Feministische Kämpfe in der Hochburg des Patriarchats

Frauen*streik in Uruguay 2018
Foto: MediaRed
CC BY-SA 2.0

(Montevideo, 7. März 2020, la diaria).- Weltweit gilt Lateinamerika als die Region mit der massivsten Frauen*unterdrückung. Sexistische Gewalt, Frauen*morde und restriktive Abtreibungsgesetze vertiefen das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern. Aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in mehreren lateinamerikanischen Ländern (Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Ecuador, Mexiko und mit dem Regierungswechsel nun auch Uruguay) werden in diesem Jahr besonders große 8.-März-Demos erwartet, die die Forderungen der Frauen* deutlich auf den Punkt bringen. „Lateinamerika ist ein sehr vielfältiger Kontinent, und doch bestehen vielerorts dieselben Probleme. Ich denke, die drei großen Themen werden sein: Bedingungslose Straffreiheit für Schwangerschaftsabbrüche, ökonomische Gleichstellung der Geschlechter und die Beendigung der Gewalt gegen Frauen*“, so Virginia Beaudoux, Expertin für politische Kommunikation und genderbewusstes Lenkungsmanagement, im Gespräch mit la diaria. Nach Angaben der Beobachtungsstelle für Geschlechtergleichheit der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik CEPAL wurden im Jahr  2018 in Lateinamerika 3.529 Femizide registriert, wobei davon auszugehen ist, dass die tatsächliche Zahl erheblich höher ist. Den offiziellen Angaben zufolge beträgt die Femizidrate (ausgehend von jeweils 100.000 Einwohner*innen) in El Salvador 6,8, Honduras 5,1, Bolivien 2,3, Guatemala 2 und in der Dominikanischen Republik 1,9.

Schwangerschaften von Mädchen und Jugendlichen

Ein weiteres Problem der Region Lateinamerika/Karibik ist die hohe Zahl sogenannter Teenager-Schwangerschaften aufgrund der unzureichenden Sexualaufklärung und der fehlenden Verhütungsmittel. Mit über 12%, laut CEPAL, sind hier Schwangerschaften von Mädchen und Jugendlichen fast so häufig wie in den Ländern südlich der Sahara, wo Schwangerschaften Minderjähriger weltweit am weitesten verbreitet sind. Es handelt sich mehrheitlich um ungeplante Schwangerschaften, die das Leben der Jugendlichen, den Schulbesuch oder den Eintritt in den Arbeitsmarkt enorm beeinträchtigen und den Aufbau der wirtschaftlichen Unabhängigkeit langfristig erschweren. Das Institut Guttmacher, spezialisiert auf reproduktive Rechte, gibt an, dass in der Region Lateinamerika/Karibik 4,4% der Frauen zwischen 15 und 44 einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Die Rate liegt hier somit höher als in irgendeinem anderen Land der Welt. In El Salvador, Honduras, Nicaragua, Haiti und der Dominikanischen Republik sind Abtreibungen bis heute unter allen Umständen verboten und werden mit Gefängnisstrafen belegt. Die einzigen Länder, in denen Schwangerschaftabbrüche in den ersten Wochen durchgeführt werden dürfen, sind Uruguay, Kuba, Guayana, Französisch-Guayana, Puerto Rico sowie Mexiko-Stadt und der Bundesstaat Oaxaca. Im übrigen Mexiko bestehen entsprechend den Gesetzgebungen der Bundesstaaten unterschiedliche Regelungen. Tausende Frauen greifen daher auf unsichere und unsachgemäße Methoden zurück und riskieren dadurch ihr Leben.

Die Hälfte der Frauen hat kein eigenes Einkommen

Auch was die ökonomische Gleichstellung der Geschlechter betrifft, steht der Region noch ein ordentliches Stück Arbeit bevor. Laut CEPAL verfügen 50% der Frauen nicht über ein eigenes Einkommen bzw. verdienen unterhalb des Mindestlohns. Die Hälfte der Frauen hat also kein eigenes Geld oder zumindest nicht so viel, dass es zum Leben reicht. Frauen widmen unbezahlten Tätigkeiten mehr als doppelt so viel Zeit wie Männer, obwohl sie in den letzten Jahren zunehmend in den Arbeitsmarkt aufgenommen werden. „Geschlechtergleichheit kann es nur geben, wenn die Care-Tätigkeiten, ob bezahlt oder unbezahlt, gleichmäßiger verteilt werden. Hausarbeit wird automatisch immer als Frauenarbeit angesehen. Dadurch werden Frauen vom Arbeitsmarkt und von der beruflichen Weiterentwicklung ausgeschlossen”, erklärt uns Lucía Scuro, Leiterin des Ressorts Soziales in der CEPAL-Abteilung für Genderfragen. „Hier sind politische Maßnahmen nötig, damit die ungerechte Belastung der Frauen mit den häuslichen Aufgaben ein Ende hat”.

Politische Teilhabe

Durch die Einführung von Quotenregelungen und Geschlechtergleichheit bei Kandidaturen hat sich in diesem Bereich in den letzten Jahren tatsächlich einiges getan. Nach CEPAL-Angaben von Mai 2018 liegt die Region Lateinamerika/Karibik hinsichtlich der Beteiligung von Frauen in gesetzgebenden Organen mit 29,8% weltweit am höchsten. In Bolivien, Mexiko, Costa Rica und Ecuador sitzen mit 40% bis 50% mehr Frauen in den Parlamenten als jemals zuvor, trotzdem wäre es verfehlt, von paritätisch geführten Regionen zu sprechen. In anderen Ländern liegt die Präsenz von Frauen außerdem bei unter 30%, in Uruguay zum Beispiel nur bei  20%. „In den letzten drei Jahrzehnten fanden rund 40 Wahlreformen in insgesamt 17 lateinamerikanischen Ländern statt; die Regelungen sind nicht einheitlich. In einigen Ländern werden der Zugang und die Registrierung der Kandidaturen paritätisch vorgenommen, dazu zählen Argentinien, Bolivien, Costa Rica, Ecuador, Honduras, Mexiko und Peru, trotzdem sind die Parlamente nicht paritätisch besetzt“, so Flavia Freidenberg vom Institut für Rechtsforschung an der Universidad Nacional Autónoma de México. „Dass Frauen sich in der Politik beteiligen und repräsentative Funktionen übernehmen, muss aktiv gefördert werden, und das passiert hier nicht“, ergänzt Freidenberg, Aktivistin des Politologinnen-Netzwerks #NoSinMujeres. Außerdem gibt es in der gesamten Region nur eine einzige Frau, die den obersten Regierungsposten innehat, und zwar in Trinidad und Tobago. Von Geschlechtergleichheit in der Region Lateinamerika/Karibik kann also noch keine Rede sein, aber in den letzten Jahren konnten immerhin entscheidende Fortschritte erzielt werden. „Seit der Erklärung von Beijing zur Förderung der Rechte von Frauen im Rahmen der Weltfrauenkonferenz 1995 bis heute gab es in der Region hinsichtlich der Geschlechtergleichheit auf jeden Fall Fortschritte, vor allem auf institutioneller Ebene”, betont Scuro. „Die meisten Länder haben irgendeine Art von Gleichstellungsstelle, und das ist immerhin schon ein Fortschritt hinsichtlich der rechtlichen Situation und auch zur Verbreitung des Genderthemas“. Außerdem wurden umfassende Gesetze gegen geschlechtlich motivierte Gewalt verabschiedet, die sich auf Prävention, Unterstützung und Sanktionierung der Verbrechen beziehen. In den letzten Jahren wurden auch verstärkt Institute für die statistische Erfassung gegründet: “Dadurch konnten wir eine höhere Sensibilisierung hinsichtlich des Problems erreichen und alle relevanten Informationen bündeln und diese an die politischen Instanzen weiterleiten”.

Zahlreiche Großdemonstrationen erwartet

Außerdem haben in den letzten Jahren Frauen vermehrt das Schweigen gebrochen und fordern nun lautstark Chancengleichheit und rechtliche Gleichstellung: Die Bewegung umfasst indigene Frauen, die ihr Land verteidigen, genauso wie die argentinische Ni Una Menos-Bewegung, der sich Frauen in zahlreichen Ländern angeschlossen haben, und das berühmte chilenische Kollektiv Las Tesis, das mit ihrer Performance “Un violador en tu camino”/“Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ international bekannt geworden ist. Dass der feministische Kampf nicht mehr aufzuhalten ist, wird sich später erneut in den zahlreichen Großdemonstrationen in unserer Region zeigen. Argentinien wird komplett in grün getaucht sein, und man hofft, dass die Straffreiheit von Schwangerschaftsabbrüchen wie von Präsident Alberto Fernández versprochen in diesem Jahr in die Praxis umgesetzt wird. In Mexiko wurde für den kommenden Montag zum landesweiten Frauenstreik aufgerufen ‑ als Antwort auf die Gleichgültigkeit des Präsidenten Andrés Manuel López Obrador gegenüber den Frauen*morden. Auch seine Aussage, schuld an den Verbrechen sei nun mal der Neoliberalismus, stieß bei etlichen Frauen auf Empörung.

Übersetzung: Lui Lüdicke

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