Quilombos: Orte der Selbstermächtigung

Foto: Fabiene Gama. Acervo Koinonia

(Brasil, 1. September 2020, El Salto).- Bis heute ist die brasilianische Gesellschaft von einem tief verwurzelten Rassismus geprägt, der auf die Kolonialzeit zurückgeht. Als Quilombos bezeichnete man zur Zeit der portugiesischen Kolonisierung die Ansiedlungen geflohener Sklav*innen. Ihre Geschichte ist auch eine Geschichte des Kampfs der Menschen für eigene Territorien und eine rassismusfreie Gesellschaft.

Auflehnung gegen ein menschenverachtendes System

In Brasilien geht der Kampf um Land auf das 16. Jahrhundert zurück, als die portugiesische Krone das Gebiet kontrollierte. Riesige Ländereien befanden sich in den Händen einiger weniger Großgrundbesitzer*innen, denen es gelang, durch die Versklavung von Millionen von Menschen aus Angola, Äquatorialguinea, Kongo, Mosambik und Nigeria mit ihren Kaffee-, Zucker- oder Baumwollplantagen enorme Profite machten. Etwa fünf Millionen Menschen, die verschiedenen afrikanischen Völkern wie Yorubá, die Kinbundu, Kicongo, Benguela und Mina angehörten, wurden ihren Heimatländern entrissen und landeten im kolonialen Brasilien. Hier lebten rund 40% der gewaltsam nach Amerika verbrachten Menschen, mehr als in jedem anderen Land. Sklav*innen, die es geschafft hatten zu fliehen und ihre Freiheit wiederzuerlangen, zogen sich in möglichst fruchtbare und isolierte Gebiete zurück, um dort zu überleben. Die so entstandenen Quilombos waren Ausdruck des Widerstands gegen das menschenverachtende System. In vielen Teilen Lateinamerikas fanden ähnliche Entwicklungen statt: In Mittelamerika wurden die Cimarrones und Garifunas, in Venezuela die Cumbes, in Kolumbien und Kuba die Palenques begründet.

Dándara und Zumbi

Die verschiedenen Ansiedlungen entwickelten sich unterschiedlich, einige blieben klein, andere hatten nach einiger Zeit Tausende von Einwohner*innen. Der Ethnologe Edson Carneiro “ bezeichnete die Quilombos als“ Fortsetzung Afrikas auf brasilianischem Boden“. Da die Quilombos Handelsbeziehungen mit den Nachbarstädten unterhielten und landwirtschaftliche Produkte gegen Industrieerzeugnisse tauschten, lebten schon bald nicht ausschließlich Schwarze, sondern auch einiger Ureinwohner*innen, Deserteure und weißer Mestiz*innen dort. Das vielleicht bekannteste Qilombo Palmares  war so groß wie Portugal und hatte etwa 30.000 Einwohner. Unter der Führung des Ehepaars Dándara und Zumbi, beide selbst ehemalige Sklaven, konnte es fast das gesamte 17. Jahrhundert hindurch seinen Fortbestand sichern. Als der Quilombo nach einer langen Belagerung fiel, wurde Zumbi gefangen genommen und sein Kopf auf einem öffentlichen Platz ausgestellt, um andere Aquilombados und Sklav*innen abzuschrecken und zu ängstigen. Erst Jahre später begann man sich wieder an seine Geschichte zu erinnern. Mittlerweile wird der Tag seiner Hinrichtung als Gedenktag zur Würdigung des Kampfs gegen Rassismus und Sklaverei und zur Stärkung des Schwarzen Bewusstseins gefeiert.

Abschaffung der Sklaverei: nur ein politischer Schachzug

Dreihundert Jahre später, 1888, wurde in Brasilien als letztem Land die Sklaverei formell abgeschafft, das heißt, auf dem Papier. Givânia Silva, Gründerin der Nationalen Koordination der schwarzen Quilombola-Landgemeinden (Conaq), erklärt dazu: „Die Abschaffung der Sklaverei war keine Folge des drei Jahrhunderte währenden Kampfs der Sklav*innen und ihr vielfältiger Widerstand sondern nur ein politischer Schachzug der Sklavenhalter*innen, angetrieben durch die Modernisierung des Kapitals. Im Fokus standen ausländische Interessen.“ Für Givâniens These spricht, dass es weitere hundert Jahre dauerte, bis die ehemaligen Sklav*innen und Quilombolas vom Staat anerkannt wurden. „Die Existenz des schwarzen Volkes und der Quilombos wurde weitestgehend ignoriert, es gab kein Gesetz, das sie als politische Subjekte anerkannte, und ihre Geschichte wurde ausgelöscht“, so die Gründerin des Conaq.

Verfassungsrechtliche Anerkennung

Im Jahr 1988 erreichte die Bewegung für Schwarzes Bewusstsein schließlich, dass den Quilombola-Gemeinschaften und ihren Nachkommen in der neuen Staatsverfassung das Recht der auf das Land, das sie traditionell besetzt hatten, zugesichert wurde, allerdings wieder nur auf dem Papier. Heute besitzen nur neun Prozent der Quilombola-Gemeinden die rechtliche Anerkennung ihrer Gebiete: Die Regierung geht außerdem von etwa 3447Gebieten aus, während der Conaq von mindestens 6000 Quilombos im ganzen Land spricht.

Seit der Einführung der neuen Verfassung ist die Organisation der Quilombola-Nachkommen deutlich gewachsen. In den frühen 1990er Jahren wurde der Conaq im Gedenken an den Quilombo de los Palmares gegründet. Seine Aufgabe ist es, für die Rechte der Bewohner*innen einzutreten. So konnten die Quilombos 2003 unter der Präsidentschaft von Lula effektiv Zugang zur öffentlichen Politik erhalten. Dazu begannen Tausende von Menschen, sich an Geschichten zu erinnern, die in ihren Familien erzählt wurden und die von den vergessenen und ausgelöschten Kämpfen der Quilombos handelten. So auch Edna, die im Quilombo de Gurutuba in Minas Gerais geboren wurde. Ihre Familie entschied sich, die Gemeinde zu verlassen, da es aufgrund einer schweren Dürre an Arbeit fehlte.

Kinder in die erste Reihe

Edna lebte lange Zeit außerhalb des Quilombo, studierte und gründete eine Familie, wusste aber immer, dass sie eines Tages in die Gemeinschaft zurückkehren würde. Heute lebt  sie dort mit ihren Kindern und ist eine ihrer Sprecherinnen des Quilombo. Vor einigen Jahren begann sie sich an die Geschichten zu erinnern, die ihre Großmutter ihr abends am Feuer erzählte, während sie das Maniokmehl zubereitete. Sie begann, sich an ihre Kindheit im Quilombo zu erinnern, an die Spiele und ihre Stoffpuppe, an den Geruch des blühenden Baumwollfelds und den Geschmack des von ihrer Mutter zubereiteten Beiju. Obwohl sie zu der Zeit erst wenige Jahre alt war, erinnerte sie sich auch an den Kampf der Gemeinde um das Land, auf dem sie lebten. Es war die Zeit der Grileiros, Menschen, die sich illegal große Landflächen aneigneten und durch Urkundenfälschung zu ihren Besitzern wurden. Diese Praxis entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts intensiv und dauert bis heute an. „Als Antonio Pulú und seine Kompanie kamen, um unser Land mit Waffen einzunehmen, stellten unsere Eltern zur Verteidigung die Kinder in die erste Reihe, dann die Frauen und dahinter die mit ihren Sicheln bewaffneten Männer. Ich erinnere mich genau, wie diese Maschine kam und die Pflanzen vor unseren Augen zerstörte. Antonio Pulú schrie, dass der Traktor über uns hinweg fahren würde, wenn wir nicht aus dem Weg gingen“, erzählt Edna.

Quilombo de Gurutuba: nur 3% offiziell in den Händen der Gemeinschaft

In den 1970er und 1980er Jahren waren Konflikte um Land zwischen Quilombolas und Grileiros häufig und manchmal sehr gewalttätig. Nicht selten verloren Menschen ihr Leben, wie Edna erzählt, Gurutubaner deshalb beschlossen hätten, sich zurückzuziehen und auf die Rückgewinnung des restlichen Territoriums zu verzichten. Von den 47.000 Hektar, die zum Quilombo von Gurutuba gehören, dem größten in Minas Gerais, befinden sich nur 3 % offiziell in den Händen der Gemeinschaft. „Es ist traurig zu sehen, dass das Land, auf dem unsere Vorfahren lebten, heute den Bauern gehört und als Weideland für die Viehzucht genutzt wird“, erklärt Edna bedauernd.

Oft schlossen die Grileiros und die Landbesitzer einen Pakt mit den Quilombolas, normalerweise ließen sie die Felder bearbeiten und behielten den größten Teil der Produktion, und im Gegenzug erlaubten sie ihnen, auf dem Gebiet zu bleiben, oft waren jedoch Betrug und falsche Versprechungen im Spiel. So auch bei Ednas Familie: „Unser Herkunftsland liegt auf der anderen Seite des Flusses, meine Großmutter erhielt ein Erbe von meiner Urgroßmutter, und einer der Grileiros schlug vor, das Land zu tauschen und eine Urkunde über das neue Land auszustellen, die haben wir jedoch nie bekommen“.

Titelvergabe verläuft schleppend

Der Quilombo wartet noch immer auf den Eigentumstitel. Das Titelverfahren ist mühsam, und wenn sich innerhalb des Quilombola-Gebiets Gebäude oder andere Bewohner*innen, Landbesitzer*innen oder Landarbeiter*innen befinden, muss der brasilianische Staat sie enteignen und wirtschaftlich entschädigen. Dazu Edna: „Die Verfahren kosten den Staat Geld, auch deshalb lässt er sich so lange Zeit, aber es ist auch eine Frage der Prioritäten, und unsere Anliegen sind für sie auch einfach nicht von Belang.“ Unter der Regierung Lula wurden 75 Titel ausgestellt, unter der Regierung Dilma Rousseff waren es immerhin 94, unter Michel Temer 33 und seit der Amtseinführung von Bolsonaro 14 Titel, die an Quilombos vergeben wurden. Der Kampf um Landbesitz macht viele obdachlos und wird immer noch gewalttätig geführt. Erst vor wenigen Monaten wurde der Gemeindevorsitzende Seu Antônio do Barroso bei der Verteidigung seines Landes ermordet.

Laut dem letzten Bericht des Innenministeriums wurden zwischen 2010 und 2019 6.726 Gewalttaten registriert, wobei in den letzten vier Jahren ein Anstieg zu verzeichnen war. Besonders viele Gewalttaten wurden in den Jahren 2017 und 2019 registriert. Dem Bericht zufolge standen die meisten Fälle im Zusammenhang mit Landkonflikten. Indigene Völker und Quilombola-Gemeinschaften sind dabei am stärksten betroffen.

Der kapitalistischen Logik entzogen

Der Quilombo Rio Das Rãs im Bundesstaat Bahia ist einer der wenigen, der Eigentumsrechte an seinem Land besitzt. Als sie die Nachricht erhielten, dass das Dokument fertig sei, habe die Gemeinde ausgelost, wer es abholen würde, erzählt Iane. „Das Los fiel auf uns. Meine Eltern, meine Schwester, die gerade erst laufen konnte, und ich holten es ab. Es war ein historischer Moment“. Heute ist Iane in der Quilombo Association aktiv und engagiert sich in der Bewegung Schwarzes Bewusstsein. „Als wir den Titel für das Land erhielten, verbesserten sich die Dinge, weil wir nun eine Sicherheit hatten, keine Bedrohungen nahmen ab, und wir begannen in Frieden zu leben.

Das von der brasilianischen Regierung herausgegebene Dokument lautet auf den Namen des Quilombo-Verbands und befindet sich in kollektivem Besitz. Iane schildert, wie Entscheidungen in der Versammlung und gemäß den Statuten getroffen werden. Den gesetzlichen Bestimmungen zufolge kann Quilombola-Land, wie das der indigenen Völker, nicht verkauft oder aufgeteilt werden, das kollektive Eigentum respektiert den Raum der einzelnen Familien, und der Rest sind Gemeinschaftsflächen für Kultur, für die Ausübung der afrikanisch geprägten Religion, für Schulen und sonstige Treffpunkte.

„Die Besonderheit der Quilombola- und der indigenen Gebiete besteht darin, dass sie, sobald sie einmal betitelt sind, nicht mehr auf den Markt zurückkehren können, sie werden dem kommerziellen Kreislauf vollständig, es sind also Räume des Widerstands gegen die kapitalistische Logik“, erklärt Ana Gualberto, Expertin für schwarze Gemeinden und Beraterin des Quilombola-Observatoriums der Organisation Koinonia, im Gespräch mit El Salto. „Die Gesetzgebung soll sicherstellen, dass die Gemeinschaften nicht aussterben, und um dies zu erreichen muss jeder Versuch der Kommerzialisierung komplett ausgeklammert werden“, so Gualberto.

Beschlüsse zur Förderung der Quilombos werden nicht umgesetzt

Die Bedingungen sind in vielen der Quilombos nicht einfach, einige haben weder Trinkwasser noch Internet bzw. überhaupt Strom, wie in dem Quilombo, in dem Iane lebt. „In meinem Haus gibt es kein Wasser, ich muss es von draußen holen“. Ein weiteres Problem ist die Isolation. Der Quilombo Rio das Rãs kämpft seit 30 Jahren darum, dass der Staat eine Straße anlegt, die sie mit der Hauptstadt verbindet. „Wir können nicht einfach in die Stadt fahren, um Medikamente zu holen, ins Krankenhaus zu gehen oder einfach Basiseinkäufe zu erledigen“, erzählt Iane.

Der Mangel an grundlegenden Ressourcen in vielen der ländlichen Gemeinden ist laut Gualberto darauf zurückzuführen, dass „viele der öffentlichen Beschlüsse, die das Leben in den Quilombos betrafen und ihre Lebensbedingungen verbessern sollten, unter der Bolsonaro-Regierung zwar nicht zurückgenommen, aber einfach nicht umgesetzt bzw. nicht mit den nötigen Ressourcen unterfüttert wurden. Es ist, als ob sie Zumbi wieder töten würden“. Mit dem Besitz des Landes ist jedoch trotzdem etwas sehr Wichtiges erreicht, es bedeutet ein garantiertes Anrecht auf einen Ort zum Leben. Deshalb richten die Quilombos ihre Anstrengungen vorrangig darauf, diese Anerkennung zu erhalten.

Ein Land, das du dein Eigen nennen kannst

„In dem Quilombo, in dem ich lebe, haben wir trotz allem alle ein Haus, und wenn jemand keins hat, braucht er oder sie das Land nicht zu kaufen, jede Familie kann jedes nicht genutzte Stück Land für den Ackerbau verwenden, und die Gemeinschaft heißt alle willkommen, es ist ein Ort zum Leben, ein Ort, den man sein Eigen nennen kann“, sagt Iane. „Die Gemeinschaften haben nicht genug Geld, um das Land zukaufen, auf dem ihre Vorfahren gelebt haben, wir wollen nur die Garantie, dass die späteren Generationen dort leben können und dass die Geschichten vom Widerstand der Vorfahren in der Alltagskultur weitergegeben werden, wie es immer schon gemacht wurde.“

Die Art, wie das Land bewirtschaftet wird, der Fluss, an dem die Frauen ihre Kleider wuschen, das Essen, von dem Edna spricht, Ianes Vater beim Capoeira, die Batuque der Gurutubanos, die Gebete und jene Worte, die aus Afrika mitgenommen wurden und die Widerstand bedeuteten, erzählen von einer Kultur, die die Sklaverei überdauert hat und in den Gemeinschaften freier Menschen weiterlebt. Dándara und Zumbi und viele andere Kämpfer*innen wandeln noch immer im Land der Quilombolas.

Übersetzung: Lui Lüdicke

CC BY-SA 4.0 Quilombos: Orte der Selbstermächtigung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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