
Neulernen, um sich anzupassen: Was verändert Freiwilligenarbeit?
Internationale Freiwilligenarbeit ist nicht immer gleich. Zwischen Deutschland und Ecuador sowie in verschiedenen Austauschprogrammen gibt es unterschiedliche Erfahrungen. Der Alltag entsteht zwischen Bürokratie, Anpassung und Kulturschock.
Ich bin vor sieben Monaten nach Deutschland gekommen, und das System wirkte auf mich wie ein präziser, geräuschloser Mechanismus. Alles läuft in einer Ordnung ab, die man anfangs nicht zu deuten weiß. Es ist nicht chaotisch, aber auch nicht direkt zugänglich. In diesem Zusammenhang bedeutet das Thema Freiwilligenarbeit nicht nur Hilfe, sondern auch Anpassung, Privileg und persönliche Veränderung.
Als ich im Rahmen des Projekts zum ersten Mal mit Kindern arbeitete, sprach mich ein Junge in schnellem Deutsch an. Auf meine Frage, ob er das auf Englisch wiederholen könne, hat er nein gesagt. So wurde mir klar, dass hier nicht alles übersetzt wird. Das zu akzeptieren ist ein Teil der Erfahrung.
Am Anfang gab es viel Bürokratie: Anmeldung, Versicherungen, Bankkonten. Jeder Schritt war wichtig. Man konnte nicht weitergehen ohne den Schritt davor. Mit meinem A2-Deutsch war es oft schwer. Ich habe nicht immer alles verstanden, aber ich habe versucht, Lösungen zu finden.
„Es ist wichtig zu wissen, warum man Freiwilligenarbeit macht“
Thorben ist 21 Jahre alt und kommt aus Deutschland. Er hat am weltwärts-Programm in Ecuador teilgenommen. Für ihn war die Erfahrung sehr wichtig, aber er sieht auch kritische Punkte. Er sagt, dass die Menschen in Ecuador offen und interessiert waren. Aber er denkt auch, dass diese Programme nicht nur als einseitige Hilfe verstanden werden sollten.
„Ich finde, es ist wichtig, bescheiden zu sein. Freiwillige sollten verstehen, dass die Freiwilligenarbeit auch ihnen selbst zugutekommt. Man sollte zusammen lernen und auch über Ungleichheit nachdenken“, so Thorben.
Seine Meinung zeigt: Freiwilligenarbeit ist gut zum Lernen, aber es gibt auch Unterschiede zwischen Ländern. Ihr Bericht verdeutlicht einen zentralen Widerspruch: Freiwilligenarbeit als Ort des Lernens, aber auch als eine Erfahrung, die von globalen Ungleichheiten geprägt ist.
„Am Anfang ist man glücklich, dann ist es schwer, dann akzeptiert man es“
Aus einer anderen Perspektive beschreibt Fran, eine 24-jährige Ecuadorianerin mit Wurzeln in den Bergen und an der Küste des Landes, die aus einer sehr engen Familie stammt, diesen Prozess: Sie erlebte ihn als eine emotionale Verwandlung in mehreren Phasen.
Am Anfang war sie sehr motiviert. Danach war es manchmal schwer. Später hat sie gelernt, die Situation zu akzeptieren. „Man merkt, dass nicht alles perfekt ist. Aber was du lernst, hängt von dir ab“, sagt sie. Sie hat gelernt, mit der Sprache, dem Winter und der emotionalen Distanz zu leben. Sie entwickelte neue Routinen und verbrachte viel Zeit allein. Am Ende fühlt sie Dankbarkeit, aber auch ein bisschen Nostalgie. „Es ist wie eine lange Reise mit vielen Menschen.“
Joaquín ist 18 Jahre alt und macht gerade seinen Freiwilligendienst. Er kommt aus einer offenen Familie, und das hat ihm geholfen. Er beschreibt den Freiwilligendienst wie eine Reise. Man trifft viele Menschen und erlebt viele Situationen. Es ist aber auch eine Erfahrung, die Verantwortung und ständige Präsenz erfordert. Für ihn war eine wichtige Veränderung, den Blick für scheinbar weniger bedeutsame Details zu schärfen. „Ich bin mir der kleinen Dinge bewusster geworden“, fasst er zusammen.
„Auch der Kontext bestimmt, wie man den Freiwilligendienst erlebt“
ICYE Ecuador, auch VASE genannt, ist eine Organisation mit jahrelanger Erfahrung in internationaler Freiwilligenarbeit. Aufgrund ihrer Erfahrungen weist die Organisation darauf hin, dass Freiwilligenarbeit nicht in allen Ländern gleich erlebt wird. In Ecuador wird die nationale Freiwilligenarbeit tendenziell als informeller wahrgenommen als in anderen Ländern, in denen der Staat stärker involviert ist. Ein wichtiger Punkt ist auch die Unabhängigkeit. Viele Freiwillige lernen, allein zu leben, ohne ihre Familie. Das ist besonders wichtig in Kulturen mit starkem Familienbild.
Zwischen Verlernen und neu lernen
In der internationalen Freiwilligenarbeit spielen auch Privilegien eine Rolle. Nicht nur Helfen ist wichtig, sondern auch die Möglichkeit zu reisen und neue Kulturen zu sehen und die eigene Komfortzone zu verlassen. Diese Erfahrung ist nicht immer einfach oder gleich für alle. Freiwilligenarbeit ist weder ein linearer noch ein einheitlicher Prozess.
Für mich war das Leben in Deutschland eine große Veränderung. Ich musste viele Dinge neu lernen. Was früher normal war, ist jetzt anders. Ich habe auch neue Dinge gelernt: allein sein, beobachten und ruhig sein. Auch die Sprache verändert mein Verhalten. Auf Deutsch bin ich ruhiger. Auf Englisch lockerer. Auf Spanisch direkter. In Ecuador ist ein Kontakt schnell hergestellt. In Deutschland braucht das mehr Zeit.
Freiwilligenarbeit ist nicht nur Hilfe. Es ist auch ein persönlicher Prozess. Man lernt, sich anzupassen und Dinge anders zu verstehen.
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