WHO-Agentur stuft weiteres Herbizid als „möglicherweise krebserregend“ ein

„Möglicherweise krebserregend“

Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO hat davor gewarnt, dass das Herbizid 2,4-D, das in Argentinien am zweithäufigsten verwendet wird, „möglicherweise krebserregend“ sei. Die Agrochemikalie wird, neben anderen Anwendungen, vor der Aussaat von Gensoja und Genmais versprüht. Vergangenen März hatte dieselbe internationale Institution bestätigt, dass Glyphosat genetische Schäden verursacht (Grund für verschiedene Erkrankungen) und sie ebenfalls mit Krebs in Verbindung gebracht. Die Chemikalie 2,4-D wird von Dow Agrosciences, Nidera und Monsanto vertrieben.

“Es gibt starke Hinweise darauf, dass 2,4-D oxidative Stressreaktionen auslöst und damit einen Mechanismus in Gang setzt, der auch beim Menschen funktionieren kann. Außerdem gibt es die moderate Vermutung, dass dadurch immunologische Prozesse unterdrückt werden“, führt der Bericht des IARCWHO mit Datum vom 23. Juni 2015 aus. Die Institution stellt heraus, dass das Herbizid „für den Menschen potentiell krebserregend“ ist und weist darauf hin, dass es hierfür noch keine eindeutigen Beweise gibt. Das Urteil wurde nach Kenntnis einer „gründlichen Revision“ der jüngsten verfügbaren wissenschaftlichen Literatur bekannt gegeben, die eine Arbeitsgruppe von 26 Expert*innen aus 13 Ländern durchgeführt hatten.

Chemikalie wird seit 1945 versprüht

Die Chemikalie 2,4-D (Dichlorphenoxyessigsäure) begann man im Jahr 1945 für die Kontrolle von unerwünschten Pflanzen („Unkräuter“ in der agrartechnischen Sprache). Sie ist nach Glyphosat das am zweithäufigsten verwendete Herbizid in Argentinien. Es wird auf Pflanzungen von Weizen, Gerste, Hafer, Mais, Sorghumhirse, Kartoffeln, Zuckerrohr, Reis und weiteren Kulturen versprüht. Sojapflanzungen werden damit nicht besprüht (es würde absterben), doch bei der sogenannten „chemischen Brachenbearbeitung“, nach der letzten Ernte und vor dem Ausbringen der nächsten Direktsaat, wird es angewandt um die Unkräuter vor der Aussaat mit Giften zu eliminieren.

„Die Brachenbearbeitung behandelte man nur mit Glyphosat, wenn man mit der Direktsaat begann, doch seit etwa 15 Jahren wird auch 2,4-D zugesetzt, gegen die glyphosatresistenten Unkräuter. So dass die beiden von der WHO in Frage gestellten Chemikalien auf Millionen Hektar gelangen, auf denen Soja angebaut wird“, erklärte der Agraringenieur Fernando Frank, von der Bauernvereinigung des Tals von Conlara (Asociación Campesina del Valle de Conlara) in San Luis, der zu den Auswirkungen von Agrargiften forscht.

Sofortmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung gefordert

Im vergangenen März hatte die IARC bereits Glyphosat als „möglicherweise krebserregend“ (auf Gefahrenstufe zwei einer fünfstufigen Skala) eingeschätzt. Sie bestätigte, dass der Stoff genetische Schäden verursacht. In Argentinien werden jährlich mehr als 200 Millionen Liter Glyphosat verwendet. Die Gewerkschaftsföderation des Fachpersonals im argentinischen Gesundheitswesen Fesprosa (FederaciónSindical de Profesionales de la Salud de Argentina), in der 30.000 Mitarbeiter*innen aus Gesundheitsberufen Mitglied sind, die Argentinische Vereinigung für Blutkrebs in der Kinderheilkunde Sahop (Sociedad Argentina de Hemato-Oncología Pediátrica) sowie Forscher*innen der Universitäten von Rosario, Río Cuarto, Córdoba, La Plata und Buenos Aires forderten Sofortmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung.

Das Dokument “Die Evolution des Herbizid-Marktes in Argentinien”, des staatlichen Nationalen Instituts für Landwirtschaftstechnik INTA (Instituto Nacional de Tecnología Agropecuaria) bestätigt die zunehmende Anwendung von Agrargiften. Im Jahr 1991 wurden 19 Millionen Liter verwendet. Zwanzig Jahre später (2011) waren es 252 Millionen Liter. Die drei am häufigsten eingesetzten Chemikalien waren: Glyphosat, 2,4-D und Atrazin.

Ende der 1970er Jahre, erläuterte Frank, hörte man auf, 2,4-D in den Vereinigten Staaten und Europa zu produzieren.

Die wichtigsten Hersteller sind China, Taiwan, Mexiko, Brasilien, Indonesien und Argentinien. „Das 2,4-D ist sehr gefährlich für die Gesundheit und die Umwelt. Momentan wird sein Großeinsatz beworben, was ganz klar auf Betreiben der Firmen zurückgeht“, warnte der Agraringenieur.

Einsatz von 2,4-D untersagt bzw. eingeschränkt

Sechs Provinzen haben die Agrochemikalie 2,4-D bereits verboten oder ihren Einsatz eingeschränkt: Santa Fe, Chaco, Entre Ríos, Córdoba, Tucumán und Santiago del Estero. Im März 2015 forderte eine Gruppe von fünf sozialen Organisationen vom Nationalen Service für Gesundheit und Lebensmittelqualität Senasa (Servicio Nacional de Sanidad y Calidad Agroalimentaria), dass ein Prozess der Risikobewertung eingeleitet und das Herbizid im ganzen Land verboten wird.

In einem Dokument der Organisationen (BIOS, Foro Salud y Ambiente de Vicente López, Acción por la Biodiversidad und Foro Ambiental de General Viamonte) bekräftigen sie: „Unabhängige wissenschaftliche Studien haben uns aufgezeigt, dass vom Einsatz von 2,4-D eine ernstzunehmende und irreparable Gefährdungssituation für die menschliche Gesundheit, die Umwelt und die biologische Vielfalt ausgeht.“ Sie kritisierten, dass Studien über die Zulassung von Agrarchemikalien nur von kurzer Dauer (90 Tage) und nicht auf lange Zeit (2 Jahre) angelegt sind, wie es laut der wissenschaftlichen Literatur zur Toxikologie vorgesehen ist.

Genehmigungsbericht für neue Sojasorte ist vertraulich

Am 17. April dieses Jahres wurde in Argentinien eine neue transgene Sojasorte der Firma Dow Agrosciences zugelassen. Sie ist insbesondere geschaffen worden, um mit den drei Chemikalien Glyphosat, Glufosinat-Ammonium und 2,4-D verwendet zu werden. Der Staat fertigte keine eigenen Studien hierzu an und der vorhandene Bericht aus dem Genehmigungsverfahren ist als vertraulich eingestuft.

Die Nichtregierungsorganisation Naturaleza de Derechos hatte vor dem Verfassungsgericht (per saltum) eine Petition eingereicht, in der eine Rücknahme der Genehmigung für die neue Sojasorte gefordert wird. Das Oberste Gericht lehnte dieses Ersuchen jedoch ab und begründete dies damit, dass die Petition nicht die Bedingungen bezüglich Bedeutung und Dringlichkeit erfülle. Der klagende Anwalt, Fernando Cabaleiro, erklärte daraufhin, man werde die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte CIDH (Comisión Interamericana de Derechos Humanos) anrufen.

„Das wäre wie ein Gnadenschuss“

Er warnte, dass mit der neuen Soja der Einsatz von 2,4-D „exponentiell zunehmen wird“ und unterstrich: „Das Urteil der IARC ist angebracht und das Verfassungsgericht sollte dies berücksichtigen. Die chemische Kombination, die von den Unternehmen der Biotechnologie forciert wird, besteht aus Glyphosat und 2,4-D und obendrein wollen sie das gefährliche Herbizid Paraquat. Das wäre wie ein Gnadenschuss“.

Dieser Artikel ist Teil unseres diesjährigen Themenschwerpunkts:

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