dass sich das Wasserforum in San Dionisio traf?
MV: Das Forum trifft sich reihum in den beteiligten Gemeinden und San Dionisio hatte bereits an mehreren Treffen teilgenommen. Die Gemeinde schlug deshalb vor, es diesmal bei sich abzuhalten, weil sie seit mehr als zehn Jahren an Projekten arbeitet, die die Versickerung von Regenwasser fördern und so dazu beitragen sollen, die Grundwasserleiter in ihrem Territorium wieder aufzufüllen.
Onda: Wie entstand das Versickerungsprojekt?
MV: Es gab einen akuten Wassermangel in der Gemeinde. Es fehlte an Trinkwasser, aber auch an Wasser für die Felder. Und man stellte fest, dass der Grundwasserspiegel immer weiter absank. Daraufhin entschied die Dorfversammlung, die Grundwasserleiter wieder aufzufüllen und zwar über die Versickerung von Regenwasser. Das war eine wichtige Entscheidung. Denn es ging nicht nur darum, Regenwasser für den täglichen Bedarf zu sammeln, sondern es auch wieder in die Erde zurück zu führen und dann, wenn der Grundwasserleiter wiederhergestellt ist, zu nutzen.
Onda: Und warum gibt es dieses große Interesse an diesem Projekt?
MV: Das Vorgehen in San Dionisio ist so interessant, weil die Gemeinde ihre Entscheidungen auf Grundlage ihres Wissens über das eigene Territorium getroffen hat. Es sind die Menschen vor Ort, die am besten wissen, wo das Wasser zu finden ist und wie es fließt. Aufgrund dieses Wissen entschied die Autoridad de Bienes Comunales – der Rat zur Verwaltung des Gemeinschaftslandes – Geld und Zeit in das Projekt zu investieren. Die Entscheidung, die Regenwasserauffangbecken anzulegen traf also die Gemeinde selbst. Es gab zwar finanzielle Unterstützung von außen, aber einen wichtigen Beitrag leistete die Dorfgemeinschaft, in Form von Gemeinschaftsarbeit.
Kommentar: Kurze Erklärung zum besseren Verständnis. Im stark indigen geprägten Oaxaca befindet sich der Großteil des Landes in Gemeinschaftsbesitz. Verwaltet wird dieses Land von den Autoridades de Bienes Comunales, den durch die Gemeindemitglieder gewählten Räten zur Verwaltung des Gemeinschaftsbesitzes.
Onda: Mauricio, kannst Du uns erklären worin der Beitrag der Gemeinde bestand und welche Rolle dabei das Tequio spielte?
MV: Der Beitrag der Gemeinde hatte zwei wichtige Komponenten. Eine ist die gemeinschaftlich von der Gemeindeversammlung getroffenen Entscheidung das Projekt ins Leben zu rufen und die zweite ist, es gemeinsam umzusetzen. Letzteres geschah mittels des Tequio. Tequio wird eine Tradition genannt, Arbeit zum gemeinschaftlichen Wohle der Gemeinde zu leisten.
Es kam also niemand von außerhalb, um das Projekt umzusetzen, sondern die Bewohner*innen der Gemeinde übernahmen das selbst, säuberten das Land und gruben die Auffangbecken. Das schöne dabei ist: so wurde es IHR Projekt. Und gerade beim Wasser ist das wichtig. Denn Wasser ist Grundlage des Lebens und aller menschlichen Aktivitäten. So wurde es möglich, dass San Dionisio anfing, Wasser neu zu denken und auch seine Wasserversorgung zu verbessern.
Interessant ist auch, dass sie doppelt so viele Auffangbecken gebaut haben, wie finanziert wurden. Das bewirkte das Tequio und die Gemeinschaftsarbeit der Gemeinde.
Onda: Also das Projekt wurde durch die Dorfgemeinschaft umgesetzt. Aber wer hat die Arbeiten koordiniert?
MV: In erster Linie die Gemeindeversammlung und in deren Auftrag die Autoridad de Bienes Comunales, die für das Gemeindeland zuständig ist. In Oaxaca sind 85% des Landes in Gemeinschafts- und nicht in Privatbesitz. Der Rat zur Verwaltung des Gemeinschaftslandes ruft die Bevölkerung auf, sich an den Arbeiten zu beteiligen. Dann organisieren sich die Menschen in ihren Nachbarschaften und entscheiden, wann sie zusammen Arbeiten übernehmen. Und dabei beteiligen sich nicht nur Männer und Frauen, sondern zum Teil auch Kinder.
Onda: Mauricio, vielen Dank für das Gespräch. Oder möchtest Du noch etwas ergänzen?
MV: Ich möchte noch einmal betonen, dass es Autonomie für die Gemeinden bedeutet, wenn sie sich selber um ihre Wasserversorgung kümmern. Sie verlieren diese Autonomie, wenn das andere übernehmen. Wenn eine Kommune die Wasserversorgung in ihre eigenen Hände nimmt, stärkt sie ihre Autonomie, wie auch bei den Nahrungsmittelversorgung.
Interview mit Mauricio Villar vom “Foro oaxaqueño del agua” von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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