Ernährungssouveränität heißt mehr als Reis und Nudeln für alle

Viele hochverarbeitete Lebensmittel machen nicht nur nicht satt, sondern sind auch noch schädlich. Eine bohnenlose Frechheit.
Foto: Pixnio
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(Buenos Aires, 1. November 2021, La Tinta).- Miryam Gorban ist die erste Ernährungswissenschaftlerin, der die Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät der Universität Buenos Aires verliehen wurde. Im Gespräch mit der Zeitschrift Cítrica erläutert Gorban, welche Rolle die Ernährungssouveränität, gesunde, fair gehandelte Produkte und der Zugang zu Ackerland bei der Beendigung des Hungers spielen und wie es um die Verantwortung der Regierung, das Geschäft mit minderwertigen Lebensmitteln aufzudecken und zu kommunizieren, steht.

„Diese Auszeichnung gilt nicht mir.“

„Diese Auszeichnung gilt nicht mir, sondern der Arbeit, die an den Lehrstühlen für Ernährungssouveränität geleistet wurde“, erklärt Miryam Gorban bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät. Der Fakultätsleister ist beeindruckt: Noch nie seien so viele Menschen für eine Auszeichnung in diesem Saal zusammengekommen. Zwei Tage später sehen wir Miryam wieder an der Fakultät, diesmal in der bis auf den letzten Platz besetzten Aula Magna, wo selbst die Logen voller Menschen und Fahnen sind. Die Bäuer*innen-Organisationen und Verbände des Forums für souveräne und selbstbestimmte Landwirtschaft (Foro por un Programa Agrario, Soberano y Popular) haben für Gorban gestimmt. Sie soll den Minister*innen und Beamt*innen ihre Vorschläge unterbreiten. Und da steht sie, allein, 88-jährig, vor der Menge und fordert vom Staat eine öffentliche Politik, die dem Hunger ein Ende setzt.

Bei der Amtseinführung des Bildungsministers: „Ich komme wegen der Häppchen.“

Doch nun sind wir bereits im Landwirtschaftsministerium und haben endlich Gelegenheit zu einem langersehnten persönlichen Gespräch mit Miryam Gorban, die 1996 auf dem Welternährungsgipfel in Rom das Paradigma der Ernährungssouveränität aufbrachte und seither diesem Thema ihre ganze Zeit und Energie gewidmet hat. Die Einrichtung von nicht weniger als 50 Lehrstühlen für Ernährungssouveränität an öffentlichen Universitäten verdanken wir Gorbans Initiative. Sie selbst befindet sich mittlerweile im Ruhestand. Miryam hat uns zur Amtseinführung von Luis Basterra aus Formosa eingeladen. Und obwohl sie vor der Zeremonie den neuen Landwirtschaftsminister mit einer herzlichen Umarmung begrüßt hat, kann sie uns nichts vormachen: Sie ist wegen der Häppchen gekommen. Choripán, Grillwurst auf knusprigem Brot. Das ist ihr Geheimnis, um trotz ihres Alter vital und aktiv zu bleiben: „Mein Geheimrezept: mit jungen Leuten zusammenkommen, militant bleiben und hin und wieder Choripán, das hält mich auf Trab. Ich verbrauche das Cholesterin, das ich zu mir nehme“. Gibt es etwas, das dem Grundsatz der Ernährungssouveränitat mehr entspricht als Choripán? Es geht um das Recht der Völker auf Zugang zu Nahrungsmitteln, die wirtschaftlich und kulturell ihren Lebensumständen, Territorien und Gewohnheiten entsprechen, was in Argentinien nicht der Fall ist. Wie kann es Ernährungssouveränität in einem Land geben, das nicht genug Obst und Gemüse für die Bevölkerung hat? In dem die Lebensmittel so hoch sind? Wie sollen wir den Grundsätzen der Ernährungssicherheit gerecht werden, wo unser Land tonnenweise Lebensmittel vernichtet? Um Ernährungsrichtlinien zu vermitteln und Krankheiten und Hunger zu verhindern, muss der Staat kommunizieren.

– Was muss der Staat denn kommunizieren, Miryam?

-Die Medienberichterstattung des Staates sagt, dass schon viel Arbeit geleistet wurde, tatsächlich liegt aber noch viel Arbeit vor ihnen. Wir brauchen Anregungen, die zum Stillen ermutigen, denn wie die Statistiken zeigen, werden nur 40% der Kinder gestillt. Eine Kampagne wie „Zurück an den Herd“ wäre auch nicht schlecht, und sei es nur, um ein Spiegelei zuzubereiten. Vor allem aber brauchen wir die Kampagne: „Leute, trinkt Leitungswasser“, bevor unser gesamtes Wasser von Plastik verunreinigt wird. In Rosario gibt es den „obligatorischen Krug“, das heißt, die Restaurants sind verpflichtet, Wasser kostenlos am Tisch zu servieren. Das ist ein Recht. In Europa stellen sie es dir auf den Tisch, hier in Argentinien stellt man es in Rechnung. Es muss eine explizite Kampagne für das Recht auf arsenfreies Trinkwasser geführt werden. Die Trinkbrunnen in Schulen und auf Plätzen sind verschwunden. In 60% der Schulen gibt es kein Trinkwasser, also gehen die Kinder zum Kiosk und kaufen Softdrinks. Heutzutage gibt es keine Gesundheitskampagnen im Zusammenhang mit Lebensmitteln. Es sollte auch einen Fernsehspot mit dem Tenor: „Essen Sie saisonales Gemüse“ geben. Essen Sie Tomaten, wenn sie bei uns reif werden, essen Sie Orangen im Winter. Aber nein, die Leute wollen das ganze Jahr über Tomaten, und weil das nicht geht, müssen wir Tomaten importieren. Alles Mögliche kann man meinetwegen importieren, aber doch keine Tomaten.

– Und da der Staat sich aus dem Ernährungsthema raushält, sind es die Marken und Konzerne, die verarbeitete Lebensmittel produzieren und in Werbung investieren.

– Werbung ist aggressiv. Wenn du an einem Kiosk in Jujuy nachfragt, was dort am meisten verkauft wird, werden sie dir sagen: „Danonino für Wachstum“. Bei vielen Angehörigen der indigenen Collas ist aufgrund chronischer Unterernährung das Längenwachstum verkümmert, und da das Fernsehen ihnen erzählt, dass Kinder mit Danonino gesund und stark werden, kaufen sie es. Im Fernsehen wird einem aber nicht gesagt, man solle zwei Gläser Milch trinken. Es ist Aufgabe des Staats, den Menschen zu vermitteln, dass zum Beispiel die hochverarbeitete Instant-Suppe „mit fünf Gemüsesorten für den täglichen Bedarf“ überhaupt kein Gemüse enthält, sondern Extrakte. Instantsuppe mag bei einer Überschwemmung ein wertvolles Lebensmittel sein, aber sie taugt nicht als alltägliche Nahrung, die man in die Schule mitnehmen sollte. So eine Art von Lebensmittel hat außerdem den Effekt, dass wir faul beim Kauen werden: Kinder essen Suppe, Püree, lauter hochverarbeitete weiche Speisen. Und das führt dazu, dass das Gehirn zu wenig Sauerstoff erhält. Als ich vor fast 70 Jahren meinen Abschluss als Ernährungsberaterin machte, sagte mein Professor Pedro Escudero: „Man muss den Kindern den Churrasco in Stücken geben, damit sie lernen, daran zu reißen und zu kauen. Keinen Fleischsaft“. Und jetzt geben wir ihnen lauter Dinge, die man nicht kauen muss. Wenn Soja und Suppe so gut sind, warum essen die Reichen sie dann nicht? Alle müssen Zugang zu den besten Nahrungsmitteln haben. Es darf keine „Nahrung für Arme“ geben.

-Was ist mit dem Zugang zu Ackerland? Brauchen wir für Würde, Arbeitsplätze und faire Preise nicht Land für die Nahrungsmittelproduktion?

-Sagen wir es, wie es ist: Zugang zu Land muss auch sein. Wenn nur das Stichwort Agrarreform fällt, denkt man schon an Anarchie, und wenn dann im Zusammenhang mit einem Gesetzesentwurf über den Zugang zu Land durch zinsgünstige Kredite auch noch das Wort Enteignung fällt, ist es ganz vorbei. Aber wie kann es billige Lebensmittel geben, wenn Land teuer ist und der Transport auch? Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass Erzeuger*innen immer weniger verdienen und Verbraucher*innen immer mehr zahlen. So läuft es mit der Produktionskette. Wir müssen das Produktionsmodell ändern und den Leuten klarmachen, dass wir gesunde, sichere und souveräne Lebensmittel produzieren können. Schaut, was Tucumán mit den Blaubeeren gemacht hat: Sie haben mit einer Marktstudie nachgewiesen, dass die Lebensmittel, wenn sie frisch in Europa ankommen, einen um 45 % höheren Mehrwert haben, also haben sie ein Kühllager neben dem Flughafen gebaut und Frachtflugzeuge für den Non-Stop-Export gechartert. Je schneller, desto frischer kommen die Lebensmittel an. Der Transport ist eine der größten Schwierigkeiten für die Ernährungssouveränität des Landes. Die Liberalen haben die Schiffe und Züge abgeschafft, und jetzt werden alle Lebensmittel mit Lastwagen transportiert, so dass die Hälfte beschädigt am Bestimmungsort ankommt, was den Preis verteuert, und uns von fossiler Energie abhängig macht, die teurer ist, weil sie in Dollar gehandelt wird und außerdem die Umwelt verschmutzt. Das wiederum verteuert die Lebensmittel, wir müssen also das Problem mit den Zügen lösen.

-Wenn man die Möglichkeit der agrarökologischen Produktion von Lebensmitteln in städtischen Gebieten und in der Nähe der Verbrauchsorte anspricht, ist die Antwort häufig, dass dies vor 100 Jahren möglich war und dass Argentinien heute aber Lebensmittel für 400 Millionen Menschen produzieren müsse. Was antwortest du darauf?

– Dass das gelogen ist. Das mit den 400 Millionen Menschen ist ein Mythos. Wir haben nicht genug Obst und Gemüse, um den Nährstoffbedarf selbst unseres heimischen Marktes zu decken. Wir produzieren nicht Kraftstoff für menschliche Organismen, sondern Diesel und Tierfutter. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein Interessenskonflikt zwischen unseren Mägen, den Mägen der Tiere und den Benzintanks von Autos entwickelt. Es geht nicht um 400 Millionen Menschen.

Wie viele der Produkte, die wir täglich zu uns nehmen, geben sich als Lebensmittel aus und sind gar keine? Es gehe nicht um große Marken wie Pindonga oder Cuchuflito, sondern um einen Riesenbetrug á la „Megaflotto“, findet Miryam und zählt auf:

– Die Sache mit dem geriebenen Käse ist ein Skandal, denn es heißt, dass das Aroma aus Weizengrieß und Reggiano-Käseextrakt hergestellt wird. Und sie lassen einen glauben, dass es gesund ist, weil es mit Vitamin D angereichert ist. Sie lassen mich glauben, dass ich Käse esse, aber das tue ich nicht. Das ist mangelnde soziale Verantwortung. Joghurt ist nicht das, was draufsteht, er besteht aus Zusatzstoffen, Aromen und Zucker. In Chile sind Kinder-Überraschungseier aufgrund des Kennzeichnungsgesetzes verboten. Würde man hier in Argentinien das Überraschungsei verbieten, gäbe es einen Aufstand, als ob das Zeug für jemanden lebenswichtig wäre.

Mein Urenkel will mit mir zu McDonald’s. Ich sage nein, weil seine Eltern nicht es wollen, und er sagt, das Happy Meal sei jetzt gesund: Sie haben Salatblätter und fünf Sesamkörner hineingetan, und sie haben den Nachtisch gegen einen Apfel ausgetauscht. Versteht ihr, was ich meine? Auch der Honig ist furchtbar: Auf dem Etikett steht „Reiner Bienenhonig“, aber er besteht zu 70 Prozent aus Maissirup mit hohem Fruktosegehalt. Das ist Lebensmittelbetrug. Coca-Cola behauptet nun, es sei zuckerfrei, aber der Zucker wird durch einen Süßstoff ersetzt, der genauso schädlich ist. Deshalb muss der Staat die Werbung regulieren. Wenn ihr eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke einführen wollt, sagt euch Tucumán, dass ihr die Industrie zerstört. Aber das ist nicht der Fall: Wir konsumieren ja weiterhin Zucker, wir wollen nur verhindern, dass in einem Getränk, das Kinder trinken, 15 Löffel Zucker enthalten sind.

Echte und verschwendete Lebensmittel

So wie es Lebensmittel gibt, die nicht satt machen und leider die Grundlage für die Ernährung der argentinischen Bevölkerung sind, gibt es auch Lebensmittel, die uns laut Miryam satt machen könnten, die aber aufgrund fehlender staatlicher Maßnahmen ignoriert werden:

– Die Kinder in Misiones haben Obstbäume in ihren Häusern, aber sie essen das Obst nicht. Ich habe einen Jungen gefragt, was eine Grapefruit ist, und er hat mir geantwortet, dass man die zum Limonadeherstellen nimmt. Für uns ist Obst gleichbedeutend mit Äpfeln, Orangen und Bananen. Vielleicht noch Birnen. Und im Sommer ein Pfirsich oder eine Pflaume. Mango, Johannisbrot und Avocado fallen einem hier praktisch auf den Kopf, werden aber ignoriert. Und was mit den Avocados passiert, ist schon wirklich krass: Die Menschen in Corrientes und Salta werfen sie weg, weil sie zu viel davon haben, und in Buenos Aires importieren wir sie aus Chile und zahlen ein Vermögen dafür. In Mar del Plata gibt es praktisch keinen Fisch, dabei leben sie in einem Fischereigebiet. Wir wissen einfach nicht, wie wir unsere Ressourcen nutzen können. Vor 30 Jahren traf ich eine Vorsteherin aus einer Wichi-Gemeinschaft, und sie sagte mir etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe: „Wir lebten von dem, was wir jagten, wir lebten von der Natur. Aber dann kamen die Schule und die Schulkantine und brachten uns Nudeln, und jetzt müssen wir unser Essen kaufen“.

-Woher weiß man, welche Lebensmittel man essen sollte?

-Keine Kartons oder Etikettierung. So frisch und natürlich wie möglich. Geht zum Gemüsehandel, geht zur Metzgerei, was Besseres gibt es nicht. Natürliche Lebensmittel. Die muss man natürlich auch zubereiten, aber das ist noch längst nicht das gleiche wie eine Fertigpizza. Sachen, die lange Zeit im Regal stehen, enthalten jede Menge Konservierungsstoffe und viel Salz. Wir haben ein Überangebot an hochverarbeiteten Lebensmitteln und einen Mangel an natürlichen Zutaten.
Ein kleines Mädchen im Kindergarten sagte zu mir: „Frau Lehrerin, ich habe angezogene Hühner gesehen“. Ich habe mich halbtot gelacht, ich fand das so niedlich, aber im Grunde ist es schrecklich. Das kleine Mädchen wusste nicht, dass Hühner Federn haben. Das hat mit der Riesenlücke zwischen Produktionsstätte und Endverbraucher zu tun. Wir brauchen eine offensive Kommunikationspolitik. Sie sagen, die Mülltrennung sei gescheitert, aber wie hätte sie auch funktionieren sollen, ganz ohne Kampagne, die zeigt, wie das alles funktioniert. Mit Kommunikationskampagnen öffnet man das Bewusstsein der Menschen. Wenn man dort nicht ansetzt, werden die Kinder weiterhin sagen, dass es auf dem Lande angezogene Hühner gibt.

– Was schlägst du als Verfechterin der Lebensmittelsouveränität vor, um den Hunger zu beenden?

– Erstmal eine Dezentralisierung der Produktion. Wir bräuchten einen Milchviehbetrieb pro Region. Die Produktion sollte an dem Ort erfolgen, an dem sie konsumiert wird. Es gibt ein Green Shield-Projekt mit Gemüsegarten, einer Molkerei und einem Schlachthof, alles an dem Ort, an dem die Lebensmittel konsumiert werden, ohne lange Transportwege. Hier müssen wir investieren. Wir erlassen keine Gesetze, die der Gesellschaft zugutekommen aus Angst, dass Coca-Cola eine Fabrik schließt, und wir geben staatliche Gelder aus, um Medikamente zu subventionieren. Ich möchte, dass es weniger Medikamente gibt, ich möchte mehr gesunde Menschen. Dafür muss ich die staatlichen Gelder zur Förderung der Gesundheit und nicht zur Förderung von Krankheiten einsetzen. Um den Hunger zu besiegen, müssen wir das Ernährungssystem ändern. Allein mit Nudeln und Reis kann man niemanden ernähren, und die Gesellschaft muss das wissen.

-Glaubst du, das Auftauchen der Landarbeitergewerkschaft auf der Straße war wichtig, um unser Bewusstsein für unsere Ernährung zu schärfen?

– Zweifellos. Dass diese ganzen Obst-, Gemüse- und Kräuterbäuer*innen an die Öffentlichkeit gegangen sind, war sehr wichtig. Sie haben dadurch sichtbar gemacht, dass die Lebensmittel, die jeden Tag auf den Tisch kommen, auf dem es Feld wachsen. Und die Leute, die da auf die Straße gingen, waren tatsächlich anders als was wir uns vorgestellt hatten, nämlich überwiegend junge Menschen und sehr viele Frauen. Die soziale Ökonomie ist wirklich ein Schlag vor den Bug der monopolistischen Konzentration.

– Was hältst du von der neuen Generation von Klimaaktivist*innen?

-Sie sind ein neuer Akteur, der auf der Bühne erschienen ist, und das recht unerwartet. Und dieser Akteur schlägt Alarm und sagt uns: Hört auf mit dem Bla-bla-bla und werdet aktiv. Das ist ein weiteres Wunder, das gerade geschieht. Unsere Kinder sind wunderbar, es macht so viel Spaß, dieser Jugend zuzuhören, die für ihre Zukunft eintritt.

-Entsprechen Notstandsmaßnahmen wie die Ausgabe von Lebensmittelkarten zum Einkaufen, Festpreise und die Ausgabe von Lebensmittelrationen dem Prinzip der Ernährungssouveränität?

– Notstand ist Notstand. In den ersten Monaten kann man ihm mit Lebenskarten beikommen, aber wir müssen auf einen Wandel im Lebensmittelsystem hinarbeiten. Heute gibt es in den Lebensmittelpaketen der Sozialämter überhaupt nichts Frisches. Das ist die Verantwortung des Staats. Wir haben es bereits gesagt: Passt auf, dass die ganzen staatlichen Gelder nicht zum Mega-Lebensmittelproduzenten Molinos Río de La Plata gehen, auf dass der Konzern noch mehr Geld verdient. Die Pakete enthalten Mehl, Zucker und Öl. Die Frauen in den Vierteln sagen zu mir: „Was sollen wir denn kochen, Miryam, wenn es nur Mehl und Öl in den Lebensmittelpaketen gibt?“ Am Ende gibt es frittierte Weizenfladen. Fettleibigkeit, Übergewicht und Diabetes nehmen in erschreckendem Maße zu. Deshalb müssen wir zu frischen Lebensmitteln greifen, die auch bezahlbar sein müssen. Und wir müssen zurück in die Küche. Vor kurzem habe ich einen Workshop mit den Mädchen aus den Suppenküchen durchgeführt. Wir haben Pudding gemacht, und zwar einmal von der Marke Royal und einmal hausgemacht. Dabei haben wir die Zeit, die Kosten und den Nährwert erfasst, denn wenn es um Lebensmittel geht, muss alles berücksichtigt werden. Heute haben wir Strom, Gas, Haushaltsgeräte, die uns das Leben erleichtern. Bitte, lasst uns zurück an den Herd gehen.

– Hast du Erwartungen an das neue Kabinett?

– Ich mag es, weil es sich auf die soziale Ökonomie konzentriert. Zum ersten Mal werden in einer Rede zur Amtseinführung die bäuerlichen Familienbetrieben und die soziale Ökonomie erwähnt. Das haben wir erkämpft. Auch, dass es wieder violetten Mais gibt, ist uns zu verdanken. Dieses Kabinett besteht aus Universitätsangehörigen, es gibt keinen einzigen CEO, alle sind studierte Fachleute mit Erfahrung, und das ist viel wert, weil es keine Interessenkonflikte geben wird. Wer kann schon gleichzeitig Coca-Cola beraten und dem Landwirtschaftsministerium angehören? Man kann auf Dauer nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, so wie es der frühere Energieminister Aranguren getan hat.

– Findest du, dass schon einige positive Veränderungen eingetreten sind?

– Die Wirtschaftskrise von 2001 hat uns eiskalt erwischt. Die Überlebensstrategie war, fettige Tortilla auf der Straße zu verkaufen. Dann kamen wir zusammen und lernten, wie man Marmelade herstellt, und dann, wie man Brot und Konserven macht. Das war unser Lernprozess, und dort entstand die soziale Ökonomie, die wir in den letzten 20 Jahren entwickelt haben. Das ist neu, im Jahr 2001 hatten wir das noch nicht. Die soziale Ökonomie ist ein neuer Akteur, der aus dieser Krise hervorgegangen ist.

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