Ärztenetzwerk warnt vor Zunahme von Gesundheitsschäden durch Pestizide

von Natasha Pitts

fumigacion. Foto: Flickr/limajulija(Fortaleza, 11. April 2012, adital).- Tag für Tag erleben die Menschen, die in den Dörfern und Gemeinden Argentiniens vom Einsatz von Herbiziden in der Landwirtschaft betroffen sind, wie ihre Gesundheit unter der starken Anwendung von Pflanzengiften leidet – vor allem beim gentechnisch veränderten Sojaanbau.

 

 

Um sich in dieser Situation zu wehren, haben sich im Gesundheitswesen Beschäftigte, die in den betroffenen Gebieten leben, zusammengefunden und das Universitäre Netzwerk für Umwelt und Gesundheit – Ärzt*innen gegen den Pestizideinsatz (Red Universitaria de Ambiente y Salud – Médicos de Pueblos Fumigados) gegründet. Die medizinischen Expert*innen sammeln und untersuchen Daten über den Einfluss, den die gegenwärtige Form der agroindustriellen Produktion auf das Leben der Menschen hat, und begleiten den Kampf gegen den Herbizideinsatz. Darüber hinaus verbreiten sie Informationen über die Giftigkeit von Herbiziden wie Glyphosat und Endosulfan, die Regierungen und Unternehmen wie Monsanto zurückhalten.

Beschwerden jahrelang ignoriert

In einem Bericht weist das Ärztenetzwerk darauf hin, dass die betroffene Bevölkerung seit mehr als zehn Jahren den wahllosen Gebrauch von Pflanzengiften beklagt, die schwere gesundheitliche Probleme verursachen. Die Betroffenen fordern, den Einsatz von Pflanzengiften in besiedelten Gebieten einzuschränken, die Besprühung aus der Luft sofort zu verbieten und die Art und Weise der landwirtschaftlichen Produktion in Argentinien neu zu diskutieren. Ungeachtet dessen reagieren die Regierungen nicht auf die Forderungen, sondern schaffen statt dessen immer weitere Anreize für den Einsatz von Herbiziden in der Landwirtschaft.

Es ist ein Fakt, dass die Gewinne hoch sind; daher verbreiten sich die mit Giften behandelten Monokulturen immer weiter über die landwirtschaftliche Nutzfläche und dringen auch immer weiter ein in die Anbauflächen der Indígenas und der Bauern und Bäuerinnen. Seit 1990 steigt die Anwendung von Pflanzengiften an. Wurden 1990 ca. 30 Millionen Liter verwendet, so sind es heute mehr als 340 Millionen Liter. In ihrem Bericht erklärt das Ärztenetzwerk dass dort, wo früher zwei oder drei Liter Glyphosat pro Hektar verwendet wurden, heute zwischen acht und zwölf Liter zur Anwendung kommen.

Mehr Krankheiten durch Anwendung von Pflanzengiften

Dieser unkontrollierte Gebrauch von Pflanzengiften zum Abtöten von Insekten und Unkraut hat zu ernsten Gesundheitsproblemen geführt. Die bei der Bevölkerung auftretenden Krankheiten haben sich verändert. Am Häufigsten treten gegenwärtig Atemwegserkrankungen auf, die mit der Anwendung von Pflanzengiften in Verbindung gebracht werden können. Auch chronische Hautkrankheiten sind weit verbreitet. Epileptiker*innen haben häufigere Anfälle in Zeiten der Anwendung von Pflanzengiften, und vermehrt wurden auch Fälle von Depression und Störungen des Immunsystems nachgewiesen.

Noch schlimmere Folgen wie Fehlgeburten, angeborene Missbildungen, neurologische Schäden bis hin zu Krebs treten nicht mehr nur vereinzelt auf. Die Fehlgeburtenrate hat 19 Prozent erreicht, und die Fälle von Unfruchtbarkeit bei Männern und Frauen hat zugenommen. Weiterhin ist ein Anstieg von Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen zu verzeichnen.

In den mit Pflanzengiften besprühten Gebieten werden häufiger Fälle des Down-Syndroms, Mielomeningozele (eine schwere angeborene Fehlbildung des Nervensystems, das sich in den ersten zwei Monaten der Schwangerschaft entwickelt) sowie angeborene Herzerkrankungen diagnostiziert.

Es überrascht nicht, dass in den Bevölkerungsgruppen, die von der Besprühung betroffen sind, auch mehr Menschen sterben. Aus den Daten, die die Ärzt*innen gesammelt haben, ist ersichtlich, dass 30 Prozent der verstorbenen Personen an einer bestimmten Krebsart sterben, während im übrigen Land die Rate unter 20 Prozent liegt. Dieses Phänomen wurde bereits im Jahre 2000 festgestellt und lässt sich mit der Ausweitung des Gebrauchs von Glyphosat und anderen Pflanzengiften in der Region in Verbindung bringen.

Verbot der Besprühungen aus der Luft gefordert

Auf Grund der Summe von Problemen fordern die Mitglieder des universitären Netzwerks ein Verbot der Besprühungen aus der Luft, wie es bereits in Europa existiert. Zudem verlangen sie die Beschränkung der Gebiete, in denen die Gifte auf den Feldern eingesetzt werden, eine neue Klassifizierung der Herbizide unter Berücksichtigung ihrer unmittelbaren Auswirkungen; weiterhin die Anwendung des Vorsorgeprinzips wie es im Umweltgesetz verankert ist, sowie die Schaffung einer Instanz, die für die Genehmigung bzw. das Verbot jedes einzelnen Herbizids verantwortlich ist.

Das Ärztenetzwerk bittet die Betroffenen auch um Hilfe bei der Erhebung von Daten über die Auswirkungen der Herbizide auf die Gesundheit. In Gemeinden und Stadtteilen können die Betroffenen Zeugnis ablegen über die Verletzung ihrer Rechten durch die Agrarunternehmen. Auf Karten wird verzeichnet, wo sich die Häuser von Betroffenen befinden, die an Krebs, Missbildungen, Lupus, Diabetes und Schilddrüsenunterfunktion erkrankt sind. Schließlich soll das Netzwerk auf die Ärzt*innen der betroffenen Gemeinden ausgeweitet und die Verbreitung von Informationen in den Medien unterstützt werden.

CC BY-SA 4.0 Ärztenetzwerk warnt vor Zunahme von Gesundheitsschäden durch Pestizide von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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