
Foto: Jessica Zeller
(Berlin, 28. Juni 2026, npla).- Berlin, Ende Juni. Draußen herrschen Temperaturen von 35 Grad aufwärts. In den Innenräumen des Kunstraum Kreuzberg ist es überraschend kühl. An diesem historisch heißen Wochenende geht die Ausstellung „Die Kunst ist kein Ziel für sich. In Beziehung mit der Konstruktivistin Asja Lãcis“ zu Ende. Zur Finissage wird noch mal einiges geboten. So sind auch Künstler*innen und Gruppen aus Lateinamerika extra angereist, um ihre Arbeiten zu zeigen und mit dem Publikum zu diskutieren.
Der Aufstand der Kinder
Der argentinisch-brasilianische Künstler Rafael Leona hat es sich bequem gemacht auf einer der drei Schaukeln, die in den Fluren der Ausstellung aufgehängt sind. Er ist Teil der Künstler*innengruppe Contrafilé, die diese Arbeit vor rund zwanzig Jahren in São Paolo entwickelt hat. Sie heißt „A Rebelião das Crianças“, übersetzt ‚Die Rebellion der Kinder‘, und bezieht sich auf den Aufstand 2005 in den sogenannten FEBEM, Einrichtungen für den Jugendstrafvollzug und für Kinder, die entweder keine Eltern mehr haben oder diesen weggenommen worden waren. „Die FEBEM dienten jedoch nicht der Betreuung, sondern waren Gefängnisse, nur dass sich darin nicht Erwachsene, sondern Kinder und Jugendliche befanden. Es gab viele Fälle von Folter und Misshandlung“, so Leona. In ihrer Arbeit nimmt die Gruppe Contrafilé zunächst eine semantische Verschiebung vor. „In der medialen Berichterstattung war ständig die Rede von Verbrechern, die Gefängnisse besetzen, die aus ihren Einrichtungen entkommen und wieder eingefangen werden müssten. Wir haben als erstes das Wort Verbrecher durch Kinder ersetzt: Kinder sind auf der Flucht, Kinder werden von der Polizei verfolgt, die Polizei nimmt Kinder fest.“ Dazu entwickelten die Künstler*innen das Element der Schaukeln, mit denen sie zu den rebellierenden Kindern und Jugendlichen gingen, die aus den Einrichtungen geflohen waren und auf der Straße lebten. „Die Schaukeln trugen dazu bei, das Bild des Verbrechers mit dem Bild des Kindes zu überlagern.
Soziale Kritik wird spielerisch formuliert
Seitdem hingen die Schaukeln von Contrafilé an vielen Orten Brasiliens, bevor sie im Frühjahr 2026 für einige Monate nach Berlin reisten und hier im Rahmen der Ausstellung „Die Kunst ist kein Ziel für sich“ zu sehen sind. Der Ansatz von Contrafilé, soziale Kritik theatralisch und spielerisch zu formulieren, trifft sich mit vielen anderen Arbeiten der Ausstellung. Ihr gemeinsamer Bezugspunkt: die Arbeit und der theoretische Ansatz der lettischen Theatermacherin Asja Lãcis, die 1891 bis 1979 lebte und u.a. mit Walter Benjamin, Bertolt Brecht und Erwin Piscator zusammenarbeite. In den 1920er-Jahren war sie die bedeutendste Mittlerin zwischen den Avantgarden in Berlin, Moskau und Riga.
Lettische Avantgardistin geriet in Vergessenheit
Doch anders als ihre männlichen Freunde und Kollegen geriet Asja Lãcis in Vergessenheit. Erst mit dieser Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg wurde sie wirklich wiederentdeckt und gewürdigt. Die Kuratorin Konstanze Schmitt beschreibt: „Meine Kollegin Mimmi Woisnitza und ich haben über vier Jahre lang zu Asja Lãcis geforscht. Sie war eine der Ersten, die eine Art emanzipatorisches Kindertheater entwickelt haben und auch ein Arbeiter*innentheater praktizierten, das auf einer starken Selbstermächtigung beruhte. Und man kennt Asja Lãcis eigentlich nicht.“ Trotzdem war die lettische Avantgardistin sehr einflussreich, selbst wenn vielen nicht bewusst war, an wen sie da anknüpften. In Deutschland fanden die 68er und später die westdeutsche Kinderladenbewegung im „Programm eines proletarischen Kindertheaters“ ihr Manifest für eine antiautoritäre Erziehung. Dieser kurze Text wurde 1929 von Walter Benjamin verfasst – für Asja Lãcis, deren Praxis er beschreibt. In Erinnerung blieb jedoch nur er als Autor.
Auch unter dem Stalinismus und seinen Nachwirkungen verband Asja Lãcis ihre Theaterarbeiten oft mit gesellschaftlichem Protest. „Sie war eine der Ersten, die das in der Form ausprobiert haben, und genau deswegen ist sie eine totale Inspiration für uns und die Künstlerinnen, die hier an der Ausstellung teilnehmen“, erklärt Kuratorin Konstanze Schmitt. So wurden Aufführungen in Riga, wo Asja Lãcis bis ins hohe Alter lebte und arbeitete, zu Demos im Park, mit der Folge, dass viele der Protagonistinnen, einschließlich der Regisseurin selbst, verhaftet wurden.
Bevor er sich im Rahmen der Ausstellung mit ihr beschäftigte kannte auch Rafael Leona vom Kollektiv Contrafilé Asja Lãcis namentlich nicht, wohl aber prominente brasilianische Künstler, die analog zu ihrem Ansatz handelten, wie den 2009 verstorbenen Theatermacher Augusto Boal. Der „lateinamerikanische Bertolt Brecht“ kombinierte in seinem Ansatz „Theater der Unterdrückten“ Kunst und Selbsterfahrung mit politischem Probehandeln. Nicht die Regie bestimmt über die Inhalte der Szenen und Theaterstücke, sondern das Publikum selbst. Aus Zuschauer*innen werden Zuschauspieler*innen, die auf der Bühne erfahren, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Rafael Leona beschreibt, wie er vor rund dreißig Jahren Augusto Boal in Rio de Janeiro persönlich kennengelernt hat: „Ich gehörte damals zum GAC, der „Grupo de Arte Callejero“ aus Buenos Aires, und wir hatten keine Ahnung – kamen nicht aus dem Theater, hatten auch nichts mit Theater zu tun – und waren begeistert von seiner Arbeitsweise. Zu diesem Zeitpunkt war die Uni besetzt, die Studierenden wollten Verbesserungen erreichen, und Boal setzte mit ihnen eine Theateraktion um. In zehn Minuten hat er mit zweihundert Personen ein Theaterstück zum Laufen gebracht. Das hat uns sehr bewegt.“
Asja Lãcis als Neuentdeckung und Inspiration
Zwischen zwei Schaukeln von Contrafilé in einem Flur der Ausstellung hat der argentinische Grafiker Federico Geller einen großen Zeichentisch aufgestellt – auch für ihn war Lãcis eine Neuentdeckung und Inspiration zugleich. „Ich arbeite mit Bildern, Zeichnungen, Collagen und manchmal auch mit Videos. Kunst ist für mich die Möglichkeit, sich mit unserer Wirklichkeit zu verbinden – das ist im Grunde auch der Ansatz von Asja Lãcis. Ich freue mich sehr, hier zu sein.“ Einige seiner Zeichnungen hat Federico an die Wand gepinnt, die meisten sind in schwarz-rot gehalten, mit einem schnellen Strich und eindringlicher Botschaft. Ein Thema, das immer wiederkehrt: die Angst. Die Angst sitzt als kleines Wesen auf der Schulter oder mitten im Gesicht einer Person. Eine Gruppe steht lose herum und mittendrin: die Angst, die auch menschlich aussieht. „Wir können Angst vor realen Dingen haben oder vor Dingen, die nur in unserer Fantasie existieren. Wir können Angst vor Gruppen haben, die wir nicht kennen. Oder wir können Angst vor einem Atomkrieg haben. Es ist unglaublich, wie viele Dinge es gibt, vor denen man Angst haben kann. Und jede Gesellschaft hat bestimmte Ängste, die sie prägen“, so Federico Geller. Und es gebe eine Industrie der Angst, die vor allem in Bildern und Videos verbreitet werde: „Als ich mich mit dem Thema Angst beschäftigt habe, tauchten nach und nach andere Dinge auf, zum Beispiel das Handy, denn ich glaube, ein Großteil der kollektiven Angst wird dort und auch in Filmen reproduziert. Die Angstindustrie ist unglaublich.“
An diesem Nachmittag sind Kinder, aber auch Erwachsene eingeladen, sich an Federicos Zeichentisch zu setzen, seine Stifte zu benutzen und ihre eigenen Bilder zu zeichnen. Einige greifen die Themen direkt auf. Ein Mädchen zeichnet eine Gruppe von Zombies, die alle ein Handy in der Hand halten. Andere malen zum Beispiel zwei Lautsprecher. Aus dem einen schallt AI – Artificial Intelligence , also: Künstliche Intelligenz, aus dem anderen IA – eselsgleiche Dummheit.
Gemeinsames Zeichnen als Ort der Begegnung
Für Federico Geller ist das gemeinsame Zeichnen ein Ort der Begegnung, wenn die Realität immer mehr Vereinzelung vor dem Bildschirm bedeutet, wo die Bilder nur so auf einen einströmen. „Der heutige Nachmittag ist analog. Ich halte es für sehr wichtig, mit echten Materialien zu arbeiten, einander in die Augen zu schauen und direkt miteinander zu sprechen.“
Die Beispiele aus Lateinamerika zeigen, wie der Ansatz von Asja Lãcis auf ganz verschiedene Kontexte übertragen werden kann. In Brasilien setzt er sich in der Arbeit von Augusto Boal, und seinem Theater der Unterdrückten und in den theatralisch-spielerischen Inszenierungen der Gruppe Contrafilé fort. In Argentinien ist das gemeinsame Zeichnen zu gesellschaftskritischen Themen bei Federico Geller von Lãcis inspiriert. Allen diesen Arbeiten ist gemeinsam, dass die Kunst dazu beiträgt, wie wir Gesellschaft wahrnehmen und Veränderungspotentiale erkennen und erproben. Oder wie Lãcis es feststellte: Kunst ist kein Ziel für sich.
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