Corredor Transístmico: Große Pläne, wenig Informationen

Stillgelegte Bahntrasse bei Tehuantepec. Foto: Knut Hildebrandt

(Oaxaca-Stadt, 16. April 2020, npla).- Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt im Dezember 2018 stellte Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador das „Programm zur Entwicklung des Istmo de Tehuantepec“ – den Corredor Transístmico – vor.

Kernstück ist der sogenannte Tren Transístmico, eine Schnellzugverbindung zwischen den Hafenstädten Salina Cruz in Oaxaca und Coatzacoalcos im Bundesstaat Veracruz. Denn die Landenge im Süden Mexikos ist schon lange als Alternative zum Panama-Kanal im Gespräch.

Doch es geht um mehr als den schnellen Gütertransport zwischen Pazifik und Atlantik. Entlang der Bahnstrecke soll eine Freihandelszone entstehen. Neben der Ansiedlung von Industriebetrieben sind der Bau von Windparks und Kraftwerken sowie eine Schnellstraße geplant. In der wirtschaftlich unterentwickelten Region sollen damit Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen werden.

Kaum Informationen über das Programm

Tehuantepec liegt eine halbe Stunde von Salina Cruz entfernt. Bis in die neunziger Jahre führte eine Bahnlinie mitten durch die Stadt. Heute drängen sich links und rechts der stillgelegten Gleisanlagen Marktstände.

Die Menschen auf dem Markt wissen nicht so genau, was auf sie zukommt. Foto: Knut Hildebrandt

Auf seinem Weg von Salina Cruz nach Coatzacoalcos soll der Tren Transístmico an Tehuantepec vorbei führen. Wir wollten von den Besuchern des Marktes wissen, was sie ein gutes Jahr nach Ankündigung des Entwicklungsplanes über dessen Umsetzung wissen.

Ein junger Mann meint gehört zu haben, dass man an Stelle der alten Gleisanlagen eine Straße durch den Markt bauen wolle. Eine Anwohnerin erzählt, dass es nie Informationen von offizieller Seite gegeben hätte. Sie habe nur die Kommentare im Radio gehört: „Dass sie den Passagier- und den Güterzug wieder in Betrieb nehmen wollen.“

Großprojekte nützen nur den Investor*innen

Dass es kaum konkrete Information über den Corredor Transístmico gibt, sieht Marcelino Nolasco als Strategie der Regierung an. Man wolle die Menschen im Unklaren lassen, vermutet er. Marcelino Nolasco arbeitet als Koordinator für das Menschenrechtszentrum Tepeyac. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Tehuantepec steht indigenen Gemeinden zur Seite, die mit Landkonflikten konfrontiert sind.

Nolasco sieht Parallelen zwischen der Planung des Corredors Transístmico und dem Bau der Windparks im Istmo de Tehuantepec. Er glaubt, dass es ähnlich laufen wird wie bei den Windparks oder vielleicht sogar noch schlimmer. Es wird wohl wieder großer Reichtum geschaffen, doch am Ende werden nur die Konzerne und die Investor*innen verdienen, vermutet Nolasco.

Das befürchtet auch Maricela Barriga. Barriga arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte in Tehuantepec. Ihre Arbeit führt sie häufig in die umliegenden indigenen Gemeinden. Deshalb weiß sie, dass viele Kleinbäuer*innen überredet wurden, ihr Land an die Windparks günstig zu vermieten. Und am Ende zahlten sie sogar noch drauf. Denn obwohl in Oaxaca der größte Stromproduzent des Landes ist, gehört er zu den Bundesstaaten mit den höchsten Strompreisen.

Bedürfnisse der indigenen Gemeinden spielen keine Rolle

Was den Menschen in den indigenen Gemeinden und insbesondere den Frauen nutzen würde, weiß Barriga durch ihre tägliche Arbeit natürlich auch. Das wäre zum Beispiel eine bessere Bildung für die Kinder oder eine bessere Gesundheitsversorgung für Frauen und vor allem mehr Sicherheit. Damit Mädchen ohne Angst auf die Straße und in die Schule gehen können.

Doch all das findet bei der Umsetzung von Großprojekten keine Berücksichtigung, ergänzt Barriga. Denn es gibt keine Programme oder Projekte, die Frauen oder die Kommunen als Ganzes mit einbeziehen, die Fortschritt für die Bäuer*innen und Fischer*innen bringen. Eher das Gegenteil trifft zu, meint Barriga. Sie glaubt, dass die Projekte den sozialen Zusammenhalt in den Kommunen zerstören werden. Das sieht man schon jetzt auf den Dorfversammlungen. Die einen begrüßen die von der Regierung versprochenen Arbeitsplätze. Andere dagegen befürchten, dass sie ihr Land im Tausch gegen schlecht bezahlte Jobs hergeben müssen. Und das nicht ohne Grund, wie die Erfahrung mit den Windparks lehren.

Indigene Konsultationen: Eine reine Simulation

Wie zuvor Marcelino Nolasco, beklagt auch Barriga die fehlende Information über das, was im Einzelnen geplant ist. Aber das dürfte eigentlich gar nicht so sein, fügt sie hinzu. Denn indigene Gemeinden haben laut Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ein Recht auf eine umfassende, informative Konsultation vor Umsetzung von Großprojekten.

Die Regierung behauptet zwar, es hätte Konsultationen gegeben. Doch laut Barriga wurden die Gemeinden lediglich zu Versammlungen einberufen, um das Projekt abzunicken. Es gab keinerlei relevante Informationen. Deshalb bezeichnet Barriga die Konsultationen auch als reine Simulation.

Auch Maritza Ochoa hält die Konsultationen für eine Farce. Ochoa lebt in San Mateo del Mar, einer indigenen Gemeinde, die vom Ausbau des Hafens im benachbarten Salina Cruz betroffen sein wird. Über dem Termin der „Konsultation“ wurde die Gemeinde über das Internet informiert. Nur haben viele Leute in ihrem Dorf gar kein Internet, berichtet Ochoa.

Unterschiedliche Erwartungen in Stadt und Land

Davon abgesehen wurde die Veranstaltung gut 24 Stunden vor ihrem Stattfinden in das knapp 30 Kilometer entfernte Salina Cruz verlegt. Maritza Ochoa sieht einen Grund dafür in der Ablehnung des Projektes durch viele indigene Gemeinden. Sie sind mit dieser Art von Großprojekten nicht einverstanden.

Die Einschätzung der Menschen in der Stadt und die der Landbevölkerung zum „Programm zur Entwicklung des Istmo de Tehuantepec“ gehen zum Teil weit auseinander. Das ist für Marcelino Nolasco ein weiterer wichtigen Aspekt. In der Stadt wollen die Menschen vor allem Arbeit. Für die Landbevölkerung steht der Schutz des Bodens, des Wassers und die Bewahrung ihrer Sprache an erster Stelle. Und das alles sehen sie durch Großprojekte gefährdet.

Vielleicht spielte auch das eine Rolle bei der Entscheidung, die Konsultation nach Salina Cruz zu verlegen? Denn dort war eher mit Zustimmung als Widerstand zu rechnen, ganz im Gegensatz zu San Mateo del Mar.

Skepsis auch in der Stadt

Marktstände auf den alten Gleisanlagen in Tehuantepec. Foto: K. Hildebrandt

Noch einmal zurück auf dem Markt in Tehuantepec. Uns hat natürlich auch interessiert, was sich die Menschen hier vom Corredor Transístmico erhoffen. Der ältere Herr, der neben seinem Marktstand sitzt, meinte, er sei sich nicht sicher was da kommen wird. Etwas klarer sieht das die Anwohnerin des Marktes. Sie denkt, für die Bevölkerung wird wenig heraus springen. Denn es wird ja wohl nur der Güterzug gebaut. Und deshalb werden eher die großen Firmen profitieren.

Die Meinungen über den Nutzen von López Obradors Programm zur Entwicklung des Istmo de Tehuantepec sind sehr verschieden. Viele Menschen in den indigene Gemeinden befürchten, dass es ihnen eher schaden wird. Denn obwohl es zum Großteil auf ihrem Land umgesetzt werden soll, orientiert es sich kaum an den Bedürfnissen der indigenen Bevölkerung. Aber auch in der Stadt sind sich nicht alle sicher, ob ihnen das Programm etwas bringt. Sollten am Ende doch nur die transnationalen Konzerne profitieren, wie Kritiker*innen des Programms vermuten? So wie es aktuell aussieht, ist das wohl zu befürchten.

Zu dieser Reportage findet ihr hier einen Podcast von Radio onda und eine Version auf Spanisch.

CC BY-SA 4.0 Corredor Transístmico: Große Pläne, wenig Informationen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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