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(Buenos Aires, 17. Oktober 2026, El Salto).- Der argentinische Präsident Javier Milei prahlt immer noch damit die beste Regierung aller Zeiten zu führen. Er hat bereits seine Absicht bekundet, im nächsten Jahr wiedergewählt zu werden – mit dem Versprechen, dass 2028 das beste Jahr der Geschichte werden wird. Doch knapp drei Jahre nach Amtsantritt beweisen die neuesten Daten, dass das Land nicht gerade auf dem Weg in eine vielversprechende Zukunft. Gegenüber ideologisch gleichgesinnten Journalisten rühmt sich der Staatschef damit, die Armut während seiner Amtszeit reduziert zu haben, dabei ist sie im ersten Halbjahr 2026 um 4,1 Prozent angestiegen und betrifft mittlerweile 32,3 Prozent der Argentinier*innen; die extreme Armut stieg um 1,2 Prozent auf 7,5 Prozent. In seinem letzten Interview mit dem Sender LN+ stellte Milei die Veröffentlichungen des Nationalen Instituts für Statistik und Volkszählung (Indec) in Frage. „Die Indikatoren zeigen alles Mögliche an“, argumentierte er. Dieselbe Behörde hatte im zweiten Quartal einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,6 Prozent und einen Einbruch der Wirtschaftstätigkeit um 2,9 Prozent festgestellt, das ist der stärkste Rückgang gegenüber dem Vormonat seit mehr als sechs Jahren. „Die Armut reagiert sehr empfindlich auf die Höhe des verfügbaren Einkommens, und dieses sinkt systematisch“, so der Soziologe Gabriel Puricelli gegenüber El Salto. „Die Anti-Inflationspolitik der Regierung ist einerseits rezessiv, da sie auf einen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit setzt, um das Preisniveau zu kontrollieren, andererseits gibt es nur einen einzigen Preis in der Wirtschaft, über den sie eine strenge Kontrolle ausübt, und das ist der Lohn.“ Im Laufe dieses Jahres sind fast zwei Millionen Menschen in die Armut gerutscht. Mittlerweile sind 15 Millionen Argentinier*innen betroffen, also ein Drittel der Bevölkerung. In der Provinz Buenos Aires, wo der Großteil der städtischen Bevölkerung lebt, kommen auf jedes Stellenangebot Tausende von Bewerber*innen, die in langen Schlangen darauf warten, zu einem Vorstellungsgespräch zugelassen zu werden. Im Juli lag das real verfügbare Einkommen in Argentinien laut dem Beratungsunternehmen Equilibra um 16,1 Prozent unter dem Durchschnittsniveau von 2023 vor dem Amtsantritt von Milei im Dezember. „Dieser Rückgang bewegt sich in einer Größenordnung, wie sie sonst nur in Krisen wie der Hyperinflation von 1989 und dem wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenbruch von 2001 zu verzeichnen war“, bemerkt der Soziologe.Während andere Länder durch ihre Rohstoffexporte einen zunehmend schwächelnden Binnenmarkt verschmerzen können, versuchen die Menschen in Argentinien, sich mit prekären Tätigkeiten wie Lieferdiensten oder Personentransporten über Wasser zu halten, während die Kaufkraft und die Lebensqualität kontinuierlich sinken. Zwar verzeichnet die Wirtschaftstätigkeit im kumulierten Zeitraum von Januar bis Juli einen leichten Aufschwung (der sich jedoch auf 1,7 Prozent verlangsamt hat), „das Land wächst jedoch in Sektoren, die für sich genommen keine Umverteilung bewirken, wie Energie, Bergbau und Finanzen, ohne dass es staatliche Umverteilungsmaßnahmen gibt“, urteilt die Ökonomin Lucía Cirmi, Autorin des Buches „Economía para sostener la vida“ und Kontaktperson der zivilgesellschaftlichen Organisation „Futuros Mejores“.
Verschuldung als Ausweg
Die Regierung unter Milei hat 48 der 50 geltenden Sozialmaßnahmen abgeschafft, während die an die Löhne gekoppelten Umverteilungsmaßnahmen nur schleppend erfolgen, analysiert Cirmi. Die Arbeitslosigkeit stieg unterdessen im zweiten Quartal auf 7,9 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 2021. „Die Familien nehmen Kredite auf, um die Differenz zwischen den Preisen für Waren und ihren Löhnen auszugleichen“, erklärt Cirmi, ehemalige Staatssekretärin für Gleichstellungspolitik während der Regierung von Alberto Fernández (2019–2023). „Deshalb ist die Verschuldung von Familien und Unternehmen derzeit ein stark zunehmendes Phänomen in Argentinien. So gibt es 20 Millionen verschuldete Menschen und sechs Millionen, die seit mehr als 90 Tagen mit ihren Zahlungen im Rückstand sind.“ Diese neue Dynamik, die bisher nicht erkannt worden war, wirft laut Cirmi eine neue Problematik für das Land auf. „Während von außen die makroökonomische Stabilität gelobt wird, gibt es im Inland vor allem Bedenken hinsichtlich des Aktivitäts- und Umsatzniveaus, beispielsweise bei den Supermärkten, die seit sieben Monaten Rückgänge verzeichnen“, erklärt sie. Angesichts eines rückläufigen Konsums und ohne Spielraum für expansive Politik hat die wirtschaftliche Deregulierung vor einem immer kleiner werdenden und sich zurückziehenden Staat freie Hand, was sich in der Privatisierung von Unternehmen und der Entlassung von 72.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst äußert. Gleichzeitig hat der Rückgang in den mit dem Binnenmarkt verbundenen Sektoren, die die meisten Arbeitsplätze schaffen – wie Industrie, Handel und Bauwesen –, dazu geführt, dass während der aktuellen Legislaturperiode allein im privaten Sektor 246.000 registrierte Arbeitsplätze abgebaut wurden. In ihrem Bestreben, den Preisanstieg (der im August bei 1,7 Prozent lag) in Schach zu halten, lehnt die Regierung jegliche Lohnvereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ab, die über die Inflationsrate hinausgehen. „Das heißt, dass es der Exekutive nicht nur an einer Einkommenspolitik mangelt – wo doch selbst die orthodoxesten Programme in Argentinien und anderen Ländern eine Phase vorsehen, die in diesen Ansätzen als ‚Übergangsphase‘ bezeichnet wird –, sondern dass sie ausdrücklich darauf abzielt, die Einkommen zu drücken“, fährt Puricelli fort.
Parallel zum Anstieg der Arbeitslosigkeit „verschlechtert sich die Qualität der Arbeitsplätze, da die neu geschaffenen Stellen – die den Verlust an Arbeitsplätzen nicht ausgleichen – mit niedrigeren Löhnen und ohne Sozialleistungen verbunden sind, da sie nicht offiziell angemeldet werden“, erklärt die Soziologin. „Daher ist der Anstieg der Armutsquote die zu erwartende Folge dieser Politik.“ Mit Blick auf die Zukunft sieht der von der Regierung dem Kongress zur Verabschiedung vorgelegte Haushaltsentwurf 2027 vor, die Anpassung der Beihilfen für Familien in prekären Lebenssituationen zu streichen, „die seit Beginn der Amtszeit von Javier Milei das einzige Einkommen darstellten, das mit dem Tempo einer Inflation Schritt hielt, die nach wie vor die fünfthöchste weltweit ist“, fügt Cirmi hinzu. Die Finanzmärkte müssen gewisse Unstimmigkeiten wahrnehmen, wie der Anstieg der Risikoprämie und der allgemeine Kursrückgang argentinischer Anleihen in den letzten Tagen zeigen. Milei führt dies auf das „Kuka-Risiko“ zurück – eine abwertende Anspielung auf die wichtigste Oppositionsgruppe, die sich mit dem Kirchnerismus identifiziert. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache, doch die Realität steht in krassem Widerspruch zu dem, was der argentinische Präsident sehen und hören will. Sein Bestreben, einen Kulturkampf anzuführen, veranlasst ihn dazu, reaktionäre Foren zu besuchen, wo man ihm schmeichelt und Auszeichnungen verleiht, während er sich den Vormarsch der extremen Rechten in Lateinamerika als Verdienst anrechnet. Und nun nimmt er Spanien ins Visier.
Milei treibt das Land an den Rand einer Rezession von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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