
Foto: Paul Lowry via wikimedia
CC BY-SA 2.0
(Havanna, 14. September 2026, SEMlac).- Zahlreiche Kulturen vertreten feste Vorstellungen zu Emotionen und Gender: Männer weinen nicht, bitten nicht um Hilfe, reden nicht über ihre Gefühle und machen ihre Probleme mit sich selbst aus. Die geschlechtsspezifische Erziehung reproduziert ein Modell hegemonialer Männlichkeit, das von Kindheit an mit Stärke, Selbstständigkeit und Kontrolle gleichgesetzt wird. Das kann Folgen haben, die weit über das Kulturelle oder Symbolische hinausgehen und manchmal einen Preis haben, der selten benannt wird: das eigene Leben. Untersuchungen zu Suizid in Kuba und weltweit belegen, dass das Durchbrechen dieser Muster auch eine Frage der öffentlichen Gesundheit ist. Die Weltgesundheitsorganisation hat daher den September zum Aktionsmonat der Suizidprävention erklärt und ruft zur Sensibilisierung für das Problem auf, von dem im hohen Maße Männer betroffen sind.
Höhere Suizidrate bei Männern, mehr Selbstmordversuche bei Frauen
Weltweit ist die Selbstmordrate bei Männern doppelt so hoch wie bei Frauen; nach Angaben der WHO 12,6 gegenüber 5,4 pro 100.000 Einwohner*innen. Auf dem amerikanischen Kontinent nehmen sich sogar mehr als dreimal so viele Männer das Leben wie Frauen. Beim versuchten Selbstmord kehrt sich das Muster um: Etwa viermal so viele Frauen wie Männer unternehmen den Versuch, sich das Leben zu nehmen. Eine der möglichen Erklärungen lautet, dass Männer öfter als Frauen auf „totsichere“ Methoden zurückgreifen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Selbstmord funktioniert. Das gilt auch für Kuba. Laut offiziellen Sterblichkeitsstatistiken wurden 2024 insgesamt 1.347 Todesfälle bei Männern aufgrund vorsätzlich selbst zugefügter Verletzungen gezählt, das entspricht 27,5 pro 100.000 Männer. Im Jahr 2023 belegte Suizid den elften Platz unter den 35 häufigsten Todesursachen bei Männern in Kuba. Bei den Frauen lag er auf Platz 32 der Todesursachen, und es wurden 283 Fälle im Jahr 2023 und 282 im Jahr 2024 gezählt.
Ein globales Problem der öffentlichen Gesundheit
Selbstmord gehört weltweit weiterhin zu den häufigsten Todesursachen. Nach Schätzungen der WHO liegt die aktuelle Zahl bei etwa 727.000 Todesfällen pro Jahr, das macht laut der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) alle 40 Sekunden einen Selbstmord. Bei Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren ist Suizid nach Verkehrsunfällen, Tuberkulose und zwischenmenschlicher Gewalt die häufigste Todesursache. Während die Selbstmordraten weltweit zwischen 2000 und 2019 um 36 Prozent zurückgingen, war in Lateinamerika das Gegenteil der Fall: Sie stiegen an. Laut PAHO ist Lateinamerika die einzige WHO-Region, in der die Zahlen in den letzten zwei Jahrzehnten gestiegen sind.
Was steckt hinter dieser Diskrepanz?
Untersuchungen von PAHO und WHO identifizieren als Ursachen traditionelle Männlichkeitskonstrukte – Probleme allein lösen, Verletzlichkeit, Angst und Trauer unterdrücken, erst dann um Hilfe bitten, wenn es gar nicht mehr anders geht, geringere Inanspruchnahme professioneller Hilfe. Die Folgen sind oft erhöhter Alkoholkonsum und anderes Risikoverhalten. Die Psychologin Carla Padrón Suárez vom Nationalen Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex) erklärte bereits im Februar 2022 gegenüber SEMlac, das gesteigerte Risikoverhalten solle nach außen den Anschein erwecken, dass die Betroffenen vor nichts Angst haben. Damit einher geht oft die Vernachlässigung der eigenen Gesundheit: Auch ein Arztbesuch wird teils als Zeichen von Schwäche wahrgenommen – ein möglicher Grund dafür, dass Männer früher an Krankheiten sterben als Frauen. Auch die Tatsache, dass Männer bis zu zehnmal häufiger tödlich verunglücken, ist nach Ansicht der Expertin auf die geschlechtsspezifische Erziehung zurückzuführen. Dass die Selbsttötungsabsicht bei Männern im Vergleich viel häufiger zum „Erfolg“ führt, erklärt sie damit, dass selbst das „Scheitern“ beim Suizid von Männern als Blamage empfunden wird. Laut PAHO wirken sich auch Kontextfaktoren wie Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogenkonsum sowie zwischenmenschliche Gewalt je nach Geschlecht unterschiedlich aus.
„Ins Gespräch kommen“
Um effektiv vorbeugen zu können, sei es notwendig, psychologischen Gesundheitsdienste aufzustocken, Stigmatisierung abzubauen und den Zugang zu Hilfsangeboten zu erweitern, betonten WHO und PAHO. Das diesjährige Motto des Welt-Suizidpräventionstages, „Die Narrativ über Suizid verändern“, und sein Aufruf zum Handeln, „Das Gespräch beginnen“, weisen in diese Richtung: Räume zu schaffen, in denen Männer über ihre Gefühle sprechen können, ohne verurteilt oder deshalb als weniger männlich angesehen zu werden. Eine beträchtliche Herausforderung. Laut dem „Atlas der psychischen Gesundheit in Amerika“ der PAHO verwenden die Länder der Region lediglich drei Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben in diesem Bereich; auf 100.000 Einwohner*innen kommen gerade mal 4,9 Fachkräfte für psychische Gesundheit, wobei in den verschiedenen Gebieten erhebliche Unterschiede bestehen. Weltweit verfügen nur 38 Länder über eine spezifische nationale Strategie zur Suizidprävention – zu wenig, um das Nachhaltigkeitsziel, die weltweite Senkung der Suizidrate um ein Drittel bis 2030 zu erreichen, meint die WHO. Ganz wichtig sei, die Stigmatisierung rund um dieses Problem zu bekämpfen, denn nur so bestünde die Chance, Menschen zu helfen, die daran denken, sich das Leben zu nehmen. Zur Suizidprävention, so betont die WHO, gehöre auch, als Gesellschaft ein Männlichkeitsbild zu entwickeln, in dem um Hilfe bitten keine Niederlage, Schmerz zeigen keine Schande und Selbstfürsorge ein fester Bestandteil des Mann-Seins ist.
Wie Gender und Suizid zusammenhängen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar